Wie alles begann

Randas bæron
sæwicingas ofer sealtne mersc,
manna menio; micel angetrum
eode unforht. (1)

Wie alles begann:
Schon hatten die Männer aus den Nordlanden den Bug ihres Schiffes gen Heimat ausgerichtet, als es Ragnar Loðbrók ins Auge fiel - das kleine Dorf dicht an der Küste, kaum einen Steinwurf vom Ufer entfernt und ohne eine nennenswerte Palisade, die die Eindringlinge hätte abwehren können.
Nachdenklich musterte der Jarl die Siedlung, in Gedanken eine Bilanz ihrer Raubzüge aufstellend und dabei abwägend, ob es sich lohnte, das Ruder doch noch einmal herumzureißen und einen halben Tag zu opfern, um ihre Beute um einige Sklaven aufzustocken. Der letzte Angriff auf die Engländer hatte ihn einige Männer gekostet und nach dem Fieber im vergangenen Winter war die Zahl der Hände in Straumfjorður(2) um einige weniger geworden.
Dem gegenüber stand der im Augenblick wirklich großartige Wind, der sie binnen kurzer Zeit nach Norden bringen würde. Aufmerksam betrachtete der Nordländer den schmalen Küstenstreifen vor dem Dorf. Eine Landung hier wäre schnell, ungefährlich und unaufhaltsam für die unbedarften Siedler.
Er nickte dem Mann zu, der schräg hinter ihm das Steuer führte.
"Noch ein wenig Proviant und ein paar Hände mehr für zuhause - was meinst du?"
Der so Angesprochene schenkte seinem Anführer ein offenes, siegessicheres Grinsen.
"Ich bin dabei, Mann. Gegen ein fettes Stück Schaf zum Abendmahl hätte ich nichts einzuwenden. Und sollten die Weiber hier halbwegs ansehnlich sein, dann auch nichts gegen eine für mein Lager im nächsten Winter."
Ragnar runzelte bei diesen Worten leicht die Stirn. Er wusste sehr wohl, dass es bisher noch keine Frau geschafft hatte, die im vorletzten Winter am Kindbettfieber verstorbene Snót zu ersetzen. Dass Torstein nun davon sprach, sich eine Sklavin für sein Lager zu suchen, war wohl eher eine Ausrede als die Wahrheit. Doch der Mann brauchte jemanden, der ihm Herd und Haus bestellte. Sonst würden seine Kleider bald nur noch Lumpen und sein Haus eine ungemütliche Hütte sein. Der Jarl lachte in sich hinein. Sein Freund hatte bei dieser Fahrt wirklich gut gekämpft und ihm immer zur Seite gestanden. Er hatte eine Auszeichnung verdient. Und da er sich vermutlich nicht nach den Weibern des Dorfes umschauen würde, auch wenn er gerade noch anderes behauptet hatte, würde er, Ragnar, das für ihn tun.
Locker, fast schon beiläufig gab der Jarl den Befehl beizudrehen und das Schiff ans Ufer zu steuern.


