I.2 - Prolog

Wie betäubt lag Hermine auf dem kleinen Bett und starrte an die Decke. Sie würde sterben, alleine, ohne ihre Freunde, nicht wegen des Krieges, sondern weit entfernt davon. Sie würde keinem helfen können und keiner würde ihr helfen. Sie war gefangen in der Vergangenheit, jede Chance, beim Sieg über Voldemort zu helfen,  war auf immer vertan.

Professor Dumbledore hatte nach seiner Eröffnung traurig drein geschaut, sich dann aber schnell gesammelt und ihr vorgeschlagen, vorläufig in einem der Gästezimmer der Schule zu schlafen. Es waren gerade noch Sommerferien, die Schule würde erst in zwei Tagen wieder losgehen, und außer ihm und dem Schulleiter waren weder andere Lehrer noch Schüler zugegen. Er würde ihr helfen, hatte er versprochen, würde alles in seiner Macht stehende tun, um zu erkunden, ob es nicht doch eine Möglichkeit der Zeitreise vorwärts gab. Bis auf weiteres würden sie niemanden in ihre wahre Herkunft einweihen, dem Schulleiter hatte Dumbledore nur kurz erklärt, er habe Besuch. Das Vertrauen von Professor Dippet in den künftigen Schulleiter war groß genug, dass er keine weiteren Fragen stellte.

Genervt von sich selbst setzte Hermine sich auf. Sie war nicht der Typ dafür, untätig dazuliegen und sich ihrem Schicksal zu ergeben. Wenn Professor Dumbledore nach einer Lösung suchte, konnte sie ihm wenigstens dabei helfen. Entschlossen zog Hermine ihre Sachen aus und schlüpfte in den für sie bereit gelegten Schlafanzug. Sie wusste nicht, ob sie Schlaf finden würde nach diesem Tag, doch sie wusste, sie musste sich ausruhen. Und morgen würde sie voller Energie anfangen, einen Weg zurück in die Zukunft zu suchen.



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„Sie waren nicht in Slytherin zu Ihrer Schulzeit?", fragte Dumbledore überrascht. Vor ihm saß Hermine, mit vor Aufregung gerötetem Gesicht, und nippte an ihrem heißen Tee. Er hatte sie zum Frühstück zu sich ins Büro geladen und sofort gespürt, dass sie ihm etwas mitzuteilen hatte.

„Nein, eben nicht. Ich war in Gryffindor!", betonte sie, „Verstehen Sie? Das Gemälde hat mich in einer Slytherin-Uniform gezeigt! Und ich bin mir sicher, dass niemals so ein Bild von mir angefertigt wurde."

Nachdenklich fuhr Dumbledore mit seinen Fingern über den Rand seiner Teetasse. Seufzend stellte er sie schließlich weg und erwiderte: „So, wie Sie das Bild beschreiben, klingt es nach dem für unsere Galerie."

„Galerie, Sir? Was meinen Sie damit?"

„Gibt es das in Ihrer Zeit etwa nicht mehr? Die Galerie der Besten des Jahrgangs. Kommen Sie mit, sie befindet sich gleich im Gang um die Ecke."

Verwundert, was ihr künftiger Schulleiter meinen könnte, setzte Hermine ihre eigene Tasse zurück auf den Tisch und folgte ihm aus dem Büro in einen nahe gelegenen Gang. Dort erstreckte sich über die ganze Länge eine schier endlose Zahl von Gemälden, in der Machart alle gleich, doch mit Portraits unterschiedlichster junger Menschen.

„Hier hängen seit Ewigkeiten jene zwei Absolventen eines Jahrgangs, die mit den besten Noten abgeschlossen haben. Sie werden nach der Zeugnisübergabe gemalt und dann zu ihren Vorgängern gehängt, damit sich alle Schüler auf ewig an diese Vorbilder erinnern können. Sie stellen den Stolz unserer Schule dar, ein jeder von ihnen hat danach eine wundervolle Karriere hingelegt oder wichtige Beiträge zur magischen Forschung geliefert."

Unfähig zu einer Erwiderung starrte Hermine die Bilder an. Gewiss, als ihr am Morgen beim Aufwachen aufgegangen war, dass das Gemälde von ihr eine Slytherin-Uniform zeigte, hatte sie das Gefühl gehabt, dass das möglicherweise wichtig sein könnte. Doch zu sehen, dass ihr Bild sich exakt einreihen würde in diese Gruppe von Gemälden, dass der goldene Bilderrahmen diesen hier auf das Haar glich und ihr Portrait im selben Stil gehalten war wie all jene anderen – das war mehr, als sie erwartet hatte.

