12. Rückkehr

Letztendlich hatte ich mich für die Reise zu meinem Schöpfer entschieden. Jack schien zufrieden mit meiner Entscheidung zu sein. Inzwischen hatte ich wieder eine angemessene Menge an Klamotten beisammen, so dass ich gerade dabei war, meinen Koffer zu packen. Für San Francisco konnte ich luftigere Sachen einplanen, als für das kalte England. Dort würde ich endlich meine italienischen Sommerkleider wieder tragen können und die Sandaletten. Der viele Regen hier war auch nicht gerade angenehm. Ein wolkenverhangener Himmel störte in der Nacht nicht weiter, aber beim Fliegen oft klitschnass, bis auf die Haut, zu werden, war überhaupt nicht schön. Langsam verstand ich den praktischen Sinn, warum sich Jack nur zur Jagd in die Luft erhob. Ich schloss schließlich den Koffer und stellte ihn vor meine Zimmertür, damit John ihn am Nachmittag mit Jacks Sachen zusammen, zum Flughafen bringen konnte. Es war wirklich praktisch sterbliche Helfer zu haben. In England waren vertraute Diener üblich. Vor allem die adligen, älteren Unsterblichen verließen sich auf einen speziell ausgesuchten Menschen. In den USA verheimlichten dagegen alle ihr Wesen vor dem Personal. Aber eines war bei allen Vampiren gleich. Die Angestellten eines Unsterblichen, waren für Artgenossen unantastbar. Ein Mord am Personal, kam einer Herausforderung zum Duell gleich, weil es als ein Angriff auf das Revier betrachtet wurde.

Nun war der Augenblick der Abreise gekommen. Jack verabschiedete sich mit vielen Küssen von Lorraine. Inzwischen stieg ich in die Maschine ein und setzte mich an eines der Fenster. Endlich konnte er sich von ihr losreißen und sie verschwand im Bentley, der nun durch den Regen fast lautlos verschwand. Nachdem er eingestiegen war, verriegelte er die Tür und nahm gegenüber von mir Platz. „Und, freust du dich auf deine Heimatstadt?“, fragte er grinsend. Ich nickte: „Ja, klar. Aber ich bin schrecklich nervös, wegen Cornelius. Was wird er sagen, wenn ich vor ihm stehe?“ Jack zuckte die Achseln: „Nichts Besonderes wahrscheinlich. Einfach Hallo.“ Er beugte sich vor und tätschelte mein Knie: „Keine Sorge! Er möchte doch, dass du kommst.“

„Ja, schon. Trotzdem! Zum Glück ist der Flug so lang.“ Jack lächelte nur. Dann setzte sich das Flugzeug in Bewegung. Ich legte meinen Gurt um und sah hinaus.

 

Später in der Luft, widmete sich Jack seiner Zeitung und ich blätterte Zeitschriften durch. Dabei überlegte ich mir immer wieder, was ich zu Cornelius sagen sollte, wenn wir uns gegenüber standen. Ich glaube, es war am besten einfach auf seine Fragen zu antworten. Wahrscheinlich wollte er den Grund wissen, warum ich mich in Magnus verliebt hatte. Ich glaube, das wusste ich selbst nicht so genau. Es hatte mich einfach getroffen, wie ein Blitzschlag und wenn ich ehrlich war, bedauerte ich Magnus Verhalten sehr. Warum konnte er nicht so sein wie Jack oder Cornelius? Würde er sich mir zuliebe ändern? Nein, so durfte ich nicht denken. Ich musste ihn überwinden. Das war wahrscheinlich das Beste für alle. Diesmal war es ein reiner Nachtflug. Wir flogen ja immer in Richtung Abend. Jack legte Videos ein, die wir uns auf dem großen Fernsehschirm ansahen. Wir kuschelten uns auf dem Ledersofa davor, aneinander, aber sonst geschah nichts. Ich fragte mich, was er wohl für mich empfand. Begehren tat er mich immer noch zweifellos, aber mehr?! Egal, ich mochte ihn. So ein zwölf Stunden Flug konnte ganz schön lang sein, wenn man zwischendurch nicht schlafen oder essen konnte, wie als Sterblicher. Na ja, dafür würde ich auf dem Rückflug die meiste Zeit verschlafen. Kurz vor der Landung stieg meine Nervosität rasant an. Nicht mal mehr eine Stunde trennte mich von der Begegnung mit meinem Schöpfer. War Cornelius auch so aufgeregt, wie ich? Ich hoffte es, damit ich mich nicht so blamieren musste. Jack saß in seinem Sitz und lächelte mir immer wieder zu. Er wusste wohl, was in mir vorging.

 

