Gespräch unter Männern

Er hatte diese Nacht nicht sonderlich viel Schlaf bekommen, doch damit hatte er auch nicht gerechnet. Es hatte ihn größte Selbstbeherrschung gekostet, nach seinem Gespräch mit Hermine überhaupt darüber nachzudenken, wie er Lucius auf den Zahn fühlen wollte. In den frühen Morgenstunden hatte er sich endlich dazu entschlossen, das Thema direkt und ohne Umwege anzuschneiden. Sollte sich Lucius wider Erwarten doch als treuer Anhänger des Dunklen Lords herausstellen, konnte er immer noch sagen, dass er lediglich versucht habe, einen Verräter in den Reihen seines Herrn zu finden. Voldemort vertraute ihm genug, um so eine Ausrede gelten zu lassen, insbesondere in Bezug auf Lucius.

Als er in den Frühstückssaal eintrat, bestätigte sich Hermines Voraussage: Der Herr des Hauses saß alleine an der langen Tafel, trank Kaffee und blätterte gemütlich im Tagespropheten.

"Guten Morgen, Severus", begrüßte er seinen Gast mit ausgesuchter Freundlichkeit: "Hast du heute Nacht finden können, was du gesucht hast?"

"Ja, danke", bestätigte Snape ebenso höflich. Er setzte sich ohne eine Einladung abzuwarten zur Rechten von Lucius, faltete die Hände auf dem Tisch und blickte ihn intensiv an. Alles hing von diesem Moment ab, und selbst er war nicht immun gegen die dadurch verursachte Anspannung.

"Lucius", begann er schließlich sehr leise und sehr ernst: "Mir ist zu Ohren gekommen, dass du kein loyaler Anhänger unseres Lords bist."

"Das schon wieder?", fuhr dieser ihn aufgebracht an: "Wir haben da doch bereits drüber geredet! Das ist nicht wahr und du solltest besser als jeder andere wissen, dass ich dem Dunklen Lord treu ergeben bin."

"Im Gegenteil", gab Snape noch immer flüsternd zurück: "Ich weiß, dass du genau das nicht bist. Du wünschst dir seinen Tod. Und ich tue das auch."

Entgegen seiner langjährigen Übung konnte Lucius Malfoy nicht anders als seinen Gast in einer Mischung aus Entsetzen und Verwirrung anzustarren: "Was?"

"Ich plane, den Dunklen Lord zu töten. Und dafür brauche ich deine Hilfe."

Schweigen senkte sich über den Raum. Snape blickte Lucius aus kühlen, emotionslosen Augen an, doch innerlich zitterte er. Er tat hier etwas, was nicht sein alleiniger Plan gewesen war, vielmehr musste er sich auf die Einschätzung einer jungen Frau verlassen. Wenn es irgendjemand anderes gewesen wäre als Hermine Granger, ja, selbst wenn es Hermine Granger, die er noch aus Hogwarts kannte, gewesen wäre, er hätte sich niemals auf ihr Urteil vertraut. Und auch jetzt, wo es drauf ankam, fragte er sich, ob es sein Verstand gewesen war, der ihm dazu gebracht hatte, ihr zu vertrauen - oder etwas ganz anderes.

"Sie hat geredet. Ich fasse es nicht. Sie ... sie hat geredet."

Mit aufmerksamen Augen beobachtete Snape das Mienenspiel auf dem Lucius' Gesicht. Er konnte Fassungslosigkeit sehen, und Wut, und Angst. Angst war gut, denn das bedeutete, dass er Hermine die Wahrheit über sich gesagt hatte, und sich nun tatsächlich verraten fühlte.

"In der Tat, das hat sie", bestätigt Snape sachlich: "Und das ist auch gut so. Ich brauche deine Hilfe."

"Wie hast du sie dazu bekommen?", fragte er aufgebracht: "Ausgerechnet du! Warum sollte sie dir freiwillig irgendetwas erzählen?"

"Warum sollte sie nicht?"

"Severus Snape!", donnerte Lucius wütend: "Die Frau, die ich nach deiner schändlichen Tat vorgefunden habe, war ein psychisches Wrack, unfähig, auch die zärtlichste Berührung eines Mannes anzunehmen. Erzähle mir nicht, dass so eine Frau sich dir plötzlich anvertraut."

Snape presste die Zähne aufeinander, doch er ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihm die Worte zu schaffen machten: "Zufällig hat sie das aber. Und ausgerechnet du solltest dich nicht über mangelnde Zärtlichkeit ihrerseits beklagen."

"Was willst du andeuten?"

"Ich deute gar nichts an, ich stelle fest. Man muss kein Genie sein, um eure kleine nächtliche Aktion in der Bibliothek gestern zu interpretieren."