„Was bedeutet das, Professor? Wieso existiert von mir ein Bild, das in diese Galerie zu gehören scheint?"

„Vielleicht gehört es hierher?", kam die schlichte Antwort. In Gedanken versunken kehrten beide zu ihrem Frühstück zurück.

„Heißt das, ich war schon einmal hier?", fragte Hermine schließlich. Der Mann vor ihr ließ sein Brötchen sinken und zuckte mit den Schultern: „Diese Möglichkeit ist nicht auszuschließen, ja. Ich halte es für die wahrscheinlichste Erklärung."

„Aber ... warum hing das Bild in der Kammer des Schreckens? Wie kam es dahin? Und warum bin ich wieder hier?"

„Nicht wieder, Miss Granger. Sie waren noch nie hier. Nicht in dieser Zeitschiene."

Verzweifelt schüttelte sie den Kopf: „Das verstehe ich nicht! Was meinen Sie damit? Bitte ... sagen Sie mir, was Sie denken."

„Es sieht so aus", murmelte Dumbledore mehr zu sich als zu ihr, „als wären Sie schon einmal in die Vergangenheit gereist. Und haben dafür gesorgt, dass Sie es wieder tun würden. Das Gemälde und der Zeitumkehrer waren offensichtlich so präpariert, dass sie interagieren würden. Das Gemälde hat sicherlich nicht von alleine den Zeitumkehrer aktiviert."

„Ich war das? Ich habe mich selbst in die Vergangenheit geschickt?", wiederholte Hermine verblüfft. Die Erklärung ihres Professors überraschte sie so sehr, dass sie nicht einmal in der Lage war, Schock oder Wut zu verspüren. Sie war einfach nur überrascht und versuchte, die Erkenntnisse zu verdauen und einen Sinn zu erkennen.

„Nur Sie und ich wissen ... wussten, dass Sie hier waren ... sind. Es sei denn, wir werden es noch anderen erzählen, was ich jedoch bezweifle, weil jeder Mitwisser die Gefahr einer Änderung der Zukunft vergrößert. Wenn also nur wir beide eingeweiht waren, kann auch nur einer von uns beiden diese Vorkehrung getroffen haben. Denn außer uns konnte niemand wissen, dass Sie an jenem Tag im Jahre 1997 mit dem Zeitumkehrer um den Hals die Kammer des Schreckens betreten würden."

Hermine konnte spüren, dass die Worte ihres Professors logisch waren, doch selbst war sie noch nicht in der Lage, vollständig zu verstehen. Ihr Kopf schmerzte, während sie sich mühte, Sinn in das Konzept der Zeitreise zu bringen.

„Aber ... wenn ich es war ... warum? Warum habe ich dafür gesorgt, dass ich wieder in die Vergangenheit reise! Und noch dazu in jenem Moment! Wir haben Krieg, ich bin wichtig, ich muss helfen, jede Hand, die einen Zauberstab halten kann, ist wichtig!"

Die Augen von Dumbledore funkelten vor Neugierde: „Sie erwähnten diesen Krieg gestern bereits. Kämpfen die Zauberer untereinander?"

Scharf sog Hermine die Luft ein. Sie durfte ihm nichts sagen, sie durfte nicht riskieren, dass Dumbledore die Zukunft änderte durch das Wissen darüber, was geschehen würde. Selbst wenn dies Dumbledore war, der immer allwissend und vorausschauend wirkte, selbst er würde nicht verhindern können, dass das verbotene Wissen sein Handeln lenken würde.

„Sir, ich darf Ihnen nichts über die Zukunft erzählen. Ja, es wird Krieg geben unter den Zauberern, aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen, so gerne ich auch wollte."

Kurz meinte sie, Unwille hinter den Brillengläsern aufblitzen zu sehen, doch wenn diese Emotion wirklich da gewesen war, verschwand sie schnell wieder. Stattdessen nahm Dumbledore einen weiteren Schluck aus seiner Teetasse, ehe er einen nächsten Gedanken äußerte: „Der Krieg ist Ihnen offensichtlich wichtig, es scheint um etwas zu gehen. Ihr anderes Ich, das Sie vermutlich hier her geschickt hat, wird aus derselben Situation gekommen sein. Es wird einen Grund gehabt haben, Sie von dort zu entfernen, obwohl Sie so sehr gebraucht zu werden scheinen. Können Sie sich einen Grund vorstellen?"