Der Raub:
Noch vollkommen ungläubig starrte Rúna auf die dichten Rauchwolken, die dort aufstiegen, wo sich noch am Morgen die kleinen Häuser des Dorfes befunden hatten. Ohne Vorwarnung waren die Barbaren aus dem Norden über ihre Siedlung hergefallen, hatten getötet und gebrandschatzt und alles genommen, was für sie von irgendeinem Wert schien. Dabei war es ihnen offenbar egal, ob es um Münzen, Werkzeuge oder Menschen ging.
Einer von ihnen, offenbar ein Mann mit Befehlsgewalt, hatte sie aus der Ecke hinter den Getreidesäcken gezogen, wo sie sich vor der plündernden Bande zu verstecken versucht hatte. Dabei hatte sie sich nicht entschließen können, den Kopf vollständig hinter den Stapel zu senken. Nicht zu sehen, was auf sie zukam, war ihr schlimmer erschienen als alles andere. Damals, als Ári mit seinen Männern gekommen war, um seinerseits ihr Dorf zu plündern, hatte sie ihre Mutter in der Vorratsgrube verborgen. Beinahe wäre sie den suchenden Männern entgangen. Ihr jetziger Herr aber hatte die kleine unter Staub versteckte Klappe im Hüttenboden doch noch entdeckt. Wenn nicht, wäre sie vielleicht dort unten jämmerlich erstickt. Auch ihre Hütten hatten damals gebrannt!
Jetzt aber, als der bedrohliche Riese mit dem geflochtenen Zopf, den kahlen Schläfen und dem blutigen Schwert in den Raum getreten war, hatte sie ihre Augen einfach nicht abwenden können. Noch dann, als Àri schon schwer verletzt vor ihm kniete und den Gnadenschlag erwartete, hatte sie regungslos auf den verschwitzten, blutbespritzten Fremden gestarrt wie eine Maus auf die angreifende Schlange.
Obwohl in ihrer Ecke Dunkelheit geherrscht hatte, musste der Barbar sie wahrgenommen haben, denn er war, aufmerksam lauschend, immer näher auf sie zugekommen.
"Raus da!", hatte er mit herrischer Stimme gefordert und Rúna war erstaunt, dass sie die Sprache des Angreifers sofort verstand. Nun war ihr bewusst geworden, wen sie da vor sich haben musste. Ári hatte oft und voller Neid von den Seefahrern etwas weiter oben im Norden gesprochen. Gierig seien sie, hatte er erzählt und nicht willens, ihr Wohl als Bauern und Händler zu suchen. Als Seefahrer würden sie in den Südlanden plündern und morden. Nun waren sie also auch zu ihnen gekommen.
Zitternd hatte sie sich erhoben und sich dem Fremden mit zusammengebissenen Zähnen gestellt. Er sollte nicht all ihre Furcht  sehen, nicht den Triumpf verspüren, sie in Todesangst versetzt zu haben. Seine intensive Musterung hatte sie still über sich ergehen lassen. Selbst dann noch, als seine Rechte über ihr Haar fuhr und sich prüfend in ihrem langen Zopf verfing, war sie ruhig geblieben. Ein Entkommen an ihm vorbei gab es nicht. Also hatte sie sich gefügt und war dem Mann freiwillig gefolgt, als er sie an den Strand geführt hatte. Selbst die Fesselung ihrer Hände hatte sie stoisch hingenommen. Zu bekannt kam ihr das Ganze vor, als das sie genug Mut gehabt hätte, sich zur Wehr zu setzen.
Jetzt aber, als sie auf die Rauchwölkchen starrte, die der Wind davontrug, kam ihr die erneute Ausweglosigkeit ihrer Situation erst gänzlich zu Bewusstsein. Wieder würde man sie wegbringen, ohne nach ihren Wünschen zu fragen, ohne ihre Bitten zu erhören. Wieder würde sie sich den Fremden stellen müssen und wer wusste schon, was sie mit den Frauen machten, die sie entführten?
Rúna wusste, dass viele Herren ihre Sklavinnen für weit mehr benutzten als zur Erhaltung von Hof und Haus. Bei dem alten Àri hatte sie es gut gehabt. Ja, sie musste bei ihm hart arbeiten und manchmal hatte der Alte auch ihre Brüste oder ihren Hintern berührt. Doch zu mehr hatte der Greis sie nie gezwungen und Rúna war ihm dafür auf ihre Weise dankbar gewesen.
Ab und an, in den langen hellen Sommernächten während der Ernte, hatte sie bei einem der Schnitter gelegen. Doch sie wollte kein Kind gebären, das in dem Elend ihrer Sklaverei aufwuchs und Balbó hatte darauf Rücksicht genommen.
Die Krieger, die sich nun nach und nach am Strand um ihre Beute versammelten, waren ein ganz anderer Menschenschlag. Von Männern wie diesen hatte sie keine Gnade zu erwarten. Fröstend vor Angst ging Rúna in die Knie. Die Ungewissheit und die Erinnerung an die Bilder der Überfälle, jenes geradeeben und des anderen vor guten acht Jahren trieben nun auch ihr die Tränen in die Augen. Doch ihr leises Weinen ging in dem Jammern und Kreischen der vier anderen Frauen und der drei halbwüchsigen Jungen unter.
Ohne Rücksicht trieben die Nordmänner ihre Beute nun zu ihrem Schiff und hoben die geraubten Frauen an Bord. Schnell waren die acht verängstigten Menschen in den Bug des Schiffs verfrachtet und schon legten Ragnars Männer mit dem Ziel Straumfjorður ab.


(1)    Seewikinger, zahlreiche Männer, trugen ihre Schilde über das salzige Meer,
eine ausgesuchte Schar, die ging ohne Furcht.
Junius manuscript Vers 330/331 übersetzt nach Askeberg S. 153

(2) Straumfjorður - alter Wikingerortsname aus den Sagas

Kommentare

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    Sehr spannend geschrieben! Ich werde auf jeden Fall dran bleiben! :-)

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    Und gleich ist man mitten drin in deiner Geschichte! Ich bin gespannt auf die Fortsetzung! :-)

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    Ich mag die vielen Annotationen in deinen Geschichten, da lernt man sogar noch was, während man die Story genießt :)

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    Sehr schön, liebe Sophie. Das macht schon mal neugierig auf die nächsten Kapitel :-)

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