Seelenfeuer


Kapitel 4

Seelenfeuer

 

Es war kalt, der Wind zerrte an der Frisur, die ich mir mühevoll und umständlich zurechtgezupft hatte. Sicher gäbe es auch gleich Regen, denn am Himmel hing eine dicke Wolkendecke. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis unter mein Kinn und sah zum x-ten Mal auf mein Handy.

Ich wartete seit zwanzig Minuten auf meinen unzuverlässigen Freund Nicolás. Noch dazu in meinen hohen Schuhen, wegen denen ich bei jedem Windstoß umzukippen drohte. Ich war stinksauer und mit jeder Minute, die ohne ein Lebenszeichen von ihm verstrich, steigerte ich mich mehr und mehr in diese Wut hinein.

Ich war einer Explosion gefährlich nahe, als endlich mein Handy klingelte „Nicolás, wo zum Teufel steckst du! Ich stehe hier mitten in Berlin und warte auf dich und habe keine Ahnung, wo ich mich befinde, geschweige denn, wo ich hin muss.“, fuhr ich ihn durchs Telefon ohne ein Wort der Begrüßung an.

„Keine Aufregung, Süße.“, erwiderte er so locker, dass ich noch wütender wurde. „Weißt du wie schwer es ist, in dieser Stadt ein Taxi zu bekommen? Ich bin so gut wie bei dir!“

„Du hättest eben eher los fahren müssen.“, erwiderte ich hart.

Plötzlich legte jemand von hinten einen Arm um meine Hüfte und vor mir erschien eine Kamera mit Linse zu mir gedreht. KNIPS. Erschrocken und auf Krawall gebürstet, drehte ich mich um. Nicolás lachte aus vollem Halse. Meine Wut wich purer Erleichterung, dass er endlich da war. „Du bist ein richtiger Idiot!“

„Nicht sauer sein.“, sagte er und sah mich reumütig an, während er einen Strauß gelber Lilien hinter seinen Rücken hervorzog. Das raubte mir den Atem. Ich hatte nie zuvor von einem Mann Blumen bekommen und erst recht nicht wegen einer solchen Banalität wie Zuspätkommen.

„Wieso schenkst du mir Blumen?“, stotterte ich hilflos, während mir mein Herz bis in die Gurgel sprang, was nicht an Nicolás lag, sondern an der schlichten Geste. „Weil ich zu spät komme!“, half er mir lächelnd auf die Sprünge.

„Danke!“, sagte ich, aus tiefstem Herzen gerührt.

„Und sieh dich nur einer an!“ Er musterte mich und pfiff anerkennend, was die Röte auf meinen Wangen noch vertiefte, dann gab er mir das Foto aus seiner Sofortbildkamera. „Ein kleines Andenken an mich.“

Ich starrte mit großen, schreckgeweiteten Augen aus dem Bild heraus, während er schelmisch grinste und sich ganz offenbar tierisch über meinen Schreck amüsierte.

„Danke.“, sagte ich noch einmal ehe ich es in eine meiner hinteren Hosentaschen gleiten ließ. „Wo müssen wir hin?“

„Ich habe schon nach dem günstigsten Hotel in der Nähe des Vorsingens gesucht, deswegen auch die Verspätung.“, berichtete er. „Und ich habe zwei Einzelzimmer gebucht.“

„Wow! Danke! Du hast ja wirklich an alles gedacht.“ Letzteres murmelte ich mit einem erneuten Blick auf die Blumen.

Das Hotel war schlicht und sicher nicht gerade das, was man gemütlich nennen konnte. Die Wände waren in einem sterilen Weiß gehalten und im Badezimmer konnte man sich kaum drehen ohne Gefahr zu laufen, gegen das Waschbecken, die Toilette oder die Duschkabine zu stoßen.

