Die Drohung

Selina wusste sofort, dass ich es ernst meinte. "Bei allem, was ihnen widerfahren ist, sollte man ihnen das Recht einräumen, sich zu verteidigen! Wenn da wirklich einer stirbt, hoffe ich nur, dass man ihnen keinen Strick daraus dreht...! Das hätten sie nicht verdient."
Ich wusste, das sie meinte was sie sagte, aber ich kam nicht umhin ihr noch etwas zu sagen. "Wenn ich ihnen eine geladene Waffe in die Hand drücke und ihnen sage: Wenn Viktor oder Dimitri auf dich zukommt, dann drück ab! Dann sind sie verloren! Auch wenn sie sich hundertmal bedroht fühlen, ihre Skrupel wären zu groß!" Sie würden so lange zögern, ihren von Kind an erlernten Anstand nach einer Lösung fragen, bis sie überwältigt werden. Und das ist das Geheimnis, das Leute wie Viktor und Dimitri immer gewinnen lässt. Das Gewissen ihrer Gegner! Sie hingegen haben damit kein Problem. So etwas wie Gewissen ist ihnen fremd. Sie spekulieren nur mit dem Gewissen ihres Gegners. Wenn sie nicht sofort abdrücken, werden sie schnell und schmerzhaft erfahren, dass das ein Fehler war: Der letzte und der größte Fehler!
Deshalb möchte ich, dass wir zusammenbleiben, bis die Gefahr vorüber ist. Glauben sie mir Selina, ich bin kein Mörder! Aber ich habe auch keine Skrupel mehr, wenn es um Leben und Tod geht. Und ihren Tod würde ich mir nie verzeihen. Ich hätte keine Ausrede, die mir genügen würde! Denn niemand weiß besser als ich, wie nahe sie an der Grube stehn..."
"Den Teufel werd ich tun und weglaufen! Ich bin froh dass ich sie habe und ich werd mich keine fünf Meter von ihnen wegbewegen. Ich fürchte mich nicht vor ihnen. Ich weiß, dass sie kein schlechter Mensch sind... Als sie sagten, dass einer den Einbruch nicht überleben würde bin ich natürlich erschrocken... das sollten sie mir zubilligen, Michael. Aber ich habe keinen Moment an ihnen gezweifelt! Das müssen sie mir glauben!"
Diese Frau konnte einen ansehen, dass man weiche Knie kriegt...

Ich griff eine Fernbedienung auf dem Couchtisch und drückte eine nur mir bekannte Tastenkombination. Der große Wandbildschirm ging an und machte acht Fenster auf. Das Onlinesignal lief zweimal um den Erdball, niemand würde einen Rückschluss auf unseren Standort ziehen können. Selina kam um den Couchtisch herum und setzte sich neben mich. "Aber...das ist doch ihre Haustür!" - "Nicht nur die Haustür, Selina, nicht nur die Haustür..."

Als sich das Garagentor hinter uns gechlossen hatte, hatte sich die Alarmfunktion im ganzen Haus aktiviert. Über Internet hatte ich jederzeit Zugriff auf alle Funktionen, die ich auch zu Hause hätte haben können. Natürlich über eine absolut sichere Verbindung, die durch ihre großen Umwege leicht verzögert übertrug. Vor dem Haus stand ein großer schwarzer SUV, vermutlich ein Chevy Tahoe. Davon abgesehen war nichts Außergewöhnliches auf den einzelnen virtuellen Bildschirmen zu sehn. Ich schaltete weiter. Da, vor der Labortür lag eine Gestalt, eine Zweite kniete über ihr und und checkte offenbar die Vitalfunktionen der liegenden Person. Ein geringer Strom, noch nicht einmal ein Ampere mit der richtigen Frequenz kann vieles. Er verursacht Herzkammerflimmern bis zum Tod, ohne auch nur eine kleine Narbe zu hinterlassen. Dieser Strom war genau berechnet gewesen. Er hätte weder einem Feuerwehrmann noch einem Polizisten etwas getan, denn beide hatten einen Notfallschlüssel zu meinem Haus, der alle Alarmfunktionen sofort außer Kraft setzte. Nachdem die Kondensator-Schaltung ihren Dienst getan hatte, war das Berühren der Laborschloßtastatur völlig harmlos und ließ keinen Schluss auf eine Falle zu.
"Michael, ist das... ist das einer der Beiden?" - "Es sind die Beiden aber ich kann noch nicht erkennen welcher von beiden für uns nicht mehr relevant ist." Ich hatte geglaubt, in einem solchen Fall tiefe Genugtuung zu spüren. Aber da war nichts. Gar nichts. Kein Triumph, kein schlechtes Gewissen. Es war, als ob man in den Nachrichten hörte, dass ein langgesuchter Terrorist gefasst worden sei, mit dem man persönlich nie konfrontiert war. "Es hat offenbar funktioniert, aber stolz bin ich darauf nicht!" merkte ich an. Der Überlebende fasste die Leiche und zerrte sie aus dem Haus zum Auto. Er plazierte sie auf dem Rücksitz und brachte sie in eine liegende Position. "Es hat Dimitri erwischt, glaub ich. Ich erkenne es an den Bewegungen." Selinas Griff um meinen Oberarm wurde fester. Plötzlich richtete sich Viktor auf. Er ging schnurstracks auf die Eingangskamera zu. "Ich kriege dich Michael Montar!" formte er die Worte mit seinen Lippen "Und dein Täubchen auch!" Dann schoss er mit seiner UZI direkt ins Objektiv der Kamera...

Kommentare

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    Vielen Dank, Ariana!

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    Seegraf, ich bin begeistert. Wahnsinn was du dir da hinsichtlich seines Alarmsystems überlegt hast. Michael ist wirklich sehr hartgesotten und er weiß wovon er spricht.

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    "kein triumph und kein schlechtes gewissen" - ich mag es, wie du diesen moment beschrieben hast!

beta
Feenstaub

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