das reinste Irrenhaus

Sobald wir erst einmal im Haus sind, kommt Marco nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Zum Glück vergisst er schon bald, was er über mich erfahren hat und fragt mich bei all möglichen Dingen wie viel dies und das wohl gekostet hat. Natürlich habe ich keine Ahnung.

Nur Nolans Verhalten bereitet mir Sorgen.

Er bemerkt gar nicht, wie ich ihn mustere, denn er ist zu sehr in Gedanken versunken. Normalerweise hätte er mich schon längst gefragt was das soll.

Nolan hat mich bis in mein Zimmer hochgetragen und mich dann auf das Sofa gesetzt.

Seitdem ist er so komisch, und Marco läuft im ganzen Zimmer hin und her.

Als sich an diesem Zustand nichts ändert, beschließe ich etwas zu unternehmen.

„Nolan?“

„Mhm?“

„Können wir es ihm nicht sagen?“
Ich merke wie Marco aufmerksam wird. Er tut aber so als würde er sich weiter Sachen ansehen.

„Was denn bitte?“

„Du weißt genau was ich meine.“

„Nein ich habe keine Ahnung wovon du sprichst.“

Er sieht mich wütend an und ich merke, dass er eindeutig etwas gegen Marco hat.

Warum will er nicht, dass wir Marco einweihen?

Warte, wäre er dann vielleicht in Gefahr?

Würden die Engel ihn dann töten?

Das werde ich niemals zulassen!

Aber wie soll ich das denn verhindern?

Zuerst muss ich lernen diese Fähigkeiten zu kontrollieren.

Aber wie?

Als Marco zu mir kommt und sich vor mir aufstellt, werde ich aus meinen Gedanken gerissen.

Marco sieht mich fragend an und wartet darauf, dass ich ihm erkläre was hier eigentlich läuft. Aber ein einziger Blick von Nolan zeigt mir, dass ich das nicht darf.

Unerwartet frage ich die Beiden:

„Könnt ihr mich alleine lassen? Ich will mich ein wenig hinlegen.“

In Wahrheit will ich mich gar nicht hinlegen, aber es klappt und sie gehen.

Kaum haben sie die Tür hinter sich geschlossen, fangen sie schon wieder an sich zu streiten.

Was für Kinder!

Jetzt, wo ich endlich alleine bin, kann ich mal richtig nachdenken.

Was ist heute passiert?

Mit einem Mal wird mir bewusst, was ich da heute gesehen habe. Oh mein Gott Helia ist tot!

Was für eine Scheiße!

Warum musste sie sich auch einmischen!?

Okay, ich bin ihr dankbar, aber das hat sie echt nicht verdient!

Warum musste sie sterben?

Warum nicht ich?

Okay ich weiß das hört sich an wie aus diesen kitschigen Liebesfilmen, aber ich meine das ernst.

Warum hat sie sich eingemischt?

Und wer ist dieser Blonde Engel?

Ist sie auch eine meiner Geschwister?

Wenn ja wo ist sie jetzt?

Warum hat auch sie sich eingemischt und was hat es mit dem Raben auf sich?

Was sollte dieser plötzliche Rückzug von dem grauen Engel?

Warum hatte sie so eine Angst?

Oh man, Fragen über Fragen, was ist nur los?

Mein Kopf platzt schon fast und ich bekomme Kopfschmerzen.

Warum in aller Welt ist das nur so schwer zu verstehen?!

Warum können sie nicht einfach so etwas sagen wie:

„Wir sind alle hinter dir her und irgendwann bist du tot. Und dass alles nur, weil du im Irrenhaus warst und dein Vater uns darauf angesetzt hat!“

Oder noch besser, sie wollen mich umbringen, weil mein Vater mein Vater ist!

Vor allem weil ich ihn nicht einmal leiden kann.

Als ich mich so in meine Gedanken hineinsteigere merke ich gar nicht, wie jemand mein Zimmer betritt.

Erst als mir jemand seine Hand auf die Schulter legt drehe ich mich erschrocken um.

Erst denke ich es ist Nolan oder Marco, aber dann weiche ich erschrocken zurück.

Vor mir steht Helia.

Sie ist es wirklich, aber eigentlich müsste sie doch mausetot sein, oder?

Ich will etwas sagen, bekomme aber kein Wort raus.

