Feuer, Pfeil und Schwert

„Männer, Frauen, Krieger!“, Feldwebels Knox Stimmte donnerte vom Fuß der Mauer, wo er an der Front der Krieger stand, bis an ihre Spitze, wo Keeda mit den restlichen Bogenschützen wartete. Alle lauschten angespannt seiner dunklen Stimme und so manch Faust schloss sich bei seinen Worte fester und sicherer um den Schwertgriff. „Heute Nacht wird sich das Schicksal Neverwinters entscheiden, doch müssen wir es selbst in die Hand nehmen.
Wir brauchen euren Mut im Kampf gegen das Böse, welches dort draußen auf uns wartet. Wir brauchen eure Entschlossenheit, um es aus unserem Land zu tilgen. Wir brauche eure Schwerter, um zu siegen. Wir brauchen jeden einzelnen von euch, ob Mensch, Elf, Zwerg oder Ork, um die Nacht zu überstehen.
Verzagt nicht im Kampf, haltet eure Posten und verliert nicht den Glauben, damit wir die Finsternis bezwingen, zu unseren Familien zurückkehren und die zahlreiche Lieder hören können, die sie über unsere Heldentaten singen werden. Und wisst ihr wie die letzten Verse lauten werden?
Sie werden damit enden, dass die tapfersten und mutigsten Helden Neverwinters den ersten Sonnenstrahlen entgegen blickten und die verdorbene Brut der Schatten unter Feuer, Pfeil und Schwert begruben!“ Knox Stimme hallte zwischen den in Reih und Glied stehenden Soldaten und hinterließ ein Echo, in das die Kämpfer wild brüllend einstimmten.

Keeda blieb stumm zwischen den schreienden Soldaten stehen und blickte bedrückt auf die kleine Armee am Fuß der Mauer, die tapfer versuchten, sich die Wut und Angst von der Seele zu brüllen.
Sie war nicht überrascht Knox anstatt des Lords an der vordersten Front zu erblicken. Neverember versteckt sich hinter seinen prunkvollen Mauern, während seine Soldaten für ihn und sein Land sterben, dachte sie düster.
Sie hob den Blick und sah der untergehenden Sonne entgegen unter deren goldenen Schein sich ein schwarzes Meer erstreckte. Das Zählen der Wassertropfen eines Ozeans oder der Sandkörner einer Wüste, glich der Aufgabe, die Zahl der Untoten und Bestien zu schätzen, die sich dort zusammen rotteten. Ohne Formation wuselten sie wie Ameisen durcheinander, immer in Bewegung, doch ohne Ziel.

Das Monster an ihrer Spitze, raubte Keeda den Atem. Sie hatte schon vor scheinbar endloser Zeit, einen Drachenlich gesehen, einen Toten, dessen Gerippe das Blätterdach durchbrochen und den Waldboden bedeckt hatte. Damals war sie bei dem Gedanken an das arme Tier, welches durch Valindras Magie geknechtet worden war in tiefe Trauer verfallen, doch nun machte sich bei dem Anblick nur Angst in Gliedern breit. Das Monster, hatte die gleichen blau glühenden Augen, wie der Drachenlich aus dem Wald, doch diese starrten nicht blicklos in den Himmel, sondern mordlüstern in ihre Richtung. Seine gewaltigen Flügel waren teilweise zerrissen, durch die Haut schimmerten die bleichen Knochen und sein markerschütterndes Gebrüll ließ sie selbst auf diese Entfernung erzittern.
„Vilithrax“, flüsterte der Elf neben Keeda mit schreckgeweiteten Augen und machte schnell eine Geste zur Abwendung des Bösen, doch im nächsten Moment fing er an zu zittern und deutete mit offenem Mund nach vorne. Keeda folgte seinem ausgestreckten Finger und auch sie erschauderte. Neben dem Drachenlich, bis jetzt in seinem Schatten verborgen, waberte schwarzer Nebel über den Boden, der in dunklen Rauchfäden aus den Händen der Nekromantenkönigin floss. Keeda wusste, dass es sich bei der schemenhaften Erscheinung um Valindra handelte, sie konnte es fühlen. Es war das gleiche erstarrende, kalte Gefühl wie damals auf der Brücke des schlafenden Drachen, wo sie mit nur einer Handbewegung Wilfred getötet hatte.

