Die Krone von Neverwinter

                                                  ***Alice***

Ein stechender Schmerz ließ Alice beim Versuch sich aufzusetzen wieder zusammen sinken. Stöhnend versuchte sie es abermals, und schaffte es mit viel Mühe sich in eine sitzende Position zu stemmen. Verwirrt blinzelte sie die Sterne weg, die ihr noch vor Augen tanzten und griff sich in den steifen Nacken, an dem ihre Haare verklebt festhingen.

Verständnislos betrachtete sie ihre Hand, die rot beschmiert und feucht war und bemühte sich wieder klar zu sehen, um ihre Umgebung zu erfassen. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie die umher springenden Schemen, die sich im drehenden Raum bewegten.

„Keeda!“, rief sie aus, als ihr die Lage wieder bewusst wurde und bereute ihren Ruf augenblicklich. Erneut fuhr ihr ein quälender Schmerz durch die Schläfen und ließ sie schmerzerfüllt aufheulen. Sie konnte nichts tun, außer Keeda dabei zu beobachten wie sie flink, fast schon geisterhaft den Angriffen des Kolosses auswich und bei jeder Gelegenheit einen Pfeil abschoss, die jedoch aus der Nähe nur geringen Schaden verursachten. Harbek dagegen stand mit dem erhobenen, göttlichen Siegel ein wenig Abseits. Die Zauber, Blitze und Lichtkugeln verließen wie Glieder einer Perlenkette die Spitze des Stabes und verbrannten die Haut des Giganten, der den Schmerz jedoch nicht zu spüren schien.

Erst als ein Blitz ihn im Rücken traf und aus dem Gleichgewicht brachte schrie er erbost auf und wandte sich dem Zwerg zu. Keeda nutze die Chance, um einen gezielten Pfeil zwischen seine Rippen zu schießen. Alice konnte verschwommen erkennen, wie die Drow auf sie zeigte und Harbek etwas zuschrie, woraufhin sich Karzov wieder ihr zuwandte und mit dem Schwert nach ihr schlug. Keeda sprang gerade rechtzeitig aus der Reichweite des Riesen, schrie aber dennoch überrascht auf.

Plötzlich verdeckte etwas Alice Sicht auf die Geschehnisse und sie erkannte, dass Harbek ihr Gesicht in der Hand hielt und sein Siegel fest gegen ihre Brust drückte.

Sie keuchte überrascht auf, als jeder ihrer Nerven zu pulsieren und kribbeln schien und die Welt sich langsam aufhörte zu drehen. Vorsichtig neigte sie den Kopf, doch kein stechender Schmerz ließ sie aufstöhnen.

Dankbar drückte sie Harbeks Hand, der nun erschöpft an die Wand gelehnt kauerte und sie matt anlächelte. Alice erwiderte das Lächeln grimmig und sprang schwungvoll mit gezogenen Klingen auf.


Keeda wich dankbar zurück, als Alice wie ein Wirbelsturm aus roten Haaren und silbernen Klingen an ihr vorbei stürmte und sich auf den überraschten Karzov stürzte. Erstaunt schrie der Nasheranführer auf, als sich weitere Pfeile in seine Haut gruben und sich Alice wutschnaubend für ihre Kopfwunde revanchierte.

Erst als er mit einem lauten Aufprall auf den Boden schlug und mit blicklosen Augen auf den staubigen Boden starrte, ließ sie von ihm ab und lächelte Keeda triumphierend an.

Atemlos stütze sich die Duneklelfin auf ihren Beinen ab und lächelte matt zurück.

Harbek hatte sich schwankend aufgerichtet und klopfte ihr beim Vorbeigehen wohlwollend auf die Schulter, während er müde auf das Podest zu stiefelte. Er musste sich strecken, um die Krone von dem samtüberzogenen Polster zu nehmen.

„So spaßig das Ganze auch war, lasst uns jetzt verschwinden!“ Er warf die Krone durch die Luft und Alice fing sie geschickt auf, um sie in einen Leinensack zu verstauen.


„Eines noch, bevor wir das Stück Altmetall wieder seinem Besitzer zurück geben“, grinste Harbek und nahm die Krone aus dem Leinensack. Die Reise zurück in die Protectors Enclave hatte länger gedauert als erwartet und Alice war überglücklich gewesen, als sie endlich den im Sonnenlicht glitzernden Palast entdeckt hatten. Zwar hatte Harbek bei jeder der zahlreichen Stufen geflucht, doch jetzt, da sie vor dem Eingang des Thronsaals standen, breitete sich ein erleichtertes Lächeln auf dem Gesicht des Zwergen aus. Keeda dagegen war die ganze Reise über und auch während ihrem Aufenthalt in der Enclave beunruhigend still gewesen und hatte noch düsterer als üblich in die Leere gestarrt. Sie konnte der Drow nicht oft ein Lächeln abringen, meist nur in Notsituationen, denn den Rest der Zeit, schlug sie alle Fremden mit ihren leuchtend roten Augen, silbernen Haaren und der schwarzen Haut in die Flucht. Auch jetzt starrte sie in die Leere, doch bei Harbeks Worten zuckte sie erschrocken zusammen und schrie entsetzt auf.

Der Zwerg wollte sich gerade die Krone auf den Kopf setzten, als sie sie ihm schockiert aus der Hand schlug.

„Bist du vollkommen wahnsinnig?“ bellte Keeda ihn entgeistert an und drückte die Krone besitzergreifend gegen ihre Brust.

„Ich? Wer hat den gerade wie eine Irre herumgeschrien?“, entgegnete Harbek verwirrt, „Außerdem dachte ich mir, wir wäre uns einig, dass Alice diejenige von uns ist, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat … Nichts für Ungut meine Liebe.“ Er verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust und warf Alice einen entschuldigten Blick zu.

„Jeder weiß doch von dem Fluch der auf dieser Krone liegt“, beharrte Keeda und schaute besorgt auf das Metall an ihrer Brust, „Man sagt, jeder der …“

Alice lachte belustigt auf und brachte Keeda damit beleidigt zum Verstummen. Sie hätte nie vermutet, dass ausgerechnet die Dunkelelfin an Märchen glaubte.

Man sagt?“, hakte sie daher amüsiert nach, „Man sagt auch, ich habe allein eine Hundertschaft an Feinden besiegt und noch einmal Tausende nur durch mein Erscheinen in die Flucht geschlagen. Das alles sind lediglich Geschichten für Kinder und leichtgläubige Narren.“ Sie entriss Keeda die Krone und betrachtete sie im hellen Sonnenlicht.

Sie bestand aus Gold mit silbernen Applikationen und kleinen, eingelassenen Saphiren. Entschlossen nahm sie sie in beide Hände und wollte sie demonstrativ aufsetzen, zögerte jedoch bei Keedas schreckgeweiteten Augen.

„Aber … Ich möchte dir deinen Glauben nicht nehmen“, lenkte sie unsicher ein und drückte der Drow die Krone wieder in die Hand.

„Genug von den albernen Geschichte, lasst uns das Höllending loswerden und eine glorreiche Belohnung entgegen nehmen. Immerhin haben wir gerade die Moral des Volkes gerettet, oder so ähnlich“, beendete Harbek die Diskussion und betrat als Erster selbstbewusst die Halle der Gerechtigkeit.

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