Mut und Sonnenlicht

„Keine zwei Atemzüge in der Stadt und schon kommandiert uns Neverember in seinen Palast, weshalb bin ich nicht überrascht?“, murmelte Keeda mürrisch, während sie die zahlreichen Stufen zum höchsten und prachtvollsten Gebäudes Neverwinters hinaufkletterte. Sie sah sich besorgt zu Harbek um, der trotz seiner Erschöpfung ebenfalls in den Thronsaal geordert worden war und bei jeder Stufe aufkeuchte. Er biss zwar die Zähne zusammen, aber man konnte ihm die Müdigkeit deutlich von den schwarzen Ringen unter seinen blanken Augen ablesen.
„Mal wieder in bester Laune?“ Harbek keuchte abermals auf, doch seine Erschöpfung hielt ihn nicht von einem spitzen Kommentar ab. Keeda blieb einen Moment stehen, damit er sie einholen konnte und überging seine Bemerkung. In seinem Zustand wollte sie ihm gern verzeihen, zu erleichtert war sie darüber, dass er bereits in Form für Sticheleien war. Die Heiler hatte er wie erwartet fort geschickt, sobald er die Kraft besessen hatte zu sprechen und sie als Quacksalber und schlimmeres beschimpft, um sich selbst zu versorgen.
„Ich möchte auch nicht zu ihm, und bei den Göttern, ich habe auch keine Lust auf diese endlose Foltertreppe, aber noch ist er der Lord Neverwinters und hat das Kommando über die Streitkräfte. Unsere Informationen könnten wichtig sein.“ Alice blieb ebenfalls stehen, um auf den Zwergen zu warten. Sie war bereits einige Stufen voraus und blickte nachdenklich zu den marmornen Wänden über sich hinauf, die im Sonnenlicht glitzerten.


„Seid gegrüßt, meine Helden! Es ist mir eine Ehre euch in der Halle der Gerechtigkeit begrüßen zu dürfen.“ Neverember stand mit ausgebreiteten Armen vor dem Thron und lächelte sie gewinnend an, „Eure Taten eilen euch wie so oft voraus und ich möchte euch danken!“
„Was wetten wir, dass er sich diesen Satz irgendwo notiert und auswendig gelernt hat?“; flüsterte Keeda schwer atmend in Alice Ohr. Sie musste grinsen, aber neigte leicht den Kopf vor dem Lord und Herrscher der Stadt. Harbek folgte ihrem Beispiel unsicher, es war das erste Mal, dass sie dem Lord seit ihren Entdeckungen über seine Vergangenheit, begegneten, doch Keeda blieb wie üblich stur und aufrecht stehen.

„Hauptmann Jarsons Bote kam erst einige Stunden vor euch an, er muss geritten sein als wäre der Teufel hinter ihm her“, sprach Neverember charmant weiter.
„In diesen Zeiten, würde es mich nicht wundern, wenn das tatsächlich der Fall wäre“, unterbrach ihn Keeda höhnisch und erntete dafür einen Seitenstoß von Alice, die sie warnend ansah. Die Nachricht Reiß dich zusammen, bis wir einen vollständigen Plan haben und keine Armee Untoter vor der Stadtmauer steht! war deutlich an ihren Rippen zu spüren. Sie setzte ein entschuldigendes Lächeln auf und bedachte den Lord mit einem heuchlerischen Schmunzeln.
„Es sind gefährliche Zeiten“, stimmte ihr Neverember ebenso falsch zu, „Doch dank euch, sind sie zumindest im Turmviertel ein klein wenig sicherer, auch wenn ich zugeben muss, dass ich dem Frieden nicht traue.“
„Dem Frieden oder den Orks, denn ich kann euch versichern, das beidem zu trauen ist“, unterbrach ihn Keeda erneut und wich geschickt Alice Schlag aus. Neverember lachte spöttisch auf.
„Verzeiht, wenn ich dem Urteil einer Drow über die Verlässlichkeit eines Orks nicht traue! Ihr Volk ist barbarisch, doch wir werden den Frieden dennoch so lange wie möglich aufrecht erhalten, und die Vorgänge nicht aus den Augen lassen.“
„Gibt es Frieden, wenn man Krieg erwartet? Es ist so, wie der Kommandant sagte, ihr wollt die Waffen nieder legen, sie aber nicht vernichten. Ihr wartet nur darauf erneut zuzuschlagen.“
„Ich versichere euch, ich sehne mich wie ihr nach Frieden, doch dürfen wir nicht blind vertrauen. Ich ziehe es vor, der Gefahr realistisch entgegen zu treten. Einem Ork ist nicht zu trauen, doch zu unserem Glück haben wir sie in der Hand, die Soldaten, die sie dem Kampf gegen Valindra beisteuern, müssten in einigen Stunden eintreffen, wenn wir Glück haben noch bevor sie ihren Angriff startet.“ Neverember wandte sich zu Feldwebel Knox, der bis dahin regungslos in seinem Schatten gewartet hatte. „Berichtet unseren Helden von Valindras Armee.“

