Hugin und Munin müssen jeden Tag über die Erde fliegen

"Huginn ok Muninn fljúga hverjan dag Jörmungrund yfir; óumk ek of Hugin, at hann aftr né komi-t, þó sjámk meir of Munin." Eine leise Stimme trug die Geschichte um den Allvater Odin und das Lied von Grimnir(1)  vor.
Staunend lauschte Thorstein den Worten. Was für eine schöne, weiche Stimme dort sprach! Noch immer schien der Ort, an dem er sich befand, weit weg von der Realität zu sein. Schmerzen verspürte er keine, obwohl er sich deutlich an jenen letzten heftigen Schlag gegen seinen Brustkorb erinnern konnte. Doch als er versuchte, sich zu bewegen oder wenigstens die Augen zu öffnen, versagte sein Körper kläglich. Nun ja. Wenn dies hier Niflheim war, was konnte er erwarten? Diese Welt war kalt, dunkel, "Nebelort" eben, wie der Name schon sagte.
"Thundr ertönt, wo Thiodwitnirs Fisch in der Flut spielt; des Stromes Ungestüm   dünkt zu stark durch Walglaumir zu waten."
Die Stimme sprach leise weiter und Thorstein beschloss, den Klängen einfach zu lauschen. Er hatte keine Schmerzen, weder Hunger noch Durst und sein Körper lag, soweit er das beurteilen konnte, sehr bequem. Wenn dies die Anderwelt war, gab es für ihn keine Verpflichtungen, nichts, wofür es erforderlich sein könnte, diesen Ort mit der sanft erzählenden Stimme zu verlassen. Es war eine Frau, die sprach, soviel nahm er inzwischen wahr. Ob Hel selbst diese Verse vortrug?
"Fünfhundert Türen und viermal zehn wähn ich in Walhall. Achthundert Einherier   ziehen aus je einer, wenn es dem Wolf zu wehren gilt."
Einherjer. Thorstein hätte gern geseufzt. Nun war er keiner von ihnen, da er Midgard nicht in der Schlacht verlassen hatte. Ob Odin ihn trotzdem wohlwollend von Asgard aus beobachtet hatte? Konnte ein einfacher Krieger wie er überhaupt die Aufmerksamkeit des Allvaters auf sich ziehen oder galten dessen Blicke eher den Königen und Jarls? Der Steuermann wusste es nicht. Vielleicht ging es auch im Leben nicht nur darum, den Weg an die Tafel des Hrafnáss(2)  zu suchen?
Vage erinnerte er sich an die letzten Stunden vor seinem Tod. Ob Rúna ihm wirklich vergeben hatte oder es wenigstens noch tun könnte in den Jahren, die sie nun ohne ihn leben würde? Würde sie ihn wiedererkennen, wenn er irgendwann hier in Niflheim vor ihr stand? Würde sie ihn dann vielleicht lieben können, wenn sie frei von allen Bindungen wären, frei von ihrem jeweiligen Stand, frei von den Zwängen, die in der Gesellschaft der Nordmänner lagen?
Doch dem Krieger blieb keine Zeit mehr, weiter über seine Zukunft nachzusinnen. Ein leises Rascheln verriet eine winzige Bewegung in seiner Nähe. Dann erklang eine helle Kinderstimme.
"Warum müssen sie den Wolf abwehren, Rúna?"
Thorstein stutzte. Hatte das Kind gerade den Namen seiner Geliebten genannt? Was ging hier vor sich? War auch Rúna ihm in die Anderwelt gefolgt? Und warum erzählte sie dann Geschichten, anstatt ihn zu wecken und zu begrüßen? Er verstand es nicht. Doch noch immer mochte sein Körper nicht auf die Befehle hören, die er ihm gab. Seine Augen blieben geschlossen und auch seine Arme und Beine reglos.
"Ja, weißt du, Asbirg, Fenrir war so groß und stark, dass selbst die Götter Angst vor ihm hatten."
Rúna dachte einen Moment lang nach. Dann fuhr sie fort: "Sie holten ihn nach Asgard, um ihn im Auge behalten zu können. Dort sperrten sie ihn ein und versuchten ihn zu fesseln. Doch egal, wie dick sie die Ketten auch schmiedeten, er zerriss sie immer wieder. Dann aber ließen die Asen einen Faden von den Zwergen schmieden - Gleipnir, eine magische Fessel. Mit ihm banden sie Fenrir, auf dass er sich nie mehr befreien konnte. Doch als Strafe für diese Tat biss der Wolf Thyr den Arm ab." Die Erzählerin räusperte sich.
"Sie hatten einfach Angst, Asbirg, mehr nicht!"
