Donnerrabe

                                                          ***Keeda***

Die Wärme des Lagerfeuers kribbelte auf Keedas Haut, während sie sich wie die anderen Schiffbrüchigen davor kauerte, um ihre Kleidung zu trocknen und die düsteren Gedanken zu vertreiben. Darunter auch der Zwerg und die rothaarige Menschenfrau, die sich leise mit dem Gefreiten Wilfred unterhielt.
Keeda dagegen hielt sich bemüht von den Fremden fern, ihr reichten die boshaften oder verwunderten Blicke in ihrem Rücken. Sie konnte jeden von ihnen spüren, als würden sie nicht mit ihren Augen, sondern mit blanken Klingen über ihre Haut streichen.
Wütend ballte sie die Fäuste, nur um sie gleich darauf wieder krampfhaft zu entspannen. Nervös blickte sie sich um, niemand schien ihren kurzen Wutausbruch bemerkt zu haben, gut.
Die Nerven der Menschen um sie herum, waren durch die Strapazen der letzten Stunden gereizt. Das geringste Anzeichen einer Provokation konnte sie zu unüberlegten Handlungen treiben.
Ihr Blick blieb abermals an dem bartlosen Zwerg hängen, der mit starren Blick in die Flammen starrte und dabei leise murmelte. Unentwegt strich er über den langen Eisenstab in seinen Händen, eine Waffe wie sie Keeda noch nie zuvor gesehen hatte. Sie war tatsächlich nicht mehr als ein Stab, an dessen Spitze ein faustgroßer Eisenring mit einem, in der Mitte angebrachten, Stein befestigt war.
"Man sollte Fremde nicht anstarren", unvermittelt wandte der Zwerg sich ihr zu und betrachtete sie mit einem abschätzigem Blick. Keeda erwiderte ihn für einen Sekundenbruchteil, bevor sie sich wieder mit hochgezogenen Schultern den Flammen widmete.
"Wenn das ein Versuch sein soll unbemerkt zu bleiben, dann lass es. Dich würde jeder auf eine Stunde Entfernung erkennen, Drow." Er spuckte das letzte Wort abfällig aus, fügte jedoch hinzu, "Setz dich zu mir, starren kannst du auch aus der Nähe und die Geschichte weshalb eine Dunkelelfin nach Neverwinter gekommen ist, würde ich gern hören!" Er klopfte neben sich auf den festgetretenen Boden.
Bedächtig stand Keeda auf und ließ sich vorsichtig neben ihm nieder, darauf bedacht ihn nicht versehentlich zu berühren oder ihm nur näher als eine Armlänge zu kommen.
"Ich habe nicht gestarrt!", erwiderte sie halb aus Trotz und richtete den Blick wieder auf die fremdartige Waffe, "Was ist das?"
Der Zwerg lachte auf und schloss seine Faust fester um den Eisenstab.
"Das könnte ich auch fragen", antwortete er und deutete auf ihr Gesicht. Unwillkürlich fuhr Keeda über die Haut unter ihren Augen, die sich spannte und empfindlich reagierte. Die silberne, daumenbreite Tätowierung aus verschlungenen Symbolen die sich dort über ihren Nasenrücken und von einer Schläfe zur anderen schlängelte, war noch immer leicht entzündet.
"Es ist eine Warnung", murmelte sie schließlich und ließ ihre Hand wieder sinken. Der Zwerg schüttelte den Kopf und seufzte tief, bevor er auf seine Waffe deutete.
"Das ist ein göttliches Siegel."
"Wozu dient es?"
"Wovor warnt deine Tätowierung?"
Keeda lachte freudlos auf, sie hatte schon von der Gier der Zwerge gehört. Sie lechzten nach jeder Kostbarkeit, Gold, Silber, Informationen ... und alles was sie taten hatte ihren Preis. Selbst die Antworten die sie gaben bekam man nicht umsonst.
"Es warnt mich davor der Dunkelheit zu verfallen", gab sie letztlich zu und deutete abermals auffordernd auf den Stab.
"Das Siegel lässt mich die Kraft der Götter nutzen, um ihrem Willen zu entsprechen."
"Ihr seid ein Priester!" stellte Keeda überrascht fest und riss vor Verblüffung die Augen auf.
"Ich bin ein Glaubenskleriker", berichtigte sie der Zwerg und schenkte ihr ein kleines Schmunzeln.
Der Zwerg fuhr abermals über das dunkle Metall, bevor er seufzte und Keeda damit leicht anstieß. Sie zuckte erschrocken zurück aber der Zwerg lächelte sie nur gutmütig an.
