Die Wahrheit hinter der Maske

                                          ***Alice***

„Meine Helden, Ihr seid zurück“, stellte Lord Neverember überschwänglich fest und kam eilig hinter seinem Thron hervor. Knox stand auch dieses Mal unbewegt neben den Löwenstatuen und behielt die Situation aus seinem einen, verbliebenen Auge im Blick.

„Sagt, dass ihr erfolgreich wart und gute Neuigkeiten habt. Ihr wärt damit die ersten an diesem Tag.“

„Sofern der Tod eines Menschen jemals erfreulich ist“, entgegnete Keeda giftig und trat einen Schritt auf Neverembers Podest zu. Knox stellte sich ihr mit einem Satz in den Weg und bedachte sie mit einem warnenden Blick. Mit einem kalten Lächeln drückte sie ihm den Leinensack in die Hand, in den er einen kurzen Blick warf und ihn dann an Neverember weiterreichte.

„Im Krieg müssen Opfer gebracht werden“, murmelte der Lord, wobei er das glänzende Metall der Krone gierig bewunderte und den Sack achtlos in eine Ecke warf, „Was ist mir Karzov?“

„Verzeiht, wir hatten keine Zeit ihn einzupacken und auch keinen Sack der groß genug war“, schnaubte Alice belustigt und wunderte sich bereits im nächsten Moment über ihre eigene Unfreundlichkeit. Scheint das heitere Gemüt Keedas färbt bereits auf mich ab, stellte sie missbilligend fest.

Neverember nickte abwesend und fuhr liebevoll über die Saphire: „So lange er tot ist.“ Er deutete zur Tür und riss sich für eine Sekunde von der Krone los, um ihnen, bis auf Keeda ein wohlwollendes Lächeln zu schenken.

Harbek nutze den Moment um vorzutreten, Keeda unauffällig nach hinten zu zerren und selbst das Wort zu ergreifen. „Lord Neverember, es war uns, und vor allen Dingen mir, eine Ehre das Machtzeichen Neverwinters aus den Fängen der Nasher zu befreien und dem Volk damit eine neue Hoffnung zu schenken. Das eindringen in ihr Versteck und der Kampf gegen Karzov waren eine der größten Herausforderungen meines Lebens, beinah hätte sie Alice das Leben gekostet und auch Keeda und Ich haben nur knapp überlebt. Doch der Gedanke an Frieden, Hoffnung und eine angemessene Belohnung haben uns alle den Mut verliehen auch in den dunkelsten Stunden weiter zu kämpfen.“

Neverembers Augen verloren schlagartig ihre Wärme, auch wenn sein freundliches Lächeln unverändert blieb: „Knox wird euch eure angemessene Belohnung überreichen, keine Sorge Meister Zwerg, doch nun muss ich euch bitten zu gehen und euch auszuruhen. Ich bin sicher eure Kräfte werden schon bald wieder erforderlich sein.“

Harbek verbeugte sich zufrieden und wandte sich zum Gehen, doch ehe er Keeda davon abhalten konnte trat sie erneut vor und suchte spöttisch Neverembers Blick.

Lord Neverember“, rief sie laut aus, sodass es alle, selbst die an der Wand entlang postierten Wachen, hören konnte. In angespannter Erwartung richtete sich Neverember auf und ließ die Hand mit der Krone sinken, um Keeda seine volle, berechnende Aufmerksamkeit zu schenken.

Alice lief es beim Beobachten der Konfrontation kalt den Rücken hinunter und die Haare an ihre Armen stellten sich fiebrig auf. Die Spannung zwischen der Dunkelelfin und dem Beschützer der Protector Enclave war beinah greifbar und in der Luft zu spüren.

„Lord Neverember“, wiederholte Keeda dieses Mal leiser, denn nun war ihr die Aufmerksamkeit aller sicher, „Ich bin erst seit kurzem in eurer prachtvollen Stadt, dennoch, oder gerade deswegen sehe ich, wie verängstigt und verstört euer Volk ist. Der Krieg nagt schon zu lange an ihm und hat all seine Hoffnungen verzehrt.“

„Was wollt ihr damit andeuten?“, entgegnete Neverember kalt und Alice hätte schwören können, eine versteckte Drohung in seinen Worten zu hören.

„Andeuten?“, nahm sie seine Worte mit einem unschuldigen, doch kalten Lächeln auf, „Ich möchte nichts andeuten, lediglich anmerken, wie verzweifelt euer Volk ist. Es braucht eine neue Hoffnung, etwas das ihnen die Stärke Neverwinters demonstriert und ihnen beweist, dass sie diesen Krieg letzlich noch gewinnen können.

Was würde sich mehr anbieten, als das Wahrzeichen der Stärke und Macht Neverwinters? Nichts könnte ihnen mehr Glauben schenken, als die Krone, die ihr in euren Händen haltet. Wenn ihr, als Lord und Schutzherr dieser Stadt sie bei eurer nächsten Rede oder Versammlung tragen würdet, würdet ihr damit ein Funken und schließlich auch das Feuer der Hoffnung in den Herzen eurer Bürger neu entfachen!“

Neverembers Blick ruhte regungslos auf Keeda, die ihn noch immer unschuldig anlächelte. Ausschließlich Alice und Harbek konnten dahinter die Wahrheit erkennen. Eine nur nachlässig versteckte Provokation und geringschätzige Verachtung.

