1. Dezember

Skeptisch schaute Hermine auf ihren Stundenplan. Eigentlich hatte sie sich gefreut, als man ihr mitgeteilt hatte, dass zu ihrer einjährigen Ausbildung als Vorbereitung auf die Arbeit im Ministerium auch zwei Blöcke Schulunterricht gehören würden. Obwohl sie inzwischen über zwanzig war, hatte sie immer noch Spaß am Lernen. Doch der Name desjenigen, der als eine Art Klassenlehrer fungieren würde, bereitete ihr Bauchschmerzen. D. Malfoy. Es gab nur eine Familie Malfoy in der Zaubererwelt und das D stand gewiss für Draco. Würde sie wirklich Draco Malfoy als hauptzuständigen Lehrer vor sich haben?

Wie war er überhaupt an diesen Posten gelangt? Sie hatte nach dem Krieg ihr siebtes Schuljahr nachgeholt und sich dann ein Jahr Auszeit gegönnt, um alleine durch Europa zu reisen, die Seele baumeln zu lassen und zu sich selbst zu finden. Was hatte Malfoy in diesen zwei Jahren angestellt, dass er jetzt im Ministerium für die Ausbildung neuer Mitarbeiter zuständig war? Sie bereute es plötzlich, sich dazu entschieden zu haben, ihre berufliche Laufbahn aufzuschieben. Sie hatte nur zwei Jahre gewartet, doch das reichte schon, damit jemand wie Malfoy ihr in der Karriere so weit voraus war.

Seufzend blickte Hermine auf das zweite Blatt Papier, auf dem die Lehrbücher für den ersten Block notiert waren. Bis zum 1. Dezember war noch eine gute Woche, genug Zeit also, sich das Material zu besorgen und schon einen ersten Überblick zu bekommen. Die zwei Monate, die sie bisher im Ministerium gearbeitet hatte, waren wie im Flug vergangen und nun stand nicht nur der erste Schulblock, sondern auch Weihnachten bevor. Eigentlich hatte sie sich auf die Adventszeit gefreut, auf Schnee, auf Weihnachtsmärkte – doch die Aussicht, drei Wochen lang jeden Tag Malfoy zu Gesicht zu bekommen, und noch dazu mehr oder weniger als seine Schülerin, war nicht sonderlich erbaulich.

„Jammern hilft nicht!“, sagte sie streng zu sich selbst, während sie mit der Bücherliste in ihre Küche ging. Wobei der Begriff Küche für diese kleine Kochnische in der Ecke ihres Wohn- und Schlafzimmers fast schon schmeichelhaft war. Wer hätte gedacht, dass Wohnraum in London für Zauberer noch unerschwinglicher sein würde als für Muggel? Es gab einfach zu wenige Wohnhäuser, die für Hexen und Zauberer ausgelegt waren, doch wenn man auch nur das geringste Bisschen an Magie verwenden wollte, war eine normale Muggel-Wohnung zu gefährlich. Seufzend schnappte Hermine sich einen Becher mit Instant-Nudeln, erhitzte mit einem Schwenk ihres Zauberstabes den Topf mit Wasser und schaute dann dabei zu, wie die Nudeln und die anderen unidentifizierbaren Innereien des Pappbechers sich langsam damit vollsogen. Wenn sie nur nicht immer zu faul zum Kochen wäre.

oOoOoOo

„Guten Morgen!“, begrüßte Draco die kleine Schar von Schülern vor sich: „Vermutlich kennen mich die meisten, aber ich stelle mich dennoch vor: Mein Name ist Draco Malfoy und für den ersten Block bin ich Ihr zuständiger Koordinator. Ich unterrichte Organisation und Personalwesen wie Sie Ihrem Stundenplan entnehmen können, wir werden uns also jeden Tag sehen. Als Koordinator bin ich außerdem für alle Ihre Fragen zuständig, dafür ist unsere Stunde am Freitag vorgesehen. Wenn soweit alles klar ist, gehe ich jetzt einmalig die Teilnehmerliste durch, um den Namen auch endlich Gesichter zuordnen zu können.“

Leises Gemurmel erhob sich, doch Draco kümmerte sich nicht weiter darum. Er hatte damit gerechnet – und er war auch davor gewarnt worden – dass es für die meisten ein Schock sein würde, ausgerechnet ihn als Lehrer für das Ministerium vorzufinden. Er hatte sich fest vorgenommen, nichts darauf zu geben. Seine Familie hatte am Ende des Krieges gerade so die Kurve bekommen, doch obwohl sie alle Askaban entgangen sind, war doch ein großer Teil des Vermögens beschlagnahmt worden. Es hatte für ich nie außer Frage gestanden, nach der Schule einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, und nachdem sich die Umstände nun so geändert hatten, war das auch nötig geworden.

Es war schon beinahe amüsant, dass er seinen jetzigen Job ausgerechnet Potter zu verdienen hatte. Wenn der vor zwei Jahren nicht ein gutes Wort für ihn eingelegt hätte, wäre er gewiss niemals für den einjährigen Vorbereitungsdienst im Ministerium angenommen worden. Er hatte Glück gehabt, dass sein damaliger Koordinator ihn offenbar mochte, denn er war es auch gewesen, der ihm den Vorschlag gemacht hatte, selbst Lehrer zu werden. Er hatte ein weiteres Jahr lernen müssen wie ein Wahnsinniger, um die Prüfung zu bestehen, doch am Ende hatte es sich gelohnt: Er war nicht nur offiziell Lehrer, sondern hatte seinen Mentor direkt beerbt, als dieser im Sommer in den Ruhestand gegangen war, und nun oblag es ihm, sich um die Anfänger im Vorbereitungsdienst zu kümmern. Er hatte sich darauf gefreut, auch wenn eine Menge Nervosität mit dabei gewesen war. Doch dann hatte er die Liste seiner Schüler gesehen und die Freude war ihm vergangen.

Warum machte Hermine Granger diese Ausbildung? Und warum jetzt? Was hatte sie die letzten zwei Jahre gemacht? Er hatte gehofft, dass seine Kompetenz als Lehrer die voreingenommenen Schüler schnell davon überzeugen würde, dass er definitiv kein überzeugter Anhänger Voldemorts gewesen war und inzwischen ein anständiger, normaler Zauberer. Doch bei Granger war diese Hoffnung vermutlich vergebens. Er hatte sie noch schlimmer behandelt als Potter und selbst der hatte klargestellt, dass er ihm aus Dankbarkeit für das, was seine Mutter getan hatte, einmalig helfen würde und hoffte, ihn danach nie wieder zu sehen.

Keiner dieser verfluchten Kriegshelden würde ihm gegenüber tolerant sein, dazu waren sie alle viel zu eingenommen von sich selbst. Er wusste jetzt schon, dass es zu seinem Nachteil sein würde, dass ausgerechnet in seiner ersten Klasse überhaupt niemand anderes als Hermine Granger saß.

Nachdem er den letzten Namen aufgerufen hatte, legte er die Liste beiseite und schaute auf die zehn Schüler vor sich. Wie zu erwarten starrte Granger ihn mit grimmiger, misstrauischer Miene an, doch als sein Blick weiter wanderte, hob sich seine Stimmung: Die übrigen fünf Schülerinnen waren eindeutig angetan von ihm. Plötzlich ging ihm auf, dass es nicht das Schlechteste war, Lehrer für erwachsene Zauberer zu sein. Kein Gesetz untersagte es ihm, mit einer seiner Schülerinnen etwas anzufangen.

Er lächelte strahlend in die Runde und beschloss, Hermine Granger einfach zu ignorieren.

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