VII.5 - Licht und Schatten

Hermine gefiel nicht, was sie sah, als sie am Freitagmorgen den Klassenraum für Verteidigung gegen die Dunklen Künste betrat. Die Tische und Stühle waren zur Seite geräumt und in der Mitte befand sich leicht erhoben eine Bühne. Das konnte nur eines bedeuten: Es war Zeit, für eine weitere Runde von Duellen. Sie hatten inzwischen einige neue Verteidigungssprüche gelernt, ebenso wie sie an der Technik für wenige harmlose Angriffszauber gearbeitet hatten. Natürlich musste Professor Merrythought ihr Können in regelmäßigen Abständen überprüfen, doch dass sie ausgerechnet nach dieser Nacht gegen Tom in einem magischen Duell antreten musste, schmeckte Hermine gar nicht. 

Sie hatte wenig geschlafen die Nacht, zu sehr zerrte das Erlebnis mit Tom an ihren Nerven. Sie hatte also tatsächlich Sex mit dem zukünftigen Lord Voldemort gehabt und entgegen jeder Vernunft hatte sie es genossen. Sie wusste selbst nur zu gut, dass er schon lange nicht mehr Voldemort für sie war, sondern Tom Riddle, doch ein kleiner Teil ihres Verstandes konnte nicht anders, als schockiert sein über die Entwicklung dieser Dinge. 

Und nachdem sie stundenlang damit zugebracht hatte, ihre eigenen merkwürdigen Gefühle zu analysieren, hatte sie in der Nacht eine interessante Entdeckung gemacht. Tom hatte Recht. Sie erinnerte sich nur zu gut an seine Worte, dass die magische Gesellschaft jungen Zauberern fesseln auferlegte. Dass ein großer Teil der eigentlichen Kraft verschlossen wurde durch soziale Normen, um zu verhindern, dass insbesondere junge Menschen der Verlockung der dunkleren Seite der Magie erliegen würden. Genauso wie sie sich daran erinnerte, dass Tom diese Fesseln übertragen hatte auf moralische Werte in der Gesellschaft – direkt ausgesprochen auf Sex. 

Tom hatte sie gezwungen, sich ihm zu unterwerfen, er hatte sie gedemütigt und seine Macht über sie markiert. Und sie war darauf angesprungen. Hermine wusste, es war nicht nur der rationale Teil in ihr, jener Teil, der darauf aus war, Tom so nah wie möglich zu kommen, der sie ihm in die Arme getrieben hatte. Ganz tief in ihrem Innern hatte sie das schon lange gewollt, hatte den Sex mit ihm gewollt. Die Unterwerfung. 

Was in dieser Nacht geschehen war, war nicht mehr und nicht weniger als das Sprengen einer Fessel von ihrem Innersten. 

Tom wollte sie in die Dunklen Künste einführen und zwar nicht einfach so, sondern vollständig. Er wollte alles, was in ihr war, freilegen, jegliche moralische Zweifel und Bedenken sprengen, um ihre Macht zu entfesseln. Das Blutritual an Augusta hatte die erste Kette gesprengt. Diese Nacht mit Tom die nächste. Und das schlimmste daran war: Sie wollte, dass er es wieder tat. Es war so viel leichter für sie, wenn sie einfach nachgab, wenn sie aufhörte zu kämpfen und ihm gab, was er wollte. Es war befreiend auf eine Weise, die sie nie zuvor gekannt hatte. Es war irrational und paradox, wie frei sie sich gefühlt hatte, nachdem sie akzeptiert hatte, dass er die vollständige Kontrolle über ihren Körper besaß. 

Die Dunkelheit, die sie verschlungen hatte während ihres Orgasmus‘ war nichts anderes als ihr heimliches Verlangen danach, die Kontrolle aufzugeben, dessen war Hermine sich inzwischen sicher. Es war eine Seite an ihr, die ihr Angst machte, doch gleichzeitig fühlte es sich einfach gut an. 

Sie stellte ihre Schultasche bei Seite, dann gesellte sie sich zu Abraxas, der ebenso wie sie früh nach dem Frühstück zum Unterricht aufgebrochen war. 

„Guten Morgen“, sagte sie leise, ohne ihn anzublicken, die Hände sorgfältig vor ihrem Rock gefaltet. Wenn Abraxas irgendwie verwundert über ihre nonchalante Art und Weise war, so ließ er es sich nicht anmerken. 

