I.2 - Eine neue Macht

„Er weiß jetzt also Bescheid über Sie?“

Hermine nickte stumm. Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch und strich sich besorgt über seinen braunen Bart. Sie hatte ihm gerade von der neuesten Entwicklung erzählt, wobei sie den Kuss und alle anderen positiven Interaktionen zwischen ihnen ausgelassen hatte. Es war nicht nötig, dass ihr Schulleiter wusste, wie intim ihre Beziehung inzwischen geworden war. Vermutlich ahnte er davon eh schon mehr, als er sollte.

„Sie haben erstaunliches rhetorisches Geschick, Miss Granger“, sagte Dumbledore langsam, während er seine Hände auf dem Tisch vor sich faltete: „Es ist nicht leicht, Tom irgendetwas vorzumachen. Dass Sie ihm mehrfach Lügen präsentieren konnten und er diese tatsächlich glaubt, ist beeindruckend. Sie sind sich doch sicher, dass er Ihnen glaubt, oder?“

Sie schluckte: „Nun, absolute Gewissheit habe ich natürlich nicht. Aber ich glaube, ich kann Tom inzwischen ganz gut durchschauen. Und er scheint sich mir gegenüber auch weniger Mühe zu geben, seine Emotionen zu verbergen.“

„Warum, denken Sie, ist das so?“

Dumbledore schaute sie gleichmütig an, doch es war gerade dieser desinteressierte Ausdruck, der Hermine vorsichtig werden ließ. Also hatte sie tatsächlich Recht: Er vermutete irgendetwas über ihre Beziehung zu Tom, irgendetwas, was ihm nicht gefiel. Dass er sie nicht direkt danach fragte, sondern sich sogar noch so unbeeindruckt zeigte, sagte ihr ganz deutlich, dass er ihr nicht vertraute. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Die Dinge, die sie gemeinsam mit Tom getan hatte, waren schlicht und ergreifend abstoßend und böse. Sie war kein guter Mensch mehr, schon lange nicht mehr. Doch es gab keinen Grund, ihm das so deutlich auf die Nase zu binden. Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und zuckte mit den Schultern: „Ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht … vielleicht ist es einfach die Tatsache, dass ich ihm sein Saubermann-Image von Anfang an nicht abgekauft habe? Ich bin ihm von Beginn an mit offener Abneigung und Hass begegnet. Das hat sich zwar inzwischen geändert … weil Sie ja auch der Meinung waren, es wäre klug, ihm nahe zu kommen. Aber so hat Tom recht schnell aufgegeben zu versuchen, diese Maske vor mir zu tragen.“

Nachdenklich legte sie den Kopf schräg. Was war eigentlich der Grund, dass Tom von Mal zu Mal offener zu werden schien? Gewiss, er war noch immer grausam und besitzergreifend ihr gegenüber. Aber gerade darin lag das Mysterium. Er schien sich keine Gedanken darum zu machen, was sie von seiner Bösartigkeit hielt, im Gegenteil. Es wirkte manchmal beinahe so, als wolle er sie beeindrucken mit seinen besonders schlechten Charaktereigenschaften.

„Als ich Tom damals im Waisenhaus angetroffen habe, erwartete ich, einen verschüchterten, traurigen Jungen zu finden“, begann Dumbledore plötzlich. Seine Stimme klang traurig, als er seine Erinnerungen hervor holte: „Die Heimleitung hatte mich darauf vorbereitet, dass er nicht gut mit den anderen Kindern klar kam. Junge Zauberer haben manchmal Schwierigkeiten, ihre Magie zu kontrollieren, und so geschehen unerklärliche Dinge um sie herum, wenn niemand weiß, dass Magie existiert. Ich dachte mir, dass so etwas wohl ab und an vorgefallen sein müsste und er deswegen ein Außenseiter war. Vielleicht auch ein Kind, das Angst vor sich selbst hatte. Stattdessen … Tom hatte sich selbst beigebracht, seine Kräfte zumindest ein Stück weit zu kontrollieren. Er hatte keine Angst vor den anderen Kindern. Die anderen Kinder hatten Angst vor ihm und das wusste er. Er provozierte das. Es dauerte nicht lange, ehe er als völlig selbstverständlich akzeptiert hatte, dass er ein Zauberer war. Ich war in das Heim gekommen, darauf gefasst, unwillkürlich Mitleid mit dem Jungen zu verspüren. Als ich wieder ging, war davon nichts mehr übrig. Stattdessen war ich entschlossen, ihn im Auge zu behalten, damit er anderen Schülern in Hogwarts keinen Schaden zufügen konnte.“

