I.5 - Eine neue Macht

Angespannt lauschte Hermine den Ausführungen Dumbledores. Anders als Harry und Ron hatte sie sich schon immer für die Theorie hinter Verwandlungssprüchen interessiert, und sie stellte immer wieder fest, dass sie hier in der Vergangenheit ein Menge neuer Dinge in diesem Gebiet dazu lernen konnte. Natürlich war es im Prinzip egal, was sie hier lernte, doch wenn sie die Zeitreise perfekt wiederholen wollte, war es notwendig, dass sie als Jahrgangsbeste abschloss. Und dafür musste sie lernen und aufmerksam im Unterricht sein. Tom neben ihr tat das gleiche. Wenn ein Lehrer sprach, dem er zutraute, dass er noch etwas Neues zu erzählen hatte, war Tom tatsächlich ruhig und konzentriert, selbst wenn es sich dabei um den verhassten Professor Dumbledore handelte.

„Als Hausaufgabe für die nächste Woche werden Sie den Inhalt dieser Stunde in eigenen Worten zusammenfassen", sagte Dumbledore gerade, während er durch die Reihen schritt: „Ich bin mir bewusst, dass wir die letzten zwei Wochen viel geredet und wenig gezaubert haben. Doch bevor wir in die tiefere Verwandlungsmagie einsteigen können, muss ich sicher gehen, dass Sie die Theorie verstanden haben. Es gibt in unserer Bibliothek diverse Bücher zum heutigen Thema. Wenn Sie aufmerksam waren, wird es Ihnen leicht fallen, mindestens drei verschiedene zu finden. Ich erwarte drei Rollen Pergament, in denen Sie meine Worte sowie Inhalte aus mindestens drei verschiedenen Quellen niederschreiben. Ein O erreichen Sie nur, wenn Sie in der Lage sind, die unterschiedlichen Argumente zu gewichten und eigenständig Stellung zu beziehen."

Eifrig hatte Hermine sich die Anweisungen auf ihr Pergament notiert. Sie war sich dessen nicht bewusst, aber ihre Augen leuchteten. Derartige Hausaufgaben hatte sie zu ihrer Hogwartszeit vermisst. Die wenigsten Lehrer trauten ihren Schülern noch zu, dass sie selbstständig die Bibliothek und ihre Bücher nutzen konnten. Sie freute sich bereits jetzt darauf, den Samstagvormittag in der Bibliothek zu verbringen.

„Du wirst dich bei deinen Hausgenossen nicht beliebter machen, wenn du deine Begeisterung über so eine Hausaufgabe derart offen zur Schau trägst", wisperte ihr Tom da plötzlich zu.

Schnaubend stopfte sie ihre Bücher in die Tasche: „Es ist inzwischen sowieso zu spät dafür. Nicht zuletzt dank dir."

Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht: „Es kann nicht jeder mein natürliches Talent im Umgang mit Menschen haben, Liebes. Und du warst diejenige, die mir direkt zu Beginn offen den Krieg erklärt hat. Dass meine Freunde mir da zu Hilfe eilen, sollte niemanden überraschen."

Hermine zog beide Augenbrauen hoch: „So kann man es natürlich auch ausdrücken."

Tom bot ihr seinen Arm an und wie inzwischen üblich hakte sie sich ohne Zögern unter. Ihr Umgang miteinander, wenn andere Menschen zugegen waren, hatte einen erstaunlich normalen Anschein angenommen. Sie waren vermutlich das, was ein perfektes Paar in dieser Zeit sein sollte: Er war zu jeder Zeit an ihrer Seite, sie unterhielten sich freundlich und offensichtlich vertraut, aber nie zeigten sie übertriebene Anziehung oder gar Intimität. Es war so einfach. Niemand schien ihre Beziehung anzuzweifeln. Innerlich konnte Hermine darüber nur den Kopf schütteln. Wie blind mussten die anderen Schüler sein, dass selbst sie, eine Gryffindor im Herzen, so mühelos lügen und sich verstellen konnte?

„Es ist lächerlich, nicht wahr?"

Überrascht schaute Hermine zu Tom hoch: „Wovon sprichst du?"

Unbeirrt blickte er geradeaus, während er antwortete: „Ich konnte dein unterdrücktes Kichern spüren. Du amüsierst dich darüber, wie blind hier alle sind für das, was wirklich um sie herum geschieht. Blind für dich und mich."

Schmollend verzog sie ihren Mund: „Es ist eine schlechte Angewohnheit von dir, dass du ständig meine Gedanken liest, Tom. Ich muss dich bitten, das zu unterlassen."

