Immer wachsam!

Erstarrt blickte Hermine auf Snape hinab, der sich im Anschluss an seine Worte auf dem Sofa niedergelassen hatte und sie erwartungsvoll anschaute. Kaum hatte er Ginny befohlen, die Bibliothek zu verlassen, waren ihr ihre Gedanken vom Mittagessen wieder eingefallen - hatte Narzissa wirklich einen guten Grund zu der Annahme, dass Snape sie zu sich ins Bett und damit von Lucius Malfoy wegholen würde? Bei ihrem Aufenthalt in der Wohnung von Snape hatte er sie vollständig in Ruhe gelassen, zumindest auf dieser Ebene. Doch war das wirklich von Bedeutung? Die Unsicherheit und vor allem die Angst, die ihre Erinnerungen an seine vergangene Tat, verursachten ein eiskaltes Gefühl in ihrem Magen. Sie wollte nicht alleine mit diesem Mann sein. Sie wollte sich nicht zu ihm auf das Sofa setzen.

"Immer noch so störrisch, mh?", kam es spöttisch von Snape, "Na gut, Sie müssen auch nicht. Bleiben Sie meinetwegen an ihrem Schreibtisch sitzen. Aber Sie werden mich ansehen, wenn ich mit Ihnen rede."

Der Spott in seiner Stimme und die herablassende Art, mit der er ihr einen Platz an ihrem eigenen Schreibtisch anbot, ließen eine altbekannte Wut in Hermine hochsteigen. Mit zusammen gebissenen Zähnen setzte sie sich wieder hin, faltete die Hände in ihren Schoß und blickte mir erhobenen Kinn auf den nun etwas unter ihr sitzenden Snape hinab. Das Amüsement über ihr Verhalten stand dem schwarzgewandten Mann deutlich ins Gesicht geschrieben, was Hermine nur noch weiter reizte.

"Ich habe Ihnen vor Monaten schon einmal diese Frage gestellt und keine hinreichende Antwort erhalten", begann er das Gespräch, "es wäre aber äußerst freundlich von Ihnen, wenn es diesmal anders wäre. Werden Sie hier gut behandelt?"

Es kostete Hermine all ihre Selbstbeherrschung, ihre Gesichtszüge nicht entgleiten zu lassen - das war seine Frage? Schon damals hatte sie sich gewundert, was er mit der Frage bezweckte, ob er eventuell seinem Todesser-Kollegen Lucius Malfoy hinterher spionierte. Die Umstände seines jetzigen Besuchs - als Anstandsdame für Narzissa - legten diesen Gedanken, den sie zuvor noch als Unsinn abgetan hatte, nahe. Doch noch immer wusste sie nicht, wie sie darauf antworten sollte, diesmal jedoch vor allem, da sich ihre Situation und ihr Verhältnis zu Malfoy geändert hatte. Inzwischen konnte sie tatsächlich sagen, dass er sie gut behandelte. Und Draco ebenso. Die einzige Ausnahme davon war Narzissa Malfoy, der es jedoch gelang, ganz alleine ihr Leben zur Hölle zu machen. Und wenn sie die Behandlung im Hause Malfoy mit der durch Snape selbst während ihres Aufenthalts bei ihm verglich, wurde sie auch jetzt noch schlecht behandelt.

Nachdenklich schaute Hermine Snape direkt in die Augen. Sie wusste wirklich nicht, was er mit der Frage bezweckte, fürchtete aber, bei einer falschen Antwort Schwierigkeiten für Lucius Malfoy zu bereiten. Und, so sehr sie diese plötzliche Erkenntnis auch selbst überraschte, das wollte sie nicht. Sie wollte die Freundlichkeit, mit der er ihr begegnet war, nicht mit Verrat heimzahlen. Ebenso wollte sie Draco nicht in Gefahr bringen. Von dem Gesicht ihres ehemaligen Lehrers war nicht abzulesen, welche Antwort er erwartete oder hören wollte, doch sie wusste nun, was sie selbst sagen wollte.

"Nein, werde ich nicht."

Äußerlich ruhig, mit geradem Rücken und sorgfältig nebeneinander platzierten Füßen, die Hände immer noch in ihrem Schoß gefaltet, wartete Hermine die Reaktion des Mannes vor ihr ab. Bemüht, ihre Worte glaubhaft erscheinen zu lassen, hielt sie seinem bohrenden Blick stand und bewegte sich keinen Milimeter aus ihrer Position heraus. Es war schließlich Snape, der mit einem Seufzen den Kopf zur Seite drehte und ihr auswich.

"Nein, warum sollten Sie auch?", erwiderte er nickend, ehe er anfügte: "Waren Sie mit beiden Männern hier im Haus im Bett?"

Diesmal konnte Hermine nicht verhindern, ob der direkten intimen Frage zusammen zu zucken. Kurz wollte sie sich weigern, die Frage zu beantworten, beschloss dann jedoch, dass eine Facette der Wahrheit an dieser Stelle sicher sinnvoller war als Schweigen: "Ja."

