Kapitel 26

Eine laute Sirene durchbrach die Stille des Krankenzimmers. Erschrocken fuhren alle zusammen. Vor dem Krankenzimmer ertönten hektische laute Stimmen. Türen wurden geöffnet.
„Eindringlinge haben das Tor passiert und den Alarm ausgelöst“, stellte Tristan fest und schwang sich augenblicklich aus dem Bett. „Unsere Feinde greifen an“
„Schnell“, rief Magnus über das heulen hinweg. „Verriegelt die Tür“
Blitzschnell schnappte sich Hope einen Stuhl und klemmte ihn unter die Türklinke so dass sie nicht von außen geöffnet werden konnte.
„Wie zum Erzengel kommen wir nun aus diesem Krankenflügel?“ fragte Ryder mit einer Spur von Verzweiflung in der Stimme. „Die Sicherheitstüren werden durch den Alarm geschlossen. Jede Kamera wird eingeschalten um die Eindringlinge zu finden. Nun sind wir leichte Beute“
„Auf jeden Fall nicht über den herkömmlichen Weg“ stellte Rose fest.
„Durch das Fenster, was sonst“ fauchte Taylor, der bereits das Fenster öffnete. Neben ihm standen Samuel und Tristan, der sich seine Lederjacke überwarf.
„Ihr wollt aus dem Fenster springen?“ fauchte Rose mit einer Spur Angst in der Stimme. „Seid ihr verrückt? Von allen guten Geistern verlassen?“
„Nicht springen“ erklärte Hope, die Magnus half sein T-Shirt über den Kopf zu ziehen. „Klettern“
„An der Fassade entlang bis zum Technikraum“ stellte Taylor fest. Er stand schon auf der Fensterbank. Ein kalter Luftzug fegte durch das Zimmer. „Das ist der einzige Bereich ohne Videoüberwachung“
„Das ist verrückt“ erklang neben mir die stockende Stimme von Rose.
„Hast du das schon mal probiert?“ fragte ich erstaunt.
Taylor drehte sich breit grinsend zu mir. „Was denkst du, kleiner Rabe?“
Ich verdrehte die Augen. Natürlich hatte er das schon mal gemacht. Die Stimmen auf dem Flur kamen immer näher. Ich drehte mich zu Rose. „Wir haben keine andere Möglichkeit Rose, wir müssen es tun“
„Ich kann das nicht“ schluchzte sie mit Tränen in den Augen.
„Du kannst das“ sagte ich mit bestimmter Stimme. Mit zitternden Knien ging ich zu Taylor und kletterte mit Samuels und seiner Hilfe neben ihn auf das Fensterbrett.
Kalte Luft traf mich mit voller Wucht. Ich schnappte erschrocken nach Luft und wäre beinahe rückwärts ins Zimmer gefallen. Doch Taylor fing mich behändigt auf.
„Aufpassen kleiner Rabe“ flüsterte er mir in Ohr. „Nicht das du runterfällst“
Dankend richtete ich mich auf und sah mich um. Vor mir öffnete die Leere ihren schwarzen Schlund.
Ich schluckte schwer und hob wieder den Kopf. Taylor räusperte sich. „Sieh mal hier“ Er deutete auf die Mauer rechts von mir. Gleich um die Ecke war eine Eiserne Leiter die an der Hausfassade entlang nach oben führte. Das Fensterbrett war draußen ungefähr fünf Zentimeter breit so dass wir gerade noch einen Fuß draufsetzen konnten. „Folge mir und schau nicht nach unten“ murmelte er bevor er sich leichtfüßig wie eine Katze an mir vorbei schlich und dann wie ein Affe die eiserne Leiter hinaufschwang. Vorsichtig folgte ich seinem Beispiel und setzte vorsichtig einen Fuß auf das kleine hervorstehende Stück vom Fensterbrett und griff nach dem Eisernen Gerüst der Leiter. Vorsichtig und ohne runter zu schauen drehte ich mich und schwang mich auf die wackelige Leiter. Ich schaute hinauf: Ein paar Meter ober mir wartete Taylor auf mich. Ich atmete tief durch und begann zu klettern.
Die Kälte fuhr in meine Gelenke und machte sie klamm. Mit der Zeit viel es mir immer schwer die Eisernen Sprossen zu greifen. Doch ich biss die Zähne zusammen. Ich drohte immer wieder abzurutschen, doch ich schaffte es bis zum Ende der Leiter wo mich Taylor schon erwartete und mir half. Wir waren auf dem Dach der Akademie wie ich erstaunt feststellte. „Ich dachte wir wollten zum Technikraum?“ fragte ich heiser von der kalten Luft. Hinter mir kletterte gerade Hope herauf.
„Das stimmt“ erklärte Taylor. „Allerdings müssen wir dafür einen kleinen Umweg übers Dach machen“
„Heißt das wir sind hier rauf um wieder runter zu gehen?“ schnaufte Hope ungläubig, flach auf dem Boden liegend. „Ich mach dich Kalt Taylor“
„Sobald du wieder atmest, nehme ich an?“ gluckste Taylor.