Hermine nickte unbewusst vor sich hin. Das deckte sich mit dem, was Harry ihr über die Erinnerungen erzählt hatte. Damals hatte sie ihm zugestimmt, dass es beeindruckend und klug von Dumbledore gewesen war, dass er nach einem einzigen Gespräch bereits begriffen hatte, wie gefährlich Tom eines Tages werden könnte. Obwohl er am Ende Recht behalten sollte, war sie sich nun nicht mehr so sicher. Vorsichtig, um nicht anklagend oder verblendet zu wirken, sagte sie: „Vielleicht will Tom auch einfach nur einen Menschen habe, vor dem er offen sein kann? Ein Mensch, vor dem er sich nicht verstellen muss, der ihn aber auch nicht verurteilt dafür, wie er ist? Ich meine, ich verurteile ihn schon dafür und er kennt auch das Ausmaß meiner Verachtung sehr genau. Aber … er hat inzwischen Anlass zu glauben, dass ich in meinem Innersten so bin wie er. Dass ich nur nicht den Mut habe, dazu zu stehen. Deswegen … vielleicht zeigt er mir deswegen all das Böse, das in ihm steckt? Um … um mich zu bekehren?“

Dumbledores Augen leuchteten, als würde er stolz ein Meisterwerk bewundern: „Sie habe eine herausragende Auffassungsgabe, Miss Granger. Tom hat mir gegenüber zugegeben, dass er dafür sorgen kann, dass andere Schmerzen haben und Angst empfinden. Ich habe unwillkürlich mit Strenge darauf reagiert und ihm gesagt, dass ich das nicht dulde. In Hogwarts hat er nie wieder so etwas durchblicken lassen, sondern war stattdessen ein perfekter, braver Musterschüler. Offenbar war meine Reaktion eine Warnung für ihn, niemals wieder jemandem diese Seite zu zeigen. Bis Sie kamen.“

Hermine kämpfte darum, kein Mitleid mit Tom zu verspüren. Es musste grauenhaft gewesen sein für ihn, in einem Waisenhaus aufzuwachsen, wo alle ihn gehasst haben. Und dann kommt endlich jemand, der ihm sagt, dass er etwas Besonderes ist, dass er ihn verstehst – und dann bekommt er von dieser Person auch direkt eine Standpauke zu hören, kaum, dass er sich ganz öffnet. Unwillig schüttelte sie den Kopf. Seine Umstände waren tragisch, gewiss, aber das änderte nichts daran, dass Tom bereits mit einer kranken Psyche geboren worden war. Nicht jeder Zauberer, der als Kind von seiner Gabe nichts wusste und als Außenseiter aufwuchs, wurde deswegen zum eiskalten Massenmörder. Sie selbst war doch der lebende Beweis dafür. Oder Harry.

Seufzend fuhr sie sich durch ihr Haar: „Ich werde Toms Seelenleben niemals vollständig begreifen. Aber ich werde mich darum bemühen, zumindest ein wenig mehr in Erfahrung zu bringen. Was Sie heute erzählt haben, war sehr hilfreich, ich werde darüber intensiv nachdenken. Vielleicht kann ich daraus einen Vorteil ziehen.“

„Tun Sie das“, stimmte Dumbledore ihr zu. Dann, mit einer überraschend behänden Bewegung, erhob er sich von seinem Schreibtisch und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Er führte sie zu einem kleinen Nebenraum seines Büros, der vollgestellt war mit Regalen. In einem davon schimmerte ein kleiner Klumpen Gold.