„Guten Morgen, Hermine“, erwiderte er ebenso leise, während er wie sie seinen Blick auf die Bühne gerichtet hielt: „Schon nervös vor dem großen Duell gegen Tom?“ 

Unwillkürlich spannten sich ihre Schultern an: „Ein wenig. Das letzte Mal habe ich kläglich versagt und ich bezweifle irgendwie, dass es dieses Mal anders verlaufen wird. Tom scheint einfach so viel schneller zu lernen als wir.“ 

„Denselben Gedanken hatte ich zu Beginn des Schuljahres auch“, gab Abraxas nachdenklich zu: „Wie du vielleicht weißt, war ich zuvor sein Duellpartner. Er war mir immer überlegen, egal wie sehr ich mich darum bemüht habe, den Unterschied aufzuholen. Er scheint einfach begnadet.“ 

Hermine schwieg. Toms magisches Talent war in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Noch ahnte niemand in dieser Zeit, zu welchen Taten er noch in der Lage sein würde, wie gewaltig seine Magie noch werden würde, doch niemand konnte leugnen, dass er allen Schülern überlegen war. 

„Abraxas“, flüsterte sie schließlich, den Blick aufmerksam auf die Tür zum Klassenzimmer gerichtet: „Ich möchte, dass du weißt, dass … dass du mich besser kennst als sonst irgendjemand hier. Die Seite von mir, die ich in einem schwachen Moment vor dir entblößt habe … das war nie gespielt. Ich kann mich so vor Tom nicht zeigen, darum …“ 

„Es ist gut, Hermine“, unterbrach Abraxas sie. Noch immer schaute er sie nicht an, doch seine Körperhaltung hatte sich verändert, er wirkte offener, entspannter, aufmerksamer. Sie meinte, einen warmen Unterton wahrzunehmen, als er fortfuhr: „Tom ist gut darin, seinen Freunden das Gefühl zu geben, sie seien schwach. Und das bringt uns in der Konsequenz dazu, dass wir uns stärker präsentieren wollen, als wir wirklich sind. Es ist ein merkwürdiges Phänomen, doch als sein langjähriger Freund kenne ich es nur zu gut.“ 

Hermine hatte das dringende Bedürfnis, Abraxas in ihre Arme zu schließen. Dieser Mensch war einfach zu gut, um wahr zu sein. Doch sie ermahnte sich, ihm nicht erneut zu nahe zu kommen, sie hatte aus ihren Fehlern gelernt. Sie schluckte, ehe sie antwortete: „Ich habe dir Unrecht getan und du bringst so viel Verständnis für mich auf. Ich werde das gut machen, Abraxas, ich verspreche es dir. Eines Tages werde ich das alles wieder gut machen.“ 

Ehe er darauf etwas erwidern konnte, drang die Stimme von Tom durch die halb geöffnete Tür. Sorgsam trat Hermine einen weiteren Schritt von Abraxas weg und stählte sich innerlich für Toms Anblick. Sie war früh in der Großen Halle gewesen, um zu vermeiden, das Frühstück mit ihm gemeinsam einnehmen zu müssen, doch nun würden sie sich unweigerlich wieder gegenüber stehen. 

Tom, augenscheinlich vertieft in sein Gespräch mit einem Schüler aus einem anderen Haus, den Hermine nicht beim Namen kannte, kam in den Klassenraum geschlendert, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Beinahe hätte sie laut geschnaubt. Hermine wusste nur zu genau, was Tom damit beabsichtigte, und gerade darum war es ihr egal. Falls er erwartet hatte, dass sie seine kühle Ignoranz als verletzend empfinden würde, weil sie sich öffentliche Zurschaustellung seiner Gefühle gewünscht hatte, da hatte er sich geirrt. Ja, sie hatte sich ihm hingegeben und ihn dominieren lassen, doch das bedeutete nicht, dass sie ihm nun auch außerhalb des Bettes in jeder Lebenslage verfallen war. 

Die Hände noch immer vor ihrem Rock verschränkt, wartete sie darauf, dass er sich dazu herabließ, ihr seine Aufmerksamkeit zu schenken. Hier ging es wie immer nur um Macht. 

„Hermine, mein Herz“, begrüßte er sie schließlich, nachdem er beinahe bis zu ihr gegangen war, ohne ihre Anwesenheit anzuerkennen: „Ich habe dich schon vermisst. Warst du gar nicht beim Frühstück?“ 

Lächelnd hielt Hermine ihm eine Hand hin: „Ich bin heute sehr früh aufgewacht und habe vor dir mein Mahl beendet. Ich hoffe, ich habe dich nicht verärgert, indem ich nicht auf dich gewartet habe?“ 

Sein wohlklingendes Lachen tönte durch den sich füllenden Raum: „Aber Hermine, du bist mir doch nicht über jeden deiner Schritte Rechenschaft schuldig. Du bist meine Freundin, nicht mein Hauself.“ 

Mit diesen Worten ergriff er ihre ausgestreckte Hand und führte sie an seine Lippen. Der Kuss war mehr angedeutet, ein leichter Hauch auf ihren Fingerspitzen, doch das kalte Glitzern in Toms Augen verriet Hermine, dass er ihr gelassenes Selbstbewusstsein nicht schätzte. Ihr Grinsen wurde breiter. Sollte er sich nur grämen, dass sie sich nicht völlig unterwürfig zeigte. 