Hope straffte ihn daraufhin mit einem kalten Blick und setzte sich wieder auf. Als der letzte über den Rand des Daches geklettert war ging es weiter.
Taylor führte uns an das andere Ende des Flachdaches. Ein ungefähr ein Meter breiter Spalt trennte uns von dem nächsten Haus das niederer war als das auf dem wir standen. Wenige Meter hinter uns war eine Tür die zu einer engen Wendeltreppe führte die vom Dach ins oberste Stockwerk führte. Auf dem anderen Dach war das selbe. Von dort würden wir in die Technikräume gelangen.
Rose stöhnte auf. „Dort hinüberspringen? Wir sind nicht alles Katzen wie du, Taylor“
„Laufen und Springen, Rose“ erklärte Magnus lachend. Schweiß lief ihm über das Gesicht. Der Aufstieg war Anstrengend für ihn gewesen.
„Du solltest nicht hier sein. Du gehörst überhaupt in den Krankenflügel. Hier holst du dir noch den Tod“ zeterte Rose ungehalten.
„Der Tod muss mich schon persönlich holen kommen“ witzelte er.
„Das ist kein Scherz. Was ist, wenn deine Wunde aufbricht und du wieder Blut verlierst? Willst du sterben?“ versuchte Rose ihn zu Vernunft zu bringen.
„Ich habe nicht vor zu sterben, Heilerin. Nicht heute“
„Wenn du weitergehst wirst du es aber“
Magnus seufzte. „Wir müssen alle irgendwann sterben. Ich nenne es mal Berufsrisiko“
Rose starrte ihn einen Moment an. Dann wandte sie sich seufzend ab.
„Gut. Ich springe als erstes“ verkündete Taylor, nahm Anlauf und Sprang auf das andere Dach als würde er es jeden Tag machen.
Rose schluckte neben mir schwer.
Als nächstes Sprangen Samuel und Tristan zusammen. Ich, Magnus und Ryder folgten ihnen auf den Fuß. Nun waren nur noch Hope und Rose übrig.
„Komm Rose wir nehmen zusammen Anlauf und dann springen wir. Wir schaffen das. Komm das ist nicht so schwer wie es aussieht“ sprach ihr Hope gut zu. Doch Rose schien wie angewurzelt.
„Nein“ panisch sah sie zu dem Spalt. „Ich… Ich kann das nicht. Es geht nicht.“
„Wir haben keine andere Möglichkeit“
„Komm schon Rose. Spring“ rief ihr Magnus zu.
„Ich… ich nehme die Treppe“ Rose wandte sich zum Gehen um. Einige Meter von ihr entfernt war eine Tür zu einer Wendeltreppe. Zielstrebig steuerte sie sie an.
„Nein, tu das nicht. Komm zurück“ rief Taylor und Tristan setzte an um wieder hinüber zu springen. Hope trat einen Schritt vor um sie zurückzuhalten doch plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr Gesicht war schreckensstarr. Samuel öffnete den Mund um ihr zu zurufen doch kein laut verlies seinen Mund. Plötzlich schwang die Tür krachend auf. Mehrere schwarz gekleidete vermummte Personen betraten bewaffnet das Dach.
Dann ging alles ganz schnell. Taylor packte mich am Arm und zog mich sofort mit sich. Rufe und Schreie drangen an mein Ohr. Pfeile sausten durch die Luft und verfehlten mich haarscharf. Mein Herz schlug mir schmerzhaft gegen die Rippen. Gedanken rasten durch meinen Kopf. Wer waren diese Eindringlinge? Was war mit Rose? Und Hope? Und dann waren wir schon im engen Treppenhaus des Gebäudes. Hope sprang als letzte durch die Tür, dann verbarrikadierten Magnus und Samuel die Tür. Völlig außer Atem lehnte sie sich an die Mauer um durchzuatmen. An ihrem rechten Arm war ein Schnitt aus dem langsam Blut floss. Ich schluckte schwer und lies meinen Blick durch den Raum wandern. Es fehlte Rose.
Pfeile trafen auf das Eisen der Tür. Für einen Moment saßen wir nur still da und hielten den Atem an.
„Rose?“ fragte ich in die Stille.
Köpfe senkten sich. Ich wusste was das bedeutete. Ein Kloß breitete sich in meinem Hals aus. Das Gefühl zu ersticken wurde übermächtig. Schwerfällig drehte ich mich weg und stieg langsam die Treppe hinunter. In meinen Augen sammelte sich das Wasser und lies das Treppenhaus verschwimmen. Ungeschickt stolperte ich. Ein starker Arm hielt mich davon ab die Treppe hinunter zu stürzen. Ein stechender Schmerz zog durch mein Rückgrat, doch er war nichts gegen die Leere die ich fühlte. Sie war Tod. Und daran war ich schuld.
„Sie ist Tod“, flüsterte ich zu meinem Retter. „Es ist meine schuld“
„So darfst du nicht denken“ ertönte Magnus Stimme an meinem Ohr. „Wir hätten nichts mehr für sie tun können. Sie waren in der Überzahl und uns weit überlegen“
„Wir haben sie zurückgelassen“ schniefte ich unter Tränen während mich Magnus blind über die Treppe herunterführte. „Sie hatte Angst und wir haben sie zurückgelassen“
Als wir am Ende der Treppe ankamen und wir wieder geraden Boden unter den Füßen hatten, drehte mich Magnus zu sich.