Zornig sprang Lucius von seinem Stuhl auf: "Du hast uns nachspioniert?"

"Ich war lediglich auf der Suche nach Miss Granger. Auf diese Szene war ich definitiv nicht vorbereitet."

"Hermine gehört mir!", donnerte Lucius Malfoy, doch Snape zeigte sich unbeeindruckt: "Das zu entscheiden ist nicht unsere Aufgabe. Sie ist ein eigenständiges Wesen, sie gehört nur sich selbst. Und zu welchem Mann sie sich zugehörig fühlt, ist ihre Entscheidung."

"Ich sehe, was hier läuft, aber mit mir nicht, mein Lieber, mit mir nicht!", sagte Lucius, darum bemüht, seinen Zorn zu beherrschen: "Du willst sie für dich und versuchst jetzt, mich in eine Falle zu locken, um mich loszuwerden."

"Du bist blind vor Eifersucht", warf Snape ihm vor. Er hatte nicht damit gerechnet, dass dieses Gespräch so schnell eskalieren würde oder dass es gar in einen Streit über Hermine ausarten würde. Es nervte ihn, dass Lucius Malfoy so unbeherrscht war, doch gleichzeitig bestätigte ihn jedes seiner Worte darin, dass Hermine Recht hatte: Er brauchte sie und er würde alles tun, um sie bei sich behalten zu können. Und wenn er dafür den Dunklen Lord töten musste.

"Welchen Grund hätte ich, eifersüchtig zu sein?", meinte Lucius herablassend: "Du glaubst doch selber nicht, dass Hermine sich für dich entscheiden würde, oder?"

"Setz dich, Lucius", befahl Snape scharf. Ihm gefiel der Tonfall nicht, mit dem sein Freund so hochmütig über Hermine sprach: "Ich meinte es vollkommen ernst. Ich benötige deine Hilfe beim Sturz des Dunklen Lords."

"Du hast mir in meinem Haus gar nichts zu befehlen!", entgegnete Lucius ebenso kalt, doch er folgte der Aufforderung. Für einen Moment schwiegen beide, dann ergriff er wieder das Wort: "Warum sollte ich dir glauben?"

"Weil Miss Granger es tut", sagte Snape leise: "Du hast es doch eben selbst gesagt: Was ich ihr angetan habe, ist unverzeihlich und wird sie den Rest ihres Lebens mit einer Narbe belasten. Und trotzdem hat sie mir genug Vertrauen entgegen gebracht, um dich als möglichen Verbündeten vorzuschlagen."

Lucius blickte stumm in seine inzwischen kalte Tasse mit Kaffee. Hermine hatte es zwar nicht bestätigt, doch er hatte ja bereits selbst den Verdacht gehabt, dass sie einen sehr konkreten Plan hatte. Dass ausgerechnet Severus darin verwickelt war, hätte er jedoch niemals vermutet. Und er wusste auch nicht, was er davon halten sollte, dass Hermine ihr Versprechen gebrochen und gerade ihm gegenüber von seiner mangelnden Loyalität geredet hatte.

"Du kannst es ihr nicht verübeln", unterbrach Snape seine Gedanken: "Wir standen vor einem Problem, das sich nur lösen ließ, wenn wir einen zweiten Zauberer auf unserer Seite hatten. Sie wusste über dich Bescheid. Es wäre dumm gewesen, nichts zu sagen, nur um das Versprechen dir gegenüber zu wahren. Du hast es ihr ja sowieso nur abgerungen, weil du dachtest, dass ich dich an den Lord verraten würde."

"Du bist immer so logisch", murmelte Lucius, doch es klang nicht nach einem Kompliment: "Es käme dir niemals in den Sinn, dass ein Mensch tatsächlich mal irrationale Gefühle haben kann. Natürlich hat Hermine richtig gehandelt, aber hier geht es ums Prinzip."

"Ausgerechnet du sprichst von Gefühlen?", gab Snape mit erhobener Augenbraue zurück: "Damals, als ich in die Reihen des Lords eingetreten bin, warst du es doch, der mir beigebracht hat, Emotionen zu verbergen und sich nicht von ihnen leiten zu lassen."

"Und wohin hat mich das geführt?", entgegnete Lucius matt: "Ich habe mich mein Leben lang nur um das Wohlergehen meiner Familie gekümmert und mich von meinem Stolz blenden lassen. Alle anderen Gefühle habe ich nicht zugelassen. Und jetzt stehe ich vor den Scherben meines Lebens. Es gibt nichts mehr, worauf ich stolz sein kann. Wenn ich früher angefangen hätte ... aber das sind müßige Gedanken."

