I.4 - Eine neue Macht

Mit klopfendem Herzen saß Hermine auf ihrem Bett. Sie war geflohen, nachdem Tom ihr so nahe gekommen war. War davongelaufen, um sich nicht mit der Frage beschäftigen zu müssen, warum sein Macht, sein überwältigendes, alles zerstörende Gehabe sie so erregte und in seinen Bann zog. Und er hatte sie gehen lassen, hatte sie einfach stumm aus seinem Griff entlassen, nicht versucht, sie irgendwie aufzuhalten. Vermutlich war es ihm wie ihr ergangen: Er hatte gewusst, wenn er sie nicht gehen lassen würde, würden Dinge zwischen ihnen geschehen, die einem doch recht öffentlichen Raum nicht geschehen sollten. Und immerhin hatte er trotz allem noch einen Ruf zu wahren.

Nur langsam beruhigt sich ihr Herz. Konzentriert legte Hermine beide Hände flach auf die Bettdecke, vergrub ihre Finger in dem weichen Stoff, als müsse sie sich vergewissern, dass sie von Realität umgeben war. Es war sinnlos, sich länger der Wahrheit zu widersetzen.

Spätestens seit dem Moment, wo ihr im Augenblick ihres Höhepunktes der schwarze Abgrund ihrer Seele offen entgegengestarrt hatte, hatte sich ihr Verhältnis zu Tom geändert.

Sie war kein guter Mensch. Nicht in irgendeinem moralischen Sinne, wie irgendein Buch eines alten Philosophen es womöglich definieren würde. Tom versprach Macht, Macht in einem Umfang, der ihr zuvor völlig unbekannt gewesen war. Und wenn sie auch zuvor diese Macht verabscheut hatte, alles gehasst hatte, für das Tom – oder besser: Lord Voldemort – stand, so hatte sich das nun geändert. Er hatte die Fesseln in ihrem Innersten Stück für Stück gelöst, hatte ihr gezeigt, dass sie über wesentlich mehr Magie verfügte, als ihr bisher gewusst gewesen war. Und obwohl sie noch nicht gelernt hatte, irgendetwas damit anzufangen, war doch alleine dieses Wissen berauschend. Sie verstand Tom. Wenn man diese Macht sah, die in einem ruhte, war es schwer, der Versuchung zu widerstehen.

Wie sollte ein Junge, der ohne Liebe in einem Waisenheim aufgewachsen war, jemals gelernt haben, sich den moralischen Regeln der Gesellschaft zu beugen und der Versuchung der Macht zu widerstehen?

Seufzend ließ sie sich zurückfallen und starrte an die Decke über ihr. War sie deswegen hier? War sie hier, um zu lernen, ihre Kräfte zu entfesseln und zu beherrschen? Sollte sie lernen, Tom später im Duell gegenübertreten zu können und ihn zu besiegen?

Sie drehte sich auf die Seite und klammerte sich an ihr Kopfkissen. Die Vorstellung war beängstigend. Dumbledore war in der Lage gewesen, Grindelwald zu besiegen, aber in einem Duell mit Tom war er nie eindeutig überlegen gewesen. Wenn Dumbledore nicht siegreich sein konnte, welche Chancen sollte sie dann haben? Oder hatte er keine Chance, weil er sich nicht seiner vollen Kräfte bediente? Oder tat er es doch, ohne dass es jemand wusste, und war ihm dennoch nicht gewachsen?

Genervt bemerkte Hermine, dass ihre Gedanken in einen Strudel gerieten, der nichts Produktives mehr hervorbrachte. Sie vergrub ihr Gesicht in dem Kissen. Nun hatten sie gerade einen möglichen Weg für ihre Rückkehr gefunden, und sie war verwirrter denn je, was genau ihre Mission hier sein sollte. Sollte sie Tom nahekommen, damit er ihre Kräfte entfesselt, damit sie diese dann gegen ihn verwenden konnte?

Wäre sie dazu überhaupt in der Lage?

Entsetzt riss Hermine die Augen auf und schleuderte das Kissen von sich weg. Wo kam denn diese Frage nun her? Natürlich wäre sie in der Lage, Tom in einem Duell zu töten, wenn sie nur die Macht dazu hatte. Er war Lord Voldemort und er hatte allen Menschen, die sie liebte, unendliches Leid zugefügt. Natürlich wäre sie in der Lage, ihn zu töten. Das stand außer Frage.