Nicolás saß auf meinem Bett und sah mir zu, wie ich nervös im Zimmer auf und ab ging. „Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn wir erst morgen angereist wären. Jetzt, da wir hier im Hotel sind, fühle ich mich irgendwie verloren.“

„Lass uns doch die Gelegenheit beim Schopfe packen und Berlin etwas näher kennenlernen.“

Ich zog die Brauen nach oben und sah auf die große, hässliche Uhr über dem Bett. „Es ist gleich acht. Wir können höchstens etwas essen gehen.“

Er stand auf und legte wieder einen Arm um meine Hüfte, ehe er erklärend hinzufügte. „Berlin bei Nacht kennenlernen.“

„Oh.“, sagte ich verstehend und nagte nervös an meiner Unterlippe herum. Ich wusste nicht, wann ich zuletzt tanzen gewesen war… oder ob ich jemals wirklich schon richtig tanzen gewesen war. Aber mich packte die Lust und verschob die Angst. „Warum nicht? Kennst du etwas in der Nähe?“

Er wackelte vielsagend mit den Augenbrauen, was mich wieder zum Lachen brachte. „Worauf du dich verlassen kannst, Süße.“

Zum Glück hatte meine Mutter mir am Morgen ein mehr als großzügiges Geschenk von fünfhundert Euro in bar zugesteckt, damit ich das Hotel bezahlen und mir etwas zu essen kaufen konnte. Ob solche Abstecher auch mit berechnet waren, bezweifelte ich. Kurz überkam mich das schlechte Gewissen. Doch als Nicolás mich ansah und fragend den Kopf auf die Seite legte, konnte ich nicht widerstehen und vergaß mein Gewissen ziemlich schnell.

Bevor wir in den Club gingen, machten wir noch einen Abstecher zum Italiener, wo das kleine Abendessen, das geplant gewesen ist, aufgrund der leckeren Gerichte in eine stundenlange Fressorgie ausartete. Zu Pasta und Auflauf floss Rotwein in Massen.

Und so hatte ich schon einen kleinen Schwips als wir schließlich den Club betraten. Ich muss gestehen, dass ich nicht einmal mehr weiß, wer den Eintritt bezahlt hat. Ich hatte nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen dabei.

Wir tanzten wild zu irgendeinem Rocksong, an den ich mich nicht mehr erinnern kann. Noch nie zuvor in meinem Leben, hatte ich mich so kühn und ausgelassen gefühlt wie an diesem Abend. Nicolás hatte eine Art zu tanzen, die dafür sorgte, dass es der Tanzpartner auch perfekt konnte. Es war als ob er in meinen Kopf sehen konnte und genau wusste, welche Schritte ich im nächsten Moment tun würde. Lachend fragte ich mich, was ich mit diesem Frauenschwarm in einem Club in Berlin zu suchen hatte.

Als wir uns nach einer halben Stunde schwitzend und gutgelaunt an die Bar setzten, hatte sich mein Alkoholpegel wieder soweit stabilisiert, dass Nicolás meinte, es sei an der Zeit, mir einen Cocktail zu bestellen. So schlürfte ich genießerisch an einer Piña Colada und beobachtete zufrieden die tanzende Menge. Und gab Tina im Stillen recht – mein neues Leben hatte jetzt begonnen.

Nach einer Weile fiel mein Blick wieder auf Nicolás, da er plötzlich auffällig still war. Er hatte sich von mir abgewandt und sah starr in eine Richtung. Ich folgte seinem Blick und musste lächeln. Dort saß eine blonde Schönheit mit wallendem Haar und strahlend blauen Augen. Sie erwiderte seinen Blick von Zeit zu Zeit und ich fragte mich, was ihn noch auf seinem Hocker hielt. Nicolás war bestimmt nicht der Typ, der Berührungsängste hatte. Dann kam ich darauf, dass es sicher meinetwegen war, darum stieß ich meinen Arm in seine Rippen. „Geh schon zu ihr rüber.“

Er sah mich überrascht an und das erste Mal sah ich Unsicherheit in seinen Zügen. „Ich bin doch mit dir hier.“