Nach außen hin unberührt stellte Tom sich neben sie, nachdem er Abraxas zur Begrüßung ein schnelles Nicken zugeworfen hatte, doch Hermine war sich sicher, dass er innerlich kochte. Sollte er nur denken, dass er gewonnen hatte. Und vielleicht würde es ihr heute gelingen, ihn im Duell zu überraschen. Es gab da einen gewissen Zauberspruch, den sie in einem seiner schwarzmagischen Bücher entdeckt hatte, den sie unbedingt ausprobieren wollte. Sie machte sich keine Illusionen über ihre Siegchancen, aber zumindest eine Überraschung wäre gut. 

Professor Merrythought trat ein, blickte zufrieden durch die artig aufgestellten Schülerreihen und stieg dann auf die kleine Bühne: „Wie ihr alle bereits richtig erahnt habt, haben wir heute einen weiteren praktischen Test. Ihr werdet mit euren Partnern jeweils fünf Minuten hier oben ein Duell ausfechten und dabei bitte insbesondere die neu erlernten Sprüche anwenden. Natürlich dürft ihr auch andere nutzen, doch mindestens einmal möchte ich jeden neuen Spruch gesehen haben.“ 

Stumm beobachtete Hermine, wie die ersten Paare auf der Bühne in Duellhaltung gingen. Sie war sich der Nähe von Tom nur zu bewusst, es war, als würde sein Körper ähnliche Hitze wie am Vorabend ausstrahlen. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie ihn. Sein Gesicht war ungerührt, wirkte konzentriert auf das Spektakel vor ihm, doch sie sah deutlich, wie hin und wieder seine Wangenknochen deutlich hervortraten, wie die Muskeln und Sehnen an seinem Hals sich kurz anspannten, ehe er sich der unbewussten Reaktion seines Körpers bewusst wurde und er sich wieder entspannte. 

„Nervös?“, flüsterte sie beinahe unhörbar zu ihm. Grinsend registrierte sie, wie sich seine Hände kurz zu Fäusten ballten, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte. 

„Provoziere mich nicht, Hermine“, erwiderte er ebenso leise, doch auch aus diesem Flüstern hörte sie die deutliche, eiskalte Drohung heraus. Kurz wurde ihr mulmig zu Mute bei dem Gedanken daran, gleich gegen einen wütenden Tom Riddle duellieren zu müssen, doch sie schob den Gedanken rasch beiseite. Sie konnte ihn noch immer provozieren und das war sehr gut so. 

In ihrer Konzentration auf das bevorstehende Duell merkte Hermine nicht, wie schnell die Zeit verflog, und ehe sie sich versah, war die Stunde beinahe rum. Mit einem angespannten Gesichtsausdruck wandte Professor Merrythought sich zuletzt an sie und Tom: „Ich bin sehr gespannt, was Sie beide mir zu zeigen haben, doch bitte seien Sie dieses Mal vorsichtiger. Wir brauchen keine Unfälle, das würde nur erneut meine Lehrmethoden in Frage stellen.“ 

Es war offensichtlich, dass ihre Worte sich vor allem an Tom gerichtet hatten, doch er reagiert nur mit seiner gewohnten Höflichkeit: „Niemand würde Ihre Lehrmethoden in Frage stellen, Professor, Ihr Unterricht ist sehr gut.“ 

Die ältere Frau nahm das Kompliment mit einem grimmigen Nicken an, dann machte sie Platz, damit Hermine und Tom auf die kleine Bühne steigen konnten. Hermine konnte deutlich sehen, dass Tom sich absichtlich gelassen gab, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, doch sie ließ sich darauf nicht ein. Es ging ihr nicht darum zu gewinnen. Ihr Ziel war, ihm zu zeigen, dass sie ihm nicht so weit unterlegen war, wie er vermutlich annahm. 

Während sie in die traditionelle Duell-Position gingen und Professor Merrythought noch einmal alle Hinweise durchkaute, sprach Hermine lautlos ihren vorbereiteten Zauber. Sie musste sich konzentrieren, um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie bereits zauberte, ebenso wie sie sich bewusst war, dass sie für den Rest des Duells einen kleinen Teil ihrer Aufmerksamkeit immer in diesen Zauber stecken musste. Es würde keine leichte Aufgabe, aber wenn sie konzentriert bliebt, konnte es ihr einen Geschwindigkeitsvorteil bringen. 

