Part 16

Das letzte, was ich sah und wohl auch nie mehr vergessen würde, waren Tommy und sein verzweifelter Blick, bevor ich mit dem Rücken voran ins Nichts gezogen wurde. Der OP-Tisch vor meinen Augen wurde immer kleiner und verschwamm schließlich zu einem hellen Punkt, der sich nach wenigen Momenten kaum noch von der nachtschwarzen Umgebung abhob. Ich fühlte mich warm, sicher und geborgen in der Hand des unsichtbaren Retters und fragte mich, wer oder was er überhaupt war. Falls ich ihn jemals zu Gesicht bekommen sollte, würde ich ihm definitiv dafür danken, dass er mich aus dieser Hölle befreit hatte. Ich wusste zwar noch nicht genau wie, aber irgendetwas würde mir schon einfallen. Eine plötzliche Müdigkeit überkam mich, kein Wunder bei all den Strapazen. Ich hatte große Lust einfach die Augen zu schließen und mich treiben zu lassen. Schlaf war jetzt aus meiner Sicht sinnvoll und wohlverdient. Meine Lider waren schon halb geschlossen, als auf einmal helle Lichter rechts und links von mir erschienen. Alamiert blickte ich mich um, aber sie kamen nicht näher. Zuerst sah ich nur undeutliche Flecken in allen möglichen Farben und Formen, die nach einiger Zeit aber immer schärfer und deutlicher wurden. Sie zischten an mir vorbei und erinnerten mich dabei an die Sterne, die in den StarWars-Filmen an den Raumschiffen vorbeischossen. So absurd es klingen mochte, ein wenig fühlte ich mich wie ein Alien.
Die Konturen der Flecken wurden immer schärfer. Ich schnappte überrascht nach Luft, als ich die Gesichter unbekannter Menschen und Landschaften an mir vorbeiziehen sah. Alles bewegte sich wie in einem Video und flog an mir vorüber. Waren es die Bilder, die sich bewegten oder war das etwa nur ich?
Auch unter und über mir konnte ich welche entdecken. Ich befand mich in einem riesigen Bildertunnel und flog rückwärts hindurch. Sogar einen Luftzug im Nacken konnte ich spüren. Dann unvermittelt hörte ich Stimmen. Überall um mich herum flüsterten sie. Ich konnte die Menschen in den Bildern hören. Wortfetzen und Sätze drangen von allen Seiten an meine Ohren.
..."alles Gute zum Geburtstag, Tommy"...
Die Stimme einer Frau! War das vielleicht seine Mutter?
..."hast du denn nun schon wieder angestellt, Schatz? Du weißt doch genau, dass du"...
Da! Schon wieder! Ich suchte schnell nach der Quelle des Geräuschs, was bei all der Flüsterei ganz schön knifflig war. Zwischen einem alten Mann mit grauem Schnauzer und Haar und dem Bild eines vollbesetzten Sandkastens (mit Sandburg!) wurde ich fündig. Hinter kleinen, schmutzigen Fingerchen kniete eine Frau um die 30, die -so vermutete ich- den kleinen Tommy mahnend ansah. Mit dem dunklen Haar, den braunen Augen und dem schmalen Gesicht sah er ihr unglaublich ähnlich. Ich versuchte, das Zimmer im Hintergrund genauer zu erkennen, aber da war die Szene schon wieder weg.
Dann hörte ich eine angenehme, tiefere Stimme.
..."her mein Sohn! Ich zeige dir die Sterne. Siehst du? Da drüben ist der"...
Da! Links von mir! Ich konnte das Gesicht eines Mannes im Licht einer Taschenlampe erkennen.
..."Ja, Papa! Ich kann"...
Das Bild verschwand wieder, bevor ich Tommy's Vater genauer betrachten konnte. Ich hatte nur blaue Augen, hinter einer Nickelbrille erkennen können.
Meine Gedanken wurden von einer hohen, quengeligen Mädchenstimme hinter mir abgelenkt.
..."oßer Bruder? Sind wir bald da? Ich will unbedingt"...
Schnell drehte ich mich um und sah ein kleines Mädchen mit großen, blauen Augen und rosanem Kleidchen. Ihr Blick war nach oben gerichtet. 
..."endlich mal geduldig! Du nervst total, Lil"...
Die rotzige Antwort kam wahrscheinlich von Tommy. Klang so, als wäre er im Stimmbruch. Zumindest wenn ich mir das Kieksen und Kratzen so anhörte. Wahrlich keine beneidenswerte Zeit im Leben eines Mannes...
..."ama, hat gesagt, dass du mich pünklich zum Ballettunterricht bringen sollst! Wenn ich zu spät komme, gibt es..."
Die blauen Augen blitzten listig. Armer Tommy! Kleine Schwestern sind wirklich  durchtriebene Geschöpfe.
..."selber schuld, wenn du so lange"...
Und da war das kleine Mädchen auch schon wieder weg.
Ich hoffte, dass dieser zu kurz geratene Zwerg beim Unterricht gestolpert war. Na gut, ich wollte nicht zu böse sein. Es würde schon reichen, wenn das Kleidchen einen Riss bekäme.
Aber was noch viel wichtiger war... Auf keinem der Bilder konnte ich Tommy sehen. Nur einmal seine Babyfinger, aber das zählte nicht. Alle Szenen und Blickwinkel waren aus seiner Perspektive. Das mussten Tommy's Erinnerungen sein. Aber wie zum Teufel kam es, dass ich sie sehen konnte?!

Kommentare

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    es wird echt immer interessanter!

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    Einfach nur toll! Sehr spannend und macht wie immer Lust auf mehr! 5/5

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    Großartig, ich gebe dieser Wendung keine fünf Sterne, sondern fünf ♥♥♥♥♥ ;)

  • Author Portrait

    Wieder mal eine 180° Wendung in deiner Story. Und immer noch frage ich mich ob du einem genialen Masterplan folgst oder dir das alles ausdenkst während du tippst. Vermutlich eine erfrischende Mischung aus beiden. Die Wege von Foxxy sind halt unergründlich :) Bin echt schon neugierig, wie's weitergeht.

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Feenstaub

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