Streng genommen stimmte das sogar: Sie hatte sowohl mit Draco als auch mit Lucius Malfoy schon gleichzeitig in einem Bett gelegen. Dass Snape natürlich nach Sex und nicht nach dem Teilen eines Bettes gefragt hatte, war Hermine gleichgültig. Umso überraschter war sie davon, dass für einen Moment ein finsterer Ausdruck über sein Gesicht huschte.

"Freiwillig?"

Ein ungläubiges Schnauben entfuhr Hermine, ehe sie erwiderte: "Ja, natürlich."

Langes Schweigen breitete sich zwischen den beiden Zauberern aus. Angespannt bemühte Hermine sich, ihre aufrechte, stolze Haltung beizubehalten, während Snape mit abwesendem Blick die Reihen der Bibliothek musterte. Als er schließlich seine Aufmerksamkeit wieder ihr zuwandte, meinte sie, dass sein Ausdruck sich verändert hatte. Er wirkte ernster.

"Haben Sie schon mal versucht, das Handeln anderer Menschen nicht aus ihrer eigenen Perspektive, sondern aus derjenigen der jeweiligen Person zu beurteilen?"

"Bitte was?"

"Ich habe Sie gefragt, ob Sie schon einmal versucht haben, Ihre Vorurteile bei Seite zu legen und ..."

"Meine Vorurteile?", unterbrach Hermine empört. Sie konnte nicht glauben, was Snape gerade anzudeuten schien: "Ich bin vorurteilsbehaftet? Ich beurteile andere Menschen unfair? Ist das wirklich das, was Sie sagen wollen?"

"Ihre Angewohnheit, andere Menschen nicht zu Wort kommen zu lassen, hat sich seit Ihrer Schulzeit auch nicht geändert", entgegnete Snape, äußerlich unberührt von ihrem Ausbruch.

Wütend sprang Hermine von ihrem Stuhl auf: "Wie können Sie es wagen, mir Vorurteile vorzuwerfen? Ihre ganze Ideologie, dieses ganze Etwas, was Voldemort geschaffen hat, wofür meine Freunde sterben mussten, fußt doch vollständig auf Vorurteilen! Vorurteile gegen Muggle, Vorurteile gegen Muggelgeborene! Und Sie fordern ernsthaft, dass ich versuche, Verständnis aufzubringen?"

"Sie sind mutig, seinen Namen zu sagen."

"Das hat nichts mit Mut zu tun! Alle anderen sind nur zu feige, einen wahnsinnigen Menschen bei dem Namen zu nennen, den er sich selbst gegeben hat. Die Angst vor dem Namen steigert nur die Angst vor dem Mann selber. Und wenn mich Harry eines gelehrt hat, dann, dass es feige ist, dem zu gehorchen! Und nun hören Sie auf, der Frage auszuweichen: Fordern Sie wirklich, dass ich versuche, Sie und ihre Todesser-Kollegen zu verstehen?"

"Ich habe nie etwas von Verständnis gesagt, Miss Granger", erwiderte Snape ruhig, "ich wollte Sie lediglich dazu anregen, einmal zu überlegen, ob wirklich alles so ist, wie es scheint. Ob wirklich jeder so ist, wie er Ihnen erscheint."

Kurz huschten Hermines Gedanken zu Draco, der nach all dem Hass und der Gewalt plötzlich innerhalb von einer Nacht zu einem verzweifelten jungen Mann geworden war, der vielleicht ihr Freund sein konnte. Draco war definitiv nicht der gewesen, für den sie ihn gehalten hatte. Aber das konnte Snape unmöglich wissen. Er konnte unmöglich auf Draco anspielen - oder doch?

"Wie meinen Sie das?", fragte sie vorsichtig, während sie sich wieder auf ihrem Stuhl niederließ.

"So, wie ich es sage. Sie sollten gut auf Ihre Umgebung achten. Und immer in Frage stellen, was Sie sehen. Vorsichtig sein mit Ihrem Vertrauen."

Hermine lachte humorlos auf: "Sie klingen wie Moody: Immer wachsam! Das ist ja lächerlich. Glauben Sie ernsthaft, ich vertraue irgendjemandem hier?"

"Nein. Aber genau darum geht es mir: Vielleicht taucht irgendwann an unerwarteter Stelle ein Mensch auf, dem Sie vertrauen können."

Sie setzte zu einer spöttischen Erwiderung an, doch das intensive Starren ihres ehemaligen Lehrers ließ sie direkt wieder verstummen. Deutete er gerade tatsächlich an, was sie sich einbildete? Noch ehe sie ihre Gedanken sammeln konnte, war Snape auf gestanden und sehr nahe an sie heran getreten. Ob des Unwohlseins, das die plötzliche Nähe und der Höhenunterschied zwischen ihren Gesichtern in ihr auslösten, erhob sich Hermine ebenfalls und trat einen Schritt zurück, direkt an die Kante des Schreibtisches.

