Milch zum Mittag

Seufzend ließ Hermine sich auf einen Hocker sinken. Nach der Begegnung mit Snape hatte sie stundenlang die Küche geputzt – länger als gewöhnlich, da ihre Gedanken immer wieder zu dem merkwürdigen Treffen zurückwanderten. Was hatte das Verhalten zu bedeuten? Vor kurzem erst hatte er sich nach ihrem Wohlergehen erkundigt, heute setzte er sich zu ihr in die Küche, um ihr am Ende einen Schwamm mit Wasser über dem Kopf auszudrücken. Was plante er?

Mit einem Stöhnen griff sie nach einem Messer und begann, eine Scheibe von dem alten Laib Brot, das vor ihr lag, abzuschneiden. Snape verwirrte sie. Während sie bei Draco Malfoy zwar nicht wusste, warum er sie hasste, konnte sie sich zumindest darauf verlassen, dass er es tat. Dessen Vater schien ihr gleichgültig gegenüber zu sein und nur zu kalkulieren, wie viel Wert sie hatte, seine Mutter brachte ihr ebenfalls nur Hass entgegen.

Ihr ehemaliger Tränkelehrer hingegen war ein Rätsel. Sie war überzeugt von seiner Schlechtheit, überzeugt von seiner Treue zum Dunklen Lord. Sein Mord an Dumbledore sprach für sich alleine und nichts würde diese Handlung jemals rechtfertigen können. Und dennoch – der Zweifel und die Ungewissheit nagten an ihr. Welches Spielchen trieb dieser Mann mit ihr?

Die Küche um sie herum war so sauber wie lange nicht mehr. Gedankenverloren hatte sie jede Ecke geputzt, alles zum Strahlen und Glänzen gebracht, was ging. Sie hatte außerhalb der Küche keine Aufgaben und war nur zu froh darüber, dass sie einen ganzen Vormittag Ruhe gehabt hatte, nachdem Snape und Malfoy junior sie nach dem Frühstück gestört hatten. Sie genoss diese Zeit für sich, genoss die Scheibe Brot mit Käse und einem Becher zum dritten Mal aufgebrühtem Tee. Es gab selten Tage, an denen sie dermaßen ungestört sein konnte. Und die Zeit war begrenzt, denn in spätestens einer halben Stunde würden die Hauselfen zurückkehren und die Vorbereitungen für das Mittagessen anfangen.

Doch die Ruhe dauerte nicht lange. Gerade, als sie den ersten Bissen von ihrem Brot nehmen wollte, hörte sie Schritte die Treppe zur Küche herunter kommen. In der Hoffnung, dass es nicht erneut der Sohn des Hauses war, wandte sie den Blick zum Eingang – und entdeckte voller Erleichterung Lucius Malfoy.

„Du bist erleichtert, mich zu sehen?", fragte der ältere Zauberer erstaunt, „Womit habe ich diese Ehre verdient?"

Errötend senkte sie den Blick auf ihr Brot. Hermine wollte nicht, dass er die Situation missverstand – aber ebenso wenig wollte sie ihm von ihrer Angst vor Draco erzählen.

Ihr Schweigen verwunderte Lucius Malfoy nur umso mehr. Wovor hat sie solche Angst? Und warum hat sie keine Angst vor mir? Mit langsamen Schritten kam er auf sie zu und setze sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tischs. Wortlos musterte er die Gestalt vor sich. Sein Blick fiel auf das angebissene Brot und den inzwischen kaum noch warmen Tee. Kein Wunder, dass ihre einstmals so ansehnliche Figur inzwischen kaum mehr zu erahnen ist … sollte ich ihr vielleicht mehr Nahrung zur Verfügung stellen, damit Snape größere Freude an ihrem Körper hat?

„Ist das dein Mittagessen?"

