Kapitel 10

Erschrocken fuhren wir herum und griffen nach unseren Waffen. Geübt zog ich den Bogen von meinem Rücken und schnappte mir mit der anderen einen Pfeil aus dem Köcher an meiner Hüfte.

Blitzschnell schob mich Magnus mit einer Hand hinter seinen Rücken und griff mit der anderen nach seinem Dolch. Taylor und Andrew standen kampfbereit mit ihren Schwertern in den Händen neben ihm. Kalter Schauer lief mir über den Rücken. War es ein Werwolf? Ein gefallener Engel? Wer war der Geheimnisvolle Gegner in der Dunkelheit?

"Da haben sie ja vier wahre Intelligenzbestien geschickt. Ist das alles was die Skyland High zu bieten hat? Ein Muskelprotz, zwei Idioten und ein kleines Mädchen?" bemäkelt die Geheimnisvolle Stimme.

Kleines Mädchen? Beleidigt wollte ich hinter Magnus Rücken hervortreten und dem Typen im Schatten mal zeigen was das 'kleine Mädchen' zu bieten hat, doch Magnus Griff wurde stärker. Mir blieb nichts anderes übrig als zornfunkelnde Blicke dem Mann im Schatten zu zuwerfen. Doch irgendwo in meinem Inneren kam mir diese Stimme bekannt vor. Woher wusste der Fremde überhaupt das wir von der Skyland High waren?

"Wer seid ihr Fremder? Zeigt euch gefälligst und kämpft wie ein Mann." bellte Magnus während er sich ein Schwert von Taylors Rücken schnappte und seinen Dolch in der Scheide an seinem Gürtel verschwinden ließ. Ein Lachen drang aus der Dunkelheit.

"Na na na. Wer wird denn hier so ungeduldig werden. Magnus, habe ich Recht? Du hast dich kein bisschen verbessert seid ich weg bin. Immer noch der gleiche Hitzkopf der intuitiv handelt und nicht nachdenkt," tadelte der Fremde Magnus missbilligend.

"Wer bist du? Woher kennst du meinen Namen? Zeig dich endlich, du Feigling," blaffte Magnus ungehalten mit vor Wut hochrotem Kopf. Die Stimme kam mir immer bekannter vor. Fieberhaft überlegte ich. Wer könnte es sein? Es musste jemand sein der Magnus wirklich gut kannte.

"Du nennst mich keinen Feigling, Magnus. Dazu hast du kein Recht," knurrte der Geheimnisvolle Mann und trat aus dem Schatten in das Licht. Mein Herz machte einen Salto. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Vor uns stand ein junger Mann, mit braunen kurzen Haaren, Dreitagebart, Muskulösem Oberkörper und ungefähr derselben Größe wie Taylor. Er trug zerschlissene, schmutzige Klamotten und wirkte ausgemergelt. Sein Gesicht war von Schrammen und Dreck bedeckt, doch seine Augen leuchteten angriffslustig.

„Tristan,“ flüsterte ich. „Tristan Murray.“

Der Junge der eines Abends während seines Trainings verschwand und nie wiedergefunden wurde. Nach diesem Vorfall wurden die Regeln geändert und die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Zwei Jahre waren seitdem vergangen. Mit einem lauten scheppern fiel das Schwert von Magnus zu Boden.

"Tristan," zischte Magnus nur und sah ungläubig auf den jungen Mann vor sich.

"Ich freu mich auch dich wieder zu sehen, Altes Haus. Ist schon eine Weile her," stellte dieser grinsend fest und trat noch einen Schritt näher.

"Du elender Mistkerl. Ich dachte du wärst Tot," schrie ihm Magnus wutentbrannt entgegen.

„Glaub mir, ich wünschte es wäre so,“ lachte Tristan hohl.