„Aber als Freunde. Wir müssen doch nicht den ganzen Abend zusammen kleben.“ Wie viel Überwindung mich dieser Satz gekostet hatte! Ich fürchtete mich davor, allein unter den Massen zu sein; fürchtete mich davor, allein in mein leeres Hotelzimmer zurückzugehen. Doch sein dankbarer Blick war es mir wert. „Wünsch mir Glück.“

„Das brauchst du doch nicht.“, erwiderte ich flüsternd zu mir selbst und wandte mich seufzend meinem Glas zu. Wenn ich nur genug von dieser klebrigen Süße trank, würde ich bestimmt auch bald in süßes Vergessen eintauchen können. Vergessen, dass ich tief in mir leider immer noch die alte, ängstliche Fay war.

 

Damien:

 

Ich hatte sie sofort gesehen als sie mit diesem Typen den Club betreten hatte und hatte sie seitdem keine Minute mehr aus den Augen gelassen. Ich kannte sie aus dem Fernsehen. Sie war mir sofort aufgefallen als ich mir die erste Übertragung der Castings angesehen hatte und ich hatte dem Zeitpunkt entgegen gefiebert, dieses Mädchen persönlich zu treffen.

Sie war nicht aufgesetzt oder laut. Eigentlich fiel sie durch nichts besonders auf. Und dennoch hatte sie etwas, was mich irgendwie magisch anzog. Mein erster Impuls, als sie sich an die Bar gesetzt hatte, war es gewesen, sie sofort um einen Tanz zu bitten, weil mich alles an ihr zu ihr hinzog, aber da war immer noch der Typ an ihrer Seite gewesen.

Da er jetzt aber zu einer anderen ging – dieser Idiot – witterte ich meine Chance. Ich trank den Rest meines Biers in einem Zug aus und ging zu ihr hinüber. Ich wollte den Menschen hinter diesen großen, traurigen Augen kennen lernen.

 

Fay:

 

Ich hielt meine gute Laune mit weiteren Getränken in Schach, langweilte mich aber dennoch und hätte gern weiter getanzt, hatte aber allein keine Lust – und auch keinen Mut – dazu. Die lüsternen Blicke der Kerle auf der Tanzfläche widerten mich an. Konnte nicht einmal einer auftauchen, der meinen Ansprüchen entsprach? Just in diesem Moment setzte sich ein gutaussehender Typ mit so dunklen Augen zu mir, dass man in ihnen ertrinken konnte wie in einem tiefen See - und alles, was ich in meinem angetrunkenen Zustand denken konnte, als ich Damien das erste mal begegnete, war: „Wow!“

Sein Aussehen hatte etwas Exotisches an sich, wie es auch bei Nicolás der Fall war, doch genau wie Nicolás sprach er ein perfektes Deutsch. Er erhob seine Stimme durch die Musik hindurch und mir fiel auf, wie gut sie auf den Tönen schwamm. „Warst du nicht auch beim Casting?“

Ich wandte mich ihm zu und sah in diese tiefen, dunklen Augen. „Ja.“, erwiderte ich dann nur, da ich sein Gesicht nicht zuordnen konnte.

„Keine Sorge, du hast nichts vergessen.“, lachte er als er meinen fragenden Gesichtsausdruck sah. Ich schloss ihn sofort in mein Herz. „Ich war bei den Castings mit Anmeldung vor drei Wochen. Wir sind sozusagen Konkurrenten. Ich muss sagen, du hast mir sofort gefallen.“

Ich errötete, da ich nicht wusste, ob er meinen Gesang oder mich selbst meinte und ich glaube, er wollte es mir überlassen, das herauszufinden. „Danke…“

„Wo kommst du her?“

„Simbach am Inn und du?“

„Köln“, erwiderte er und bestellte mir ein Glas Sekt und sich selbst ein Bier. „Ich bin Damien.“

„Fay“, erwiderte ich und sah zögernd auf seine ausgestreckte Hand.