Überrascht schaute Hermine auf. Sie verstand die Frage nicht, immerhin war er es schließlich gewesen, der ihre Mahlzeiten vorgeschrieben hatte. Seit sie hier war, bestand ihr Mittagessen aus einer Scheibe Brot mit Käse und einem Becher Tee, falls welcher übrig war. Zum Frühstück gab es eine Schüssel Haferbrei, zum Abendessen Suppe aus den Resten der Mahlzeit der Malfoys oder, falls nichts übrig war, eine weitere Scheibe Brot. So hatte er es bestimmt. Misstrauisch musterte sie ihn und beschloss, ihr Mittagessen so schnell als möglich zu beenden, falls ihm einfallen sollte, dass sie zu viel zu essen bekam.

Die plötzliche Hast seiner Sklavin entging Lucius Malfoy nicht. Ein Seufzer entfuhr ihm – natürlich war seine Frage für sie nicht zu verstehen. Wortlos erhob er sich und ging in die Kühlkammer nebenan. Er war sich sicher, dass die Hauselfen dort Vorräte lagerten, auch wenn er selbst den Raum noch nie betreten hatte. Tatsächlich fand er schnell, wonach er suchte, und kehrte zu Hermine in die Küche zurück.

„Hier", sagte er, während er eine Flasche frischer Milch vor sie stellte, „du trinkst ab sofort jeden Mittag zusätzlich ein Glas Milch!"

Beinah hätte Hermine sich am letzten Stück ihres Brotes verschluckt: „Was?"

„Ein Glas Milch. Zum Mittag und zum Abend. Jeden Tag. Ab sofort!", wiederholte er langsam und mit gereizter Stimme. Wieso konnte sie Freundlichkeit nicht einfach annehmen, wenn sie ihr geboten wurde?

Noch immer misstrauisch griff Hermine nach der Flasche, holte sich ein Glas aus dem Schrank und schenkte es sich ein. Kurz schnupperte sie daran, doch da sie keinen verdächtigen Geruch feststellen konnte, stürzte sie es mit einem Zug hinunter. Es war Wochen her, dass sie zuletzt Milch getrunken hatte, und ihr war bewusst, welch positive Wirkung diese auf ihren Körper haben würde. Umso mehr quälte sie die Frage, warum Lucius Malfoy plötzlich Interesse an ihrem Wohlergehen entwickelt hatte.

Er war bereits im Gehen begriffen, als Hermine ein Licht aufging.

„Ihr habt mich verkauft!"

Malfoy blieb stehen und drehte sich wieder zu ihr um.

„Dein Verstand ist wirklich scharf. Ein kleiner, nichtiger Hinweis genügt, und du ziehst die richtigen Schlüsse", erwiderte er.

Eine kalte Hand legte sich um ihr Herz. Er hatte es tatsächlich getan. Er stritt es nicht einmal ab. Er hatte ihr Schicksal besiegelt, einfach so. Was bis gerade eben noch eine ferne Zukunftsangst gewesen war, war nun urplötzlich ganz nah heran gerückt.

„An wen?"

„An jemanden, der mir nützlich sein kann."

„Jeder kann Euch nützlich sein, das ist keine Antwort!", fauchte Hermine, „ich habe ein Recht zu erfahren, welchen notgeilen Schwanz ich demnächst ertragen muss!"

Amüsiert hob Lucius eine Augenbraue: „Deine Sprache lässt zu wünschen übrig, kleine Gryffindor."

„Ich habe genug davon, dass Ihr Eure Spielchen mit mir treibt. Sagt mir, wer es ist. Ihr schuldet mir …"

„Gar nichts", unterbrach er sie, „ich schulde dir gar nichts. Du kannst froh sein, dass ich dich überhaupt vorgewarnt habe. Jetzt besinn dich auf deine Position zurück und sei brav."

Erneut wollte er sich zum Gehen wenden, doch abermals hielt Hermine ihn auf. Ihre kleine Hand legte sich fest auf seinen Arm und zeigte ihm, dass sie nicht länger bereit war, unterwürfig und zurückhaltend zu sein.

„Ich kann keine Haushaltskraft brauchen, die nicht tut, was ich befehle. Das Mittagessen muss langsam vorbereitet werden und du hängst hier jammernd an meinem Arm", herrschte er sie an, „du wirst heute nicht weiter in der Küche bleiben, da du hier eh nur für Unordnung sorgen wirst. Komm mit!"

