Robotopia (4)

Ich erblickte Adam. Er lag auf einem Tisch und viele hatten sich schon um ihn herum versammelt, um ihn zu reparieren. Es hatte Menschen wie Roboter darunter. Zögernd trat ich näher an den Ort des Geschehens heran und hielt dann, mit einem kurzen fragenden Blick an die Adresse meines Begleiters, inne. „Ist schon okay!“ sprach dieser „sie müssen ja das Protokoll schreiben. Schreiben sie alles ganz genau auf, was sie hier beobachten! Es wird wichtig sein für die kommenden Gerichtsverhandlungen.“ Ich nickte und holte ein hochmodernes Notebook hervor, welches einen Hologramm Bildschirm besass, der nun hellblau aufflackerte. Ich setzte mich auf einen Stuhl, ganz in der Nähe von Adams Lager und begann jedes Detail, mit schnellen Fingerbewegungen, über die touch screen Tastatur, einzutippen .

Adam sah wirklich schlimm aus! Sein Brustkorb und auch sein Kopf waren zerfetzt, Drähte und Kabel standen überall heraus, es erinnerte mich irgendwie an die zerstörten Wände des Hauses. Adams Wunden, sahen ganz ähnlich aus, nur dass bei ihm zusätzlich noch überall gelblich-weisse Flüssigkeit austrat und auf den glatten Marmorboden darunter tropfte. Wir nennen diese Flüssigkeit Roboterblut. Sowas wie der Kraftstoff oder auch der Lebenssaft eines jeden Roboters.

Der Anblick dieses… ja man konnte sagen Massakers, weckte in mir ein ganz eigenartiges Gefühl, ein Gefühl, dass sich in meine Körper ausbreitete, wie ein unangenehmes Ziehen und Pochen. Ich konnte es nicht richtig einordnen, aber es gefiel mir ganz und gar nicht. Es verwirrte mich und machte mich zugleich seltsam schwermütig. Adam… ich weiss auch nicht… sein Schicksal ging mir irgendwie nahe, auch wenn er ein Roboter war. 

„Wie steht es um ihn?“ fragte ich einen Spezialisten in meiner Nähe. Der grosse schlaksige Mann, mit den goldblonden kurzgeschnittenen Haaren und der etwas zu grossen Brille auf der Nase sprach: „Er ist schon schwer beschädigt. Sein Zentralrechner ist in Mitleidenschaft gezogen und einige Schäden an seinem Korpus, führen zum Verlust einiger vitaler Funktionen.“ „Kriegen… sie ihn wieder hin?“ „Bestimmt werden wir das meiste wieder hinkriegen, doch was für einen Einfluss es auf seinen Speicher hat, wissen wir noch nicht so genau. Es kann zu Verlusten von gewissen Daten, oder zur Veränderung gewisser Protokolle kommen.“ Ich schrieb alles auf, was man mir da erzählte, denn ich kann mich unterhalten und fast zeitgleich schreiben, dafür bin ich ausgebildet. „Veränderungen von Protokollen, was heisst das im Klartext?“ „Eine Veränderung seiner Verhaltensweisen.“ „Was ist mit dem Grundprotokoll, auf dem alles basiert? „Sie meinen das Protokoll im Bezug auf die Menschen und andere lebendige Wesen?“ „Ja.“ „Das ist zum Glück noch intakt. Doch andere könnten sich verändert, oder gar verloren gegangen sein. Das sehen wir erst später.“ „Wird er seinen Aufgaben dann noch nachkommen können?“ Der Angesprochene erwiderte, während er einige Schrauben anzog: „So schnell wohl nicht mehr. Aber wir werden ihn so weit herrichten, dass er sich wieder an die Öffentlichkeit wagen kann, ohne dass gleich Panik ausbricht. Doch das ist nicht mein Bereich, ich muss ihn einfach so gut als möglich reparieren.“ „Ich hoffe sie schaffen das!“ sprach ich und es war mir zutiefst erst damit. Denn was würde ohne Adams weiser Führung aus Robotopia werden? Ich ging noch eine Weile um Adam herum und schrieb irgendwie seltsam bewegt, seinen ganzen Zustand auf und was mit ihm gemacht wurde. Das war die Aufgabe eines Protokollführers. Die Protokolle die ich verfasste wurden sogleich in einem der riesigen Zentralrechner der Stadt gespeichert und so hatten alle die die Befugnis besassen, Zugriff darauf. Es war eine wichtige Aufgabe, die mich mit einem gewissen Stolz erfüllte.