Schnell wandte sie den Blick ab, bevor sie tatsächlich erstarrte und sah hinunter zu Knox. Neben ihm stand Alice und ihrem Gesichtsausdruck nach, hatte auch sie die schwarze Hexe entdeckt. Sie fletschte die Zähne und Keeda betete, dass sie nichts Dummes tat. Noch immer waren ihr und Harbek die Verbindung zwischen der rothaarigen Schönheit und dem Gefreiten schleierhaft. Sie behielt die Assassine im Augen, bereit jeden Moment von der Mauer zu springen, um Alice davon abzuhalten auf Valindra zu zustürmen. Alice sah zu ihr hinauf, als hätte sie den bohrenden Blick der Drow im Nacken gespürt und schüttelte den Kopf.
Erleichtert seufzte Keeda auf und blickte zum Ende der Kampffront, wo Harbek sich angeregt mit den dortigen Magiern und Klerikern unterhielt. Sie sollten als letzte Verteidigungslinie dienen, und die wahren Kämpfer von hinten mit Schutzzaubern unterstützen. Der Zwerg bemerkte Keedas Blick nicht und fuchtelte wild gestikulierend mit den Händen nach oben.
Ihre eigene Kampflinie, auf der oberen Kante der Stadtmauer, hatten die Bögen bereits in der Hand und unterhielten sich leise über Windbedingungen, Abstände und Entfernungen. Keeda verdrehte abschätzig die Augen bei ihren dümmlichen Worten und konzentrierte sich wieder auf Feldwebel Knox, der das entscheidende Signal zum Angriff geben würde.

Die letzten Strahlen der Sonne versanken leise hinter dem Horizont, das Geflüster erstarb und eine Grabesstille breitete sich in den Reihen der Neverwinterarmee aus. Ein greller Schrei ertönte über die Ebene und Valindras Horden setzten sich langsam in Bewegung. Der Drachenlich brüllte und erhob sich schwerfällig in die Lüfte. Er kreiste einmal über das schwarze Meer, bevor er zwischen den Wolken verschwand. Unruhiges Scharren war zu hören, während die Soldaten nervös nach oben blickten. Knox schrie einige Befehle, die allerdings in brüllendem Geschrei untergingen.
Der Dachenlich hatte sich im Sturzflug fallen lassen und spuckte blaues Feuer über die Reihen der Bogenschützen. Instinktiv duckte sich Keeda und hob schützend die Hände, bevor ihr Verstand die Kontrolle übernahm und sie einen Pfeil anlegte. Sie überlegte kurz, würden ihre kleinen Pfeile überhaupt Schaden verursachen?
Erneut stürzte der Drachenlich aus den Wolken und eine weitere Reihe Bogenschützen ging in Flammen auf. Ein gewaltiger Bolzen zischte über ihr durch die Luft und streifte den Flügel des Monsters. Endlich hatten die Soldaten, die die Himmelsharpune bedienten genug Mut gefasst, um den ersten Schuss abzufeuern. Eilig legten sie einen neuen Speer in die Abschussvorrichtung, die Aufmerksamkeit des Drachenlichs war ihnen sicher.
Neues Geschrei erweckte Keedas Aufmerksamkeit und sie blickte hinunter zu Alice. Die ersten Untoten hatten die Front erreicht und Knox hob wild brüllend seine Axt über den Kopf. Das Zeichen zum Angriff. Die Orks stimmten in sein Brüllen ein, und auch Alice stürmte dem Feind entgegen.