Verwirrt blinzelte Hermine. Es war weniger die Frage selbst, die sie störte, als vielmehr sein Tonfall. Es klang, als habe er selbst bereits eine Antwort darauf und wollte sie anleiten, die Lösung selbst zu finden – wie es ein guter Lehrer bei seinen Schülern tat. Sie begann plötzlich zu begreifen, warum Harry in den letzten Monaten seiner Zusammenarbeit mit Dumbledore manchmal wütend auf seinen väterlichen Mentor gewesen war – wenn dies seine übliche Weise war, in äußerst ernsten Situationen zu handeln und zu reden, würde sie das nicht lange ruhig mitmachen können.

„Vielleicht ist hier etwas passiert", sagte sie langsam, ehe der Gedanke ihr plötzlich viel größer erschien als zuvor: „Natürlich! Ich habe hier etwas getan, was die Zukunft ändert."

Rasch dachte Hermine nach – was wusste sie über Voldemort? Wann hatte er seinen Abschluss gemacht? War es möglich, dass er im Jahr 1944 die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei besucht hatte? Sie hätte Dumbledore einfach fragen können, ob Tom Riddle noch oder schon hier zur Schule ging – denn dass er ihn als Schüler unterrichtet hatte, wusste sie. Doch die Frage zum jetzigen Zeitpunkt würde dieser jüngeren Version von Dumbledore vermutlich zu viel verraten. Angestrengt kramte Hermine in ihrem Gedächtnis. Wenn sie sich nicht irrte, hatte sie gelesen, dass Riddle 1945 seinen Abschluss gemacht hatte. Er würde also jetzt, im September 1944, sein siebtes Schuljahr antreten und war vermutlich 17 Jahre alt.

Morgen. Morgen würde der Junge, der sich eines Tages in ein Monster verwandeln würde, der sie zwingen würde, ihren Eltern jede Erinnerung an sie zu nehmen, der Harrys Eltern töten würde, der all diese schrecklichen Dinge ins Rollen bringen würde – dieser Junge würde morgen hier durch die Tore der Schule schreiten. Und hier war sie. Noch war er nicht so mächtig, wie er einst werden würde. Hatte sie die Kraft, ihn zu töten? Es zu beenden, ehe es beginnen würde?

„Wenn ...", setzte Hermine an, musste sich jedoch räuspern, ehe sie weiter sprechen konnte, „wenn derjenige, der für den Krieg verantwortlich ist, in dieser Vergangenheit stirbt ..."

„Miss Granger!", unterbrach Dumbledore sie heftig, „Unabhängig davon, was ich darüber denke, was Sie gerade angedeutet haben – das ist keine Lösung! Wenn Sie ihn hier töten, wird es in der Zukunft niemals die Notwendigkeit für Sie geben, hier her zu kommen, um ihn zu töten, weswegen Sie es nicht tun werden und er doch wieder den Krieg auslösen wird. Was auch immer Sie hier in der Vergangenheit getan haben, es hat nichts daran geändert, dass der Krieg ausgebrochen ist!"

Enttäuscht ließ Hermine sich wieder in ihren Stuhl zurück sinken. Natürlich, Dumbledore hatte Recht. Sie konnte nichts tun, was die Notwendigkeit, in die Vergangenheit zu reisen, zu Nichte machen würde. Und doch war sie sicher, dass sie wegen Voldemort hier war. Es konnte kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet in seinem letzten Schuljahr hier auftauchen würde. Sie wusste von Harry, dass Voldemort im fünften Schuljahr die Kammer des Schreckens geöffnet hatte. Vermutlich gab es bereits eine Schar treuer Anhänger um ihn herum, denen er im letzten Jahr bewiesen hatte, dass er der Erbe Slytherins war. Hatte sie vielleicht jetzt die Chance, irgendetwas zu tun, während er seine künftigen Todesser rekrutierte, das ihn schwächen würde in der Zukunft? Das musste der Grund sein, warum sie hier war.