„Ich war so frei, den Zeitumkehrer aufzubewahren, der Sie hergebracht hat“, erklärte er, während er ihr bedeutete, näher heranzutreten. Sie stellte sich neben ihn, um den geschmolzenen Haufen besser sehen zu können. Kaum noch etwas erinnerte daran, dass dies einst einer der mächtigsten, seltensten magischen Gegenstände überhaupt gewesen sein sollte. Das Licht, das von magischen Kugeln an der Decke darauf fiel, ließ das Gold hell schimmern, doch von seiner Form war nichts mehr übrig.

„Ich habe die letzten Wochen mit meinem Kollegen verbracht, um diesen Zeitumkehrer allen möglichen magischen Untersuchungen zu unterziehen“, erklärte Dumbledore: „Die Ergebnisse sind erstaunlich. Es ist wirklich ein Glück, dass ich spontan entschieden hatte, ihn aufzubewahren. Tatsächlich liegt nämlich noch immer ein Zauber auf diesem Zeitumkehrer.“

Überrascht schaute Hermine zu ihm auf: „Wie ist das möglich? Er ist doch vollkommen zerstört!“

„Er hat seine Form verloren, ja, aber nicht die Materie selbst wurde zerstört. In der Magietheorie heißt es stets, dass ein Zauber an die Form eines Objekts gebunden ist. Zum Beispiel ist die Unsichtbarkeit eines Tarnumhanges gebunden an seine Form als Umhang. Der Zauber wirkt nur, weil es ein Umhang ist.“

Sie nickte energisch: „Richtig, das lernen wir so in Hogwarts. Magietheorie ist eine komplexe Angelegenheit, eben weil ein Zauber immer auf eine bestimmte Form in Verbindung mit ihrer Materie ausgerichtet ist. Ich habe noch nie davon gehört, dass etwas seine Form vollständig verlieren kann, ohne dass es auch seine magischen Fähigkeiten verliert. Gewiss, mit den richtigen Zaubern kann man ein magisches Objekt in ein anderes verwandeln, aber dazu ist eben auch immer ein spezieller Spruch nötig, damit die ursprünglich gewirkte Magie sich auf die neue Form einlassen kann. Aber reine Zerstörung …“

Vorsichtig nahm Dumbledore das Gold aus dem Regal und bedeutete Hermine, zum Schreibtisch zurückzukehren. Irritiert, aber neugierig, befolgte sie die Aufforderung. Dumbledore nahm ebenfalls wieder Platz und neigte sich dann vor, um das Gold zwischen ihnen auf dem Schreibtisch zu platzieren.

„Was sind die drei Hauptziele der Alchemie?“

Noch verwirrter als zuvor stotterte Hermine: „Die drei Ziele? Äh … wenn ich mich richtig erinnere … die Herstellung von Panacea, einer universalen Medizin, die alle menschlichen Leiden heilt. Dann … jedes beliebige Metall in Gold zu verwandeln. Und schließlich … mh … eine Art universell anwendbare Säure? Ein Material, das jedes andere Material auflösen kann? Ich verstehe nicht, was das …“

Lächelnd hob Dumbledore die Hand: „Wie erwartet, Sie kennen sich auch mit Alchemie aus. Ihre Antwort ist absolut richtig. Denken Sie nach, was ist nötig, um irgendein Metall in Gold verwandeln zu können?“

Mit großen Augen starrte Hermine ihn an: „Wenn ich das wüsste, Sir, hätte ich schon längst so einen Zauber erfunden.“

Dumbledore lachte leise: „Ich meine das gar nicht so genau. Was ist auf ganz theoretischer Ebene nötig?“

Sie begriff noch immer nicht, was das alles mit dem Zeitumkehrer zu tun haben sollte, doch sie vertraue Dumbledore, dass es schon irgendeinen Sinn ergeben würde. Für einige Minuten dachte sie schweigend nach. Dann ging ihr plötzlich ein Licht auf: „Die Materie. Man muss die Materie verwandeln, und zwar dauerhaft und stabil.“

Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus: „Absolut korrekt. Wer also kennt sich mit Materie und Magie aus wie kein zweiter?“

„Nicholas Flamel“, hauchte Hermine: „Das ist der Kollege, mit dem Sie sich beraten haben?“