„Ich weiß.“, lachte er, und da legte ich meine Hand in seine. Er schob das Sektglas zu mir herüber und hielt mir zuprostend sein Bierglas hin. Ich stieß mit meinem Glas gegen das Seine. Dieses klirrende Geräusch ist noch heute tief in meine Erinnerung an dieses Treffen verankert. Ein feierliches, wohlwollendes Geräusch.

Erst nach meinem ersten Schluck bemerkte ich, dass er noch immer meine Hand hielt und sowohl der Alkohol als auch die seltsam innig unschuldige Berührung an sich sorgten dafür, dass mir siedend heiß wurde.

Ich wollte ihm gerade meine Hand entwinden, da stand er auf und zog mich ebenfalls auf die Beine. Ich war so überrumpelt, dass ich gegen ihn stolperte. Er hielt mich mit seiner freien Hand und lächelte liebevoll zu mir herunter. Wäre ich nicht so betrunken gewesen, hätte ich mich vielleicht auf der Stelle in ihn verliebt.

„Tanzen?“, murmelte er, während aus den Lautsprechern eine Stimme ertönte, die uns mitteilte, dass Liebe ein absolutes Wunder war. „Liebend gern.“

Das Tanzen mit Damien war ganz anders als das Tanzen mit Nicolás. Nicht so unkompliziert, was nicht heißt, dass es schwierig war. Vielleicht standen uns zu viele Gefühle im Weg, obwohl wir gut miteinander tanzten. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass mein Körper nicht so wollte wie ich, denn ich schaffte es nie, den nötigen Abstand zwischen uns zu wahren, wenn er mich an sich zog und ließ es einfach geschehen. Ich wusste, ich musste die Situation entspannen, darum suchte ich fieberhaft nach etwas, das ich ihm erzählen konnte. „Ich übernachte in einem Hotel hier ganz in der Nähe.“

Als er zu mir herunter lächelte, wurde mir klar, welchen Eindruck der Satz auf ihn gemacht haben musste, und ich geriet ins Schleudern. „Das heißt nicht, dass ich will, dass du… ich meine, du weißt schon… ich…“

„Ich auch!“, unterbrach er mich charmant. „Vielleicht laufen wir uns dort irgendwann einmal über den Weg.“

„Ja.“, erwiderte ich erleichtert und griff nach dem nächsten Strohhalm. „Was singst du morgen?“

Hero von Enrique Iglesias.“, erwiderte er. Als der Song genau in diesem Augenblick aus den Lautsprechern erklang und er mich leise lachend an sich zog, war ich ihm mit Haut und Haar verfallen. Nur in diesem Augenblick, in dieser Nacht, an die ich mich am nächsten Morgen nicht mehr würde erinnern können, weil der viele Alkohol dafür sorgte, dass ich meine eigenen intensiven Gefühle vergaß. Aber unterschwellig schwelten sie von da an immer in mir, bereit hochzugehen wie eine tickende Zeitbombe. Es war ein einmaliger Abend, doch leider nicht unvergesslich, denn ich trank Sekt. Viel, sehr viel Sekt…

 

Damien:

 

Als ich sie das erste Mal in den Armen hielt, fühlte ich mich wirklich wie ein Held. Ich hatte mich Hals über Kopf unsterblich in sie verliebt, aber ich wusste, dass die große Sehnsucht in ihren Augen nicht wirklich mir galt. Das verstand ich gleich an diesem Abend, aber es war nicht wichtig. Nicht in dieser Nacht. Ich wollte einfach jeden Moment mit ihr auskosten.

Als sie mich mitten auf der Tanzfläche an sich zog und mich innig küsste, konnte ich einfach nichts Falsches daran finden. Es fühlte sich einfach nur richtig an, sie zu diesem Song zu küssen und ich wusste, ich würde an nichts anderes denken können, wenn ich ihn am nächsten Tag der Jury vortragen würde.