„Zwei Jahre. Sie sagten du wärst tot. Weißt du eigentlich was das für ein Gefühl ist? Nicht zu wissen, was geschehen ist? Ich habe mir Vorwürfe gemacht, verdammt nochmal.“ brüllte Magnus, dass die morschen Wände wackelten.

„Magnus, ich denke... lass Tristan doch mal aussprechen. Es wird eine Erklärung geben,“ versuchte ich Magnus zu beruhigen und legte ihm meine Hand auf die Schulter. Doch er schüttelte sie einfach ab. Er war zu Tiefst verletzt erkannte ich.

„Nein. Ich will seine Erklärung nicht hören. Er ist schuld das.… nach seinem Verschwinden ging alles nur noch schief. Ich bin nicht mehr derselbe wie vor dem Vorfall,“ wehrte Magnus ab. Entschlossen packte ich ihm am Arm und hielt ihn mit aller Kraft fest.

„Hör mir zu. Nein... du hörst mir jetzt zu,“ entgegnete ich als er den Mund öffnete um zu widersprechen. „Tristans Verschwinden hat uns alle eiskalt getroffen. Ich verstehe das es schwerer für dich war. Er ist dein bester Freund und du dachtest er sei Tod. Aber Magnus: Er lebt. Dein bester Freund lebt! Hast du das verstanden? Er ist hier! Magnus, Tristan ist hier! Er steht vor uns! Und er lebt!“ „Raven, ich...“

„Nein, Magnus. Du lässt Tristan jetzt aussprechen. Er soll uns erzählen was in den letzten zwei Jahren geschehen ist. Dann darfst du wieder sprechen,“ bestimmte ich streng und lies ihn wieder los.

Beleidigt setzte er sich auf die erste Stufe der Treppe und verbarg sein Gesicht in den Händen. Zufrieden wandte ich mich an Tristan der mich erstaunt ansah.

„Nun? Was hast du uns zu erzählen? Was ist damals passiert?“ fragte ich ihn ohne Umschweife.

Tristan beobachtete mich eine Weile, bis er schließlich sein Messer wegsteckte und sich seufzend an die Wand lehnte.

„Also, es war so: Magnus und ich haben uns einen Spaß daraus gemacht, uns im Trainingstrakt zu verstecken und verschiedene Illusionen auszuprobieren. Das ging jedes Mal gut und die Mentoren waren begeistert das wir jede Aufgabe unter dem Zeitlimit lösten. Mit der Zeit wurden die Illusionen im Trainingstrakt uns zu langweilig. Wir dachten, wir wären die Besten. Uns könnte nichts und niemand stoppen. Es gab nur einen der uns mit seinen Leistungen näher kam. Doch wir dachten, sobald wir die nächste Stufe erreichten, wären wir unbesiegbar. Also beschlossen wir, es im Prüfungstrakt zu probieren. Nur das es dort nicht so einfach war hineinzukommen. Nächtelang haben wir alles geplant und akribisch vorbereitet. Nun war der Tag gekommen an dem wir es wagen wollten. An diesem Tag, Raven, hast du uns allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Weißt du noch was an diesem Tag geschehen ist?“ Tristan unterbrach seine Erzählung und blickte mir geradewegs in die Augen. Ich dachte angestrengt nach, doch mir fiel nichts ein. Langsam schüttelte ich den Kopf. Magnus knurrte etwas unverständliches und Tristan fing schallend an zu lachen.

„Raven, Raven, Raven. Du bist einzigartig weißt du das? Deine Schnelligkeit, Präzision und Kraft übertrifft die der meisten deines Alters. Ich habe selten, oder besser gesagt nie, ein Mädchen gesehen die es leichthin mit Magnus aufnahm und dann nicht nur ohne Schaden, sondern auch noch als Siegerin hervorging.“ bewundernd nickte er mir zu. Siedend heiß viel es mir wieder ein: Es war der Tag des Schaukampfes: Mein Kampf gegen Magnus. Der Kampf der für ihn im Krankentrakt der Schule endete da ich ihm vor Wut in den Bauch getreten hatte und er mit dem Kopf auf den Steinplatten aufgeschlagen war. Gehirnerschütterung für ihn, Strafarbeit und eine Demütigende Entschuldigung vor dem gesamten Internat für mich.

