Vorspiel


Hermine hatte mit großer Freude dem Gespräch am Frühstückstisch gelauscht. Wenn Snape plante, die nächsten Tage im Hause Malfoy zu bleiben und Lucius nichts dagegen einzuwenden hatte, konnte das nur bedeuten, dass ihr Gespräch positiv verlaufen war. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen stand sie nun in der Küche und kümmerte sich um den Abwasch. Ganz unabhängig von ihren merkwürdigen Beziehungen zu den beiden Männern fühlte sie sich gut. Obwohl der Erfolg ihres Plans nicht gewiss war, hatte sie doch das beruhigende Gefühl, dass sie endlich nicht mehr nur als tatenloses Opfer zuschauen musste, sondern endlich wieder etwas tun konnte.

„Gut gelaunt?"

Grinsend drehte Hermine sich um und schaute Draco munter an: „Ja, sehr."

„Darf man den Grund erfahren?", erkundigte er sich, während er zu ihr schlenderte und sich auf die Bank vor dem Küchentisch sinken ließ. Hermine trocknete sich die Hände ab, dann setzte sie sich neben ihn.

„In wenigen Tagen wird Du-weißt-schon-wer sterben", flüsterte sie ihm so leise wie möglich ins Ohr, während sie ihn weiter anlächelte. Draco zuckte zusammen: „Was?"

„Ich kann dir nicht alles erklären, aber durch eine Reihe äußerst interessanter Enthüllungen arbeiten jetzt dein Vater und Snape zusammen. Der Plan steht und ich bin sicher, dass es funktionieren wird."

Entsetzt rückte Draco von Hermine ab: „Was? Was?! Du willst mir ernsthaft erzählen, dass ausgerechnet die beiden … Granger, ich kenne meinen Vater! Der steht sowas von überzeugt auf der Seite von Du-weißt-schon-wem … und ausgerechnet Snape?"

"Ja, Snape. Als ich das erste Mal dir gegenüber erwähnt hatte, dass ich eine Möglichkeit gefunden habe, Du-weißt-schon-wen zu töten, war das, weil er ... naja, es ist sein Plan", erklärte sie leise: "Und du musst dir keine Sorgen machen, ich habe keinem irgendetwas von dir erzählt."

"Du willst mir ernsthaft weiß machen, dass ausgerechnet mein Vater und Snape keine loyalen Todesser sind?", hakte er skaptisch nach.

"Ich verstehe deine Bedenken. Aber ich bin mir wirklich sehr, sehr sicher. Und ich wüsste auch nicht, was sie davon hätten, mir irgendetwas vorzulügen."

"Und was ist mit allem, was Snape dir angetan hat? Wie kannst du ihm vertrauen nach allem? Ich habe doch mit eigenen Augen gesehen, wie er Dumbledore getötet hat, das kann man nicht schön reden. Und ich habe ... naja, gehört, wie er dich ... was er mit dir gemacht hat", flüsterte Draco erregt: "Das passt nicht zusammen!"

Hermine ergriff eine von Dracos Händen und drückte sie traurig: "Doch, leider gibt es dafür gute Erklärungen. Es ist nicht meine Geschichte, also werde ich es dir nicht erzählen. Aber glaub mir ... das passt zusammen."

"Schön, angenommen, sie legen dich nicht rein", presste Draco angespannt hervor, ohne jedoch Hermine seine Hand zu entziehen: "Du erwartest hoffentlich nicht von mir, dass ich dir helfen?"

"Nein", sagte sie mit einem verständnisvollen Lächeln: "Du hast deine Position klar gemacht und ich respektiere das."

"Gut! Ich werde nämlich nicht mein Leben aufs Spiel setzen. Halte mich für einen Feigling, aber ich bin nicht der Typ wie Potter, der voller Heldenmut ist und sich offenen Auges ins Verderben stürzt. Ich will nicht sterben!", erklärte er leise, aber bestimmt. Immer noch lächelnd legte Hermine eine ihrer Hände auf seine Wange: "Du bist kein Feigling, Draco. Glaub niemals von dir, dass du feige bist. Egal, was du in Hogwarts alles Dummes getan hast, ich kenne dich jetzt besser als damals und ich weiß, dass du ein anständiger Kerl bist."

Beschämt blickte Draco zu Boden. Er wusste nur zu gut, dass er sich zu Schulzeiten unmöglich gegenüber Hermine verhalten hatte, und dass die Dinge, die er ihr anfangs in diesem Haus angetan hatte, noch schlimmer waren. Ihre Freundlichkeit und ihr Verständnis waren beinahe unerträglich. Ungeduldig wischte er ihre Hand weg und stand auf: "Schön. Gut. Kein Grund, sentimental zu werden. Ich wollte das nur nochmal klar stellen."