Schliesslich, hatte ich alle wichtigen Details aufgeschrieben und raufgeladen. Der Roboterpolizist, welcher mich hierher begleitet hatte, kam nun zu mir und sprach: „Wenn sie hier fertig sind, könnten sie in das andere Nebenzimmer kommen. Dort wird der Terrorist vernommen, den wir hierbehalten haben.“ Eifrig nickte ich und folgte dem Gesetzeshüter ein weites Mal. Er führte mich in einen etwas kleineren Raum. Vermutlich ein Büro, wie es aussah. Hier war schon alles aufgeräumt, nur die Fensterfront, war noch nicht ganz repariert, doch die Nanos waren schon fleissig daran. Ich ging an der klaffenden Öffnung vorbei und schaute kurz hinaus. Tief unter uns lagen die Höhen und Klüfte der bunten Stadt. Hier ging es wirklich sehr weit runter… Ein flaues Gefühl ergriff von mir Besitz und ich trat schnell wieder zurück. Am Tisch sass ein Mann, ebenfalls ziemlich alternativ gekleidet, mit einem Bart, aber einem etwas gepflegteren, als der von seinem Anführer. Seine Haare waren weissblond. Sein Körperbau recht kräftig und er hatte wässrige, blaue Augen, die zornerfüllt blitzten, als sich zwei Roboter neben ihm postierten, um ihn zu bewachen. Ihre weissblauen, glänzenden Uniformen mit den Sternen darauf, warfen das Licht zurück, dass durch das Fenster hereinschien. 

Der Blonde blickte von einem zum andern und sprach mit einer bitteren Häme in seiner Stimme: „Wenigstens könntet ihr mich von Menschen bewachen lassen, nicht von diesen Blechbüchsen.“ Sein Blick fiel nun auf mich „Und wer bist du Blechbüchse, wie ein Polizist siehst zu jedenfalls nicht aus.“ Wie üblich erwiderte ich mit neutraler Freundlichkeit: „Ich bin Jenks und meine Aufgabe ist Protokollführer.“ „Achso, dann schreib doch gleich das hier auf: Ich hasse Roboter und ich hasse ihre Welt. Irgendwann werden sie unseren Niedergang  besiegeln!“ Er spukte die Worte förmlich aus und ich merkte, wie er innerlich kochte. Doch eigentlich beeindruckte er mich nicht so wirklich. Er redete nur Schwachsinn, was sollte das mit den Robotern, die den Niedergang der Welt herbeiführen würden? Immerhin waren sie es ja gewesen, die die Welt gerettet hatten, weil die Menschen es nicht vermochten.

Ein menschlicher Polizist, ebenfalls mit der blauweissen Uniform, welche aber etwas dehnbarer war, als bei den Roboterpolizisten, setzte sich nun dem Terroristen gegenüber. Seine Haar war schwarz und kurzgeschnitten, seine Augen dunkelbraun. Er wies den Verbrecher mit harschen Worten in seine Schranken. „Ersparen sie uns ihre Hasstiraden. Das was sie sagen ist Unsinn, das wissen sie. Die Roboter haben sehr viel für unsere Welt geleistet und wir arbeiten gut mit ihnen zusammen.“ Der Blonde lachte bitter auf „Natürlich, in Selbsttäuschungen waren die Menschen schon immer Meister, nicht wahr? Seht ihr denn nicht, was hier gerade passiert? Ein Roboter wurde an höchste Regierungsstelle gesetzt und nun erlässt er ein unnützes Gesetz nach dem anderen. Dazu kommt noch, dass diese Roboter den Menschen immer mehr Aufgaben abnehmen und wir immer abhängiger von ihnen werden. Irgendwann werden wir das bereuen.“ Der Polizist wirkte offensichtlich ärgerlich, doch er lenkte das Gespräch nun auf den Anschlag. „Dann geben sie also zu, dass sie diese Bombe gezündet haben, um ganz bewusst Adam und seine Getreuen zu töten, oder zumindest schwer zu verletzen?“ Ich schrieb alles detailliert auf, denn mir war klar, dass dies noch sehr wichtig werden würde, um die Terroristen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

 

Protokoll Nr. 5

Fanatismus

 

Die hellblauen Augen des Weissblonden blickten eisig und ohne jegliche Furcht, als er erwiderte: „Ja, das haben wir! Jemand muss ja endlich etwas gegen diese Roboterplage unternehmen! Das ist ja kein Leben mehr so.“ Der Polizist horchte auf und lehnte sich irgendwie zufrieden zurück, weil es so einfach gewesen war, dieses Geständnis zu erhalten. Dann neigte er sich wieder nach vorne und fixierte den Terroristen mit seinen dunklen Augen. „Dann leugnen sie es also nicht?“ „Nein, ich leugne nichts. Ich hoffe nur, dass Adam nie mehr wiederhergestellt wird. Dann können die Menschen ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen. Das alles hätte niemals so weit kommen dürfen.“ „Sie geben also ganz klar zu, Adam und seine Getreuen, darunter auch einige Menschen wohlgemerkt, in die Luft gesprengt zu haben!“ fragte der Polizist nochmals mit kalter Stimme.