„Wie kann man nur so etwas vergessen? War die Strafarbeit zu wenig?“ raunte Magnus mir zu.

„Glaub mir: Mich bei dir zu entschuldigen war schon Demütigend genug. Du hattest diese Gehirnerschütterung verdient,“ fauchte ich wutentbrannt.

„Das nennst du Demütigend? Ich wurde von einem wild gewordenen Eichhörnchen vermöbelt. Und das vor unseren Mentoren,“ keifte Magnus und stand wieder auf. Sein Kopf glühte rot vor Wut.

„'Wild gewordenes Eichhörnchen'?“ zeterte ich. Er hatte mich schon vieles genannt, aber das war neu.

„Ja. Ein wild gewordenes Eichhörnchen das mir das Gesicht zerkratzt hat und mit seinen kleinen Fäustchen auf mich eingedroschen hat als gebe es kein halten. Und als du merktest das ich mich nicht wehrte, rammtest du mir einfach mal dein spitzes Knie in die Eingeweide,“ rechtfertigte sich Magnus.

„Das du mit deinem riesengroßen Schädel auf dem Boden aufgeschlagen bist war aber nicht meine Schuld. Woher sollte ich auch wissen das du so hart aufschlägst und dir eine Gehirnerschütterung holst?“ schimpfte ich den Tränen nahe. „Warum musst du mich auch immer ärgern, Magnus? Warum? An diesem ‚Unfall‘ warst ganz allein du schuld. Du und deine vorlaute Klappe.“

„Du bist aber auch viel zu empfindlich,“ murmelte er.

„Was? Ich bin zu empfindlich? Du nanntest mich ein Kampfäffchen,“ kreischte ich wutentbrannt.

„Ich glaub das Eichhörnchen verprügelt in gleich wieder.“ stellte Tristan amüsiert fest. Andrew und Taylor lachten schallend. „Schadet ihm kein bisschen. Da mussten wir alle durch,“ prustete Taylor, während ihm die anderen zwei nickend zustimmten. Ich strafte in mit meinen Blicken.

„Geh mir bloß aus den Augen, Magnus, bevor ich mich vollkommen vergesse,“ knurrte ich mit aller Selbstbeherrschung die ich aufbringen konnte an Magnus gewandt. Dieser öffnete kurz den Mund als wolle er etwas erwidern, schloss in dann aber wieder und verzog sich wieder beleidigt auf die Treppe.

„Nun: Ja, es stimmt. Raven hatte Magnus eiskalt ausgeschalten und ich war alleine. Er warnte mich noch und sagte, ich solle nicht ohne ihm gehen. Ich dachte damals, er wolle nicht, dass ich die Lorbeeren ohne ihm einheimse. Ich war zu verblendet und zu Machtgierig. Also ging ich alleine. Was viele von euch aber nicht wissen und ich auch nicht wusste, bis zu dem Tag vor zwei Jahren: nicht alle Prüfungen sind Illusionen,“ erzählte Tristan weiter und ging dabei auf und ab, mit dem Kopf gesenkt als würde er über seine Worte genauestens nachdenken. Es war als würde er jedes auf die Waagschale legen. Etwas schien er zu verheimlichen. Nachdenklich beobachtete ich ihn.

„Was meinst du damit? Natürlich sind das Illusionen. Was sollte es sonst sein?“ meldete sich nun Andrew zu Wort. Er sah Tristan verwirrt an. „Portale,“ brummte Magnus.