„Ich werde ihn töten“, flüsterte sie leise: „Direkt oder indirekt, ich werde ihn töten. Ich werde Tom Riddle töten.“

Eine eisige Hand legte sich um ihr Herz. So viel Zeit hatte sie schon mit Tom verbracht, dass der Gedanke an eine Welt ohne ihn beinahe unvorstellbar geworden war. Eine Welt ohne ein eiskaltes, menschenmordendes Monster. Ohne herablassende Bemerkungen. Ohne intellektuellen Schlagabtausch. Eine Welt ohne Inspiration und Leidenschaft und Hass und Feuer.

Langsam schloss Hermine die Augen. Atmete aus. Breitete ihre Arme aus. Eine Welt ohne Tom Riddle war eine bessere Welt. Sie würde ihn töten, sie würde nicht zögern. Es gab keinen Anlass zu zögern. Es gab keinen Anlass für Zweifel. Sie würde ihn töten.

oOoOoOo


Was tat er hier? Was war der Sinn seiner Anwesenheit, wenn er einfach nur schweigend im Zimmer stehen sollte, ohne dass irgendein Gespräch stattfand? Wozu war er hier?

Vor seinen Augen lief Tom Riddle auf und ab, offensichtlich in Gedanken versunken, auch wenn seine Mimik wie immer nichts verriet. Wieso hatte er ihn aufgefordert, ihm in sein Zimmer zu folgen, wenn er nun nicht mit ihm sprechen würde? Oder hatte er vergessen, dass er da war? Sollte er vielleicht wieder gehen?

Unsicher wanderte sein Blick zur Tür. Sie war verschlossen, nicht nur einfach zu, sondern magisch verschlossen. Er hatte gesehen, wie Tom einen Zauber darüber gelegt hatte, und er hatte angenommen, dass Tom ihn in neue Dinge einweihen wollte. Doch stattdessen hatte er ihn einfach stehen lassen, hatte ihm keinen Stuhl angeboten, nichts. Er hatte nur begonnen, rastlos auf und ab zu wandern.

Wenn er sich nur nicht so unwohl in Toms Gegenwart gefühlt hätte. Nicht, dass er sich nicht wohl gefühlte hätte bei ihm. Das tat er, ohne Frage, immerhin mochte er Tom. Sehr sogar, er respektierte ihn, bewunderte ihn. Aber diese Nervosität, dieses Herzklopfen, das er in Toms Gegenwart verspürte, insbesondere dann, wenn sie alleine waren, irritierte ihn immens. Und deswegen fühlte er sich unwohl. Es gab keinen Grund, dass sein Herz in Toms Gegenwart so schnell schlug. Tom war ein Junge. Ein Mann. Attraktiv, intelligent, respekteinflößend und als Zauberer unheimlich talentiert, aber eben doch ein Mann. Dieses Herzklopfen war völlig fehl am Platze.

„Orion!“

Überrascht zuckte er zusammen. Er hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass Tom doch noch das Wort an ihn richten würde. Mit aufgerissenen Augen erwiderte er: „Ja?“

„Hast du schon einmal über das Wesen der Menschen nachgedacht?“

Unbewusst klappte sein Mund auf. Was war denn das für eine Frage? Für einen Moment konnte er nur starren, doch dann erinnerte er sich daran, wo er war, wem er gegenüberstand, und entschied, dass Tom gewiss einen triftigen Grund für so eine Frage hatte. Nachdenklich kratzte er sich am Hinterkopf: „Ehrlich gesagt, nicht so richtig. Menschen sind eben … Menschen. Es gibt Magier und es gibt Muggel.“

Mit einer blitzschnellen Bewegung trat Tom direkt vor ihn: „Ja, gewiss. Doch wenn man Magie aus dem Spiel lässt, was ist da? Was motiviert Menschen? Was steckt hinter ihrem Handeln?“

Irritiert durch die plötzliche, körperliche Nähe wurde Orions Kopf für einen Moment vollständig leer. Bei Merlin, er musste einen Weg finden, nicht auf diese Weise auf Tom zu reagieren. Und er durfte ihm unter keinen Umständen zeigen, dass er so reagierte. Was für eine Schande er war. Er schloss die Augen, um zumindest einen seiner Sinne von Tom abzulenken. Noch immer konnte er seinen herben, typischen Geruch wahrnehmen, die Wärme seines Körpers spüren, den leisen Atem hören. Seine Präsenz spüren. Unwillig schüttelte er den Kopf.

