VI.3 - Völlige Kontrolle

„Miss Dumbledore!"

Hermine schloss die Augen. Natürlich, sie hatte schon damit gerechnet, auch wenn sie sich gewünscht hätte, es wäre nicht so schnell dazu gekommen. Doch sie musste sich dem Unausweichlichen stellen. Mit einem freundlichen, aber unverbindlichen Lächeln drehte sie sich um: „Mr. Prewett, gute Morgen."

„Hallo", sagte er kurz angebunden, als er sie erreicht hatte. Hermine wünschte, dass Tom hier gewesen wäre, um sie von einem Klassenraum zum nächsten zu begleiten, doch er war mit Abraxas irgendwohin verschwunden und hatte sie alleine gelassen. Nicht, dass ihr gerade viel an seiner Gegenwart lag, doch das Gespräch mit Ignatius würde gewiss nicht freundlich enden. Sie schluckte und schaute ihn erwartungsvoll an, so dass er schließlich fortfuhr: „Sie wissen nicht zufällig, ob am Freitagabend oder Samstagmorgen irgendetwas zwischen Augusta ... Miss Bargeworthy und Mr. Riddle vorgefallen ist?"

Hermine blieb stehen und schaute den Jungen vor sich an. Sie sehnte sich danach, ihm die Wahrheit zu sagen, auch all die Schlechtigkeit, die in ihr war, zu beichten, doch sie wusste, sie konnte nicht. Was noch schlimmer war, sie wusste, diese Entwicklung war gut und sie musste das Spiel weiter mitspielen. Augusta war unter ihrer Kontrolle und bekam durch sie einen Denkzettel von Tom verpasst. Und damit indirekt auch Ignatius. Wenn sie dadurch erreichen konnte, dass beide sich von Tom – und von ihr selbst – fernhalten würden, wären sie außer Gefahr. Sie durfte einfach keine Unschuldigen weiter in ihre Probleme reinziehen, das hatte Tom ihr mehr als deutlich demonstriert. Sie musste diese Chance nutzen, um ihre aufkeimende Freundschaft mit den Gryffindors zu beenden. Endgültig.

„Warum sollte ich Kenntnis von so etwas haben?" fragte sie schließlich zurück. Mit zusammengepressten Lippen und den Armen vor der Brust verschränkt wartete sie auf eine Antwort, darum bemüht, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Es war offensichtlich, dass ihre abweisende Antwort nicht das war, womit Ignatius gerechnet hatte. Seine Miene verdüsterte sich, als er schließlich erwiderte: „Zwei Gründe. Erstens sind Sie die Freundin von Tom Riddle. Und zweitens sagte Augusta mir, dass Sie tatsächlich auf seiner Seite stehen. Als seine engste Vertraute werden Sie doch gewiss Kenntnis von seinen Handlungen haben."

Hermine musste an sich halten, ihn nicht einfach nur anzustarren. Ignatius war so direkt und griff sie so offen an, dass sie sich fragte, ob er irgendetwas begriffen hatte. Sie klammerte sich mit aller Macht an ihren neutralen Gesichtsausdruck, während sie entgegnete: „Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis, Mr. Prewett. Haben Sie die Botschaft nicht verstanden? Haben meine Mitschüler Recht, wenn sie den Gryffindors vorwerfen, dass man ihnen alles ausbuchstabieren muss, ehe sie verstehen? Brauchen Sie wirklich direkte Worte?"

Sie konnte sehen, wie Ignatius mit jedem ihrer Worte blasser wurde, bis er schließlich zitternd seine Fäuste ballte: „Sie ... Sie sind anders, als ich vermutet hatte, Miss Dumbledore."

Es brach ihr beinahe das Herz, diese Worte zu hören, doch Hermine blieb standhaft: „Sie kennen mich nicht, Mr. Prewett. Was auch immer Sie über mich und meine Beziehung zu Mr. Riddle zu glauben wissen, es sind Schlüsse, die Sie alleine gezogen haben, ohne mich oder ihn zu fragen. Sie waren sogar so dreist, Miss Bargeworthy in diese Angelegenheit hineinzuziehen, Sie haben sie vorgeschickt, um mich auszuhorchen. Und nun ist sie diejenige, die für zu große Neugier den Preis zahlen muss. Fühlen Sie sich gut?"