„Ich bin mir sicher, ich kann hier etwas tun, um den Ausgang des Krieges in der Zukunft zu entscheiden, Sir!", sagte sie fest, „Hier, direkt in der Schule. Ich weiß nicht, was es ist, noch weiß ich, ob ich jemals lebend in meine Zeit zurückkehren können werde, um das Ergebnis zu sehen, aber ich bin hier und ich will es versuchen. Wenn ich mein Leben dafür gebe, dass alle, die ich liebe, gerettet werden können, dass die Welt vor der Dunkelheit bewahrt werden kann, dann sei es so."

Diesmal war sie sich sicher, dass sie die kurzen Emotionen, die über Dumbledores Gesicht huschten, richtig erkannt hatte: zufriedenes, aber kaltes Kalkül – und Stolz. Hatte nicht auch Harry zuletzt immer stärker gegen das Gefühl ankämpfen müssen, von Dumbledore nur benutzt worden zu sein? Von ihm nur als Schachfigur in einem riesigen Spiel betrachtet worden zu sein? Sah Dumbledore in ihr auch nur eine Schachfigur, eine interessante, neue, möglicherweise mächtige, aber am Ende eben doch nur eine Figur?

Sie zuckte innerlich die Schultern. Es spielte keine Rolle, denn sie wusste mehr als er, sie kannte die Zukunft, es würde ihm unmöglich sein, sie zu benutzen.

„Sie wollen also hier zur Schule gehen", setzte Dumbledore das Gespräch fort, „in welchem Jahrgang waren Sie bei sich in der Zukunft?"

„Ich hätte dieses Jahr die Schule abgeschlossen, wenn nicht der Krieg gewesen wäre. Mir fehlt also das siebte Jahr, obwohl ich bereits achtzehn bin."

„Dann werde ich dafür sorgen, dass Sie hier aufgenommen werden können. Sie waren in Gryffindor, richtig?"

Hermine wollte bereits nicken, da fiel ihr etwas ein: „In meiner Zeit war ich in Gryffindor, aber das Gemälde hat mich in einer Slytherin-Robe gezeigt! Ich sollte nach Slytherin gehen!"

Abwesend nickte Dumbledore, während er offensichtlich über ein anderes Problem nachdachte. Geduldig wartete Hermine, bis er seine Gedanken mit ihr teilen würde.

„Es ist unüblich, dass ein Schüler während seiner Schullaufbahn die Schule wechselt. Sie brauchen eine Hintergrundgeschichte, die wasserdicht ist, denn es gibt hier leider zu viele neugierige, intelligente Schüler, die Fragen stellen könnten."

Hermine hatte einen Verdacht, auf wen diese Aussage gemünzt sein könnte, doch sie sagte nichts. Ihr zukünftiger Schulleiter hatte Recht – sie brauchte eine Geschichte.

„Könnten Sie nicht sagen, ich wäre Ihre Nichte, die Tochter Ihres Bruders Aberforth Dumbledore?", fragte sie schließlich. Sich als eine Verwandte von Dumbledore auszugeben, erschien ihr die einfachste Lösung für das Problem ihrer Identität. Wenn dieser überrascht war, dass sie von seinem Bruder wusste, so ließ er sich doch nichts anmerken: „Mein Bruder hat leider keine Frau an seiner Seite und ich wüsste auch nicht, dass da jemals eine war."

„Ich könnte das Kind einer flüchtigen Liebesbeziehung sein, die er vor Jahren hatte. Niemand wird beweisen können, dass er nie eine Frau hatte. Und ... und sie könnte gestorben sein ... und mich mit einem Brief von ihr zu ihm geschickt haben. Eine Amerikanerin. Ich war bisher dort in der Schule, aber jetzt soll mein Vater sich um mich kümmern, deswegen bin ich hier."

„Das ist eine sehr dünne Geschichte", widersprach Dumbledore, doch Hermine schüttelte den Kopf: „Gerade weil sie so schlicht ist, ist sie gut. Und für den Anfang reicht es, falls mehr gebraucht wird, können wir später immer noch mehr hinzu dichten."

„Na schön", willigte er schließlich ein, „ich werde alles in die Wege leiten. Ich hoffe nur, dass Sie bei allem Tatendrang zwei Dinge nicht vergessen. Erstens müssen wir gemeinsam einen Weg finden, die Verbindung zwischen Gemälde und Zeitumkehrer wieder herzustellen, die Sie überhaupt erst hergebracht hat. Und zweitens sollten wir uns bemühen, einen Weg zu finden, wie Sie vielleicht doch in Ihre Zeit zurückkehren könnten."

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