Snape konnte nicht anders als Hermine dafür zu bewundern, wie zutreffend ihre Beschreibung von Lucius' Gefühlslage gewesen war. Er war tatsächlich ein gebrochener Mann, der sich in seiner zweiten Lebenshälfte bewusst geworden war, welchen Irrweg er beschritten hatte. Snape verkniff es sich, ihm mitzuteilen, dass in diesem Fall Erkenntnis noch lange nicht der erste Schritt zur Besserung war. Er selbst hatte schon sehr früh in seinem Leben erkannt, welchen Fehler er begangen hatte, doch glücklicher hatte ihn das nicht gemacht, im Gegenteil. Sein Leben war mindestens ebenso ein Scherbenhaufen wie das von Lucius Malfoy. Und ganz offensichtlich hatte Hermine das nicht nur erkannt, sondern auch einen Weg gefunden, Lucius Trost und Hoffnung zu schenken. Es war bewundernswert.

"Wie dem auch sei", sagte er schließlich: "Die wichtigste Frage ist: Glaubst du mir?"

Stumm starrte Lucius ihn an, während Snape den Blick so offen und ehrlich wie möglich erwiderte. Alles hing davon ab, dass sie einen zweiten Zauberer auf ihrer Seite haben konnten. Er hasste es, andere Menschen zu brauchen, doch Situationen wie diese zwangen ihn dazu, nach Hilfe zu suchen.

"Hermine vertraut dir?"

"So sehr, dass es beinahe schon lächerlich ist."

"Dann tu ich es auch."

Snape nickte. Was hatte Hermine Granger nur an sich, dass sie zwei erwachsene, höchst misstrauische Männer dazu brachte, sich auf ihr Urteil zu verlassen? Doch das spielte keine Rolle, wichtig war nur, dass er sein Ziel erreicht hatte: "Freut mich, das zu hören. Wenn ich mich nicht täusche, wird gleich der Rest der Familie zum Frühstück erscheinen, ich würde also gerne jede weitere Konversation über den Plan auf später verschieben."

"Ja, Narzissa müsste gleich kommen und wenn er nicht verschläft, ist Draco eigentlich auch pünktlich."

Nachdenklich rieb Snape sich das Kinn. Am Montag fingen die Weihnachtsferien in Hogwarts an, da war seine Anwesenheit in der Schule nicht mehr zwingend erforderlich. Und so großzügig, wie Narzissa sich ihm gegenüber die letzten Wochen verhalten hatte, war sie bestimmt damit einverstanden, wenn er bis zum großen Fest in ihrem Anwesen verweilen würde.

"Fiele ich dir sehr zur Last, wenn ich die nächsten Tage ebenfalls hier verbringen würde?"

"Dient es dem Plan?"

"Warum sollte ich es sonst vorschlagen?"

Statt einer Antwort hob Lucius nur bedeutungsvoll eine Augenbraue. Ungeduldig beugte Snape sich über den Tisch: "Wenn wir zusammen arbeiten wollen, musst du deine Eifersucht begraben. Sie ist so unbegründet, dass ich nicht einmal weiß, wie ich sie dir ausreden soll. Du sagst doch selbst, dass Miss Granger ... dass ich sie zu sehr verletzt habe, als dass sie mich jemals wieder auch nur freundlich ansehen könnte."

"Du sprichst immer nur davon, wie unwahrscheinlich es ist, dass sie etwas von dir will. Doch wie steht es umgekehrt? Das einfachste Argument wäre doch, ganz einfach zu sagen, dass du kein Interesse an ihr hast?"

Snape stockte. Tatsächlich, warum hatte er das nicht gesagt? Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da winkte Lucius ab: "Tut mir leid, ich hatte dich nur provozieren wollen. Du musst mir nicht sagen, dass du es lächerlich findest, etwas so offensichtliches aussprechen zu müssen."

Ehe er darauf etwas erwidern konnte, kamen Narzissa und Draco an den Frühstückstisch, gefolgt von Hermine, die aus Richtung Küche eintrat. Er konnte sehen, dass sie neugierig zwischen ihm und Lucius hin und her schaute, doch selbstverständlich konnte er vor dem Rest der Familie nichts preisgeben. Das Frühstück verlief schweigend, abgesehen von seiner Ankündigung, die nächsten Tage hier zu verbringen. Narzissa zeigte sich erfreut darüber, Dracos Miene blieb ausdruckslos. Nachdenklich musterte Snape seinen ehemaligen Lieblingsschüler. Er erinnerte sich plötzlich daran, dass er Draco in Hermines Zimmer vorgefunden hatte in jener Nacht. Er war überhaupt der Grund gewesen, warum er so früh zu Hermine gegangen war und warum er so gewalttätig hatte werden müssen. Stellte er eine Gefahr dar?

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