Die Suche nach Verrat

„Nein!“ Harbek sah sie mit weit aufgerissenen Augen schockiert an.
„Du machst Witze, oder?“ pflichtete Alice dem Zwergen zu und rang fassungslos nach Atem.

Keeda lachte laut auf, eine seltene Reaktion der Drow, und brach als sie ihre Freunde wieder ansah, erneut in Gelächter aus. Es amüsierte sie, ihren Freunden den Atem zu rauben, besonders Harbek. Andere Gesichtsausdrücke als Wut, Gier oder verbissenes Lachen waren bei ihm Mangelware. Umso mehr freuten sie seine große Augen, die sonst nur selten unter den buschigen Augenbrauen hervorlugten.

„Selbstverständlich ist es mein Ernst“, brachte sie unter Lachen hervor und brachte ihre Freunde damit zu erneutem Aufkeuchen, „Ich weiß nicht, weshalb ihr euch derart geniert, als ob wir nicht schon weit aus Schlimmeres getan hätten. Du Alice, hast sicher keine unbefleckte Vergangenheit und du Harbek“, sie verstummte kurz, „Nun gut, du bist ein Priester. Deine Geschichte kann nicht allzu blutig sein, aber stell dich dennoch nicht so kleinlich an.“

„Ich bin ein Glaubenskleriker! Wie oft muss ich euch das nicht sagen?“, schnitt ihr Harbek wütend das Wort ab, „Und du sprichst hier von keiner Kleinigkeit, sondern von der Bestechung eines Höflings, wenn nicht sogar von Schlimmerem. Wenn Neverember davon erfährt, kostet es uns alle den Kragen.“ Seine Worte waren zuletzt nur noch ein boshaftes Zischen und er trat drohend einen Schritt auf die Drow zu, die jedoch bei seinen zornigen Worten mit keiner Wimper zuckte.

Alice trat schlichtend zwischen sie und legte dem Zwergen beruhigend eine Hand auf die Schulter, bevor die Keeda einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.

„Ich bin Harbeks Meinung. Das ist zu riskant, deine Unvorsichtigkeit gefährdet unsere Mission.“

„Soweit ich weiß hat keiner von uns deine Leichtsinnigkeit kritisiert, als du das Buch des Bösen angeschleppt hast“, zischte Keeda wütend zurück, „Wir sind die verfluchten Helden dieser Stadt. Niemand würde uns verurteilen, wegen einer solch Belanglosigkeit.“

„Es ist gesetzeswidrig, keine Belanglosigkeit, verstehst du das denn nicht?“ fragte Harbek fassungslos und fasste sie bei den Armen.

Zornig schüttelte Keeda den Zwergen ab und sah von ihm zu Alice, die sie traurig musterte. „Ich werde es auch ohne eure Hilfe tun, nur werde ich dann zu härteren Mitteln gezwungen sein“, erwiderte sie tonlos und trat mit hochgezogenen Brauen einen Schritt zurück.

Alice wechselte einen hilflosen Blick mit Harbek bevor sie vortrat und Keeda tief und prüfend in die Augen blickte. „Bitte sag mir, dass du wenigstens diese Worte nicht ernst meinst. Wir sind eine Gruppe, fast schon eine Familie, bitte wirf das nicht weg.“

„Ihr werft es weg. Ich dachte wir würden einander unterstützen, worum es auch geht. Doch ich habe mich geirrt. Lebt wohl.“

Sie brach den Blickkontakt zu Alice ab und sah ein letztes Mal zu Harbek, der ihr ohnmächtig nachschaute, während sie sich von ihnen abwandte und in das Innere des Palastes verschwand.


***Keeda***


Die Sonne stand bereits tief am Himmel, als Keeda durch das innerste Tor des Palastes schlüpfte. Sie hatte auf die Dämmerung gewartet, auf die Zeit in der ihre dunkle Haut mit den schwärzer werdenden Schatten verschmolz und sie unbemerkt durch die schattigen Flure huschen konnte, in denen noch niemand die Zeit gefunden hatte, Laternen zu entzünden.

