Jamie

Jamie


Das Taxi fuhr die Auffahrt zum Anwesen meines Vaters hinauf.  Die Schneedecke, die den Kies der Zufahrt bedeckte, knirschte unter den Rädern des Wagens. Bei dem Gedanken an das bevorstehende Weihnachtsfest drehte sich mir der Magen.

»Das macht das macht dann 40 $, Sir.«

Ich reichte dem Fahrer sein Geld inklusive paar zusätzlicher Scheine und gab ihm Bescheid, dass ich mein Gepäck selbst aus dem Kofferraum holen würde. Der arme Mann musste an den Feiertagen arbeiten, da sollte er nicht auch noch in die Kälte raus müssen, um meine Koffer zu tragen.

Ich blickte an der imposanten Fassade, die sich vor mir erhob, empor. Lange Zeit betitelte ich diese Villa als mein Heim. Erbaut um 1900, im damals typischen „Queen Anne Stil“, protzte das mehrgeschossige, in weißer Holzverschalung verkleidete Gebäude mit 2 Spitztürmen und aufwendig ausgearbeiteten Säulen, welche das Verandadach stützen nur so vor Reichtum. In meiner Kindheit war mir nie klar, wie einschüchternd dieses Haus auf Außenstehende wirken musste. Erst als ich Ava kennenlernte, wurde mir bewusst, dass es nicht allen Menschen so gut ging, wie mir. Probleme, aufgrund nicht ausreichender finanzieller Mittel waren mir zuvor nicht bekannt. Ich war ein reicher, verzogener Junge, dessen Liebe sich erkauft wurde. Die Mutter, die ich nie hatte, da sie meinen Vater und mich verließ als ich gerade mal zwei Jahre alt war, wurde durch teure Klamotten, Klavierunterricht und eine Armee von Bediensteten ersetzt. Doch wie sollte ich damals etwas vermissen, was mir zuvor nicht bekannt war? Erst durch Ava lernte ich, was Menschlichkeit bedeutete. Auch ohne Geld war sie ein glücklicher Mensch, dabei hatte sie es nie leicht. Ich verdanke diesem Mädchen so viel. Meine Brust zog sich unter meinem schlechten Gewissen ihr gegenüber schmerzhaft zusammen.  Was dachte ich mir damals nur dabei, mich so unverhohlen an sie ran zu machen nur um meinen Pflichten nachzukommen? Was wäre gewesen, wenn es keinen Mason Scott gegeben hätte, der ihr das Herz raubte bevor ich es durch den Fleischwolf gedreht hätte? Ich war ein solcher Idiot.

Ich schüttelte die Gedanken ab und stieg die Stufen zur Veranda empor, bis ich vor der riesigen, weißen Eingangstüre stand. Ich besaß einen Hausschlüssel, doch laut meines Vaters schickte es sich nicht, die eigene Türe aufzuschließen, wenn doch Personal da war um sie zu öffnen. Eine Regel, welcher ich nie Beachtung schenkte. Ich umfasste den Schlüsselbund in meiner Jackentasche. Doch jetzt war es anders und ich zögerte. In seiner aktuellen Verfassung wollte ich ihn nicht unnötig gegen mich aufbringen. Tief einatmend löste ich den Griff um meine Schlüssel und betätigte dann die Türklingel. Eine Abfolge verschiedener Glockentöne erfolgte und war noch nicht gänzlich abgeklungen, als Nancy, eine der ältesten Angestellten meines Vaters, bereits die Türe öffnete.

»Nancy. Schön dich zu sehen!« Ich schlang die Arme um die kleine, rundliche Frau mit den grauen Haaren, welche, wie immer, zu einem Dutt geschlungen waren.

»James. Es ist so schön dich zu sehen. Du solltest mehr essen Junge. Du bestehst ja nur noch aus Haut und Knochen.« Sie musterte mich argwöhnisch und machte ein besorgtes Gesicht.

»Keine Sorge, ich esse genug. Außerdem habe ich zwischen der Haut und den Knochen eindrucksvolle Muskeln zu bieten. Die Ladies stehen drauf.« Ich zwinkerte ihr zu.

Nancy hob die Mundwinkel bei meiner Bemerkung, verzog jedoch das Gesicht als sie mich informierte:  » Dein Vater wartet im Speisesaal mit Cruella de Vil und ihrem alten Herren. «

»Ihr Name ist Liz. Du wirst sie in nächster Zeit wohl öfter hier sehen.« Wie eine glühende Kohle, brannte sich die Schachtel in meiner Jackentasche in mein Gedächtnis.

Ich tat das Richtige.

Liz Cruz war kein schlechter Mensch. Unsere Väter waren bereits enge Geschäftspartner, als wir noch klein waren. Sie wuchs in ähnlich gehobenen Verhältnissen auf wie ich, doch sie hatte keine beste Freundin, die sie auf den Boden der Tatsachen holte. Ava zeigte mir, was die Welt außer Geld sonst noch bot. Was es bedeutete einen Menschen seiner Selbst willen zu schätzen. Liz kannte all das nicht. Wahrscheinlich hätte ich keinerlei Zweifel an unserer Verbindung, wenn ich mein Leben so geführt hätte, wie man es von mir erwartete. Wäre ich nach der Schule in die Geschäfte meines Vaters eingestiegen, hätte ich keinerlei Zweifel ihr gegenüber gehabt. Die Frau war eine wahre Augenweide. Ihr platinblondes Haar, welches zu einem Bob geschnitten war, setzte ihre blauen Augen und ihre helle, makellose Haut optimal in Szene. Sie war groß und gertenschlank. Ihre Beine schienen nicht enden zu wollen und ich musste zugeben, dass es mir gefiel, wenn sie sie beim Sex um meine Hüften schlang. Immer perfekt gekleidet und mit exzellenten Manieren erzogen, war sie genau die richtige Frau für einen Mann in unseren Kreisen.  

Doch mein Weg war ein anderer, als der, der für mich vorgesehen war. Ich lernte früh „anders“ zu sein. Normal. Durch Ava wusste ich, was wahre Freunde waren und als Emily kam… sie war mein Gegenstück. Gab es für jeden von uns auf dieser Welt einen Menschen, der für ihn vorgesehen war, so war Em dieser Mensch für mich. Doch die Vergangenheit lehrte mich, dass nichts von Beständigkeit sein sollte. So war klar, dass die sie mich irgendwann einholen würde. Nun war es so weit. Ich musste die Träume meiner Jugend ein für alle Mal hinter mir lassen und meiner Zukunft ins Auge sehen. Lange genug rannte ich vor den Verpflichtungen weg, die mir mit dem Tag  meiner Geburt auferlegt wurden. Dies war der erste Tag meiner Zukunft und das bedeutete, ich ging in diesen Raum und machte meinen Vater stolz. Wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben.

 Ich zog den Mantel aus und gab ihn Nancy wortlos. Mit der Ringschatulle in der Hand und einem flauen Gefühl im Magen machte ich mich in Richtung Esszimmer auf.

Kommentare

  • Author Portrait

    Oh, oh...das sieht nicht gut aus für Em...

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media