„Ich habe keine Vorstellung“, sagte er schließlich, nachdem er sich wieder halbwegs gesammelt hatte und die Courage fand, Tom direkt anzusehen: „Bei uns Schlangen ist es recht offensichtlich, würde ich meinen. Wir sind getrieben von dem Streben nach Größe. Hinter unseren Handlungen steckt Berechnung, nie tun wir etwas, wenn es uns nicht kurz- oder langfristig Ertrag bringt. Bei anderen … tja. Hufflepuffs denken nie über irgendetwas nach, da kann ich es schwerlich beurteilen. Im Haus Gryffindor ist vermutlich das leitende Motiv, so ehrenhaft wie möglich zu erscheinen. Die Ravenclaws sind uns wohl noch am ähnlichstens, sie denken nach, ehe sie handeln, aber die Motive kann ich auch bei ihnen nie einschätzen.“

Ein Grinsen spielte um Toms Mundwinkel, das Orion das merkwürdige Gefühl gab, gerade etwas sehr Dummes gesagt zu haben, das ihn aber dennoch zufriedenstellte. Nickend legte Tom ihm eine Hand auf die Schulter: „Ich vermute, es ist nur naheliegend, dass wir Menschen nach ihrer Hauszugehörigkeit beurteilen, nicht wahr? Jeder Mensch, selbst wenn er nie einen Fuß nach Hogwarts gesetzt hat, lässt sich wohl in eines der Häuser einteilen.“

Seine Haut schien zu brennen, da, wo Tom ihn berührte, doch er zwang sich, das Gefühl zu ignorieren. Nervös leckte er sich über die Lippen: „Ich denke schon.“

„Wenn du einen Anführer auswählen solltest“, fuhr Tom fort, ohne die Hand von ihm zu nehmen: „Aus welchem Haus würde dieser stammen?“

Orion konnte nicht leugnen, dass sich der Sinn dieser Unterhaltung ihm immer noch nicht erschloss, doch er war nicht in der Lage, Tom in Frage zu stellen. Kurz dachte er nach, ehe er vorsichtig antwortete: „Das käme wohl ganz darauf an, um welches Unterfangen es geht. Normalerweise würde man wohl als erstes Gryffindor sagen, immerhin sind da all die Mutigen, Starken, Heroischen. Aber sie sind auch unbedacht, zu schnell, zu fixiert. Sie könnten niemals einen wohl durchdachten Plan aufstellen. Hufflepuff scheidet aus offensichtlichen Gründen aus. Im Hause Ravenclaw … tja. Ich kann dir nicht sagen, wieso, aber ich hatte nie den Eindruck, dass irgendjemand dort sich sonderlich viel darum kümmert, andere Menschen zu führen. Es sind Einzelgänger, die sich nur für ihre Studien interessieren. Also bliebe wohl nur wirklich Slytherin übrig. Wir können Pläne schmieden, komplexe Strukturen erkennen, weit in die Zukunft denken, alle Eventualitäten beachten.“

Das Grinsen hatte Toms Gesicht nicht verlassen, doch nun ließ er seine Hand unangemessen langsam von der Schulter den Arm hinunter gleiten, während er gleichzeitig mit geschmeidigen Schritten um Orion herumging. Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus und sein Atem beschleunigte sich. Was tat Tom da? Zwanghaft fixierte Orion seine Augen geradeaus auf das Bett, um nicht der Versuchung zu erliegen, sich zu Tom umzudrehen. Und so spürte er nur, wie Tom direkt hinter ihn trat, so nahe, dass er mit seinem Rücken beinahe an seine Brust stieß. Er fühlte, wie die Hand, die eben noch seinen Arm hinunter geglitten war, nun wieder hoch und zurück auf seine Schulter wanderte. Der warme Atem in seinem Nacken verriet ihm, dass Tom sich seinem rechten Ohr ein wenig genähert hatte, als wolle er ihm intime Geheimnisse zuflüstern. Ein heißer Schauer rann ihm über den Rücken. Was wäre, wenn Tom ihm ähnlicher war als gedacht? Was wäre, wenn …

„Nicht jeder aus dem Hause Slytherin eignet sich jedoch zum Anführer“, unterbrach Tom seine rasenden Gedanken: „Meinst du nicht?“

Verzweifelt schnappte Orion nach Luft. Er durfte nicht so denken, er musste aufhören, diese Gefühle zu verspüren. Tom war nicht so, ganz offensichtlich. Er wollte nur Antworten, Tom wollte sich nur mit ihm unterhalten. Es war irgendetwas nicht in Ordnung mit ihm selbst, dass er Toms Verhalten so missverstand. Er sollte gehen.