Thorstein lauschte der Stille nach Rúnas Worten. Dann vernahm er ein kleines Luftholen. "Aber hätten sie nicht mit ihm reden können und ihn bitten, lieb zu ihnen zu sein? Sie sind doch Götter, Rúna! Warum ließen sie Fenrir nicht einfach in der Freiheit?" Wieder herrschte Ruhe, dann ein leises Seufzen. "Ich weiß es nicht, Asbirg und auch du solltest dir darüber keine Gedanken machen. Die Götter tun, was sie tun. So, wie auch die Menschen tun, was sie tun." Der Steuermann glaubte, ein stilles Lächeln auf Rúnas Gesicht zu spüren, auch, wenn er sie gar nicht sah.
"Schau, ich habe hier einen schönen Haferbrei und werde dich nun füttern. Wenn du ordentlich aufisst, erzähle ich dir mehr von Hugin und Munin. Doch vorher muss diese Schale leer werden."
Wieder ließ sich ein Rascheln vernehmen. Vermutlich rückte Rúna irgendetwas zurecht.
"Ich könnte den Löffel auch selber nehmen", ließ sich die Kinderstimme erneut hören. Doch Rúna lehnte das Angebot freundlich ab.
"Ich sehe schon, dass Jorunn dir jeden Finger einzeln verbunden hat", gab sie lächelnd zu. "Doch wenn du möchtest, dass die Verbrennungen abheilen und du deine Hände wieder richtig benutzen kannst, musst du sie ein paar Tage stillhalten, wenigstens einen halben Mond lang. Und bis dahin", sie lachte freundlich und leise, "darfst du dich von mir verwöhnen lassen."
Das Gespräch endete hier und für eine Weile war nichts anderes als das Klappern eines Holzlöffels zu hören, der den Brei aus einer Essschale kratzte. Thorstein aber wurde unruhig. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht! Das war nicht Niflheim, niemals! Konnte es sein, dass er sich so sehr geirrt hatte? Dass er gar nicht umgekommen war, sondern noch lebte und hier, irgendwo im Dorf schwer verletzt auf einem Sterbelager ruhte? Doch wenn er tatsächlich starb, warum kam es ihm dann so vor, als rückte die Welt um ihn herum mit jedem Moment ein wenig näher, würde klarer?
Vorhin, als Rúna das Handeln der Götter versuchte zu erklären, hätte er auch er gern länger über die Geschichte von Fenrir nachgedacht und was sie bedeutete. War nicht auch Rúna auf eine geheimnisvolle Art wie der Fenriswolf gebunden? Die Wege, die seine Gedanken derzeit nahmen, waren seltsam. Doch jetzt, wo ihm klar geworden war, dass er sich nicht in der Anderwelt befand, hatte er keine Zeit für solchen Müßiggang. Erneut versuchte er, wenigstens den Fingern seinen Willen aufzuzwingen. Und tatsächlich! Es schien ihm, als habe er gerade den rechten Zeigefinger angehoben. Gut so!
Ein Trampeln und laute Worte vor der Tür hielten ihn ab, es weiter zu versuchen. Nun lauschte Thorstein wieder gespannt, was geschehen würde. Die Geräusche ließen ihn wissen, dass mehrere Männer zur Tür herein polterten. "Leg sie da drüben hin!", erklang eine Anweisung. Dann hörte er, wie ein Körper unsanft abgelegt wurde und einen ausgiebigen Fluch. Ein anderer Mann stutze den Schimpfenden zurecht.
"Bei Thor, Rollo, was machst du nur? Jorunn hat uns ausdrücklich gesagt, wir müssen ganz vorsichtig mit ihr sein. Hast du denn nicht diese furchtbaren Verbrennungen gesehen? Du fügst ihr nur unnötig Schmerzen zu."
Doch Rollo, der Bruder des Jarl, ließ sich nicht so einfach maßregeln.
"Sie gehört mir, Gylfe, falls du das schon vergessen hast. Und sie war nicht umsonst eingesperrt. So ein Nichtsnutz von einem Weib hat es einfach nicht besser verdient. Und wenn du sie dir jetzt mal anschaust, hat sie sowieso keinen Wert mehr. Warum also sich noch die Mühe machen?"
Thorstein fühlte eine Gänsehaut auf seine Arme kriechen. Rollo! Dass gerade dieser Krieger nun hier hereinkam, bedeutet nichts Gutes. Der Mann war für seine Unbeherrschtheit und seine maßlosen Ausschweifungen geradezu berüchtigt. Niemand konnte so richtig sagen, weshalb der Krieger schon als junger Mann eine solche Veränderung zur Grobheit gegenüber Frauen gemacht hatte.
