I

„Geschafft!“, war der erste Gedanke, der Riley Andersson in den Sinn kam, während er in Jarlaheim von Bord ging. Als kurz darauf das Horn der Fähre ertönte, drehte der junge Mann sich im Sattel seines Nordschwedischen Kaltbluts Braveheart noch einmal um und sah dem Boot hinterher, das langsam in der Ferne verschwand.

Es war kurz vor acht Uhr abends und die beiden waren schon seit Stunden unterwegs. Gestartet waren sie am frühen Morgen, in einer kleinen Stadt auf dem Festland. Vier Jahre lang war dieser Ort Rileys Heimat gewesen … jetzt hatte er ihn für immer verlassen.

Es war die einzige Möglichkeit, um endlich Frieden zu finden und ein neues Leben zu beginnen.

Riley war hier auf Jorvik aufgewachsen, im Osten, genauer gesagt in Firgrove. Aufgrund eines heftigen Streits mit seinem Vater sah er sich aber schließlich gezwungen, der Insel den Rücken zu kehren. Jetzt war er zurück, aber da sein Elternhaus keine Option mehr für ihn darstellte, hatte er sich für Jarlaheim entschieden. Der Ort lag im entgegengesetzten Teil der Insel und so würde er kaum Gefahr laufen, seiner Familie und vor allem seinem Vater zu begegnen.

Nur zu seiner Schwester Lily, die seit einer Weile im Fischerdorf in Golden Hills lebte, hatte er noch Kontakt.

Es wäre einfach gewesen, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, dann hätte Riley nicht nach einem Quartier für sich und sein Pferd suchen müssen, aber er wollte erst einmal alleine sein.  

Zu viel war passiert, womit er fertig werden musste und er mochte niemanden damit belästigen. Außerdem wollte er kein Mitleid und genau das wäre der Fall gewesen, wenn er jetzt bei Lily aufschlug.

Nein, er musste erst einmal mit seinem Leben wieder klar kommen und den Verlust, den er erlitten hatte, verarbeiten. Darüber wollte er jetzt allerdings auf keinen Fall nachdenken.

Seufzend strich der junge Mann sich durch seine schulterlangen braunen Haare, er war hundemüde und sein Magen machte sich bemerkbar.

„Auf geht’s, wir müssen sehen, dass wir etwas zu essen für dich finden und außerdem brauchen wir beide noch eine Unterkunft. Die Nacht draußen zu verbringen ist keine Option, Dicker“, sagte er leise zu seinem Pferd, kraulte diesem kurz die Mähne und trieb es dann in einen leichten Trab.

Vorbei ging es an einem kleinen Café direkt am Hafen, anschließend folgten sie der Straße in Richtung Jorvik Stall – so stand es zumindest auf dem Schild an der Gabelung hinter dem Café. Ein Stück weiter erhob sich rechts von ihnen die imposante Stadtmauer Jarlaheims. Die City zu erkunden würde bestimmt interessant werden, aber jetzt war das erst einmal nicht der Plan.

Während Riley sich noch den Kopf zerbrach, wie es weiter gehen sollte, passierten sie ein schweres Eisentor und linker Hand tauchten die Gebäude des Jorvik-Stalls auf.

Der Reiter parierte sein Pferd vor der Stalltür durch, sprang vom Rücken des Wallachs und klopfte an die schwere Holztür. Es dauerte eine Zeit lang und er wollte es schon ein zweites Mal versuchen, als er Schritte hörte. Ein Riegel wurde zurückgeschoben und die Tür öffnete sich mit einem lauten Knarren. Zwei braune Augen sahen ihn erstaunt und zugleich misstrauisch an. Vor Riley stand eine junge Frau, deren dunkle Haare, zu einem Zopf geflochten, über ihrer linken Schulter lagen. Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann sagte sie: „Oh ... Guten Abend! Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Guten Abend“, erwiderte der Angesprochene und zwang sich zu einem Lächeln, „das hoffe ich doch sehr. Mein Pferd und ich sind vor einer halben Stunde hier auf der Insel angekommen und suchen nach einem Lager für die Nacht. Hättest du eine Box für uns frei?“

Die junge Frau musterte ihn von oben bis unten. „Ich denke, da lässt sich was machen“, meinte sie dann. „Du hast Glück, dass es schon Anfang Dezember ist und unsere Touristensaison vorbei. Im Winter schicken wir immer einige Pferde, die nicht so kälteresistent sind, zum Festland. Von daher haben wir zu dieser Jahreszeit immer ein paar Boxen frei“, sie schwieg einen Moment, dann lächelte sie und sagte: „Ich bin übrigens Johanna.“

Wo waren nur seine Manieren hin?

„Riley Andersson“, erwiderte er leise und ergriff die ausgestreckte Hand seines Gegenübers, „und das ist Braveheart.“

Johanna kraulte die Nase des Kaltbluts, anschließend drehte sie sich um. „Na, dann kommt mal mit, ihr beiden.“

Damit verschwand sie im Stall, Riley und sein Pferd folgten ihr.

Jetzt erst bemerkte er, wie eisig kalt es draußen war. Hier im Gebäude war es dagegen durch die Pferde, das Heu und Stroh richtig angenehm, fast warm. Der Zweiundzwanzigjährige sog den Stallduft tief in seine Lungen ein, schloss für eine Sekunde die Augen und genoss den Moment.