Nun war es an ihm, ein Lachen zu verhindern: „Oh, meine Liebe, wenn ich Gedanken lesen könnte, stünden die Dinge bereits ganz anders. Doch, wie das Schicksal es will, auf dem Gebiet bin ich noch nicht sehr weit gekommen."

Hermines Griff um Toms Arm wurde fester. Wieso hatte sie vorher nie ernsthaft über seine Talente in Legilimentik nachgedacht? Er war zu ihrer Zeit nicht umsonst als größter Legilimens der Geschichte bekannt. Sie war selbst dabei gewesen, als er seine besondere Verbindung zu Harry ausgenutzt hatte, um ihm mittels Legilimentik falsche Träume und Visionen zu schicken.

Leiser, damit andere Schüler auf dem Gang sie nicht hören konnten, hakte sie nach: „Ich hätte erwartet, dass du bereits Meister bist. Jemand wie du kann diese Fähigkeit doch gut gebrauchen."

Sie spürte, wie auch Tom sich verkrampfte: „Glaub mir, Hermine, ich beherrsche Legilimentik bereits und ich bin gut. Aber ich bin noch nicht weit genug. Es muss mehr möglich sein als das, was ich bisher kann. Es muss einfach möglich sein."

Tief atmete sie ein: „Aber gerade sagtest du doch, du kannst keine Gedanken lesen?"

„Erstens", wies er sie scharf zurecht, ohne dabei seine Schritte zu unterbrechen: „Legilimentik ist nicht Gedankenlesen. So einen Fehler sollte jemand wie du nicht machen. Und zweitens – ich beherrsche Legilimentik. Aber um wirklich etwas zu sehen, um wirklich in den Geist anderer eindringen zu können, brauche ich immer noch meinen Stab. Ich kann leichte Gefühlsregungen lesen, erkennen, ob jemand ganz offen lügt, wenn ich will, dazu brauche ich keinen Stab. Aber wenn ich mehr will ..."

Sie waren inzwischen am Klassenraum zu Zauberkunst angekommen. Hermine blieb stehen und ließ Toms Arm los. Sie hatten noch einen kurzen Moment, ehe ihr Lehrer kommen würde. Ihre Hände klammerten sich um den Riemen ihrer Schultasche, als sie aussprach, was schon einige Momente auf ihrer Zunge gelegen hatte: „Warum hast du es dann noch nie an mir verwendet?"

Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte sich Tom an die Wand: „Zu riskant. Wie gesagt, ich bin noch nicht gut genug. Ich habe es ... getestet. Es ist anderen immer noch möglich, mich einfach aus ihrem Geist zu schleudern, wenn sie nur willensstark genug sind. Und wenn das passiert, kann es leicht geschehen, dass ich ihnen Einblicke in meine Gedanken gewähre. Das kann ich nicht zulassen, selbst für den Bruchteil einer Sekunde nicht. Und bei einer begabten Hexe wie dir liegt die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du mir widerstehst."

Nachdenklich legte Hermine den Kopf schräg. Was er sagte, klang logisch. Selbst Harry, der absolut kein Talent für Okklumentik hatte, hatte es einst geschafft, Snape aus seinem Kopf zu verbannen und den Spruch umzukehren. Und Snape war immerhin sehr talentiert sowohl in Legilimentik als auch in Okklumentik. Wenn Tom die Wahrheit sprach, dass er noch nicht so weit war, konnte sie sein Zögern verstehen. Sie würde ihm allerdings gewiss nicht auf die Nase binden, dass sie selbst ein einfaches Opfer wäre. Damals, als Moody – oder besser, Crouch junior – den Imperiusfluch an ihnen ausprobiert hatte, hatte sie ihm nicht widerstehen können, keine Sekunde lang.

„Zum Glück brauche ich keine Legilimentik, um in deinen Kopf schauen zu können", erklärte sie grinsend und legte eine Hand auf Toms Brust.

Überrascht richtete er sich auf: „Bitte?"

Schelmisch blinzelte sie ihm zu: „Alles, was ich über dich wissen muss, erzählst du mir aus freien Stücken. Das ist besser als jede Legilimentik."

Warm legte sich seine Hand auf ihre: „Das stimmt in der Tat. Welche Geheimnisse sollte ich vor meiner Liebsten auch haben?"

„Oder ich vor dir?", erwiderte Hermine die Frage. Beide lächelten sich an, schauten sich fest in die Augen, ohne zu blinzeln. Beide wussten, dass sie hier ein Spiel spielten, wussten, dass der andere log und mehr als nur ein Geheimnis hatte. Und beide wussten, dass der andere das wusste. Doch darum ging es hier nicht.