„Portale?“ verständnislos wandte ich mich zu ihm. „Portale wie sie die Wächter öffnen?“

„Ja, Raven. Portale. Wir sind hier in keiner Illusion. Das ist alles echt. Oder warum glaubst du hat Tristan hier zwei Jahre lang überlebt?“ fuhr mich Magnus verständnislos an. Er war immer noch Wütend auf mich. Seine Wut war schon fasst greifbar.

„Das heißt wir sind… wir sind wirklich in Fallen City,“ stellte ich fassungslos fest.

„Das nennt man dann wohl eine unvorhersehbare Wendung,“ registrierte Taylor.

„Du hast zwei Jahre in Fallen City überlebt? Alleine? Das ist eine Leistung, wenn man bedenkt was für Gesindel hier rumläuft,“ bemerkte Andrew anerkennend.

„Fallen City ist leer. Hier wohnt niemand mehr. Die ganze Stadt ist wie ausgestorben,“ knurrte Tristan.

Fassungslos starrten wir ihn an. Magnus erhob sich und ging auf seinen alten Freund zu. „Wie meinst du das ‚die Stadt ist wie ausgestorben‘. Das kann nicht sein.“

„Magnus, ich meine es so wie ich es gesagt habe. Die Stadt ist leer. Hier lebt niemand mehr. Alle sind nach Westen gezogen, zur Grenze nach Skyland. Unsere Gegner sammeln sich. Sie wollen Krieg,“ erklärte Tristan gleichmütig. „Es ist so weit. Ich denke sie haben euch deshalb hierhergeschickt. Zum Auskundschaften ob es wahr ist. Ich kann es bestätigen. Habe es mit eigenen Augen gesehen.“

„Warum haben sie dich nie gesucht?“ kam die Fragen die mich die ganze Zeit beschäftigte über meine Lippen. Tristan wandte sich zu mir. In seinen Augen lag schmerz und bedauern.

„Das war dann wohl meine Strafe, Raven.“

„Deine Schuld ist hiermit beglichen. Du kommst mit uns nach Hause.“

„Ich glaube nicht das du das entscheiden kannst, Raven.“

„Ich kann es und ich tue es. Wir müssen nur diesen Dolch finden,“ beharrte ich darauf und wandte mich zu der Treppe doch Magnus versperrte mir den Weg. Er sah entschlossen über mich hinweg zu seinen alten Freund.

„Raven hat Recht: Du kommst mit uns. Es war unsere Aufgabe, dich zu finden. Jaxson hat nie daran geglaubt das du Tod bist. Ich bin mir sicher dein Bruder hat uns deshalb hierhergeschickt,“ gab er mir Recht. Verwundert drehte ich mich um. „Jaxson ist dein Bruder?“

Tristan wich meinen Blick aus. „Halbbruder,“ murmelte er. „Wie wollt ihr hier rausfinden?“

„Mit dieser,“ stolz hob ich die Karte hoch.

„Ihr habt eine Karte?“

„Natürlich. Wir sind besser vorbereitet als du,“ witzelte Taylor.

Tristan verdrehte die Augen. „Na gut. Suchen wir diesen Dolch. Wo müssen wir hin?“ fragte er resigniert.

„Du kommst also mit?“ fragte ich erstaunt das er seine Meinung so schnell änderte.

„Ihr werdet mich brauchen. Es ist gefährlich hier.“ Stellte er fest während wir die Treppen hinuntergingen.

„Ich dachte hier lebt niemand mehr?“

„Ich sagte die Stadt sei Menschenleer, nicht, dass es ungefährlich sei.“

„Tristan, was lebt hier?“ Ich konnte die Panik in meiner Stimme nicht verbergen.

Tristan lachte und öffnete die Tür nach draußen. Erschrocken blieb ich stehen. Vor uns stand ein Hundeähnliches Wesen, so groß wie ein Bär, mit zotteligem Fell und blutroten Augen. Ein knurren ertönte und das Tier fletschte die Zähne.

„Willkommen in Fallen City, der wahrlich gefallenen Stadt.“ knurrte Tristan.

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