Wir gingen Arm in Arm zu unserem Hotel zurück und ich fühlte mich ehrlich hin- und hergerissen. Ich wusste, was passieren könnte, würde ich auch nur mit dem Finger schnippen, aber ich wusste nicht, wie sehr sie sich dessen bewusst war. Also genoss ich einfach die kalte Nachtluft und das Licht des Mondes auf ihrem Haar, welches jetzt wie Kupfer schimmerte.

Sie wusste ihre Zimmernummer nicht mehr, konnte mir lediglich das Stockwerk nennen und lieferte mir somit eigentlich noch einen Grund, sie mit auf mein Zimmer zu nehmen. Vielleicht hätte ich es sogar getan, hätte ich nicht ihren Kumpel aus dem Club im Aufzug getroffen. Sie schien ihn nicht zu bemerken, da sie in einen Zustand aus müder Gleichgültigkeit abgedriftet war.

„Erfolgreichen Abend gehabt?“, fragte der Typ mich grinsend und zeigte auf sie. Er ging mir ziemlich auf die Nerven und ich zuckte lediglich mit den Schultern. „Sie weiß ihre Zimmernummer nicht mehr.“

„Kein Problem. Ihr Zimmer ist direkt neben meinem, ich kann es dir zeigen.“ Somit hatte ich keinen Grund mehr, sie mit auf mein Zimmer zu nehmen. Wahrscheinlich hätte ich das ohnehin nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können. „Gut, danke.“

Kurze Zeit später öffnete der Typ, der sich mir als Nicolás vorstellte – und ich erinnerte mich daran, dass ich ihn auch bereits im Fernsehen gesehen hatte – die Tür zu Fays Zimmer und steckte mir danach den Schlüssel mit einem anzüglichen Grinsen in die Hemdtasche. „Na dann, schöne Nacht.“

Ich machte, dass ich schnell mit ihr in das Zimmer kam. Nachdem ich die Tür hinter uns geschlossen hatte, brachte ich sie sofort zum Bett und deckte sie zu. Sie schlief auf der Stelle ein und ich sah seufzend auf sie herab. „Was hast du nur angerichtet?“

 

Fay:

 

„Verdammt.“ Ich fluchte, als mich mein Wecker aus sanften Träumen riss. Es war der Morgen des großen Tages, und meine Kopfschmerzen brachten mich fast um den Verstand. Sofort ging ich ins Badezimmer und schluckte eine Aspirin, während ich mich verzweifelt an den gestrigen Abend zu erinnern versuchte, doch alles, was dabei herauskam, waren wirre Bilderfetzen, die ich nicht aneinander gereiht bekam.

Und wie man mir die Nacht ansah! Völlig panisch machte ich mich an mein Make-up, wie Tina es mir gezeigt hatte. Ich war erleichtert, dass es alle Spuren von Alkohol und Schlaflosigkeit mühelos überdecken konnte.

Ich war gerade mit meiner Frisur fertig, allerdings noch in den nach Rauch stinkenden Klamotten von gestern, als es an meiner Tür klopfte. Ich wusste, es konnte nur einer sein, darum öffnete ich.

„Na?“, begrüßte Nicolás mich scheinheilig grinsend und trat unaufgefordert ins Zimmer.

„Morgen. Schon wach?“, fragte ich unbehaglich. Sein Grinsen bereitete mir Bauchschmerzen.

Er sah sich mit gespielter Verwunderung um, dann ging er zu meinem Schrank und sah hinein und bückte sich schließlich noch, um unters Bett zu sehen. „Wo ist denn dein Latinlover?“

„Mein was?“, fragte ich verständnislos. Das Pochen hinter meinen Schläfen verstärkte sich.

„Der Typ, mit dem du in der Disco geknutscht hast und der dann mit dir in deinem Zimmer verschwunden ist.“, half er mir auf die Sprünge und ich kniff die Augen zusammen, da Bilder von einem hübschen großen Mann mit dunklen Augen an mir vorbei rauschten.

