II.1 - Im Strudel der Gefühle

Hermine gab sich keine Mühe, beeindruckt oder verängstigt zu wirken. Sie war sich sicher, dass alle anderen vor ihr die eine oder andere Emotion gezeigt hatten, als Tom auf Parsel die geheime Tür zur Kammer des Schreckens öffnete, doch sie würde nicht dazugehören. Sie wusste, dass es die Kammer gab. Sie wusste, wie man hineingelangte und sie wusste, wie sie von innen aussah. Sie hatte den Basilisken bereits gesehen, war von ihm versteinert worden, nachdem sie alles über das Monster der Kammer herausgefunden hatte. Nichts würde sie mehr schockieren können über diesen Ort.

Und es würde Tom nerven, dass sie so unbeeindruckt sein konnte.

„Nach dir", sagte Tom breit grinsend und deutete auf das Rohr, das direkt in das unterirdische Höhlensystem führte. Sie war sich sicher, dass er darauf spekulierte, dass sie Nein sagen würde. Doch er irrte sich: Sie wusste genau, was dort unten auf sie wartete, entsprechend hatte sie keine Angst.

„Aber nicht trödeln!", erwiderte sie neckend, ehe sie beherzt in die Dunkelheit sprang. Zu gerne hätte sie sein Gesicht gesehen, doch sie würde warten müssen, bis er ihr gefolgt war, ehe sie seine Reaktion erfahren würde. Es war noch keine drei Monate her, da war sie denselben Weg mit Ron gegangen, war ebenfalls diese nasse, schleimige Röhre hinunter in die Dunkelheit gerutscht, um den Zahn des dann sehr toten Basilisken zu holen, damit sie ein weiteres Horkrux zerstören konnten. Es erschien ihr wie in einer anderen Zeit - was es genaugenommen ja auch war.

Unten angekommen sprach sie schnell einen Ratzeputz, um sich von all dem Schleim und Dreck zu befreien, den sie auf ihrer Rutschpartie aufgesammelt hatte. Es dauerte nur einige Sekunden, dann kam Tom aus der Röhre und landete mit einem eleganten Satz vor ihr, der ihr zeigte, dass er diesen Weg schon oft genommen hatte. Zu ihrer Überraschung war er vollständig sauber.

„Du bist erstaunlich unbeeindruckt von all dem hier", sagte er mit einem finsteren Blick, nachdem er ihnen mit einem Lumos ein wenig Licht verschafft hatte.

„Tut mir leid, dass mich in Bezug auf dich nichts mehr schockieren kann", erwiderte sie grinsend, während sie sich bei ihm unterhakte. Immer wieder aufs Neue bemerkte Hermine, wie viel Spaß es ihr machte, Tom Riddle zu reizen und zu provozieren. Sicher, sie hatte inzwischen gelernt, dass es ein gefährliches Spiel war, da man nie sicher sein konnte, wann man plötzlich etwas vollkommen Falsches sagte und ihn in das Monster voller Hass und Zorn verwandelte. Aber irgendwie war es genau diese Gefahr, die ihr gefiel.

Tom setzte sich in Bewegung und führte sie zielsicher durch das Labyrinth der unterirdischen Gänge. Offenbar war er jedoch nicht gewillt, das Thema fallen zu lassen: „Du bist nicht im Mindestens überrascht, dass unter Hogwarts dieses Tunnelsystem ist?"

Sie zuckte mit den Schultern: „Ich bin gerade zwei Monate hier, Tom. Wie viel kann ich schon über das Schloss wissen? Ich war gewiss noch nicht in jedem Winkel. Es ist ein Schloss für Zauberer, natürlich wird es hier diverse Geheimnisse und versteckte Räume und Gänge geben, die kaum jemand kennt."

Noch immer war er unzufrieden und Hermine ahnte, woher das rührte. Er war der einzige, der die Kammer kannte - außer vermutlich die wenigen, die er eingeweiht hatte - und er wollte damit vor ihr angeben. Sie musste ein Kichern unterdrücken.