"Machen Sie sich nicht lächerlich", flüsterte sie ungläubig. Der Versuch von Snape, sich ihr als vertrauenswürdige Person zu präsentieren, hatte Hermine aus einer so überraschenden Richtung getroffen, dass sie unfähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Mit aufgerissenen Augen beobachtete sie, wie Snape die Distanz, die sie zwischen sich gebracht hatte, wieder schloss, um dann seine Hände links und rechts von ihr auf dem Schreibtisch abzustützen. Hermine musste hart schlucken, ehe sie die Selbstbeherrschung aufbrachte, zu dem über sie gelehnten Mann aufzublicken. Sofort bereute sie ihren eigenen Mut: Das intensive Starren ließ sie erschaudernd den Blick wieder senken.

So spürte sie mehr als dass sie sah, wie Snape sich noch tiefer zu ihr runter beugte, bis sein Mund auf Höhe ihres Ohres war. Sie fühlte seinen warmen Atem an ihrer Wange, konnte beinahe die Wärme, die vom Körper des Mannes ausging, erahnen, als er plötzlich so leise, dass sie es fast nicht gehört hätte, flüsterte: "Was, wenn ich es ernst meine?"

oOoOoOo

 

Es hatte Ginny einige Zeit gekostet, ehe sie alleine zu dem kleinen Salon, in dem Lucius Malfoy sie zuvor empfangen hatte, zurückgefunden hatte. Doch inzwischen bereute sie, dass sie sich nicht noch mehr Zeit gelassen hatte. Sie hatte dem Hausherrn natürlich ausgerichtet, dass er ihr eine Beschäftigung geben sollte, doch dieser hatte offenbar anderes im Sinn. Er habe nichts zu tun für Leute, die sich in seinem Haus nicht auskennen, hatter er erwidert. Sie könne ihm stattdessen Gesellschaft leisten, während er seinen allabendlichen Tee trank.

Und so saß sie nervös an seiner Seite auf einem kleinen, barock anmutenden Sofa, starrte in die Flammen, bemüht, seinem Blick auszuweichen, und betete, dass seine schleimigen Kommentare von zuvor nur Scherz gewesen waren. Hermine hatte nicht erzählt, dass er sich ihr irgendwie genähert hatte, doch hieß das wirklich, dass nichts geschehen war?

"So schweigsam, kleines Wiesel?", riss Malfoy sie aus ihren Bemühungen, ihn zu ignorieren, "So kennt man dich ja gar nicht. Mein Sohn hat mir immer erzählt, du wärst eine temperamentvolle, junge Frau, voller Selbstbewusstsein und mit einer schlagfertigen Zunge, vor der sich die Jungs in Acht nehmen müssen."

"Ich rede nicht mit jedem", presste Ginny angestrengt zwischen ihren Zähnen hervor.

"Das ist aber schade. Ich schätze junge, heißblütige Frauen!", erwiderte Malfoy mit offensichtlich gespielter Betroffenheit. Noch immer sah Ginny ihn nicht an, doch sie spürte, dass er näher an sie heran gerückt war. Die Hand, die vorher eine Tasse mit schwarzem Tee gehalten hatte, tauchte in ihrem Blickfeld auf, stellte die Tasse auf das kleine Beistelltischchen vor dem Kamin - und kam dann auf ihrem Oberschenkel zu liegen.

"Willst du mir nicht ein bisschen was von deiner wilden Seite zeigen?"

"Fassen Sie mich nicht an!", fauchte sie verschüchtert. Mit einer groben Bewegung stieß sie seine Hand von sich weg und sprang auf, um aus dem Raum zu flüchten. Ehe sie die Tür erreichte, hörte sie ein leises, charakteristisches Klicken - ein Alohomora hatte die Tür magisch verriegelt. Entsetzt drehte sie sich zu Malfoy um: "Was haben Sie vor?"

"Ja, was könnte ich wohl vorhaben?", fragte der blonde Mann mit einem wölfischen Grinsen auf den Lippen, während er mit langsamen Schritten auf sie zukam. Panisch blicke Ginny sich um, doch der kleine Raum hatte keine weitere Tür und bot auch sonst keine Möglichkeit, dem Mann zu entkommen. Ehe sie sich versah, hatte Malfoy sie erreicht und seine Arme um ihre Hüften geschlungen. Verzweifelt versuchte sie, ihre Hände zu befreien, doch die eiserne Umklammerung ließ ihr keinen Freiraum. Hilflos musste sie zulassen, dass Malfoy sein Gesicht in ihren Haaren vergrub, mit seinen Lippen ihren Hals liebkoste und sie Schritt für Schritt zurück zu dem Sofa lenkte.

Gerade, als der Hausherr die unwillige Sklavin auf das Sofa drängen wollte, ließ ein leises Geräusch beide aufhorchen: Jemand hatte von Außen versucht, die Tür zu öffnen.

"Vater?" 

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