Knox räusperte sich, „Die Nekromantin lässt ein Heer aus Untoten, Bestien, Teufeln und weiteren Monster aufziehen, von denen nur die Götter wissen, was sie einst waren. Gegen Dämmerung werden sie unsere Mauer erreichen, doch wir vermuten, dass sie erst mit Anbruch der Nacht angreifen, ihre Kreaturen sind aus der Finsternis geboren und zu jener Stunde am stärksten. Ihren ersten Angriff konnten wir damals nur mit Hilfe des Lichts gewinnen, scheint sie hat aus ihren Fehlern gelernt.“
Alice runzelte die Stirn, „Ihren ersten Angriff?“ Knox sah fragend zu Neverember auf, der ihm gewährend zunickte. Erneut räusperte sich der Feldwebel, seine Augen wanderten in die Ferne und die Stimme wurde rau.
„Vor Jahrzehnten, als ihr Schatten erstmals unser Land erreichte, griff sie die Protectors Enclave an. Ihr Angriff war heimtückisch. Erst tötete sie durch dunklen Zauber unseren geliebten König und danach griff sie an, wir hatten keine Zeit uns neu zu formieren, hatten keinen Befehlshaber mehr und er herrschte Chaos in unseren Reihen. Allein Lord Neverember ist unser Sieg zu verdanken, in der Stunde der größten Not übernahm er die Führung und schuf Ordnung.“ Dankbar blickte er zu seinem Lord auf, der bei den lobpreisenden Worten selbstgefällig lächelte.
„Erzählt mehr von dem Angriff“, verlangte Harbek nachdenklich.

„In ihrem Heer tummelten sich wie heute unbekannte Kreaturen, auch ein Drachenlich war dabei und ein Krieger, von bestialischem Aussehen. Seine Haut war schwarz wie Obsidian, sein Haar silbern wie Mondlicht, doch seine Augen leuchteten gespenstig blau.“ Er sah zu Keeda hinunter, die bei Knox Beschreibung schwer schluckte, „Er spürte weder Schmerz noch Erschöpfung und führte die Armee an. Es war den Toten gleich, wie viele wir von ihnen töteten, sie marschierten weiter.
Vom Himmel aus, ließ Valindras Drachenlich blaues Feuer auf uns regnen, am Boden rückte der Tod näher und schließlich durchbrach ein Geschoss unsere Mauer. Uns blieb keine andere Wahl als hinaus zu stürmen und den Feind auf offenem Feld zu bekämpfen. Mutige Frauen und Männer kämpften damals an meiner Seite und mit ihrer Hilfe gelang es uns ihren Anführer zu töten.
Die Kleriker errichteten Mauern aus Licht, um das Vordringen des Feindes aufzuhalten, dennoch erlitten wir große Verluste, bis Valindras Armee zu ausgedünnt war, um zu siegen.
Sie zog sich zurück, und griff stattdessen die Dörfer und Außenposten an, um uns zu schwächen. Bis heute blieb sie bei diesen minderen Zielen, doch jährt sich der Tag ihres ersten Angriffs.
Unsere einzige Hoffnung ist die gleiche wie schon vor vielen Jahren, mutige Männer und Frauen, die bis zum Ende für die Freiheit Neverwinters kämpfen und gewillt sind für sie zu sterben. Kleriker, die mit Hilfe des göttlichen Lichts ganze Scharen von ihnen verbrennen können“, er sah Harbek an, „Und die Hoffnung bis zum Morgengrauen durchzuhalten.“