„Das hier ist etwas anderes", fuhr er sie scharf an: „Hogwarts hat viele Geheimnisse, aber das hier ... das hier ist so gut gehütet, dass selbst die Lehrer nichts davon wissen!"

Da war er wieder, der Tom, der sich für etwas Besonderes hielt, aber nicht aushalten konnte, wenn andere um ihn herum ihm das nicht bestätigen. Grinsend tätschelte sie ihm den Arm: „Ist schon gut, Tom, ich verstehe schon. Du kennst diese Schule besser als alle anderen und du weißt mehr als unsere Lehrer."

Sein Griff um ihren Arm verkrampfte sich: „Willst du mich wirklich hier provozieren, mein Herz? Hier unten, tief unter Hogwarts, wo niemand weiß, wo du bist? Niemand weiß, dass du mit mir hier warst?"

Lächelnd schaute sie zu ihm hoch: „Ach, Tom. Ich will dich doch nur necken. Erwartest du wirklich, dass ich wie Miss Parkinson bin und alles, was aus deinem Mund kommt, für die Offenbarung des Merlins halte?"

Ein schräges Grinsen erschien auf seinem Gesicht: „Die Gute ist manchmal tatsächlich ein wenig zu enthusiastisch. Und das, obwohl sie nicht einmal meinen Blutstatus kennt."

Den Blick auf den Boden gerichtet, um nicht aus Versehen über eine der vielen Unebenheiten zu stolpern, erwiderte Hermine: „Es scheint, alle im Hause Slytherin ahnen, dass du zu Größerem bestimmt bist. Und wie wir Schlangen eben so sind, wollen wir uns gut stellen mit dir, um unsere Schachfiguren für die Zeit nach Hogwarts in Stellung zu haben."

Vor einer großen, steinernen Tür angekommen machte Tom Halt: „Du sprichst von uns Schlangen, obwohl du von allen am wenigsten Interesse daran hattest, dich auf meine gute Seite zu stellen."

Spielerisch legte sie ihm eine Hand auf die Brust: „Wer weiß? Vielleicht war das alles mein ausgeklügelter Plan, um dich um meinen Finger zu wickeln? Ich meine, nachdem wir uns ... besser kennengelernt haben, stehe ich dir näher als jeder andere."

Kurz wurde Toms Blick hart, während er sie nachdenklich betrachtete, doch dann schüttelte er herablassend den Kopf: „Wohl eher nicht. Wenn du eines nicht kannst, dann, dich zu verstellen und mir irgendetwas vorzuspielen. Dein Hass auf mich war und ist echt. Wenn einer von uns beiden den anderen um den Finger gewickelt hat, dann bin ich das."

Als Erwiderung zog Hermine nur eine Augenbraue hoch. Natürlich, sie war durch und durch eine Gryffindor und es fiel ihr schwer, ihre Emotionen nicht offen zu zeigen. Doch wenn man alle Puzzelteile zusammenfügte, so war klar, dass am Ende sie die Gewinnerin war. Es war zwar nicht von Anfang an, aber doch recht schnell ihr Plan gewesen, Tom nahe zu kommen. Und das hatte sie geschafft, ob er das nun zugeben wollte oder nicht.

„Also, wie öffnen wir diese Tür?", fragte sie schließlich, um vom Thema abzulenken.

„Ebenso wie wir es in der Toilette getan haben", entgegnete Tom, der sich daraufhin zur Tür umdrehte und den Mund öffnete, um erneut auf Parsel den Befehl zu geben.

Doch Hermine unterbrach ihn augenblicklich, legte ihm eine Hand auf den Arm und meinte süßlich: „Darf ich es versuchen?"

Sie wusste nicht, ob es ihr gelingen würde, immerhin sprach sie kein Parsel, aber wenn es Ron gelungen war, Harrys Worte zu imitieren, würde sie vielleicht dasselbe schaffen. Abschätzig schaute Tom auf sie herab: „Bitte, nur zu. Ich bezweifle jedoch, dass du Erfolg haben wirst."