Helia sieht mich an und sagt lächelnd:

„Du dachtest ich bin tot, oder?“

Ich nicke wie betäubt und frage gepresst:

„Wie konntest du das überleben?“

„Das ist ganz einfach zu erklären. Kurz bevor mich das Schwert durchbohrt hat, habe ich mich so zu sagen in Luft aufgelöst. Und bevor ich hier aufgetaucht bin habe ich mich geheilt.“

„Das geht?“

„Ja, aber was war denn mit dir los? Warum hast du dich nicht gewährt?“

„Das liegt daran, dass ich nicht weiß wie!“

„WAS?! Aber du musst dich doch verwandeln können!“

„Nein, wie soll ich das denn bitte machen?!“

„Indem du es dir vorstellst. Ganz einfach.“

„Wie einfach vorstellen?“

„Bei uns Engeln ist es so, dass wir fast alles nur durch unsere Gedanken machen können, man braucht nur ein bisschen Übung. Das hätte Vater dir eigentlich sagen sollen, bevor er dich hergebracht hat. Normalerweise ist er da sehr bedacht.“

„Übung sagst du...“

„Ja man braucht nichts als Übung.“

„Kannst du es mir zeigen?“

„Du meinst mit dir üben?“

„Nein, mir beibringen zu kämpfen! Das war jetzt schon das zweite Mal, dass ich angegriffen wurde.“

„Ich würde dir gerne helfen, aber das wäre gegen die Regeln. Vater meint, es wäre das Beste für uns, wenn jeder von uns seine Fähigkeiten eigenständig entwickelt.“

„Welche Regeln? Kannst du mir bitte das alles erklären? Ich versteh nur noch Bahnhof.“

„Vater gab uns Regeln. Schließlich wäre es für uns gefährlich, wenn alle von uns erfahren würden. Zum einen dürfen wir uns Normalen nicht in unserer Engelsgestalt zeigen geschweige denn anderen davon erzählen. Darum werden wir auch zuhause unterrichtet. Das Kämpfen hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Vater war zunächst dagegen, aber irgendwann hat er seine Meinung geändert. Jetzt ist er der Ansicht, es wäre gut für uns, um unsere Kräfte unter Kontrolle zu bekommen. Das hat auch erst angefangen, als wir mehr als 4 wurden. Auf einmal reagierten unsere Kräfte auf die Anwesenheit der anderen. Wie, als du hier angekommen bist. Genau verstehe ich das Ganze aber auch nicht. Ich versuche mich so gut es geht aus den Kämpfen heraus zu halten. Okay, weißt du was, ich werde dir unter ein paar Bedingungen helfen. Zumindest soweit es erlaubt ist.“

„Und die wären?“

„Erstens: Du darfst niemanden sagen, dass ich noch lebe. Solange die anderen es nicht wissen, dürfte ich erst einmal etwas Ruhe haben,

Zweitens: Du darfst mich nicht angreifen.

Drittens: Du musst alles machen was ich dir sage.

Und als letztes, du darfst niemals jemanden sagen was du bist!“

„Ich denke das werde ich hinbekommen, aber können die anderen dich nicht spüren?“

„Nein, ich bin schon ziemlich gut darin, mich zu verstecken.“

„Gut, also fangen wir gleich an?“

„Nein, erst muss dein Knöchel heilen.“

„Aber kannst du ihn denn nicht heilen?“

Sie schüttelt traurig den Kopf:

„Man kann sich nur selber heilen. Alles andere birgt ein zu großes Risiko.“

„Aber warum müssen wir warten? Ich meine ich habe sogar schon einen Gegenstand schweben lassen. Meinetwegen fangen wir sofort an.“

Sie sieht mich erstaunt an und fragt:

„Du kannst dich nicht verwandeln aber deine Kraft benutzen?“

„Ja aber kurz danach bin ich ohnmächtig geworden, weil ich nicht aufhören konnte.“

Helia runzelt verwundert die Stirn und sieht mich einfach nur an.

Plötzlich fällt mir wieder etwas ein. „Was sind eigentlich Urengel?“

„Warum willst du das wissen?“

„Nur so, ich meine ich sollte doch am besten über alles Bescheid wissen oder?“

„Da hast du wohl recht. Also die Urengel oder besser gesagt der Urengel ist vor ein paar Jahren in unserer Welt aufgetaucht. Vater hat ihn gefunden und aufgezogen, aber er wollte uns nicht sagen wer es ist. Nur wegen ihm haben wir unsere Kräfte überhaupt bekommen.