Dieser kurze Moment, in dem sie beide einander verstanden, währte jedoch nicht lange. Ihr Professor tauchte auf, scheuchte sie in den Klassenraum und unterband damit jede weitere Unterhaltung. Aber es spielte für Hermine keine Rolle, dass sie unterbrochen worden waren. Sie hatte unendlich wertvolle Informationen gewonnen, die sie später in all ihr Wissen, das sie jetzt über Tom hatte, eingliedern würde. Vielleicht konnte sie aus ihren neuen Erkenntnissen etwas gewinnen.

Gelangweilt saß Rufus auf dem Stuhl an Toms Schreibtisch. Es war lange her, dass er alleine zu ihm gerufen worden war, zuletzt schien er sich immer nur noch für den jungen Black interessiert zu haben. Nicht, dass es ihn wirklich gestört hätte. Er wusste, dass Tom und er etwas teilten, was ihn von den anderen unterschied: Intelligenz. Die anderen in ihrer kleinen Verschwörergruppe mochten loyaler und ambitionierter sein, aber es mangelte ihnen definitiv an Intelligenz. Entsprechend machte er sich keine Sorgen, jemals im Ansehen von Tom zu sinken.

„Ungeduldig?"

Überrascht schaute er zu Tom hinüber, der ihn aus dem Nichts heraus angesprochen hatte. Dann folgte er dessen Blick und sah, dass er unwissentlich angefangen hatte, mit seinen Fingern auf der Tischplatte zu trommeln. Augenblick stoppte er. Es war eine lästige Angewohnheit, die immer dann zu Tage trat, wenn er angespannt war. War er angespannt? Er hatte keinen Grund dazu.

„Nein", erwiderte er schlicht. Tom blickte ihn direkt an und er hielt stand. Tom mochte ein intelligenter, mächtiger Zauberer mit bedeutenden Vorfahren sein, aber er würde niemals vor ihm in den Staub kriechen. Er hatte seinen Stolz.

„Ach, Rufus", murmelte Tom und klappte sein Buch zu: „Immer unbeeindruckt von allem, mh?"

„Es tut mir leid, dass es mich nicht beeindruckt, dir dabei zuzusehen, wie du im Bett ein Buch liest", gab er trocken zurück. Er war sich sicher, dass dieses Machtspielchen bei anderen zog, doch nicht bei ihm. Nicht bei ihm. Er war ein Lestrange. Ein Lestrange bewahrte sich seinen Stolz in jeder Situation. Ein Lestrange ließ sich durch Spielchen nicht aus der Fassung bringen.

„Du bist so erfrischend anders", sagte Tom, während er sich langsam im Bett aufrichtete: „Warst du immer schon. Das schätze ich so an dir."

„Danke."

Noch immer blickten sie sich an und noch immer war Rufus nicht gewillt, den Blick zu senken. Langsam dämmerte ihm, warum er hier war. Tom hatte nicht vergessen, dass er bei ihrem letzten Treffen außer der Reihe gesprochen hatte. Er hatte ihm damals sofort gezeigt, wie wenig er dieses Verhalten schätzte. Offenbar glaubte er bis heute nicht, dass Rufus sich ihm wirklich beugen würde. Das war gut. Denn das würde er nicht tun. Er würde ihn unterstützen, aber ihm niemals blind und unkritisch folgen.

„Also", durchbrach Tom schließlich die Stille und beugte sich vor: „Was sind deine Pläne nach Hogwarts?"

Überrascht hob Rufus die Augenbrauen. Die Frage kam unerwartet. Doch wenn Tom dachte, ihn damit aus dem Gleichgewicht werfen zu können, hatte er sich geirrt. Seine Zukunft stand schon lange fest: „Ich gehe ins Ministerium. Vermutlich in die Rechtsabteilung."

Tom nickte: „Dort kann man am schnellsten die Karriereleiter erklimmen."

Da lag er richtig, doch Rufus war nicht gewillt, diese Motivation so offen zuzugeben: „Möglich. Vor allem aber hat man dort den meisten Einfluss auf die Gesetze in unserer Gemeinschaft."

„Aber viel Geld verdient man in dem Zweig nicht", gab Tom zu bedenken.

Misstrauisch legte Rufus den Kopf schräg. Worauf wollte er nur hinaus? Die Familie Lestrange war noch nie bekannt gewesen für ihren Reichtum, dennoch waren sie immer schon eine einflussreiche Familie gewesen. Eben weil sie in zentralen Positionen an der Macht saßen. Das war wesentlich wertvoller als bloßes Geld.