Mehrmals ging Hermine im Geiste die Laute durch, die sie sowohl von Tom als auch von Ron gehört hatte, bis sie sich sicher war, dass sie eine ungefähre Ahnung hatte, wie sie ihre Zunge und ihren Mund bewegen musste, um die Parselworte imitieren zu können. Bedächtig öffnete sie den Mund, sprach die zischenden Laute aus, während sie in Gedanken „Öffne dich" sagte.

Die Schlangen, die die Tür geschlossen gehalten hatten, setzten sich in Bewegung.

„Du sprichst Parsel."

Die Stimme von Tom war ruhig, doch eine gefährliche, eisige Kälte lag darin, während sein Blick intensiv auf ihr lag. Hermine schüttelte den Kopf: „Nein. Ich habe mir lediglich gemerkt, was du zuvor gesagt hast."

Lange schaute Tom sie an, seine Miene undurchdringlich, eine Hand auf ihrer Schulter abgelegt. Nur das deutliche Pochen einer Ader am Hals verriet Hermine, dass er gerade unter offenbarer Anspannung stand. Überlegte er, ob er sie hier und jetzt für ihre Aufsässigkeit töten sollte? Sie zwang sich, ruhig weiter zu atmen, um sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen.

„Du darfst niemals alleine hierher kommen, Hermine", sagte er schließlich sehr, sehr leise: „Du kannst die Eingänge öffnen, aber du darfst nicht alleine herkommen, verstanden?"

Ein heißer Schauer lief ihren Rücken hinunter. Toms Augen leuchteten und der Tonfall seiner Stimme war dunkel, während er sie eindringlich anstarrte. Er musste ihr nicht sagen, dass sie nicht alleine herkommen sollte, immerhin hauste hier ein Basilisk, der nur vom Erben gesteuert werden konnte. Verstand er es als Angriff auf seine Ehre, dass sie die Türen öffnen konnte?

„So einladend ist es hier nicht, dass ich unbedingt alleine herkommen will", erwiderte sie locker.

Augenblicklich verkrampfte sich Toms Hand auf ihrer Schulter: „Ich meine es ernst, Hermine. Du wirst nicht alleine herkommen, das ist ein Befehl. Wenn du weißt, was gut für deine Gesundheit ist, wirst du mir gehorchen."

Der Gedanke war so abwegig gewesen, dass Hermine niemals drauf gekommen wäre, doch Toms Worte jetzt machten sein Motiv eindeutig. Sie blinzelte mehrmals verwirrt, während sie versuchte, diese neue Erkenntnis zu verarbeiten.

„Du machst dir Sorgen um mich?", sprach sie schließlich aus, was sich ganz langsam in ihrem Kopf geformt hatte. Die Worte wirkten wie Fremdkörper, die sich beinahe ohne ihr Zutun von ihrer Zunge lösten. Ihr Verstand war wie eingefroren.

Die Anspannung in Toms Körper wuchs, doch seine Stimme klang wieder normal, als er erwiderte: „Du könntest hier alleine sterben, Hermine. Du gehörst mir. Dein Leben gehört mir. Wenn du stirbst, dann nur, weil ich das so entschieden habe. Du hast kein Recht, dein Leben ohne mein Einverständnis aufs Spiel zu setzen. Hast du das verstanden? Außer mir hat niemand das Recht, dein Leben zu beenden."

Wenn er es so ausdrückte, passte es tatsächlich zu seinem Charakter. Doch das eigentümliche Gefühl, das sie ergriffen hatte, ließ Hermine nicht los. Tom hatte ihr schon mehrfach gesagt, dass er sie als seinen Besitz betrachtete, und er hatte auch mehrfach deutlich gemacht, dass er nicht zulassen würde, dass jemand außer ihm ihr etwas tat. Bis jetzt hatte sie das stets als eine ziemlich psychopathische Form von Besitzdenken aufgefasst, doch die Art, wie er sich ihr hier und jetzt präsentierte, änderte das.