Sorgsam wartete sie darauf, bis das im Buch beschriebene Kribbeln auf ihrer Haut zu spüren war, dann wusste sie, der Spruch war erfolgreich gezaubert. Mit einem kalten Grinsen richtete sie ihren Blick auf Tom, bis die Professorin das Startsignal gab. 

Wie auch bei ihrem ersten Duell zögerte Tom erneut keine Sekunde, ehe er den ersten Spruch auf sie losließ. Er war laut gesprochen, einer von jenen, die sie vor kurzem erst gelernt hatten. Mit zuckenden Mundwinkeln ließ Hermine sich auf das Spiel ein und erwiderte mit jenem Schildzauber, den sie als Erwiderung darauf gelernt hatten. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Merrythought anerkennend nickte, da es beiden gelang, die Sprüche makellos auszuführen. 

Nacheinander schleuderten sie sich wohlartikuliert die gelernten Flüche und Abwehrzauber entgegen, bis die Liste der Pflichtsprüche abgearbeitet war. Toms Blick wurde kälter, als er den ersten eigenen Zauber losschickte, und wie beim Duell zuvor war auch dieser lautlos. Hermine wusste, was die erwartete Reaktion war – sie würde einen Schild um sich bauen, der den Fluch abwehrte, und so schnell sie konnte ihren eigenen Angriffszauber zurückschicken. 

Doch nicht heute. 

Sie ignorierte den heranfliegenden Spruch, um stattdessen direkt mit demselben Angriffszauber zu erwidern. Als der Zauber sie traf, hörte sie deutlich das entsetzte Aufkeuchen ihrer Lehrerin, doch als ihr ganz offensichtlich nichts geschah, wurde es totenstill im Raum. Selbst Tom verzog seine Augenbrauen zu einer angestrengten Maske. 

Wieder und wieder schickte er ihr Flüche entgegen, die sie immer erwiderte. Doch während Tom jedes Mal den richtigen Abwehrzauber sprach, ließ sie sich treffen. Mit jedem Spruch, der direkt einschlug, wurde Toms Miene finsterer. Er schien mehr und mehr zu begreifen, dass sie, wenn sie nur wollte, viel schneller sein konnte als er, da sie keine Schildzauber sprechen musste. Aus der Entfernung bemerkte sie, wie Schweiß auf seine Stirn trat. 

Er versteht es nicht, dachte sie triumphierend, Ganz offensichtlich hat er das Kapitel über defensive Magie ausgelassen, weil er es für überflüssig hielt. Er weiß nicht, was ich getan habe. 

Euphorisch begann sie, nicht einfach nur denselben Fluch zurückzuschicken, sondern zusätzlich jedes Mal einen Expelliarmus mitzuzaubern. Es gab kaum einen Spruch, der leichter abzuwenden war für einen vorbereiteten Zauberer, doch wenn man zwei verschiedene Sprüche gleichzeitig abwehren musste, geschah schnell ein Fehler. Und für sie als beste Freundin von Harry Potter war der Expelliarmus bekannt genug, dass es sie keinerlei Mühe kostete, ihn zu sprechen. 

Sie musste zugeben, es war beeindruckend, wie Tom es immer noch schaffte, beide Zauber abzuwehren und beinahe gleichzeitig einen Angriff zu erwidern, doch sein Atem ging hektisch, während sie selbst noch beinahe unberührt war. Ihr Grinsen wurde breiter. 

Sein Blick wurde, wenn möglich, noch dunkler, und für den Bruchteil einer Sekunde meinte Hermine, dass sie ein bösartiges, karmesinrotes Leuchten in seinen Augen vernommen hatte. Während sie noch über dieses Phänomen nachdachte, bemerkte sie, dass ihr der Spruch, der nun auf sie zuflog, unbekannt war. Misstrauisch erwartete sie den Einschlag, während sie einen Stupor und einen Expelliarmus sprach. 

Die Wucht hätte sie gewiss von den Füßen gerissen, wenn sie nicht noch immer in der traditionellen Duellposition gestanden hätte. Entsetzt riss sie die Augen auf, da wurde sie bereits ein zweites Mal getroffen. Da zu Beginn gesprochene Zauber flackerte auf – und erlosch. Panikartig sprang Hermine zur Seite, als sie den dritten Angriff kommen sah, doch genau dort erwartete sie bereits ein einfacher Stupor, den Tom beinahe zeitgleich gesprochen hatte. 

Der Aufprall schleuderte Hermine von der Bühne und das letzte, was sie sah, ehe sie bewusstlos wurde, war Toms mörderischer Ausdruck, als er von oben auf sie herabstarrte.

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