„Ich sehe, Sie kennen alle Menschen, mit denen ich verkehre“, stellte Dumbledore amüsiert fest, dann nickte er bestätigend: „Ganz richtig. Ich habe Nicholas um Rat gefragt. Natürlich konnte er mir auch nicht sofort helfen, aber die Untersuchung des Goldes hat viele interessante Ergebnisse zu Tage gefördert. Unter anderem haben wir die Spuren eines Zauberspruches gefunden, der dafür sorgt, dass das Gold unabhängig von seiner Form seine magischen Fähigkeiten nicht verliert. Und wissen Sie, welche interessante Feststellung Nicholas dabei gemacht hat?“

Hermine konnte nur mit offenem Mund starren. So eine Entdeckung war einfach unvorstellbar wertvoll. Wenn es entdeckt worden war, warum wusste man dann in der Zukunft nichts davon?

Dumbledore, der ihr starrendes Schweigen registrierte, fuhr fort: „Der Zauberspruch ist von Nicholas selbst erfunden worden. Jeder Zauberer, der eigene Sprüche erschafft, hat eine eigene Signatur. Wie eine Handschrift. Und Nicholas ist sich sicher, dass er seine eigene erkannt hat.“

Diese neue Information brauchte einen Moment, ehe sie die Wolken um Hermines Gedanken durchbrechen konnte. Zu viele Dinge gingen ihr gerade durch den Kopf, doch nachdem sie verarbeitet hatte, was Dumbledore zuletzt gesagt hatte, sprang sie erregt auf: „Das … das ist nicht möglich! Das würde ja bedeuten, dass Flamel diesen Zauberspruch nur deswegen erfindet, weil er ihn zum Teil bereits gesehen hat. Das ist … das ist paradox. Wie kann er etwas erfinden, was er nur finden kann, weil ein aus der Zukunft stammendes Objekt, das er selbst mit dem erfundenen Spruch manipuliert hat, zu ihm gefunden hat? Wenn er das Objekt nie gesehen hätte, hätte er den Spruch nie erfunden, dann würde es das Objekt nicht geben!“

Ernst blickte Dumbledore sie an: „Zeit ist ein lineares Gebilde. Und deswegen ist es auch binär. Wenn ein Ereignis eintritt, treten auch notwendig immer alle Folgen dieses Ereignisses ein. Wenn ein Ereignis nicht eintritt, treten auch immer notwendig alle Folgen nicht auf. Das bedeutet, dass dieser Zeitumkehrer immer seinen Weg in Nicholas Hände findet, wenn es ihm gelungen ist, den Zauberspruch zu erfinden. Wenn es ihm nicht gelingt, den Zauberspruch zu erfinden, findet ihre Zeitreise nicht statt, und er wird den Zeitumkehrer niemals sehen. Daraus folgt: Findet Ihre Zeitreise statt, erfindet Nicholas notwendig den Zauberspruch. Findet Ihre Zeitreise nicht statt, erfindet er ihn notwendig nicht.“

„Das ist doch … das ist ein Zirkelschluss!“, erwiderte Hermine aufgeregt: „Erfindet Nicholas Flamel den Zauberspruch nicht, findet meine Zeitreise nicht statt. Erfindet er ihn, findet meine Zeitreise statt. Wenn man Ihre Aussage dazu nimmt und die doppelten Sätze wegstreicht, dann landen wir bei … Wenn Flamel den Zauberspruch erfindet, erfindet er den Zauberspruch. Oder auch: Wenn ich die Zeitreise mache, mache ich die Zeitreise. Das ist … das ist Blödsinn! Diese Aussagen haben keinen Sinn! Es sind nicht einmal Aussagen, weil sie nichts aussagen!"

In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen. Warum waren Zeitreisen so kompliziert? Wieso verstand sie das alles nicht? Wo war ihr Fehler?