***

Ihr Herz schlug mit jedem Schritt höher und ihre Sorge wich einer ekstatischen Aufregung. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so gut gefühlt. Den Kampf aus dem verborgenen konnte man nicht mit dem Gefühl vergleichen, welches einen bei einer frontalen Auseinandersetzung erfasste. Die Angst verblasste, die Sinne wurden schärfer, Adrenalin schoss durch ihre Adern und eine beruhigende Ruhe überkam ihre Seele. Mit jedem Schritt den sie weiter zwischen Feldwebel Knox und Kragamar Deepscar voran preschte wurde ihr Atem tiefer und langsamer.
Ihr Verstand verabschiedete sich, als sie dem ersten Schwerthieb auswich und ihr Muskelgedächtnis übernahm die Kontrolle. Ausweichen, zuschlagen, weiter springen. Aus mehr bestand die Welt nicht mehr, selbst die Zeit vergaß ihren Tribut zu verlangen und Alice, wie bedeutungslos jede gefallene Bestie war, vergaß das Meer an Feinden, welches sie besiegen musste und wie nah sie dem Tode stand. Nur am Rande bemerkte sie die Pfeile, die zu weilen gefährlich nah an ihr vorbeizogen, die Orks die in wildem Kriegsgebrüll Schneisen durch die schwarze Front brachen oder die blauen Flammen, die an der Stadtmauer leckten. Es war ihr gleich. Ausweichen, zuschlagen, ausweichen, zuschlagen und schon zerfiel der nächste Skelettkrieger zu Staub und Knochen.

„Wo ist Valindra?“ Die von Knox gebrüllten Worte ließen sie einen Moment aus ihrem Rausch auftauchen und sich suchend umblicken. Die schwarze Hexe war nirgends zu entdecken. Sie schüttelte den Kopf und sprang hinter Kragmar, als ein feindlicher Pfeilhagel auf die Erde prasselte. Der Kommandant schrie zornig auf, doch die dicke Haut der Orks konnte weit schlimmeres ertragen. Knox stand noch immer mit gesenkter Axt in Mitten der Untoten und blickte sich suchend um. Alice fluchte leise, als sie einen von ihnen im letzten Moment zurück trieb, bevor er dem Feldwebel den Kopf abschlagen konnte. Knox wurde bleich und auch er begann leise zu fluchen, ruckartig wandte er sich zurück zur Stadtmauer, hielt aber inne.
„Alice!“, schrie er über den Kampfeslärm hinweg, „Geh zu Lord Neverember, wir dürfen nicht zulassen, dass uns Valindra erneut den König nimmt. Ich kann nicht einfach hier weg, die Männer brauchen mich.“ Alice drehte sich fassungslos zu ihm um. Ein Pfeil flog nur eine Handbreit an ihrem Gesicht vorbei und schlug in den Schädel eines Untoten, der noch im Zerfall versuchte seinen Hieb gegen Alice zu Ende zu führen. Die Assassine zuckte erschrocken zusammen und riss sich zusammen.
„Ich brauche euch im Palast!“, brüllte Knox erneut, „Das ist ein Befehl, Soldat.“ Alice biss sich auf die Unterlippe, zog sich aber widerwillig hinter Knox zurück.
„Ich bin keiner eurer Soldaten, Knox“, murmelte sie leise, doch der Feldwebel hatte ihre Worte trotz des Lärms vernommen. Er lächelte leicht, ein absurdes Bild in all dem Chaos und Tod. Alice verzog frustriert das Gesicht, doch gehorchte den Worten des Feldwebels. Wenn Valindra tatsächlich bei Lord Neverember wäre, wenn es ihr gelingen würde ihn zu töten, würden die Soldaten jede Hoffnung verlieren.

Lord Neverember ist kein Heiliger, doch die Alternative ist viel schlimmer. Wenn Neverember fällt herrscht der Tod über Neverwinter! rief sie sich Wilfred Worte ins Gedächtnis, sie hatte schon lange nicht mehr an den Gefreiten gedacht und das sie es hier tat, in Mitten einer Schlacht und kurz vor dem Untergang Neverwinters stimmte sie traurig. Sie warf einen schnellen Blick in Richtung der Stadtmauer und bahnte sich einen Weg durch das Getümmel zurück in das Herz der Protectors Enclave.

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