„Ich habe verstanden", antwortete sie ernst und legte ihm eine Hand auf die Wange: „Ich verspreche dir, dass ich nicht alleine herkomme."

Langsam richtete sich Tom wieder auf, begleitet von einem Aufatmen, das Hermine unwillkürlich als Erleichterung deutete. Er verfiel erneut in die Rolle des charmanten jungen Mannes und hielt ihr den Arm hin, den sie ohne zu zögern akzeptierte, und gemeinsam schritten sie in die riesige Halle der Kammer des Schreckens.

Doch so normal Tom sich nun auch gab, Hermine spürte, dass sich erneut etwas in ihrer Beziehung geändert hatte. Tom hatte Schwäche gezeigt. Zuvor, als Avery sie beinahe vergewaltigt hätte, waren seine Wut und seine Besitzansprüche tatsächlich nur daraus gewachsen, dass jemand anderes ihre schwache Seite und ihre Tränen gesehen hatte. Das hatte ihn gestört, das war tatsächlich nur aus seiner übersteigerten Ich-Fokussierung gewachsen. Seine Sorge um ihr Leben jetzt jedoch hatte einen anderen Ursprung. Es ging nicht darum, dass kein anderer Mensch ihr Schaden zufügen sollte, sondern dass Tom Angst davor hatte, dass sie starb.

Schweigend schritt sie neben ihm her. Ob Tom selbst begriffen hatte, was er da gerade offenbart hatte? Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er unterbewusst tatsächlich bemerkt hatte, dass seine Sorge um sie andere Ursprünge hatte als zuvor. Das war wohl auch der Grund für seine immense Anspannung. Jener Teil seines Ichs, der seine Wahrnehmung der Welt immer so filterte, dass sie in sein Weltbild passte, hatte hart kämpfen müssen, um die Wahrheit vor seinem Bewusstsein geheim zu halten. Seine Grundfesten waren erschüttert worden von der Erkenntnis, dass er sie nicht verlieren wollte. Das Selbstbewusstsein eines Narzissten stand eh stets auf tönernen Füßen, die mehr als anfällig waren, beim ersten Kontakt mit der Realität zu zerbröseln.

Nachdenklich ließ Hermine den Blick über die Wände und Säulen der Kammer wandern. Sie hatte für ihre Mission näher an Tom Riddle herankommen wollen. Sie hatte gehofft, sein Vertrauen zu gewinnen, um eine Schwäche herauszufinden, die sie in der Zukunft nutzen konnten. Nun war sie ihm viel näher gekommen, als sie jemals gedacht hatte, nun hatte sie so etwas Ähnliches wie Gefühle in ihm geweckt. Doch von Vertrauen war noch immer nicht viel zu spüren. Wie viel näher musste sie ihm noch kommen, um endlich eine Schwäche zu finden, die anderen verborgen geblieben war?

Und etwas anderes bereitete ihr Sorgen. Die Tatsache, dass er sie nicht tot sehen wollte, dass Tom Riddle tatsächlich etwas an ihrem Leben lag, bereitete ihr ein schlechtes Gewissen. Immerhin erwiderte sie diese Gefühle nicht, im Gegenteil: Ihr ganzes Handeln war darauf ausgerichtet, ihn am Ende zu töten. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Sie würde mit Toms Tod das Leben all ihrer Freunde retten. Sie würde Harry helfen, Dumbledores Tod rächen und der Zauberergemeinschaft von England einen Dienst erweisen. Voldemort in der Zukunft hatte nichts zu tun mit diesem Tom Riddle hier. Wenn sie ihn in der Zukunft wiedersehen würde, würde er bereits ein anderer Mann sein.

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Tom stehen blieb und seine Arme ausbreitete. Erst jetzt realisierte Hermine, dass sie die ganze Halle durchschritten hatten. Erwartungsvoll schaute sie zu ihm auf, während Tom sich einmal um sich selbst drehte, offensichtlich stolz, als wäre die Kammer seine Schöpfung.

„Willkommen", verkündete er laut, „in der Kammer des Schreckens."


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