Das ist auch einer der Gründe warum einige von uns kämpfen und andere angreifen. Sie sind fest davon überzeug, dass einer von uns dieser Urengel sein muss und sind fest entschlossen ihn zu finden.“

„Aber das ist doch kein Grund sich gegenseitig zu töten!“

„Für sie schon, sie sind wie besessen von dem Gedanken und Vater weigert sich trotz allem, es ihnen zu sagen. Aber keine Sorgen nicht alle sind so.“

„Es gibt die Engel, die so sind wie der graue Engel, mit dem du es zu tun hattest. Sie halten sich nicht sonderlich an Regeln und sind nicht auf Wissen, sondern auf Macht aus.“

„Darum wollte sie mich also töten? Aber was hätte sie denn davon?“

„Du musst wissen, wenn einer von uns durch die Hand eines anderen Engels stirbt, dann übertragen sich seine Kräfte.

Es gibt nur wenige unter uns, die darauf aus sind. Aber eins verstehe ich noch nicht, woher wusste sie, dass du ein Engel bist?“

„Ich glaube es lag an dem Klingeln.“

„Du hast ein Klingeln gehört?“

„Ja, also ich in meiner Klasse war, da habe ich eine Glocke klingeln hören und wurde davon fast schon magisch angezogen. Als es aufhörte stand ich auf dem Dach und dann ist auch schon der Engel aufgetaucht und wollte mich töten.“

„Das wird ja immer komplizierter!

Erst kannst du dich nicht verwandeln, hörst aber die Glocke die eigentlich, nur bereits verwandelte Engel hören können und dann kannst du auch noch deine Kraft benutzen ohne dich zu verwandeln.

Ich weiß echt nicht was ich davon halten soll.“

„Erst einmal gar nichts, bring mir einfach das kämpfen bei!“

„Wenn dein Knöchel verheilt ist, Schwesterherz.“

Komischerweise macht es mir nichts aus wenn sie mich so nennt.

Eigentlich ist es mir sogar recht.

Wie sind ja so etwas wie Schwestern und sie hat mir immerhin das Leben gerettet.

Sie zeigt noch einmal auf meinen Knöchel und flüstert:

„Ich komme wieder wenn du so weit bist.“
Sie zwinkert mir noch einmal zu und ist dann verschwunden.

Sie ist also doch nicht tot. Was für ein Glück, aber das coolste ist ja immer noch, dass sie sich bereit erklärt hat mich zu unterrichten. Vielleicht würde ich ja doch noch ein wenig länger leben.

Allerdings wäre es vielleicht gut gewesen Helia nach dem anderen, dem blonden Engel zu fragen.

Außerdem bereitet mir Sorgen, was der graue Engel zu mir gesagt hat,

dass ich wie der Urengel heiße.

Aber darüber denke ich gar nicht erst nach.

Ich lege mich das erste Mal glücklich und auch beruhigt in mein Bett und schlafe ein.

Ich stehe erst am nächsten Morgen auf. Und das auch nur, weil Nala mich wachrüttelt.

Sie sieht mich besorg an, aber ich beruhige sie.

Als ich auf die Uhr sehe, stelle ich erleichtert fest, dass ich noch etwa eine Stunde habe, bis die Schule anfängt.

Also mache ich mich schön in Ruhe fertig.

Am Ende bin ich wieder fast zu spät, doch es hat sich gelohnt, denn meine Haare sind seidig weich und liegen perfekt. Das ist auch schon Ewigkeiten her.

In der Schule angekommen trägt Nolan mir meine Tasche ins Klassenzimmer.

Zu meiner Überraschung ist Marco wohl gestern noch nach Hause gefahren. Wie ist mir allerdings ein Rätsel. Unser Haus liegt mitten im Nirgendwo.

Zum Glück lässt mich Kevin heute mal in Ruhe, aber als ich mich zu ihm umdrehe, weicht er meinem Blick aus und ich sehe, dass sein linke Gesichtshälfte blau und geschwollen ist.

Ob das Nolan gewesen ist?

Oder vielleicht sogar Marco, aber wäre das nicht ein wenig übertrieben nur, weil er mir meine Tasche weggenommen hat?

Ich meine, ich habe sie ja jetzt zurück. Und gestorben ist ja auch niemand.

