10. Dezember

Müde saß Draco in der Mädchentoilette von Myrte und spielte mit dem Schlüssel zum Verschwindekabinett. Er sollte eigentlich in der Großen Halle am Mittagstisch sein, doch er hatte keinerlei Appetit. Seine Beziehung zu Granger hatte gestern plötzlich eine Form angenommen, die absolut nicht hilfreich war. Es war eine Sache, vor über einem Jahr mal kurz rumgeknutscht zu haben und danach in friedlicher Koexistenz zu leben. Es war etwas ganz anderes, sich plötzlich wieder genauso wie vor einem Jahr zu ihr hingezogen zu fühlen. Er konnte mit sich selbst schimpfen, wie er wollte, Tatsache war: Er wollte unter keinen Umständen mehr, dass ihr irgendetwas geschah. Leider war er nicht bereit, sein Leben für sie zu geben. Er hatte die Wahl zwischen Skylla und Charybdis: Entweder, er ließ das Verschwindekabinett in Ruhe und reparierte es nicht, so dass sein Notfallplan für Voldemorts Auftrag unerfüllt blieb – was seinen sicheren Tod bedeutete – oder er arbeitete weiter daran und ließ Todesser nach Hogwarts, die sicher nicht zögern würden, Granger zu töten. Und wie er Granger kannte, würde sie nicht zögern, sich ihnen im Kampf zu stellen.

„Ooooh, sind wir wieder traurig, Liebster?"

Die süßliche, hohe Stimme von Myrte schreckte ihn auf. Genervt warf er ihr seinen finstersten Blick zu: „Ich habe heute kein Interesse an deiner Gesellschaft."

„Dein Pech, wenn du in meine Toilette kommst, musst du nach meinen Regeln spielen. Und ich habe heute Lust, mit dir zu reden."

Ergeben seufzte er. Er kannte das Spiel. Myrte hörte ihm zu und tröstete ihn, wenn er besonders verzweifelt war, dafür musste er dumme Spielchen mit ihr spielen, wann immer ihr danach war.

„Na gut, was gibt es heute?"

Begeistert flog Myrte mehrere Runden um ihn herum, bevor sie sich direkt vor ihm auf den Boden gleiten ließ und fröhlich ihren Kopf auf ihren Händen abstützte. Lächelnd erwiderte sie: „Du hast mir lange nichts mehr von dir erzählt. Was hast du die letzten Wochen getrieben?"

Erschlagen ließ Draco dein Kopf gegen die Wand hinter sich sinken. Das war gerade das letzte, worüber er reden wollte. Er wusste ja selbst nicht einmal, was er denken oder fühlen sollte. Er zwang ein Lächeln auf seine Lippen: „Tja, nicht viel. Ich... ich habe ein Mädchen kennen gelernt."

„Oh, ein Mädchen!", kam es aufgeregt von Myrte: „Erzähl mir von ihr!"

Freudlos lachte er auf: „Da gibt es nichts zu erzählen. Es kann eh nichts draus werden. Kennst du die Geschichte von Romeo und Julia?"

Ihre toten Augen begannen zu leuchten: „Aber natürlich! So tragisch! So romantisch!"

„Tragisch ist das richtige Wort, ja. Ich bin Romeo, sie ist Julia, und egal, wie sehr wir wollen, wir stehen auf zwei verschiedenen Seiten und wenn wir je versuchen, wirklich zusammen zu sein, sind wir tot."

Kopfschüttelnd schloss er die Augen. Es war wirklich wie Romeo und Julia. Nur dass Julia kein Interesse an ihm hatte und er nicht wusste, ob er Interesse an ihr hatte. Es war besser, wenn sie sich niemals als Romeo und Julia begegnen würden, dann wäre vielleicht eine Chance, dass sie nicht sterben.

„Sag das nicht, Draco", flötete Myrte: „Romeo und Julia haben selbst beschlossen, sich zu töten. Wenn keiner von euch beiden Selbstmord begeht, dann passiert euch auch nichts. So einfach ist das."

Wieder konnte Draco nicht anders, als laut aufzulachen. Was er vorhatte, war nichts anderes als Selbstmord. Nur dass keine Julia kommen würde, um Gift von seinen Lippen zu trinken und dann auch zu sterben. Er würde ganz alleine sterben.

„Wenn es so kompliziert mit ihr ist, dann bin ich auch immer gerne für dich da, Liebster", unterbrach Myrte seine Gedanken erneut.

„Es ist ja gar nichts zwischen uns, verstehst du?", gab er ungeduldig zurück: „Wir sind nicht einmal wirklich Freunde. Das bin nur ich. Und nicht einmal ich bin sicher, was ich will."

„Ah, armes, kleines Ding", gurrte Myrte und tätschelte mitfühlend mit ihrer kalten Geisthand seine Schulter.

„Sehr hilfreich, danke."

„Weißt du, ich bin zwar kein Experte", sagte sie nach längerer Stille: „Und das war zu meiner Zeit auch nicht üblich, aber warum küsst du sie nicht einfach mal und schaust, was passiert."

Und erneut konnte er nur mit dem Kopf schütteln. Als ob er einfach zu ihr hingehen und sie küssen könnte. Sie hatte gestern schon deutlich gemacht, dass sie das nicht wollte. Oder zumindest nicht einfach so. Und er wusste ja nicht, ob er es ernst meinte. Seufzend richtete er sich auf: „Ich muss los, Myrte, sonst kriege ich heute wirklich nichts mehr zu essen."

„Schon klar, Liebster", sagte Myrte betrübt: „Alles ist immer wichtiger als ich."

„Ich komme morgen wieder, okay? Ich verspreche es dir", erwiderte er beruhigend: „Du kennst mich doch, ich komme immer wieder."

Traurig lächelte sie ihn an: "Niemand kommt immer wieder, Draco. Irgendwann machen alle ihren Abschluss... nur ich bin für immer hier."

Unwohl zuckte er mit den Schultern. So hatte er das tatsächlich noch nie betrachtet. Doch ehe er sich größere Sorgen um Myrte machen konnte, war sie schon wieder fröhlich und verschwand gurgelnd durch eine der Toilettenschüsseln. Er wusste schon nicht mehr, wann er das erste Mal auf sie getroffen war, aber nachdem er gelernt hatte, sie nicht nur als einen der vielen nervigen Geister zu betrachten, hatte sie sich als erstaunlich gute Partnerin für traurige Stunden erwiesen.

Während er seine Schultasche vom Boden nahm und langsam zur Großen Halle trotte, kehrten Dracos Gedanken noch einmal zu Hermine zurück. Er wusste, er hatte besseres zu tun, als sich um eine muggelgeborene Hexe zu sorgen, doch genauso wusste er, dass er mit seinem Auftrag keinen Schritt weiter kommen würde, solange er nicht das Rätsel um ihre Person löste. War sie einfach nur ein nerviger Störfaktor? War sie eine Klassenkameradin, mit der er Waffenstillstand geschlossen hatte? War sie eine Freundin? Oder war sie sogar noch mehr als das? Konnten sie wirklich behaupten, dass sie freundschaftliche Gefühle füreinander hatten? Immerhin hatte ihre erste freundliche Begegnung mit einem Kuss geendet. Er sollte dieser Frage definitiv so schnell wie möglich nachgehen, um sich wieder auf seinen Auftrag konzentrieren zu können.

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