„Damien!“, rief ich laut aus und hielt mir eine Hand vor den Mund. „Aber das kann nicht sein. Wir haben nur getanzt.“ Oder??

Nicolás durchquerte den Raum in zwei Schritten, nahm mein Gesicht in seine Hände und drückte mir einen freundschaftlichen Schmatzer auf die Lippen. Ich wehrte ihn ärgerlich ab. „Spinnst du jetzt total?“

„Ich wollte nur mit dir tanzen.“, erwiderte er scheinheilig.

„Du nimmst mich auf den Arm?“

„Warum sollte ich?“, erwiderte er schulterzuckend. „Warum sollte ich mir etwas ausdenken, wenn die Realität so spektakulär vor meinen Augen abläuft?“

„Achja?“, fuhr ich ihn an. „Warst du nicht mit deiner Blonden beschäftigt?“

„Nici und ich haben uns für sanftes Kennenlernen entschieden und nicht so viel getrunken, um gleich die Nacht zusammen zu verbringen.“

„Rede nicht in diesem Ton mit mir!“, fuhr ich atemlos auf. „So Eine bin ich nicht!“

Er legte mir beruhigend den Arm um die Schultern. „Entschuldige, ich wollte dich nur etwas aufziehen. Natürlich bist du nicht so Eine. Dafür konntest du meinem Charme schon viel zu lange widerstehen.“

Ich winkte ärgerlich ab. „Warum weiß ich davon nichts mehr? Denkst du wirklich, da ist etwas passiert?“

Er zuckte die Schultern und lächelte dann beruhigend. „Ich weiß nur, dass ich euch beim Küssen gesehen habe und er dich dann auf dein Zimmer gebracht hat… vielleicht ist er ja wieder gegangen.“

Ziemlich unwahrscheinlich und das wussten wir wohl beide. Welcher normale Mann nutzte so eine Gelegenheit nicht aus? Ich versuchte mir einzureden, dass nichts dabei war, da wir ja beide ungebunden waren und diesen Satz wiederholte ich im Geiste den ganzen restlichen Tag wie ein Mantra.

 

Nervös rannte ich durch das ganze Hotel, da ich mit meiner Zeit nichts anzufangen wusste. Nicolás traf sich mit Nici. Mein Auftritt war erst am frühen Nachmittag, und es war gerade mal Zwölf. Das Lied hatte ich schon bis zum Abwinken geübt, dennoch hatte ich mich den ganzen Tag nicht von dieser blöden Sache ablenken können. War da etwas gewesen?

Ich beschloss, in der Cafeteria etwas zu essen und in einer Zeitung zu stöbern. Den Aufzug ins Erdgeschoss erwischte ich gerade noch so, dass ich mich durch die sich schließenden Türen quetschen musste. Ich konnte mein Glück kaum fassen als ich feststellte, auf wen ich dort traf. Scheinbar hatten sämtliche Casting-Teilnehmer dasselbe Hotel gebucht, denn neben mir stand niemand geringeres als Sascha. Sämtliche Gedanken an Damien waren wie weggeweht.

Das Glücksgefühl verging jedoch bald wieder so schnell wie es gekommen war, denn ich fand einfach kein Gesprächsthema und er schien in Gedanken schon bei seinem Auftritt zu sein. Vielleicht nahm er nicht einmal wahr, dass ich mich mit ihm in dem Aufzug befand. Die Zeit rann wie Sand durch meine Finger. Schließlich kam der Aufzug im Erdgeschoss zum Stehen.

Jetzt wollte ich wenigstens einen tollen Abgang hinlegen und ging ganz lässig in meinem neuen Outfit an ihm vorbei, doch dann geschah, was einfach geschehen musste: Ich blieb mit einem meiner Absätze in der Rinne der Aufzugtür hängen, knickte um und wäre sicher zu Boden gegangen, wenn er mich nicht geistesgegenwärtig aufgefangen hätte.

Er zog mich mit nur einem Arm wieder nach oben, wobei er lachend „Na hoppla.“ sagte.