Ehe Hermine begriff, wie ihr geschah, hatte er seinen Arm befreit, ihre Hand, die diesen zuvor gehalten hatte, seinerseits gepackt und zog sie hinter sich aus der Küche. Zu überrascht von dem, was geschah, war sie außer Stande, sich gegen die grobe Behandlung zu wehren. Es dauerte hingegen nur einen Augenblick bis sie begriff, wohin der Hausherr sie brachte: Er hatte die Treppe zum Flügel mit den privaten Quartieren der Familie eingeschlagen. Sie war zuvor noch nie dort gewesen, doch sie wusste, dass im oberen Südflügel die Schlafzimmer sowie drei luxuriöse Badezimmer lagen. Wollte er etwa … ?

oOoOoOo

Draco Malfoy ballte die Fäuste. Die Szene, die er gerade zwischen seinem Vater und Granger beobachtet hatte, hatte ihm nicht gefallen. Auch wenn er nicht verstanden hatte, was gesprochen wurde, so hatte er doch gesehen, wie sein Vater dem Schlammblut Milch angeboten hatte. Und offenbar hat er sich Widerworte gefallen lassen. Was aber am schlimmsten war – Draco wusste genau, wohin die Treppe führte, die sein Vater die Sklavin hochgezerrt hatte. Bei dem Gedanken, was er mit dieser Frau in einem Schlafzimmer wohl anstellen machte, wurde ihm schlecht.

Leise schlich er ihnen hinterher – genervt davon, im eigenen Haus plötzlich zum Spion zu werden. Seit Hermine Granger bei ihnen eingezogen war, war sein Leben eine einzige Hölle gewesen. Nein, wenn er ehrlich zu sich war, war es das schon vorher gewesen, doch durch sie wurde er Tag für Tag daran erinnert, wie groß sein Hass war. Und er hasste sie aus vollem Herzen. Wenn er sah, wie sein Vater – unwissend, naiv, vielleicht aber auch einfach nur blind – diese spezielle Gryffindor behandelte, wie er beinah freundlich zu ihr war, wie er sich anscheinend keine Sorgen um die Zukunft machte …

Überrascht stellte er plötzlich fest, dass sein Vater nicht die Tür zu seinem privaten Schlafgemach geöffnet hatte, sondern eine weiter gegangen war. Was hatte er vor, was wollte er mit seiner Sklavin ausgerechnet dort?

oOoOoOo

„Zieh dich aus", befahlt Lucius Malfoy mit strengem Blick. Als Hermine keine Anstalten machte, dem Befehl Folge zu leisten, zückte er seinen Zauberstab und ließ ihre Kleidung auf magische Weise verschwinden. Ein böser Blick traf ihn, doch Hermine schien nicht bereit, sich der Demütigung zu beugen und um irgendetwas zu betteln.

„Du hast einen schönen Körper, Hermine"

Auch dieses geschnurrte Kompliment und die Betonung ihres Vornamens brachten dem blonden Mann keine Reaktion ein. Seine Sklavin stand vor ihm, unbeweglich, unberührt, und starrte trotzig auf den Boden. Es schien, als habe sie beschlossen, dass alles, was mit ihrem Körper geschah, nichts mit ihr zu tun hatte. Er starrte sie ungeniert an und wiederholte in seinem Inneren das Kompliment – sie hatte tatsächlich einen schönen Körper, den einer jungen Frau, wenn auch etwas zu dünn und mit einer kränklichen Hautfarbe. Außerdem wirkte ihr Haar stumpf und wenig lebendig – die sonst so unbändigen Locken hingen trostlos herab.

Er trat an sie heran und griff nach einer Strähne ihres Haares. Noch immer konnte er keine Reaktion hervorrufen. Gedankenverloren führte er die Haare an seine Nase, schloss die Augen und roch daran. Erst jetzt hob sie ihren Blick und schaute ihn ungläubig an. Außerstande sich zu rühren starrte Hermine auf den Todesser, der vor ihr stand und in einer beinahe liebevollen Geste ihr Haar hielt.

„Was zur Hölle machst du da, Vater?"

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