Das zuvor blasse Gesicht von Ignatius war während ihrer vorwurfsvollen Rede hochrot angelaufen. Wutentbrannt stieß er Hermine gegen die Steinwand und baute sich vor ihr auf: „Sie haben kein Recht, so mit mir zu reden. Was ich tat, geschah aus Sorge. Sorge um Sie, Miss Dumbledore! Sie haben kein Recht ..."

„Nein, SIE haben kein Recht!", unterbrach Hermine ihn, die nun selbst langsam wütend wurde. Sah Ignatius denn die Gefahr nicht? Wusste er nicht, was er mit seinen Worten aufs Spiel setzte? Mit gefährlich leiser Stimme erklärte sie: „Wir führen eine nette Unterhaltung, Sie sehen mich mit Riddle und Abraxas, sehen mein Unwohlsein – und interpretieren da sonst was draus. Dann reden Sie mit Ihren Freunden darüber und wittern eine Gelegenheit, dem verhassten Schulsprecher was anzuhängen, während Sie sich gleichzeitig als edle Retter einer unschuldigen Jungfrau in Nöten aufspielen können. Kein einziges Mal haben Sie gefragt, ob ich Ihre Hilfe will. Oder auch nur brauche. Die einzige, die den Mut dazu hatte, war Miss Bargeworthy, und ich habe ihr mehr als deutlich gemacht, dass sie sich nicht einzumischen hat. Sie haben voreilige Schlüsse gezogen, geblendet von Ihren Vorurteilen und Ihrer eingebildeten Tugendhaftigkeit, aber dabei haben Sie die Realität aus den Augen verloren! Ich will Ihre Hilfe nicht! Und Tom schätzt Ihre Einmischung in unsere Beziehung nicht! Augusta hat den Preis dafür gezahlt. Zahlt ihn noch. Lernen Sie daraus und halten Sie sich fern!"

Sie hatte keine Zeit, auch nur nach ihrem Zauberstab zu greifen, da rammte sich die geballte Faust von Ignatius in die Wand direkt neben ihrem Kopf. Schwer atmend und mit blitzenden Augen starrte er auf sie hinunter: „Sie haben mit mir gespielt. Mit uns. Sie können sagen, was Sie wollen, aber Ihr Verhalten zuvor hat deutlich signalisiert, dass Sie Riddle als Gefahr betrachten. Dass Sie mir das jetzt vorwerfen ... dass Sie mir die Schuld an dem geben, was Augusta zugestoßen ist ..."

Mit einem süßlichen Lächeln blickte Hermine zu ihm hinauf: „Was ist der Armen denn zugestoßen?"

Sie konnte sehen, wie Ignatius die Kiefer aufeinanderpresste und nach Worten suchte, doch natürlich wusste er nicht wirklich, was geschehen war. Tom hatte ihr versichert, dass Augusta nicht reden würde. Mit eiskalter Stimme setzte sie hinzu: „Sie sind mir gegenüber tätlich geworden, Mr. Prewett. Sie werfen mir und meinem Freund vor, Miss Bargeworthy irgendetwas angetan zu haben, während diese, soweit ich das beurteilen kann, heute ganz normal durchs Schloss laufen kann. Schätzen Sie sich glücklich, dass ich nicht meinen Onkel über Ihr unmögliches Verhalten informiere."

Für einen Augenblick sah Ignatius so aus, als wollte er sie tatsächlich schlagen, doch dann schien er sich zu besinnen. Stattdessen trat er noch einen Schritt näher an sie heran, bis sich sein Gesicht dem ihren auf wenige Zentimeter genähert hatte: „Das letzte Wort zwischen uns ist noch nicht gesprochen. Seien Sie froh, dass Sie eine Frau sind, sonst wäre ich nicht so höflich mit Ihnen umgegangen."

Dann, ehe sie darauf reagieren konnte, stieß er sich von der Wand ab und ging eiligen Schrittes davon. Hermine blieb alleine zurück. Sie fühlte sich leer. Sie wusste, was sie Augusta angetan hatte, war nicht zu entschuldigen. Es war reines Glück, dass nicht wirklich etwas geschehen war. Niedergeschlagen sank Hermine an der Wand hinab auf den kalten Steinboden.