„Geld ist nicht alles", antwortete er schlicht.

Ein Lächeln trat auf Toms Lippen. Ein Lächeln, das Rufus nur zu gut kannte. Ihm wurde kalt.

„Natürlich, da hast du absolut Recht. Geld ist nicht alles. Die wichtigsten Dinge auf der Welt kann man nicht mit Geld kaufen, habe ich Recht? Freundschaft. Liebe. Das ist nicht käuflich. Auf Geld legen nur jene wert, die nicht solche hehren Motive haben", stimmte ihm Tom zu. Noch immer lächelte er, doch der Tonfall sprach eine ganz eigene Sprache.

Rufus schluckte. Drohte Tom ihm gerade? Darum bemüht, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen, scherzte er: „Du bist ja selbst nun auch nicht unbedingt mit Reichtum gesegnet."

Das Lächeln von Tom wurde breiter: „Oh ja, das bin ich nicht. Aber dafür habe ich das, was man mit Geld nicht kaufen kann: Freunde. Echte Freunde. Loyale Freunde. Wie zum Beispiel Abraxas. Wir alle wissen, dass an den Reichtum der Familie Malfoy wenig rankommt. Höchstens der Reichtum der Familie Black. Wie gut, dass auch Orion so ein wirklich, wirklich guter Freund von mir ist."

Er drohte ihm tatsächlich. Angespannt leckte Rufus sich über die Lippen: „Es ist schön, wenn man gute Freunde hat. Gerade in der Politik ist es viel wert, wenn die eigene Familie auf treue Verbündete zählen kann. Und du willst doch in die Politik, oder?"

„Ah, ja, treue Verbündete. So etwas ist in der Politik so schwer zu finden. Viel zu viele Politiker, die irgendetwas zu sagen haben, sind nur an ihre Positionen gekommen, weil sie nicht treu waren. Manche könnte man sogar als korrupt bezeichnen. Eine grässliche Vorstellung, wenn man Loyalität einfach so mit Geld kaufen kann, denkst du nicht?"

Er konnte ihn einfach nur mit offenem Mund anstarren. So deutlich war Tom noch nie geworden. Und es gab nichts, das er dem entgegensetzen konnte, denn Tom hatte Recht. Gegen den Reichtum gekoppelt an den Einfluss der Malfoys konnte niemand aus der Familie Lestrange ankommen. Und Abraxas war in der Tat ein blinder Anhänger. Zitternd senkte er den Kopf.

Er war ein Lestrange. Ein Lestrange war stolz. Kroch vor niemandem. Die Familie Lestrange hatte sich schon immer gut mit der Familie Malfoy verstanden – gerade weil man den Reichtum der Malfoys nicht gegen sich haben wollte. Er war mit Abraxas aufgewachsen, hatte sich nach dem Wunsch seiner Eltern mit ihm angefreundet, um diese Tradition fortzusetzen.

Und nun kam ihm Tom in die Quere. Tom Riddle, ein begabter Magier, der für viele unbedeutend wirkte, auch wenn er Schulsprecher war. Wenn er selbst nicht gewusst hätte, wer Tom wirklich war, hätte er vermutlich bis heute gedacht, dass er alle Möglichkeiten der Welt hatte, die Freundschaft zwischen Abraxas und Tom zu zerstören, wenn sie erstmal aus der Schule raus waren. Doch da war mehr als Freundschaft zwischen ihnen.

Tom Riddle war der Erbe Slytherins. Nichts, was Rufus sagen könnte, würde Abraxas jemals davon überzeugen, Tom den Rücken zu kehren.

Kraftlos ließ er die Schultern sinken. Für den Moment hatte Tom gewonnen. Er würde diese Niederlage nicht eingestehen, er würde alles daran setzen, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden. Doch wenn er nichts fand, wenn alle Wege versperrt blieben ...

Er würde den politischen Einfluss der Familie Lestrange nicht seinem persönlichen Stolz opfern. Wenn er vor Tom kriechen musste, um die Familientradition fortzusetzen, würde er seine Familie nicht opfern.

„Ah, was für ein schöner Abend, nicht wahr?", kam es munter von Tom: „Ich will dich nicht länger aufhalten."

Rasch erhob sich Rufus, verbeugte sich knapp und ging dann mit entschlossenen Schritten davon. So schnell würde er sich nicht geschlagen geben. Tom hatte ihm gedroht, ganz offen und ungeschönt. Dafür würde er bezahlen.


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