„Interessanter Gedanke“ antwortete Neverember schließlich und trat einen Schritt auf Keeda zu, die furchtlos stehen blieb und den kalten Blick erwiderte, „Doch leider“, er erhob die Stimme, um das unruhige Murmeln zu übertönen, welches sich in der Halle ausbreitete, „Ist die Krone nur dem König vorbehalten.“

Keedas Lächeln wurde breiter und Alice erkannte, dass sie die ganze Zeit auf diese Worte hingearbeitet hatte, auch wenn ihr das Verhalten und der Hass der Drow noch immer schleierhaft war.

„Reine Wortklauberei. Ihr seid der Herrscher dieser Stadt, beschützt sie in dieser schwierigen Notlage und sorgt für Wohlstand und Handel. Nur dank euch, hat Neverwinter so lange Valindras Armee getrotzt! Der Tod des Königs war nicht eure Schuld, so wie es nicht eure Schuld ist, nicht von adligem Blut zu sein.“

„Ihr solltet eure Belohnungen entgegen nehmen und gehen.“

„Bestreitet ihr etwa euer Recht zu herrschen? Ihr habt doch nichts Widriges getan, um diese prestigeträchtige und ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen.“

„Selbstverständlich nicht“, fauchte Neverember und seine mühevolle Fassade bekam Risse, durch die man seinen Zorn brodeln sah.

„Dann tragt die Krone, Lord!“ knurrte Keeda, auch sie ließ ihre Maske fallen und starrte Neverember hasserfüllt an.

„Verlasst meinen Thronsaal!“, brüllte Neverember und ließ seine Wachen auf einen Fingerwink mit erhobenen Waffen einen Schritt nach vorne treten.

Harbek zuckte erschrocken zusammen und blickte verständnislos zu Keeda und den Wachen bevor er abwehrend die Hände hob. Auch Alice keuchte überrascht auf und legte Keeda beruhigend eine Hand auf die Schulter.

Ihre Respektlosigkeit bringt uns noch alle in unser Grab, dachte sie schockiert und zog leicht an ihrem Arm.

Spöttisch verbeugte sich Keeda, „Wie ihr wünscht, Neverember.“

Sie richtete sich ohne eine Antwort abzuwarten auf und verließ stolz und aufrecht den Saal. Die Blicke, die ihr dabei folgten, ignorierte sie konsequent.

Alice und Harbek stolperten ihr überrascht nach und holten sie erst am Absatz der Treppe, die in die Innenstadt hinunter führte, ein.


„Was bei Himmel und Hölle sollte das denn?“, bellte Harbek zornig und riss Keeda am Arm zu sich herum. Wütend funkelte er sie an, doch die zeigte sich seinem Zorn gegenüber unbeindruckt. Mit einem Ruck befreite sie ihren Arm aus seinem Griff und verschränkte spöttisch die Arme vor der Brust.

„Wie kannst du dich dem mächtigsten Mann des Landes so unverschämt und aufbrausend verhalten? Willst du uns alle in den Tod treiben?

Keine Ahnung ob diese Stimmungsschwankungen für eine Drow normal sind, doch reiß dich verflucht noch mal zusammen und sag uns was da drinnen los war.“

Alice räusperte sich verlegen und strich sich das lange Haar aus dem Gesicht, „Wir sollten uns alle beruhigen“, versuchte sie die Wogen zu glätten, doch Harbek schnaubte wutentbrannt auf.

„Beruhigen? Erst wenn uns Keeda diese ganze Geschichte erklärt.“

„Es ist eine Geschichte für Kinder und leichtgläubige Narren. Ich bin nicht sicher, ob ihr die hören wollt“, fauchte Keeda und presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Harbek und Alice verstummten augenblicklich, und Verwirrung trat an Stelle von Wut in Harbeks Züge.

„Die Krone?“, fragte er verständnislos und runzelte die Stirn. Keeda nickte wiederwillig und starrte zornig ihre Fußspitzen an, um nicht Alice mitfühlendem, doch ebenfalls verwirrten Blick zu begegnen.

„In Ordnung“, stellte diese gedehnt fest, „Es tut uns Leid, dass wir dich vorhin verspottet haben, doch jetzt musst du es uns erzählen: Welcher Fluch liegt auf der Krone Neverwinters?“

Keeda wand sich unter Alice fordernden Blick und hob schließlich den Kopf. Der Zorn war aus ihren Augen gewichen und hatte erdrückende Müdigkeit und Kummer hinterlassen.

„Der Fluch …“, sie räusperte sich und begegnete müde dem Blick ihrer Freunde, „Der Fluch besagt, dass ausschließlich derjenige, der das Recht besitzt zu herrschen und sich der Krone würdig erweist, sie auch tragen darf. Jeder andere würde unter ihrer Last zerbrechen.“

Harbek erschauderte bei Keedas Worten und er musste daran denken, wie die Drow ihn davon abgehalten hatte, sich die Krone aufzusetzen. Er war Glaubenskleriker, der Glaube an die Götter und das Übernatürliche war tief in ihm verankert, aber nie zuvor hatte er Legenden oder Geschichten ernst genommen. Doch die Art wir Keeda von diesem Fluch sprach, der auf der Krone lastete, verursachte bei ihm eine Gänsehaut.

„Ach Keeda!“, hauchte Alice und nahm die Drow fest in den Arm, bevor diese sich dagegen wehren konnte. Sie hielt sie einen Moment fest an sich gedrückt, bevor sie sie an den Schultern fasste und von sich schob.

„Ich verstehe!“

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