Sie war ein ebensolches Monster wie Tom. Sie quälte andere Menschen und machte sich über deren Leid lustig. Und sie verspürte abartige Erregung im Angesicht der Macht, die ihr das Ritual verschaffte. Tom hatte Recht mit allem, was er gestern gesagt hatte: Das schwarzmagische Ritual hatte ihren innersten, magischen Kern berührt und diese Berührung hatte ein nie gekanntes Hochgefühl ausgelöst. Genauso wie seine Berührung.

Wieder kam dieses Übelkeit erregende Schamgefühl über Hermine, als sie an den Vorfall vom vergangenen Nachmittag zurückdachte. Sie war krank, psychisch krank, dass sie auf Toms Worte und Berührung mit Erregung reagiert hatte. Es war einfach dieser verdammte Stolz. Es fühlte sich so gut an, Tom Riddle, den eiskalten Mörder, den machthungrigen Lord Voldemort, für sich begeistern zu können. Niemand war ihm so nahe wie sie, niemand kannte ihn so gut wie sie. Sie fiel immer wieder drauf rein. Immer wieder zeigte er sich zärtlich, verführerisch, tat so, als ob er sie begehrte. Und sie reagierte wie auf Knopfdruck, geleitet von ihrem verdammten Stolz. Und jedes Mal holte er sie auf den Boden der Tatsachen zurück, demonstrierte ihr, dass er kein Stück berührt von ihr war, dass er einfach nur seine Macht hatte zeigen wollen.

Und der Einfluss des Rituals machte es nicht besser. Sie war sich sicher – nein, sie hofft! – dass ihre positiven Reaktionen auf Tom im Moment hauptsächlich auf das Ritual zurückzuführen waren. Dass sie nicht wirklich so auf ihn reagierte, sondern ihre Gefühle nur unverhältnismäßig verstärkt wurden.

„Was mache ich hier eigentlich?", flüsterte Hermine leise in die Stille des leeren Ganges, die Arme um ihre Knie geschlungen: „Was ist der Sinn? Wozu bin ich hier? Ich darf doch sowieso nichts verändern ... und ich lerne nichts über Riddle, was ich nicht schon vorher wusste. Warum habe ich mich selbst hierher geschickt?"

oOoOoOo

Es war Abraxas nicht entgangen, dass Hermine den ganzen Montag über sehr blass und abwesend wirkte, als seien ihre Gedanken woanders. Tom hatte es offensichtlich auch bemerkt, doch aus irgendeinem Grund umspielte immer nur ein zufriedenes Grinsen seine Mundwinkel, wann immer er zu seiner Freundin hinüber sah. Abraxas seufzte. Es schien eine Ewigkeit her, dass er zuletzt alleine mit Hermine gesprochen hatte. Seit Tom ihm so unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er ihr nicht zu nahe kommen sollte, da sie nun seine Frau war, hatte er keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihr alleine zu sein. Mehr denn je verspürte er jetzt das Bedürfnis, sie direkt fragen zu können, ob alles in Ordnung war. Sie sah wirklich aus wie ein Geist.

Unwillig schob er das Essen auf seinem Teller hin und her. Er war noch nie jemand gewesen, der abends viel essen wollte, und heute hatte er definitiv keinen Appetit. So viel war in Bewegung, obwohl er sich eigentlich auf die Schule konzentrieren sollte. Es hatte ein explizites Verbot von Tom gebraucht, um ihn daran zu hindern, selbst noch einmal mit Avery zu sprechen, nachdem herausgekommen war, dass er an Hermines erbärmlichen Zustand vor über zwei Wochen schuld gewesen war. Tom schien seine Pläne voranzutreiben, was auch immer das genau bedeutete. Abraxas spürte deutlich, dass es hier um etwas Bedeutenderes ging als er bisher überblicken konnte, und er fragte sich, ob seine Noten überhaupt noch eine Rolle spielen würden, wenn Tom in naher Zukunft seine Vision mit der Öffentlichkeit teilen würde.

„Abraxas."

Überrascht schaute er zu der schlanken Frau neben sich, um die seine Gedanken gerade so intensiv gekreist waren: „Ja, bitte, Hermine?"

„Tom will heute mit Professor Slughorn über irgendetwas sprechen und ich bin mit meinem Hausaufgaben bereits fertig", flüsterte sie ihm zu, ohne ihn anzuschauen: „Hast du eventuell Interesse daran, mich ein paar Schritte über die Ländereien zu begleiten?"