„Miss Granger“, kam es sanft von Dumbledore: „Schauen Sie. Wie ich sagte, Zeit ist linear und binär. Nicholas hat 1944 den Zauberspruch erfunden und auf diesen Gegenstand gewirkt. Deswegen haben Sie die Zeitreise antreten können. Und deswegen hat er jetzt den Zeitumkehrer wieder in die Hand bekommen und kann wieder den Zauberspruch erfinden. Wir befinden uns in einer Zeitschiene, in der sowohl der Zauberspruch erfunden wurde als auch Ihre Zeitreise stattfand. Wenn Nicholas den Zauberspruch nun nicht wieder erfinden kann, wird Ihre Zeitreise niemals stattfinden können und der Zeitumkehrer wird niemals zurück hier landen und in Nicholas Händen landen können. Sehen Sie es mal so: Solange Ihre Zeitreise stattfindet, besteht immer die Möglichkeit, dass Nicholas den Zauberspruch erfindet – oder eben auch nicht. Wenn es ihm aber einmalig nicht gelingt, wird es nie wieder die Möglichkeit zu einer Zeitreise durch Sie geben. Und so ist es mit allem, was die Zeitreise bedingt: Alles, was wir in diesem Jahr tun müssen, um Ihre Zeitreise in der Zukunft zu ermöglichen, gelingt entweder oder nicht. Wenn alles gelingt, werden Sie wieder in die Vergangenheit reisen und es wird wieder ein Entweder-Oder. Wenn es jedoch nicht gelingt, wird es nie wieder gelingen, und es wird nie wieder ein Entweder-Oder geben.“

Das machte geringfügig mehr Sinn, doch Hermine spürte, dass sich irgendetwas noch immer dem Fassungsvermögen ihres Verstandes entzog. Entschlossen beugte sie sich vor und legte ihre Hände auf der Tischplatte ab: „Ob ich das Prinzip der Zeitreise wirklich verstehe oder nicht, das ist gerade nicht wichtig. Erzählen Sie mir bitte mehr über den Zeitumkehrer.“

Dumbledore zögerte nur kurz, dann setzte er zu einer weiteren, langen Erklärung an: „Wie wir bereits vermutet haben, liegt ein Verwechslungszauber auf dem Zeitumkehrer, und eben ein Stärkungszauber. Außerdem der erwähnte Zauber, der es ermöglicht, die beiden anderen Zaubersprüche an seine Materie unabhängig von der Form zu binden. Es ist also offensichtlich so, dass er im Prozess der Zeitreise immer zerstört wird. Offenbar gibt es keine Möglichkeit, das zu verhindern, egal, wie stark der Stärkungszauber ist, den wir sprechen. Es ist des Weiteren so, dass es absolut notwendig ist, dass der Zeitumkehrer nicht zerstört wird und der Verwechslungszauber bestehen bleibt, nachdem Sie hier angekommen sind. Die Magie eines Zeitumkehrers endet nicht, wenn man am gewünschten Zeitpunkt angekommen ist, sondern erst, wenn man am ursprünglichen Startpunkt wieder angekommen ist. Solange man sich in der Vergangenheit befindet, ist der Zauber des Zeitumkehrers aktiv. Sollte also der Verwechslungszauber zwischenzeitlich aufhören – zum Beispiel durch die Zerstörung von Form und Materie – würde der Zeitumkehrer sofort zurück wechseln in den Modus, dass er den Zeitreisenden Stunden und nicht Jahre zurückschickt. Mit anderen Worten: Wenn der Zeitumkehrer zwar mit einem Verwechslungszauber belegt wird, dieser aber endet, sobald die Reise zurück in die Vergangenheit fertig ist, würden Sie sofort erneut eine Zeitreise machen, an jenen Zeitpunkt, der ursprünglich die entsprechende Anzahl von Stunden zurück von ihrem Startpunkt aus liegt. In Ihrem Fall also etwa zwei Tage vor dem Moment, in dem Sie die Kammer betreten haben.“

Darüber hatte Hermine noch nie nachgedacht, doch jetzt, wo Dumbledore ihr diese Zusammenhänge erklärte, erschien es ihr logisch: „Wenn ich das richtig verstehe, zählt der Zeitumkehrer auf magische Weise immer die Zeit mit, die man in der Vergangenheit verbracht hat, bis man zurückgekommen ist? Als ob er die Umdrehungen der kleinen Sanduhr rückgängig macht, aber in angepasster Geschwindigkeit?“