Von Ecke zu Ecke schlich sie durch die Gänge und verharrte sobald sie Stimmen hörte. Erst als sie sicher war, alles gehört zu haben und sicher weiter ziehen konnte, verließ sie ihr Versteck. Leider erfuhr sie nichts nennenswertes, einiges über geheime Liebschaften zwischen den Wachen und Getuschel zwischen einer Gruppe von Mägden, die sich zu solch später Stunde noch hinaus schlichen, jedoch nichts bezüglich Neverember oder dem Krieg. Es war als wäre letzteres eine Art Tabuthema.

Wenn sich mein Land im Krieg befände, würde ich das Thema ebenfalls bemüht vermeiden? Sie lachte bitter auf als sie eine Erkenntnis traf. Mein Land befindet sich im Krieg. Nur auf der anderen Seite.

Ein schleifendes Geräusch ließ sie zusammenzucken und in den Schatten einer Säule verschwinden. Lautlos und mit angehaltenem Atem verharrte sie in der Dunkelheit und drückte ihren Rücken an den kalten Stein hinter sich. Langsam wanderte ihre Hand zu dem Beil, dass sie sich endlich vor ein paar Tagen zugelegt hatte und zog es leise aus ihrem Gürtel.

Sie konnte hören wie sich eine leichte Gestalt über den Flur näherte. Sie ging eng an der Wand, und verbarg ihr Gesicht unter einer breiten Krempe.

Heute wird keiner mehr meine Pläne durchkreuzen oder durcheinander bringen, entschied sie skrupelos und fasste den Griff ihres Beiles fester. Entschlossen trat sie in dem Moment, indem die Gestalt an ihrem Versteck vorbei huschte, aus den Schatten und riss sie am Kragen zu sich herum. Noch ehe sie reagieren konnte, fasste Keeda sie an der Kehle und schleuderte sie fest gegen die Wand. Der Atem des Fremden entwich mich einem Keuchen und sein Kopf schlug hart gegen den Stein.

Die Gestalt hob gerade die Hand, als Keeda sie unter der Kapuze bei den dichten Haaren packte und die Klinge an die Kehle drückte. Der Stoff glitt dabei zur Seite und gab den Blick auf feuerrotes Haar und ein engelsgleiches Gesicht frei. Ruckartig löste sich Keeda von der Gestalt und wich erschrocken zurück. „Alice! Was tust du hier?“

„Dir helfen, was denn sonst, Harbek wartet am Anfang des Flures. Du hattest, obwohl du vollkommen wahnsinnig bist, Recht. Wir wollten, komme was wolle, zusammen halten und wenn dazu ein Einbruch in den Palast gehört, ist es eben so.“ Alice rieb sich mit zusammengebissenen Zähnen ihren Hinterkopf und zog sich den Umhang zurecht. „Und damit eines klar ist: Du konntest mich nur durch einen Hinterhalt überwältigen, bei einem offenem Kampf wärst du vollkommen wehrlos!“

Keeda grinste Alice überrascht an, „Selbstverständlich, Alice Schattenklinge.“

„Aber“, fügte sie nach kurzem Zögern und mit einem schiefen Lächeln hinzu, „Erzähl dennoch nichts Harbek. Seine zynischen Provokationen, kann ich heute Nacht nicht ertragen.“

Keeda nickte lächelnd und folgte Alice, die sie wieder den Gang zurück führte. „Wir brauchen dennoch jemanden zum Verhören“, raunte sie ihr leise zu, doch Alice schüttelte bestimmt den Kopf.

„Keine Gewalt Keeda! Wir werden niemanden verletzten oder bedrohen. Du sagtest es selbst: Wir sind die verfluchten Helden dieser Stadt, nicht die Schurken.“

„Als ob ich das mit den Helden ernst gemeint hätte“, brummte Keeda missmutig, „Doch welch gewaltfreier Plan schwebt dir vor?“

Alice lächelte sie im Dunkeln verschwommen an, „Du vergisst das Harbek nicht so jung ist wie er aussieht. Er war schon vor Jahren hier und hat einige Kontakte, die, für den richtigen Preis, alles verraten, was wir wissen wollen und er bereits weiß.“

„Ein Verräter? Kann man ihm trauen?“

„Kann man das je?“, entgegnete Alice und zuckte unbekümmert mit den Achseln.

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