Abraxas zwang sich, sie nicht direkt anzustarren. Natürlich, das hier war immer noch Hermine Dumbledore, die junge Frau, die sich offensichtlich nicht um irgendwelche Konventionen scherte. Ebenso leise erwiderte: „Sehr gerne. Ich warte einfach in einer halben Stunde vor den Toren auf dich?"

Sie deutete ein Nicken an und widmete sich wieder ihrem Essen. Vorsichtig spähte Abraxas zu Tom hinüber, der seinen Blick offen erwiderte. Es war unmöglich, dass er den Inhalt ihrer Unterhaltung mitbekommen hatte, dennoch hatte er den Eindruck, dass sein bester Freund ihn durchschaut hatte. Tief atmete Abraxas durch. Nie zuvor hatte er an Tom gezweifelt, erst, nachdem er Hermine kennengelernt hatte, hatte er Seiten an ihm entdeckt, die er nicht verstand. Und immer wieder fragte er sich, ob es nur daran lag, dass Hermine sein Herz im Sturm erobert hatte und Tom ihm dennoch zuvor gekommen war, oder ob Hermine einfach Aspekte von Toms Persönlichkeit hervorbrachte, die sonst niemandem zuvor aufgefallen waren.

Genervt legte er Messer und Gabel beiseite und erhob sich. Er hatte keinen Appetit, es brachte nichts, weiter in seinem Essen herumzustochern. Mit einem Nicken zu seinen Freunden verabschiedete er sich, um stattdessen auf den Treppenstufen vor dem Schloss die letzten Sonnenstrahlen zu genießen und auf Hermine zu warten.

„Hast du lange gewartet?", riss ihn ihre helle Stimme aus seinen Gedanken. Er hatte das Gefühl, sich gerade erst gesetzt zu haben, doch der Stand der Sonne signalisierte ihm, dass er tatsächlich eine halbe Stunde hier gesessen hatte.

„Nein, ich habe nicht gewartet. Ich habe nur die Zeit alleine außerhalb der Mauern gebraucht", erwiderte er lächelnd, während er sich erhob und ihr seinen Arm anbot. Das Lächeln, mit dem Hermine ihn annahm, war schwach. Doch obwohl er sich noch immer Sorgen um sie machte, konnte Abraxas nicht anders als das Gefühl ihrer zierlichen Figur an seiner Seite zu genießen.

Da Hermine nicht auf seine Aussage reagierte, setzte Abraxas sich schließlich in Bewegung und führte sie den langen Pfad hinunter zum See. Die Sonne versank gerade hinter den Bäumen und warf lange Schatten, während der Wind immer kühler wurde. Eine merkwürdige Ruhe lag über ihnen, die Abraxas das Gefühl gab, als ob jede Sekunde ein Sturm ausbrechen könnte.

„Geht es dir gut?", durchbrach er schließlich das Schweigen, nachdem er es nicht mehr aushalten konnte. Sie waren an einer Bank angekommen, die am Wegesrand stand, und er zwang Hermine dazu, sich zu setzen. Es war offensichtlich, dass ihr Körper Ruhe und Erholung brauchte und keinen anstrengenden Spaziergang in der Kälte der Nacht.

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie einfühlsam ein Mann sein kann", gab Hermine zurück, während sie mit beiden Händen nach seiner Rechten griff und sie drückte. Nervös erwiderte Abraxas den Händedruck. Er wusste, er sollte besser nicht von irgendjemandem erwischt werden, während er so intim mit der Freundin seines besten Freundes war, doch er konnte sich nicht helfen, Hermine wirkte so verloren und erschöpft, dass er einfach für sie da sein wollte.

Stumm wartete er darauf, dass sie fortfuhr. Er wollte sie nicht bedrängen, sondern ihr einfach nur die Chance geben, sich von der Seele zu reden, was sie belastete. Schließlich rückte sie ein Stück näher an ihn heran, seine Hand immer noch in ihren Händen, und fing an: „Ich fühle mich manchmal einfach so alleine. Ich bin so ... so fremd hier. Zuhause ... ich kann dir nicht einmal irgendetwas über mein Zuhause erzählen, aber da hatte ich Freunde, wirkliche, echte Freunde. Hier ist alles so anders. Und ... ich weiß nicht, ob du verstehst, wie sich das anfühlt, aber ... der Tod scheint mein ständiger Begleiter zu sein."