„Ganz genau. In diesem Zustand kann ein Zeitumkehrer auch nicht erneut verwendet werden. Solange er noch Umdrehungen rückgängig zu machen hat, lässt sich die Sanduhr nicht erneut drehen“, fuhr ihr Professor in seiner Erklärung fort: „Nun zu dem eigentlich wichtigen Teil dieser Erkenntnisse. Unser jetziger Plan sieht folgendermaßen aus: Theoretisch sollte Ihre Zeitreise augenblicklich enden, wenn der Verwechslungszauber aufgehoben wird. Jeder Zauber lässt sich mit einem Finite aufheben, eine erweiterte Form davon ist der Finite Incantatem. Unserer Theorie zufolge sollten Sie in dem Moment, wenn ich den Finite sprechen, zurück im Jahr 1996 landen, da der Verwechslungszauber aufhört und der Zeitumkehrer sie dann automatisch dahin schickt, wo sie ursprünglich hätten landen müssen.“

„Das heißt, ich müsste zwei Tage in der Kammer warten?“, hakte Hermine entsetzt nach. Der Gedanke, in der nassen, dunklen Kammer neben der Leiche eines Basilisken ausharren zu müssen, gefiel ihr nicht.

Doch Dumbledore schüttelte den Kopf: „Das muss nicht zwingend so sein. Eventuell ist der innere, magische Zähler des Zeitumkehrers durch ihren fast ein Jahr langen Aufenthalt hier durcheinander und sie kommen exakt in dem Moment an, in dem sie gestartet sind, weil für ihn die gesamten Stunden bereits abgelaufen sind. Falls nichts, müssten sie tatsächlich für dreiundvierzig Stunden in der Kammer ausharren. Wir sollten Sie darauf vorbereiten, aber erstmal darauf hoffen, dass sie im exakt selben Moment ankommen."

Langsam nickte Hermine: „Das wäre natürlich ideal. Und was ist mit dem Zeitumkehrer? Ich muss ihn doch um den Hals tragen, damit der Zauber mich zurückschicken kann, oder nicht?“

Erneut schüttelte Dumbledore den Kopf: „Nein. Der Zauber wirkt auf alle, die den Zeitumkehrer während der Zeitreise berührt haben, egal, ob sie ihn danach immer noch berühren oder nicht.“

Misstrauisch zog Hermine die Augenbrauen zusammen. Das klang beinahe zu leicht. Doch dann erinnerte sie sich an ihr drittes Schuljahr: Sie war mit Harry zusammen zurückgereist, aber nachdem sie angekommen waren, hatte sie ihm die Kette wieder abgemacht und alleine getragen. Trotzdem waren sie gemeinsam in der Vergangenheit geblieben und gemeinsam wieder an ihrem Ausgangspunkt gelandet.

„Also bleibt er hier?“, fragte sie zaghaft.

„Ja. Nachdem der Finite gesprochen wurde, ist es an mir und Nicholas, den Zeitumkehrer zu reparieren, den Zauberspruch zum Magietransfer mittels Materie zu implementieren und dann den Stärkungs- und Verwechslungszauber zu sprechen. Und dann muss ich den Umkehrer so aufbewahren, dass Sie ihn eines Tages finden können.“

So viele Bedingungen. So vieles, was schief gehen konnte. Langsam ging Hermine auf, wie wahnsinnig dieser Plan von Anfang an gewesen war. Doch wenn es zwei Männer auf der Welt gab, denen sie diese magischen Errungenschaften zutraute, dann waren das Dumbledore und Flamel. Sie musste sich einfach in die Hände dieser beiden mächtigen Magier begeben und darauf vertrauen, dass sie all diese Bedingungen erfüllten. Zumindest für den Moment sah es so aus, als ob sie einen Weg nach Hause gefunden hatte. Einen Weg zurück zu Harry und Ron. Zurück in die Schlacht gegen Voldemort. Jetzt war es an ihr, einen Weg zu finden, um zurück in der Zukunft Tom Riddle ein für alle Mal aufhalten zu können. Mit grimmiger Entschlossenheit schaute sie Dumbledore an. Er hatte so viel schon für sie geleistet. Nun würde sie zeigen, dass sie ihren Teil ebenfalls leisten konnte.

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