"Mein Name ist Harbek."
"Keeda", antwortete sie kurz, noch immer unsicher was sie von dem Zwergen und seiner rauen Freundlichkeit halten sollte.
Harbek fluchte leise und streckte ihr schließlich die Hand entgegen. Er sah sie trotzig, fast schon wütend an und Keeda ergriff nach kurzem Zögern unsicher seine Hand. Es war schon lange her, dass ihr jemand mit einer freundlichen Geste begegnet war, selbst wenn diese mit einem zornigen Ausdruck einherging. Nervös erwiderte sie seinen Blick lächelnd und drückte sacht seine Hand, bevor sie ihn erschrocken losließ.
Durch das Gespräch unaufmerksam geworden bemerkte sie erst jetzt den Soldaten, der sich vernehmlich räusperte, um Harbeks Aufmerksamkeit zu erlangen.
"Ich bin Leutnant Linkletter. Einer meiner Soldaten ließ mich wissen, dass ihr eure Hilfe bezüglich Valindras Angriff angeboten habt?" Er zog skeptisch eine Augenbraue hoch und begutachtete den Zwergen und seine spärliche Ausrüstung.
"Ja, ich hörte, nicht weit von hier würden noch immer Valindras widernatürliche Kreaturen gegen Neverembers Männer kämpfen?" Harbek stand auf und baute sich breitbeinig vor dem Leutnant auf.
Linkletter sah noch immer skeptisch auf ihn herab, "Ja ...", antwortete er gedehnt. Er sah den Zwergen noch einen Moment schweigend an, bevor er erschlagen seufzte und die Stimme senkte, "Valindras Armee wird uns bald überrollen, wenn wir sie nicht außerhalb der Mauern zurückschlagen. Momentan verstecken sich die Feiglinge zwischen den Bäumen, aber wir haben sie schon von zwei Seiten eingekesselt und sind auf dem besten Weg jeden einzelnen von ihnen zu töten.
Doch unsere Soldaten im anderen Lager haben fast keine Pfeile mehr und ich benötige jemanden, der durch den Wald zu ihnen läuft und ihnen neue bringt. Meine eigenen Männer ..." Er verstummte und blickte wütend drein, "Das ist nicht von Bedeutung, bringt einfach dem anderen Lager neue Pfeile!"
Linkletter zeigte eine kleine Senke hinab, hinter der ein kleiner Wald zu erkennen war.
Keeda stand erschrocken auf, "Wollt ihr damit sagen, dass wir uns am Rand eines Schlachtfeldes befinden?" Besorgt schaute sie zu den Schiffbrüchigen hinüber, die noch immer verfroren und unbewaffnet am Feuer saßen.
Linkletter betrachtete sie angewidert, "Wir hätten euch auch im Meer ertrinken lassen könne, wäre euch das lieber gewesen?"
Keeda schluckte schwer und wandte den Blick von dem zornigen Soldaten. Harbek hob beschwichtigend die Hände und lächelte Linkletter beruhigend an.
"Natürlich sind wir euch für unsere Rettung dankbar, und natürlich helfen wir beide gerne dabei diesen untoten Bestien den Hals umzudrehen, nicht wahr?" Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu, der Keeda sprachlos machte.
Linkletter wartete ihre Antwort nicht ab, sondern winkte einen nahestehenden Soldaten herbei, der ihnen einen Beutel voller Pfeile in die Hand drückte.
Als er sich schließlich ohne ein weiteres Wort von ihnen abgewandte fuhr Keeda zu Harbek herum und zischte ihn wütend an: "Wir beide freuen uns darauf zu helfen? Was glaubst du ...?"
Harbek unterbrach sie mitten im Satz und rückte seine Pfeile zurecht: "Ich glaube, dass du dir bestimmt keine Belohnung entgehen lassen willst. Außerdem ...", er deutete auf ihre Tätowierung, "glaube ich nicht, dass du dir eine solche Gelegenheit entgehen lassen möchtest, nicht wahr, Donnerrabe?"
Harbek wandte sich lächelnd von ihr ab, in einer Hand den Beutel voll Pfeile, in der anderen das göttliche Siegel, welches in der aufkommenden Dämmerung leicht schimmerte. Keeda blieb erschrocken stehen und berührte abermals ihr Gesicht, bevor sie dem Zwerg leise fluchend auf das Schlachtfeld folgte.

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