„Meinst du nicht, Orion?“, hakte Tom und nun war er so dich von hinten an ihn herangetreten, dass Orion deutlich seine Brust spüren konnte. Der Daumen von Toms Hand, die auf seiner Schulter lag, war ein Stück runtergewandert und auf seinem Haaransatz im Nacken zum Liegen gekommen. Zitternd schloss er die Augen, ballte die Fäuste und versuchte verzweifelt, gegen seinen Körper anzukämpfen. Doch es half nichts. Die Hitze blieb, das Zittern blieb, die Gänsehaut blieb.

„Tom, ich …“, setzte er an, doch sofort wurde er von dem anderen wieder unterbrochen.

„Ich sehe, dein Kopf ist nicht bei der Sache“, sagte Tom langsam und ließ seine Hand sinken, nicht ohne ihm dabei wie zufällig den Rücken hinab zu streichen. Orions Zittern verstärkte sich.

„Schade. Ich hatte dich für einen Mann von größerer Konzentration gehalten“, murmelte Tom, die Enttäuschung in seiner Stimme beinahe mit den Händen zu greifen. Tränen der Scham brannten in Orions Augen, doch er befahl sich, sie nicht zu zeigen. Mit gesenktem Kopf stand er da, während Tom wieder um ihn herum trat, von ihm wegging und sich auf sein Bett fallen ließ. Mit überschlagenen Beinen, das Kinn auf seine rechte Hand gestützt, musterte er ihn.

„Du bist ein guter Junger, Orion“, sagte Tom schließlich mit einem Seufzen: „Aber du musst noch viel lernen. Ich dachte, du wärst bereit. Ich dachte, du würdest mich verstehen. Aber vielleicht habe ich mich geirrt.“

„Das ist es nicht, Tom! Wirklich, glaub mir, ich bin bereit, ich kann …“, kam es beinahe flehend von Orion, doch Tom hob lediglich die Hand, um ihm zu bedeuten zu schweigen. Verzweifelt ließ Orion den Kopf hängen. Wem machte er denn hier irgendetwas vor? Solange er seine unnatürlichen Gefühle nicht unter Kontrolle brachte, konnte er nichts für Tom tun, im Gegenteil, er war eher eine Last. Und wie er Tom kannte, hatte der ihn längst durchschaut.

Hatte er?

Entsetzt von diesem plötzlichen Gedanken schaute er zu seinem Freund hinüber. Toms mildes Lächeln sagte alles. Er hatte ihn durchschaut. Er hatte ihn durchschaut, doch er schwieg, um ihn nicht noch weiter zu beschämen.

„Tom, glaub mir, es ist nicht, wie du denkst“, stammelte Orion verzweifelt, doch wieder brachte ihn Tom nur mit einer simplen Geste zum Schweigen.

„Doch, Orion, es ist genauso, wie ich denke“, sagte Tom fest, sein Blick ohne jede Wärme auf ihn gerichtet: „Aber fürchte dich nicht. Dein Geheimnis ist gut verwahrt bei mir. Ich würde niemals etwas tun, was dich in Bedrängnis bringen könnte. Ich bin dein Freund, Orion, so, wie du mein Freund bist. Ich stehe hinter dir, so, wie du hinter mir stehst. Vergiss das nie. Und nun geh.“

Mit großen Augen starrte Orion ihn an. Tom war ein guter Mensch. So entschlossen und eiskalt er auch sein konnte, er war vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der sein Geheimnis nicht verraten würde. Er sollte Dankbarkeit empfinden dafür. Mit weichen Knien drehte Orion sich um und schritt auf die Tür zu, die Tom mit dem Wink seines Zauberstabes entriegelt hatte. Er sollte wirklich dankbar sein für Toms Verständnis.

Und doch konnte Orion nicht gegen das Gefühl ankämpfen, dass es noch sein Verhängnis sein würde, dass Tom so genau wusste, wie er für ihn empfand.

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