Schließlich öffnete er die Augen wieder und sah sich genauer um.

Es gab etwa zwanzig große, helle Boxen, zehn auf jeder Seite, die durch eine breite, sauber gekehrte Stallgasse voneinander getrennt waren. In einer Ecke stand der Futterwagen für Hafer, Pellets und alles andere. Links über den Boxen gab es eine Art Heulager, rechts oben befand sich das Stroh. Auf einer Seite des Gangs, ziemlich in der Mitte zwischen zwei Boxen, war ein Raum, in dem Schubkarren, Mistgabeln und sonstiges Arbeitsgerät abgestellt waren und der in der Decke einen Zugang zum Heuboden hatte. An dieser Luke nach oben lehnte eine Leiter, die Johanna jetzt hinaufstieg und eine Minute später landete ein Ballen Grünfutter unten auf dem Boden.

Braveheart stupste Riley mit der Nase an, sodass dieser fast kopfüber in der Stallgasse gelandet wäre.

„He, was soll der Blödsinn?“ knurrte er sein Pferd an.

Johanna lachte, während sie die Leiter wieder herunter kletterte. „Der arme Kerl hat wohl Hunger? Das haben wir gleich.“

Damit öffnete sie eine der leeren Boxen, nahm einen Ballen Stroh und streute ihn schnell auf, dann holte sie ein paar Arme voll Heu und warf dieses in die Ecke neben der Futterkrippe. „Ich denke, das sollte reichen. Morgen früh gibt es mehr.“

„Vielen Dank für die spontane Hilfe“, meinte Riley leise, „du musst mir noch sagen, was du für Unterkunft, Einstreu und Futter bekommst.“

Johanna sah ihn an. „Da lass ich mir schon was einfallen, aber darüber können wir morgen reden. Kann ich sonst noch was tun? Was ist mit dir? Du musst doch selbst ausgehungert sein.“

„Nein danke schön, ich hab alles, was ich brauche, in meinem Gepäck“, erwiderte Riley, der seinen Wallach in die Box führte und ihm Zaumzeug und Sattel abnahm. Während er die Sachen vor der Box parkte, stürzte sich Braveheart auf das Heu.

„Sicher?“, fragte Johanna skeptisch und Riley lächelte. „Wirklich, ich komm klar. Du hast mir schon genug geholfen, indem du uns ein Dach über dem Kopf und meinem Pferd Futter gegeben hast.“

„Okay, dann lass ich euch beide mal alleine … ach ja, neben dem Eingang ist linker Hand ein kleines Reiterstübchen, da gibt’s eine Toilette und natürlich auch ein Waschbecken.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Na dann mal Gute Nacht!“

Riley nickte. „Gute Nacht und noch mal danke für alles.“

Nachdem Johanna das Gebäude verlassen hatte und die schwere Stalltür ins Schloss gefallen war, lehnte der junge Mann sich seufzend gegen die Boxenwand.

„Da haben wir aber verdammtes Glück gehabt, Dicker“, sagte er zu dem Kaltblut, das mit dem halben Kopf im Heu verschwunden war. Wie immer hatte der Wallach so herumgewühlt, dass einige Halme zwischen seinen Ohren hingen und in seiner Mähne verteilt waren. Riley konnte nicht anders und fing an zu lachen, bis ihm die Tränen kamen. Für einen Augenblick fiel die Spannung der letzten Monate von ihm ab. Der ganze Horror, den er erlebt hatte, war für einen kurzen Moment vergessen, als er sein albernes Pferd dort stehen sah.

Nach einer Weile fing er sich wieder und begann, in seinem Rucksack herumzukramen. Er hatte sich zum Glück etwas zu trinken und ein paar Brote eingepackt, für den Fall der Fälle. Das war, wie sich herausstellte, eine gute Idee gewesen. Müde ließ er sich ins Stroh von Bravehearts Box fallen, verputzte erst einmal zwei Käsebrote und trank die halbe Flasche Wasser leer, dann zog er seinen Schlafsack und eine Wolldecke aus seinem Gepäck.

Nachdem sein Lager auf dem Boden an der hinteren Boxenwand fertig war, machte er sich doch noch auf ins Reiterstübchen. Besser gleich, als später aus dem warmen Schlafsack aufstehen zu müssen.

Nach etwa einer halben Stunde war er wieder zurück.

Braveheart hatte sein Heu mittlerweile aufgefressen und sich auf dem dicken Strohlager niedergelassen. Er hob kaum den Kopf, als sein Besitzer die Box betrat und die Türe hinter sich schloss. Auch Riley machte es sich bequem, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Seite des Pferdes und kraulte ihm die Mähne. Die Wärme, die von seinem Freund ausging, gab ihm den Rest. Er schloss die Augen und wie jede Nacht schlich sich der Name eines jungen Mannes in seine Gedanken, bereit ihm eine weitere, schlaflose Nacht zu bescheren.

Doch heute wollte Riley sich nicht davon überwältigen lassen, er wollte nur schlafen. Keine Gedanken an Tyler und hoffentlich auch keine Träume von ihm. Einfach nur schlafen …

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