„Hör mir zu“ Er hielt mich an den Oberarmen fest so dass ich seinem Blick nicht ausweichen konnte. „Es stimmt: Rose ist Tod und das tut weh, ich weiß. Aber wir müssen weiter. Diese Eindringlinge sind nicht für einen Spaziergang in die Akademie eingebrochen: Sie wollten etwas oder jemanden. Und das war mit Sicherheit nicht unsere liebe Rose. Ich weiß du bist traurig und willst nur eines: Dir die Seele aus dem Leib heulen, aber jetzt ist nicht die richtige Zeit dafür, Raven. Verschiebe es auf später. Jetzt müssen wir das was sie suchen, vor ihnen finden“
Ich nickte beklommen als er fertig war und mich los lies. Sanft wischte er mir die Tränen aus den Augenwinkeln. „Eine Kriegerin kennt den Schmerz weiß ihn aber im Kampf gegen ihre Feinde einzusetzen“ rezitierte er aus dem Buch der Engelskrieger.
„Und so wird sie Kämpfen bis das Recht siegt“ rezitierte ich zu ende.
„Das ist meine Kleine“
„‘Deine‘ Kleine?“ fragte Taylor mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann hast du Anspruch auf sie erhoben?“
Magnus lachte. „Als sie das schaffte was bis her niemand schaffte: Mich zu besiegen“
Hope sah mich verwundert an. Ich hob nur entschuldigend die Schultern.
„Eine musste ihm doch mal in den Arsch treten“
Taylor lachte. „Das ist milde Ausgedrückt“ Leise lachend führte er uns einen dunklen Gang entlang.
„Wir sind gleich da“ flüsterte er vorsichtig. Die Halogenen Lampen flackerten über uns. Mir kam es vor wie ein Deja vù. Vor einer Tür rechts von uns machte Taylor abrupt halt. Er hob die Hand und klopfte einmal, dann zweimal schnell und dann wieder einmal. Langsam öffnete sich die Tür. Ein dunkler Haarschopf erschien an der Tür.
„Mann, Taylor. Wir dachten schon du kommst nie“ Schwungvoll wurde die Tür geöffnet. Ein fast zwei Meter großer Junge mit schwarzen verwuschelten Haaren und von schlaksiger Statur ging vor uns in den Raum an ein Kontrollpult. Langsam traten wir in das Zimmer. Vor uns erhellten Monitore den Raum auf denen ich Schüler erkannte die flüchteten oder sich verbarrikadierten. Auf anderen sah ich schwarz gekleidete vermummte Gestalten die bewaffnet durch Gänge und Räume marschierten. Ein Monitor fiel mir ins Auge. Darauf war ein langer Gang zu sehen. Er kam mir seltsam bekannt vor bis ich erkannte das es der Gang vor meinem Zimmer war.
„Sie kamen durch ein Portal“ erklärte plötzlich der schwarzhaarige Junge. „Das hier ist der westliche Sicherheitstrakt. Unsere Aufgabe ist es Alarm zu schlagen und alles zu verriegeln sobald wir etwas Merkwürdiges sehen. In all den Jahren haben wir schon vieles erlebt“ Der Junge warf mir einen wissenden Blick zu. Ich wandte mich wütenden Blickes zu Taylor doch der schien fasziniert von den Monitoren. „Aber die sind um Punkt Mitternacht im südlichen Raum der Portale durch eines hereingekommen als wäre es das normalste der Welt“ fuhr der schlaksige Junge fort zu erzählen und zeigte auf die Monitore. „Wir haben alles beobachtet. Eine Junge Frau ging als erstes durch das Portal. Nach ihr folgten circa zwanzig Mann. Sie gab Befehl auszuschwärmen. Da haben wir sofort den Alarm ausgelöst und alles verbarrikadiert“ Er schaute nachdenklich auf seine Kollegen. Ein ebenso schlaksiger großer Mann mit Brille und Ziegenbart nickte.
„Ich denke ihr wollt zu den Portalen“ fragte er an Taylor gewandt. Dieser nickte immer noch mit dem Blick auf den Monitor der den Gang vor meinem Zimmer zeigte. Eine dunkel gekleidete junge Frau mit zum Pferdeschwanz gebundenen schwarzen langen Haaren eilte zielstrebig den Gang entlang. Hinter ihr folgten vier bewaffnete Männer. Vor einer Tür blieb sie stehen und gab ein Zeichen. Zwei der Männer traten vor und öffneten mit einem Tritt die Tür. Eilig liefen sie hinein. Nachwenigen Minuten kamen sie zurück, in ihrer Mitte eine junge Frau die sich verzweifelt verteidigte doch sie wurde wie eine Puppe abgeführt. Schreckensstarr stand ich vor den Monitoren: Das Zimmer darauf war meines. Die Junge Frau die abgeführt wurde war ohne Zweifel Haven.

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