 

Als er das von den Menschen erwähnte, huschte ein kurzer Schatten der Unsicherheit über das Antlitz des Terroristen. Doch er fing sich sogleich wieder und sprach: „Eigentlich galt der Anschlag ja vor allem Adam und seinem Roboterpack, aber manchmal gibt es halt gewisse Kollateralschäden, wenn man etwas erreichen will.“ Der Polizist nickte ruhig und wies seinen Roboterkollegen, welcher mich hergeführt hatte an, ihm etwas zu bringen. Dieser brachte ihm eine Vakkuumtüte und  der menschliche Polizist warf selbige vor dem Verbrecher auf den Tisch. Jener zuckte erschrocken zurück. Ich schaute näher hin und ein Bild des Schreckens bot sich mir dar. In der Tüte befand sich der blutige, abgetrennte Arm einer Frau! Der Menschenpolizist lächelte leicht verschlagen und sprach. „Schauen sie gut hin Mr. Villmer! Diese Frau hiess Filgrina Manx. Sie war die Mutter von zwei kleinen Kindern, kaum dem Kindergartenalter entwachsen und sie… haben ihr heute auf grausamste Art das Leben genommen. Was für ein Gefühl ist das? Schauen sie gut hin, schauen sie hin! Sie haben sie in Stücke gesprengt! Noch andere Menschen sind ums Leben gekommen, genaugenommen 4 Personen. Das macht sie zum mehrfachen Mörder! Ihr Schicksal ist bereits besiegelt.“

 

Der Blonde schien einen weiteren Moment lang unsicher zu werden und starrte angeekelt auf den blutigen, ausgefransten Arm der Toten. Dann schob er die Tüte jedoch ein Stück von sich und erwiderte: „Das ist bedauerlich, war aber nötig.“ Nun verlor der Polizist für einen Moment lang die Fassung und sprang auf. Wütende schlug er auf den Tisch, doch der Terrorist zuckte mit keiner Wimper. „Sie haben diese Frau ermordet und noch einige mehr und sie sagen, es war nötig!?“ schrie er. Sein Roboterkollege legte ihm beschwichtigend die metallene Hand auf die Schulter und der Menschenpolizist atmete tief durch und setzte sich wieder hin. „Soll ich für dich weitermachen Knoot?“ fragte der Roboter. Doch Knoot schüttelte den Kopf. „Nein geht schon, danke Manx.“ Der Roboter nickte gleichmütig und trat wieder zurück. Noch einmal atmete sein Kollege tief durch und fand seine Fassung wieder. „Sie sehen also Mr. Villmer, ihnen droht den Rest ihres erbärmlichen Lebens der Knast. Viermal lebenslänglich, um genau zu sein und noch einiges an Schadenersatzforderungen, wegen der Zerstörung staatlichen Eigentums. Darunter auch die Roboter, die sie in die Luft gejagt haben. Dass sie Adam so schwer verletzt haben, trägt natürlich in keinster Weise zu ihrer Entlastung bei…“ Er sagte verletzt, das war eher aussergewöhnlich, in Bezug auf einen Roboter.  Irgendwie berührte mich das seltsam und ich schrieb das Wort auch genauso hin: Verletzt… Etwas in mir regte sich, doch ich konnte es nicht einordnen. Wie so manches nicht, dass ich die letzte Zeit empfunden habe. Doch ich hatte keine Musse lange diesen Gedanken nachzuhängen, denn ich hatte meine Aufgabe als Protokollführer gut zu erfüllen.

 

Knoot sprach barsch:  „Also Villmer, reden sie lieber und erzählen sie uns alles über ihre Organisation! Vielleicht kann ich dann ein gutes Wort für sie einlegen.“ Der Weissblonde, schwieg einen Moment, als würde er es sich überlegen. Als er jedoch den Kopf hob, war sein Gesicht zu einer verschlagenen Fratze verzogen und er begann böse, fast psychopatisch zu lachen. „Sie stellen sich das ja sehr leicht vor, nicht wahr? Sie denken, sie nehmen mich gefangen, legen mir die Konsequenzen meines Tuns dar, die ich schon längst selbst kenne und dann glauben sie, ich werde wie ein Fähnchen im Wind zum Verräter an meinesgleichen. Vergessen sie’s!“ Die letzten Worte spukte er förmlich aus. „Sie werden von mir gar nichts erfahren, gar nichts! Wir haben eine Mission, eine Mission die wir ganz bestimmt nicht durch eine solche Lappalie aufs Spiel setzen werden! Ich bin nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Es gibt Duzende, die meinen Platz nur zu gerne einnehmen werden, wenn ich… nicht mehr bin!“ In diesem Augenblick tat der Terrorist etwas völlig Unerwartetes. Er sprang auf, stiess die beiden Roboter neben sich zur Seite und lief auf das zerstörte Fenster zu. Die Poizisten waren völlig perplex und holten ihre Waffen hervor, welche jedoch nur mit Betäubungsmunition gefüllt waren, denn tödliche Waffen verwendete man schon lange nicht mehr. Sie gaben mehrere Schüsse auf den Fliehenden ab, doch dieser… sprang einfach mit einem gewaltigen Satz aus dem Fenster. „Verdammt!“ fluchte Knoot und lief mit seinen Roboterkollegen zu der klaffenden Fensterlücke…

Kommentare

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    manx und knoot, guter bulle und böser bulle ;) wieder sehr gut geschrieben

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