Und dann, unwillig, sich noch länger durch Hermines Verständnis ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, ging er davon. Trotz allem konnte er nicht verhindern, dass eine leise Hoffnung in ihm hochstieg. Und dass er Hermine so sehr vertraute, dass er ihr und damit auch seinem Vater und Snape Glauben schenken wollte. Die Aussicht, dass in drei Tagen dieser Alptraum vielleicht vorbei sein konnte, ließ sein Herz wie verrückt pochen. Und gleichzeitig befiel ihn eine Panik, wie er sie lange nicht mehr verspürt hatte. Was, wenn etwas schief ging? Er vergrub seine verkrampften Fäuste in den Hosentaschen, während er schnellen Schrittes zu seinem Zimmer ging. Er hasste es, Angst zu haben. Und diese Panik, die ihn jetzt ergriffen hatte, schien ihn beinahe zu lähmen. Wütend ließ er sich auf sein Bett sinken und bedeckte sein Gesicht mit den Armen. Es sollte endlich vorbei sein.

oOoOoOo

"Ich freue mich, dass Ihr endlich wieder zurückgekehrt seid, mein Lord", flötete Bellatrix Lestrange aufgeregt: "Und ich danke Euch für die Ehre, dass Ihr zuerst mich aufgesucht habt! Ich..."

"Es ist gut, Bella", unterbrach Voldemort sie ungeduldig: "Lass mir einen Tee bringen und dann berichte mir."

Ohne weiter auf sie oder ihren Sklaven zu achten, ließ er sich auf den großen Ohrensessel vor dem Kamin sinken. Mit einem hastigen Wink wies Bellatrix ihren Hauselfen an, den Wünschen des Dunklen Lords nachzukommen, dann setze sie sich auf den kleineren Sessel daneben.

"Die Einladungen sind raus und ich habe heute Lucius geschrieben, dass sein Anwesen als Tagungsort auserwählt wurde", erzählte sie begierig: "Ich hoffe sehr, er weiß die Ehre zu schätzen, die Ihr ihm damit zuteil werden lasst. Er machte mir in den letzten Wochen einen recht unerfreulichen Eindruck."

Scharf blickte Voldemort sie an: "Unerfreulich? Geht es immer noch um diese Sache, wegen der du mir einen Brief geschrieben hast?"

"In der Tat", nickte sie: "Ich glaube nicht, dass sein Umgang mit seiner Sklavin korrekt ist."

"Mir ist es gleich, wer was mit seinem Sklaven anstellt, Bellatrix", schnarrte Voldemort: "Lucius mag sich in der Vergangenheit als weniger fähig erwiesen haben, als ich ursprünglich erwartet hatte, aber die Familie Malfoy war eine der erste, die mir loyal zur Seite stand. Und ich weiß, dass du schnell dabei bist, jemanden zu verdächtigen. Ich habe nicht vergessen, dass du stets und ständig gegen Severus gewettert hast, obwohl niemand ein wertvollerer Anhänger ist als er. Und ja, das schließt auch dich ein."

"Aber...", jammerte Bellatrix, während sie unbewusst das rote Haar ihres Sklaven streichelte: "Ich tu das doch nur in Eurem Interesse. Ich will Euch vor Unheil schützen!"

"Mir sind die Absichten egal, wenn das Ergebnis nicht stimmt!", wies er sie zurecht: "Ich schätze Streit unter meinen Anhängern nicht und so sehr mit deine Ergebenheit gefällt, ich werde nicht dulden, dass du weiter gegen jene in den Krieg ziehst, die mein Vertrauen genießen."

Und dann, mit einem angewiderten Blick auf Ron, fuhr er sie an: "Was ist das da?"

"Dies?", meinte Bellatrix mit einem zufriedenen Lächeln, während sie Ron anwies, ihr die Füße zu lecken: "Das ist mein persönlicher Sklave, Herr. Einer von des Weasleys, diesen Blutsverrätern. Habe ich ihn nicht großartig herangezogen?"

"Dein Wahnsinn kennt keine Grenzen", zischte Voldemort ungehalten: "Das ist abstoßend!"

Sie riss die Augen auf: "Abstoßend? Aber ... Ihr sagt doch immer, dass es keine größere Kunst gibt, als den Geist eines Menschen zu brechen und ihn hörig zu machen."

"Du verstehst wie immer nicht, was ich sage", erwiderte Voldemort kühl: "Es geht darum, dass der Mensch genau sieht, wie er gebrochen wird und exakt daran zerbricht, dass er sich nicht wehren kann. Dass er seine eigene Schwäche erkennt und sieht, dass er unterlegen ist. Das da", sagte er voller Abscheu: "Das ist ja nicht mal mehr ein Mensch. Das ist einfach nur widerlich. Und von so etwas lässt du dich anfassen? Du widerst mich an, Bellatrix, und ich bin enttäuscht, dich nach meiner Rückkehr so unkontrolliert vorzufinden."

Die Augen von Bellatrix wurden noch größer, als sie die harten Worte ihres Herrn hörte. Voller Hass stieß sie ihren Sklaven von sich weg, der sie nur aus großen, verwirrten Hundeaugen anblickte und nicht verstand, warum er den Zorn seiner Herrin auf sich gezogen hatte. Ohne diesen jämmerlichen Kerl hätte mein Lord niemals sowas zu mir gesagt! Er hätte mich niemals für abscheulich gehalten. Wie kann dieses rothaarige Monster es wagen, mich so zu demütigen?