Die meisten seiner Sklavinnen hielten es nicht länger als drei oder vier Jahre bei ihm aus. Eine von ihnen hatte der rücksichtslose Bruder des Jarl im Suff erschlagen, als sie ihn nicht zufriedenstellte. Andere waren weggelaufen oder waren verkauft worden, eine war sogar ins Wasser gegangen. Nun schien er wieder ein Opfer gefunden zu haben. Doch der beißende Geruch nach verbranntem Fleisch erschreckte auch Thorstein. Das hatte nichts mit dem Säufer zu tun. Waren noch mehr Menschen Opfer des Brandes geworden?
Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, öffnete Thorstein die Augen. Zunächst sah er kaum etwas. Der Raum war nur von einem sehr kleinen Feuer beleuchtet und es war Abend. Doch dann öffnete sich die Tür und zu seiner großen Erleichterung trat Jorunn mit einer Handvoll frischer Fackeln ein, gefolgt von Ragnar, der ein kleines Bündel im Arm trug. Während die Heilerin sofort eine der Fackeln entzündete, sie in eine Wandhalterung steckte und dann an das Lager der gerade gebrachten Frau trat, blickte sich der Jarl unentschlossen um.
Und nun, da Thorstein seinem Blick folgte, sah auch er, wo sie hier waren. Es war der hintere, der private Teil der großen Schildhalle. Hier brachte der Jarl sonst seine Gäste unter oder ließ die Köche das Mahl seiner Feste vorbereiten. Heute wurde der Raum offenbar als Krankenstube genutzt. Neben Rúna sah er das kleine Kind, dessen Stimme er schon gehört hatte, mit zwei dick verbundenen Händen sitzen und noch zwei weitere Lager waren besetzt. Auch hier schienen Verletzte zu schlafen.
"Willst du das Kleine einer anderen deiner Frauen anvertrauen?", forschte Ragnar nun an seinen Bruder gewandt, nach. "Ich glaube nicht, dass Solvig auch nur diese erste Nacht überlebt." Er sah von Rollo zu Jorunn, die bedauernd den Kopf schüttelte.
"Nein, sie geht in die Anderwelt", gab sie nüchtern bekannt. "Ihre Wunden sind zu tief und zu groß, als dass sie noch lange überleben könnte." Sie atmete tief durch. "Doch man sollte sie in diesen letzten Stunden nicht von ihrem Kind trennen, Ragnar. So viel Güte muss es selbst für sie geben."
Schon sah Thorstein, wie Rollo zu einer Erwiderung ansetzte, die sicher nicht sehr gnädig ausgefallen wäre, doch der Jarl war schneller.
"So soll es sein, Jorunn!", versicherte er der Heilerin und drückte das kleine Bündel Mensch erleichtert in Rúnas Arme, die ihre Schale gerade abstellen konnte.
"Rollo kann der Kleinen auch später noch eine neue Mutter suchen."
Der so Angesprochene sah den Jarl zornig an.
"Damit ich noch zwei arbeitende Hände verliere?" Rollos Augen blitzten wütend. "Das glaubst du doch wohl selber nicht. Es kommt weg und damit basta!"
Thorstein sah, dass seine Geliebte das Wickelkind fest an sich presste.
"Ich kann mich um das Kleine kümmern", flüsterte sie so leise, dass es kaum zu hören war. Doch Rollo hatte gute Ohren.
"Das hast nicht du zu entscheiden!", fauchte er die Sklavin an. "Deine Hände gehören nicht dir!"
Schon trat der wütende Krieger einen Schritt näher und hätte Rúna für ihre unüberlegten Worte sicher geschlagen, wenn Ragnar nicht dazwischen gegangen wäre.
"Lass sie in Ruhe", knurrte er seinen Bruder an. "Geh und schlaf deinen Rausch aus! Rúna schafft es schon, sich jetzt erst einmal um das Kind zu kümmern. Wenn du dann jemanden gefunden hast, der es bekommen soll, kannst du es noch immer holen."


(1) altnordisch: "Hugin und Munin müssen jeden Tag Über die Erde fliegen. Ich fürchte, dass Hugin nicht nach Hause kehrt; Doch sorg ich mehr um Munin." Lied von Grimnir: Die Edda, Ältere Edda/Grimnismâl

(2) Hrafnáss: Beinamen Odins - Rabengott

Kommentare

  • Author Portrait

    Dieses Kapitel berührt mich besonders. So viel Zartheit spüre ich daran, die grosse Verletzlichkeit des menschlichen Körpers, die du zeichnest - und dann als Kontrast den groben Bruder Ragnars. Sehr sehr schön!

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