Ich bedankte mich lächelnd mit wild klopfendem Herzen und wir verließen gemeinsam den Fahrstuhl. „Ich hab mich schon immer gefragt, wie ihr Frauen in den Dingern laufen könnt.“

„Können wir ja gar nicht, wie du siehst.“, erwiderte ich lachend, und er stimmte mit ein. „Aber für die zweite Runde muss es schon etwas Besonderes sein.“

„Wusste ich doch, dass du mir bekannt vorkommst. Wann bist du dran?“

„Um drei - und du?“

„Jetzt gleich. Ich bin grade auf dem Weg dahin.“

„Oh, dann wünsche ich dir viel Glück.“

Er bedankte sich noch lächelnd, dann verließ er das Foyer. Ich stand mitten in der Halle und wusste nicht mehr, wohin ich eigentlich auf dem Weg gewesen war.

 

Als ich Stunden später die große Eingangshalle des Gebäudes betrat, in dem das zweite Vorsingen stattfand, fiel mein Blick sofort auf Damien, der mit seiner Gitarre am anderen Ende der Halle saß und konzentriert vor sich hin spielte. Ich atmete tief durch und fasste mir ein Herz, um die Halle zu durchqueren.

Nach den ersten drei Schritten flog sein Kopf sofort nach oben, als hätte er meine Witterung aufgenommen. Vielleicht hatten mich ja auch die hohen Schuhe verraten, deren Absätze laut auf den Fliesen klapperten. Er lächelte mit jedem Schritt, den ich näher kam mehr. Plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher, dass die Sache mit dem Kuss nur ein großer Irrtum war.

„Hi, du bist jetzt wohl auch dran?“ Er nickte und räumte seine Sachen von dem Stuhl neben sich, damit ich mich setzen konnte. „In einer halben Stunde.“

„Danke. Dann bin ich ja nach dir dran.“, stellte ich erstaunt über so viel Zufall fest.

„Wenn du willst, kann ich auf dich warten und wir gehen danach noch zusammen etwas essen… sozusagen entweder als Feier- oder Henkersmahlzeit.“, schlug er vor und ich dachte an mein erstes Casting zurück und wie ich danach mit Nicolás essen gewesen war. Es war genau die gleiche Situation, und doch war das hier völlig anders. Ich wusste nur nicht warum.

Da ich vermutete, dass es an der Unklarheit der Geschehnisse der vergangenen Nacht lag, fasste ich mir ein Herz und nickte: „Ja gern, aber vorher…Damien, wegen gestern…“

„Lehmann.“, unterbrach er mich warnend und ich sah ihn verständnislos an. „Was??“

„Marcel Lehmann.“, ergänzte er und nickte nach vorn. Ich folgte seinem Blick und stöhnte, als ich sah, dass der Reporter, der mir schon in München auf den Geist gegangen war, samt Kamerateam im Schlepptau direkt auf uns zusteuerte. „Hallo, wie ich sehe, bildet sich hier schon eine Allianz. Habt ihr es schon hinter euch?“

„Nein, wir sind gleich noch dran.“, erwiderte Damien, wofür ich ihm sehr dankbar war, doch der Reporter setzte sich zu uns, was wohl nicht hieß, dass er vorhatte, sobald wieder zu verschwinden. „Na da wünsche ich schon mal viel Glück.“

Und dann begann er uns mit Fragen über unsere Berufe und Familien zu bombardieren, bis es für Damien an der Zeit war, hinter der großen Tür zu verschwinden. Er sah mich entschuldigend und – wenn ich mich nicht recht irre – bedauernd an, als er mich mit den Fernseh-Fuzzies allein lassen musste. Ich sah ihm lange nach.

Kommentare

  • Author Portrait

    Du hast eine erfrischende, direkte Art zu erzählen, der Geschichte bin ich mit viel Vergnügen gefolgt. Ich hoffe natürlich sehr, bald mehr zu erfahren, wie es Fay ergangen ist! :-) 5/5

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