"Avada Kedavra!", kreischte sie mit gezogenem Zauberstab. Die abstoßend anhänglichen Augen des jungen Mannes vor ihr wurden leer und er kippte zur Seite.

"Du bist so berechenbar, meine Liebe", kommentierte Voldemort schmunzelnd, während er die Leiche von Ron Weasley mit einem Tritt weiter von sich weg stieß. Mit einem zufriedenen Lächeln ergriff er die inzwischen gebrachte Tasse Tee und schwieg für den Rest des Abends. Bellatrix hingegen starrte wie paralysiert in die Flammen. Dass ein Blutsverräter, ein Sklave ihr jemals solch eine Demütigung einbringen würde, hätte sie nicht zu träumen gewagt. Sie musste einen Weg finden, die Gunst ihres Herrn wieder zurück zu gewinnen. Sie musste ihm einfach beweisen, dass sie keine Enttäuschung war.

"Ich werde nach dem Tee wieder gehen", fuhr Voldemort nach einigen Minuten fort. Sofort richtete Bellatrix ihren Blick wieder auf ihn, doch ehe sie Protest formulieren konnte, hob er die Hand und erklärte: "Ich werde Fenrir einen Besuch abstatten, es gibt da Dinge, die ich klären muss. Und du wirst noch heute Abend zu deiner Schwester gehen und bis zum Fest bei ihr bleiben. Ich überlasse es euch beiden, alles für diesen Anlass zu organisieren. Enttäusche mich nicht, Bella."

Ein Feuer trat in die Augen von Bellatrix ob der sich bietenden Möglichkeit. Ihr Sklave hatte sie vor den Augen ihres Herrn gedemütigt, aber großzügig, wie der Dunkle Lord war, bot er ihr sofort eine Gelegenheit, sich wieder rein zu waschen. Sie würde nicht versagen. Sie war sich sicher, dass sie die Vorstellungen ihres Herrn gut genug kannte, um ihn gefällig in Szene zu setzen.

oOoOoOo

"Sie werden mich die nächsten Tage nicht sehen, Miss Weasley."

Fragend schaute Ginny Snape dabei zu, wie er einige wenige Kleidungsstücke sorgfältig in einen kleinen Koffer schichtete: "Verreisen Sie?"

"Ich werde bis Mittwoch bei der Familie Malfoy bleiben. Der Dunkle Lord plant eine Feierlichkeit und ich habe beschlossen, mich an den Vorbereitungen zu beteiligen", erklärte er ruhig. Nachdenklich blickte er in den Koffer. Sollte er Ginevra Weasley erzählen, was in wenigen Tagen geschehen würde? Was, wenn doch irgendwo auch nur eine Kleinigkeit durchsickerte und man sie dann ins Visier nehmen würde, um an mehr Informationen zu kommen? Und wenn es schief ginge, wäre sie gewiss auch in Gefahr, falls man herausfinden würde, dass sie Bescheid wusste. Er seufzte innerlich, dann drehte er sich zu ihr ihm: "Ich nehme Sie nicht mit. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Derzeit kann ich es Ihnen nicht erklären, doch sobald ich zurück bin, werden Sie verstehen."

Ginny rollte nur mit den Augen: "Sie erzählen mir sowieso nie etwas, fangen Sie also gar nicht erst damit an, plötzlich Ausreden zu suchen. Ich werde Sie gewiss nicht vermissen hier."

"Sie waren oft genug eine angenehme Gesellschaft hier in meiner Wohnung", sagte Snape leise: "Ich bin kein Mensch, der die Gesellschaft anderer Menschen schätzt. Und obwohl Ihre wohl herausstechendste Eigenschaft Ihr großes Mundwerk und Ihr feuriger Charakter sind, habe ich Sie selten als störend empfunden. Wenn ich also sage, dass dies zu Ihrer Sicherheit ist, dann ist es zu Ihrer Sicherheit."

Mit offenem Mund starrte Ginny ihren ehemaligen Tränkelehrer an. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade aus seinem Mund vernommen hatte. Nicht nur war es mehr oder weniger ein Lob für sie gewesen, nein, er hatte auch gleichzeitig eine Schwäche seinerselbst eingestanden. Da sie vollkommen sprachlos war und Snape offenbar auch keine Antwort erwartet hatte, widmete er sich wieder seinem Koffer und schloss ihn. Mit einem letzten, sehr ernsten Blick auf sie verabschiedete er sich, ehe er wortlos disapparierte.

Und während Ginny auf den Fleck, an dem er eben noch gestanden hatte, starrte, traf sie plötzlich das Gefühl, ihn nie wieder zu sehen. Irgendwo in einer kleinen Ecke ihres Gehirns braute sich eine dunkle Vorahnung zusammen, dass in der Welt außerhalb dieser kleinen, behüteten Wohnung ein Sturm bevor stand. Ihr fröstelte.   

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