Traurig legte Abraxas seine freie Hand auf ihre verschlungenen Hände: „Ich wünschte, ich könnte irgendetwas tun, damit du dich wohler hier fühlst. Weiß Tom, dass du so denkst?"

„Ach, Tom!", erwiderte Hermine so heftig, dass Abraxas sich fast schon angegriffen fühlte. Etwas ruhiger setzte sie hinzu: „Das ist nichts, worüber ich mit ihm reden kann."

Hin- und hergerissen schwieg er. Er wollte seinem Freund nicht in den Rücken fallen und wollte erst recht nicht riskieren, so wie Avery auf seiner schlechten Seite zu enden. Doch er konnte nicht anders, als nachzuhaken: „Wieso? Ihr seid zusammen. Sollte er nicht gerade bei sowas für dich da sein?"

Der Ausdruck auf Hermines Gesicht wurde nur noch verzweifelter: „Tom und ich sind nicht ... er ist nicht ... oh, ehrlich, Abraxas. Kannst du dir wirklich vorstellen, dass ich mit ihm über so etwas sprechen kann?"

Irgendetwas war da. Irgendetwas lauerte hinter Hermines Traurigkeit, was definitiv mit Tom zu tun hatte, das konnte er spüren. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er zum Schloss hoch, versuchte sich auszumalen, wie die Gespräche zwischen Hermine und Tom wohl verliefen, wenn sie unter sich waren, doch da war gar nichts. Es war für alle offensichtlich, dass die beiden vom ersten Tag an eine merkwürdige Verbindung hatten, eine Art Chemie, doch mehr als Abneigung hatte er bei Hermine nie entdeckt. Und Tom selbst hatte sie mal als Problem für seine Pläne bezeichnet. Wie also sah romantische Zweisamkeit zwischen den beiden aus?

„Hat er ...", setzte er an, unterbrach sich dann aber, weil er es kaum wagte, den Gedanken auszusprechen: „Ist er ... dir zu nahe gekommen?"

„Abraxas ...", kam es mit brüchiger Stimme von Hermine, ihre Unterlippe fing an zu zittern und plötzlich, aus dem Nichts heraus, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und brach weinend zusammen. Überfordert legte Abraxas seine Hände auf ihren Rücken. Er verstand nicht, was hier geschah, doch wenn sein Vater ihm eines beigebracht hatte, dann, dass eine weinende Frau vor allem eine starke Schulter brauchte.

Es dauerte lange, bis Hermines lautes Schluchzen verklang, doch auch dann noch versiegte der Strom ihrer Tränen nicht. Unglücklich, dass er nicht mehr tun konnte, und vollkommen hilflos saß Abraxas die ganze Zeit da, streichelte ihren Rücken, und schwieg. Ihm war schmerzlich bewusst, dass eigentlich Tom hier sitzen sollte an seiner Stelle, doch es schien, als sei gerade jener für diese Tränen verantwortlich.

Als es schon lange dunkel geworden war und die ersten Sterne am Himmel zu sehen war, rührte Abraxas sich schließlich. Sie mussten zurück ins Schloss, sonst würden sie bestraft werden, so spät noch außerhalb des Gemeinschaftsraums zu sein. Hermine jedoch reagierte gar nicht auf seine Bewegung und plötzlich ging ihm auf, dass sie in seinen Armen eingeschlafen war. Für einen Augenblick dachte er darüber nach, sie einfach zu wecken, doch er entschied sich dagegen. Vorsichtig stand er auf, mit ihr auf seinen Armen, und trug sie zurück zum Schloss.

Sie hat irgendwelche wirklich schlimmen Sorgen, dachte er, während er die Treppen zum Kerker runterstieg: Eine Frau sollte niemals bis zur absoluten Erschöpfung weinen müssen. Ich hoffe wirklich, dass Tom nicht schuld daran ist. Das hat sie nicht verdient.

So in seine Gedanken versunken bemerkte Abraxas nicht, dass ein Schatten, der aus der Richtung des Zaubertränke-Klassenraums gekommen war, abrupt stehen geblieben war, um ihnen unbemerkt hinterher schauen zu können. Und so entging ihm der Hass, der die sonst dunklen Augen in einem unwirklichen Rot leuchten ließ.


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