„Kleriker könne ganze Scharen von Untoten vernichten?“, fragte Alice zweifelnd und sah Harbek prüfend an, „Das wäre mir neu.“ Harbek verdrehte genervt die Augen und dachte wie sie an ihren Kampf auf der Brücke des schlafenden Drachen.
„Damals kämpften wie bei Nacht, wir Kleriker brauchen das Licht der Sonne, um Strahlenzauber zu wirken. Versucht man solche Magie bei Nacht, können die Konsequenzen tödlich sein.“
Knox nickte zustimmend, „Deswegen müssen wir bis Tagesanbruch überleben, die Sonne ist unsere stärkste Verbündete im Kampf gegen Valindras Schattenarmee.“
„Wir sollten unsere Kräfte auf Valindra selbst fokussieren“; entgegnete Harbek nachdenklich, „Töten wir sie, fällt auch ihre ganze Armee.“ Knox zog argwöhnisch die Brauen zusammen und setzte zu einer Frage an, doch Neverembers freudloses Auflachen ließ ihn inne halten.
„Valindra töten? Ihr habt keine Ahnung mit wem wir es tun haben. Außerdem, woher wollt ihr wissen, dass sie der Schlüssel zur Vernichtung der Untoten ist?“

„Wir haben Nachforschung angestellt“, erklärte Keeda schleierhaft und lächelte den Lord hämisch an, „Und haben recht interessante Geschichten gehört.“ Neverember zog fragend die Brauen hoch und ein merkwürdiger Ausdruck trat in seine wachen Augen.
„Der Großteil war nicht von Bedeutung, aber glauben sie uns, Valindras Vernichtung würde den Untoten Frieden bringen.“ Alice sah Keeda warnend an, doch diese dachte nicht daran mit ihren spitzen Bemerkungen aufzuhören.
„Nur eine kleine Recherche über die Verdienste von König Ahren und ach ja, wir haben eine bezaubernde Liebesgeschichte über einen jungen Soldaten und seiner Mondelfenfreundin gehört. Herzzerreißend.“ Keedas Lächeln wurde breiter, als sie den schockierten Ausdruck in Neverembers Augen sah, der rasch in Wut wechselte und schließlich unter der üblichen charmant, gleichgültigen Fassade versteckt wurde.
„Ihr habt mir nie Anlass gegeben euch zu misstrauen“, antwortete er spitz und überging Keedas Bemerkung, „Doch Valindra ist zu mächtig, man kann sie nicht besiegen.“

„Vielleicht sollte man sich mit ihr treffen? Womöglich kommt man zu einer Einigung, wie im Turmviertel?“ überlegte Alice laut. Keeda wandte sich bei diese Worten von Neverember ab und lachte spöttisch auf. Selbst Harbek schüttelte fassungslos den Kopf.
„Deine Diplomatie in Ehre Alice, aber sie ist eine nekromantsiche, Loth-verfallene Massenmörderin, die die Macht besitzt Tote zu erwecken und gerade ein Heer gegen diese Stadt aufmarschieren lässt. Wie hoch, glaubst du ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Frieden schließen möchte?“
„Ein Treffen mit dem Feind würde ich ohnehin nie gestatten“, donnerte Neverember zornig und deutete aus dem Fenster in Richtung Stadtmauer, „Geht nun zur Mauer, ich bitte euch. Wir brauchen mutige Kämpfer, wenn wir die Nacht überstehen wollen.“
Alice nickte und griff nach Keedas Arm, die erneut vortreten wollte. Ihre Fingernägel gruben sich tief in die dunkle Haut der Drow und sie zuckte zusammen. Sie hatte sich schon abgewandt, als sie stehen blieb und sich umwandte. „Wenn alle Soldaten Neverwinters hier sind, wer beschützt die wehrlosen Bürger in den Dörfern?“
Neverember sah erstaunt auf und schüttelte resigniert den Kopf, „Wenn wir diese Schlacht verlieren wird es ohnehin keine Dörfer mehr geben. Ihre Sicherheit liegt in euren Händen, siegt heute Nacht, und ihr bringt ihnen Frieden, verliert und unser aller Ende ist besiegelt.“

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