In der Pause nehme ich mir vor, zur Schulkrankenschwester zu gehen und sie zu fragen, wie lange mein Knöchel zum heilen brauchen wird, als mir eine Gruppe von Mädchen den Weg versperrt.

Als ich schon weggehen will sehe ich ein vertrautes Gesicht.

Natascha.

Erst jetzt fällt mir auf, dass keines der Mädchen eine Uniform trägt.

Soweit ich es erkennen kann zumindest nicht.

Aber bevor ich sie mir genauer anschauen kann, erregt Natascha meine Aufmerksamkeit.

„Hey Magrit, weißt du, ich wollte dich fragen, ob du nicht vielleicht bei uns mitmachen möchtest. Ich würde mich riesig freuen. Und die anderen auch.

Ich bin mir sicher, dass du nicht einmal ärger mit dem Rektor und der Schulleitung bekommen würdest, ich würde alle Schuld auf mich nehmen.“

„Worum geht es hier denn genau?“

Mein Interesse schien sie zu ermutigen, denn sie legte sich gleich ins Zeug mich zu überzeugen:

„Wir wollen das du uns hilfst gegen die Schuluniformenpflicht anzukämpfen. Wir planen einen Streik um diese Unterdrückung zu bekämpfen und es käme uns wirklich gelegen, wenn du uns helfen könntest.

Du brauchst auch nichts Großartiges zu tun, außer in normalen Sachen zur Schule zu kommen und dich zu weigern eine Schuluniform zu tragen. Ich wäre dir wirklich zu Dank verpflichtet. Außerdem würde sich dann die Mehrzahl der Unterschüler uns anschließen. Also BITTE!“

„Moment mal, warum sollten sich dann die Unterschüler euch anschließen?“

Natascha runzelt enttäuscht die Stirn und fragt:

„Weißt du es denn nicht? Du hast einen richtigen Fanklub. Die Mädchen in der Unterstufe wollen alle so sein wie du. Was wohl daran liegt, dass dich der heiße Marco auf Händen trägt.“

Sie fängt an wie ein verliebtes Kind zu kichern und das bringt mich fast auf die Palme. Aber die Vorstellung, dass ich einen Fanklub habe, lässt mich irgendwie stolz werden. Allerdings laufe ich auch wieder rot an.

Marco, wie er mich auf Händen trägt.

Na ja, was spricht schon dagegen Natascha zu helfen. Außerdem bin ich ja wirklich gegen die Schuluniformen und so würde ich dann auch meine Meinung vertreten.

„Also gut ich mache mit.“

Die Mädchen hinter Natascha flippen fast aus vor Freude und Natascha umarmt mich kurz. Dann klingelt es leider auch schon zur nächsten Stunde.

In der nächsten Pause gehe ich aber wirklich zur Schulkrankenschwester. Sie sagt mir, dass mein Knöchel nicht allzu schlecht aussehe, ich ihn aber noch ein paar Wochen schonen solle.

Noch zwei Stunden und dann endlich Wochenende.

Das denke ich zumindest, bis Nolan auf mich zukommt und mir eine Kochschürze in die Hand drückt und sagt:

„Du hast jetzt kochen.“

Sprachlos starre ich die Schürze an.

Als ich in die Küche gehe, komme ich mir als erstes ziemlich dumm vor, denn in meiner Klasse sind nur Mädchen und sie sind alle jünger als ich. Anscheinend ist die Mehrzahl von ihnen in meinem Fanklub, denn sie flippen fast aus, als sie mich sehen. Einige starren sogar erwartungsvoll hinter mich, als würde Marco gleich auftauchen,

Drei Mädchen fallen besonders auf, denn sie reagieren am Extremsten.

Ein blond- braunhaariges Mädchen bekommt fast keine Luft mehr, ein anderes Mädchen sieht mich wie eine Göttin oder sonst etwas in der Art an und ein braunhaariges Mädchen stellt sich genau vor mich und sagt:

„Moin Chef.“

Ich bin einfach nur baff. Die Welt scheint verrückt geworden zu sein, als ich im Irrenhaus gewesen bin. Bis die Lehrerin hinter mir reinkommt stehe ich einfach nur da und sehe die Mädchen fassungslos an.

Die Mädchen machen genau das gleiche und als ich mich hinter meinen Tisch stelle, machen es mir alle nach.

Oh mein Gott, wo bin ich hier nur gelandet.

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