Bald darauf setzte die Maschine mit heftigem Rütteln auf der Landebahn auf und fuhr dann langsam auf ihren Parkplatz, abseits der großen Passagierbomber. Von weitem erkannte ich schon Cornelius Limousine dort stehen, aber es war niemand zu sehen. Vermutlich wartete er noch im Wagen, oder erwartete uns bei sich Zuhause und nur der Chauffeur war gekommen. Insgeheim hoffte ich das, denn dann hatte ich noch eine Schonfrist. Jack öffnete die Luke des Flugzeugs und sprang mit einem Satz auf den Asphalt, um danach die Leiter anzubringen. Ich selbst könnte auch hinunter hüpfen, aber die Piloten mussten ja auch noch rauskommen. In dem Augenblick stieg der Chauffeur aus und öffnete die Hintertür des Wagens. Solange wir einstiegen, verstaute er die beiden Koffer im Kofferraum. Ab jetzt musste ich wieder daran denken, mein Wesen zu verbergen. Das war bei Jack daheim schon vorteilhaft gewesen, dass John Bescheid wusste. Ich musste keine Ausreden finden für irgendwas, oder extra meine Zähne verstecken. Jack vermied es jedoch, weil der Anblick auch John ängstigte und er zeigte sich seinem Butler nie, bevor er zur Jagd aufbrach. Jack meinte, er wolle John diesen Anblick nicht zumuten, aber ich glaubte, dass ihm das Erlebnis damals mit Maria zu tief in den Knochen saß. Als er sie um ein Haar angefallen hätte. Auf der Fahrt zu Cornelius Villa betrachtete ich die vorbeiziehende Gegend. Ich war sozusagen wieder Zuhause. In gewisser Weise war ich froh darüber. Hier kannte ich mich aus und käme auch gut allein zurecht. Spontan überlegte ich, ob ich hierbleiben sollte und meine eigene Existenz aufbauen. Bis jetzt hatte ich mich immer bei irgendwelchen Männern eingenistet. War ich schon so weit, ein eigenständiges Dasein in der Welt der Unsterblichen zu führen? Viel Erfahrung hatte ich ja noch nicht und ich war schwach.

 

Schließlich passierten wir das Eingangstor. Nun kam die Stunde der Wahrheit. Jack wirkte absolut gelassen, aber ich zupfte nervös an meinen roten Haaren herum. Erinnerungen kamen hoch, als ich das Haus näherkommen sah. Unser Fahrer öffnete die Tür, nachdem er angehalten hatte, und kümmerte sich dann sofort um unser Gepäck. Jack ging voraus und ich folgte dicht hinter ihm. Schon spürte ich Cornelius Schwingungen, die sich verstärkten und als wir die Eingangshalle betreten hatten, stand er dort, lächelte und sagte: „Willkommen!“ Jack legte seine Hände auf Cornelius Schultern und küsste seine Lippen zur Begrüßung. Dann war ich an der Reihe. Ich brachte gerade ein  „Hallo“ heraus und reichte ihm die Hand. Er nahm sie und erwiderte freundlich lächelnd: „Hallo, Jessica. Schön dich wiederzusehen.“ Ich wurde verlegen: „Mich freut es auch.“ Dann lotste uns mein Schöpfer in den Garten auf die Terrasse. Jack ließ sich gleich in einen Gartenstuhl fallen und streckte seine Beine von sich. Cornelius fragte, wie der Flug war und andere Nebensächlichkeiten. Ich traute mich gar nicht so recht, ihn anzusehen. Anscheinend hegte er keinen Groll mehr gegen mich. Er war höflich, aber er musterte mich, wenn er glaubte, ich wäre abgelenkt. Zu gern würde ich seine Gedanken lesen können. Mein Schöpfer trug seine hellbraunen Haare wieder länger, damit sie beim Neujahrsfest ihre ursprüngliche Länge erhielten. Gerade reichten sie ihm bis über die Ohren. Jack hatte ich noch nie mit einer anderen Frisur gesehen. Meistens gelte er sein langes Deckhaar zurück, oder ließ es frech in die Stirn hängen. Doch zurückgekämmt gefiel es mir besser. Es betonte seine hohe Stirn noch mehr und sein kantiges Kinn. Cornelius hatte ein wenig weichere Gesichtszüge. Der erste Abend verlief ganz angenehm und als es für mich Zeit wurde, verabschiedete ich mich, um in eines der oberen Schlafzimmer zu gehen. Cornelius wollte mich begleiten, aber ich meinte: „Nicht nötig. Ich kenn mich ja aus.“ Da setzte er sich wieder und lächelte nur. Bevor ich einschlief, dachte ich daran, dass ich morgen schon hier jagen müsste.

 

Ich fand meine Beute diesmal in dem Park von Cornelius Revier. Nachdem ich die Leiche verscharrt hatte, kehrte ich zum Haus zurück. Cornelius und Jack lagen im Pool und schmusten herum. Irgendwie war es doch merkwürdig für mich, die beiden so zu sehen. Früher war es mir eher egal gewesen, aber nun fühlte ich mich total fehl am Platz. Ausgeschlossen! Sie ließen sich durch mein Erscheinen nicht stören und so erhob ich mich wieder in die Luft, um mich in der Stadt umzusehen. Ich überflog Antonios Villa, aber heute wollte ich ihn noch nicht besuchen. Schließlich landete ich im Vampir-Club und natürlich legte Martin heute auf. Mal sehen, ob er sich über ein Wiedersehen freute. „Hi Martin!“, sagte ich. Er blickte von seinem Tun auf mich herunter und erwiderte strahlend: „Jessica! Lässt du dich auch mal wieder blicken? Wo hast du gesteckt?“ Ich winkte ab: „Ach, das ist ne lange Geschichte. Hauptsache ich bin wieder hier.“ Sein lüsterner Blick gefiel mir. Könnten wir unser Verhältnis wieder auffrischen? In Stimmung wäre ich ja dazu. Ich lehnte mich an das DJ-Pult und fragte: „Brauchst du noch lange? Dann können wir uns weiter unterhalten.« Grinsend antwortete er: „Bald bin ich fertig.“

„Okay. Ich geh mal tanzen.“ Nach einer Weile setzte ich mich auf einen Hocker und beobachtete die Unsterblichen hier. In den paar Monaten hatte sich natürlich nichts verändert und doch war es hier anders, als in London. Die Leute waren anders. Nicht so traditionell, wie die Engländer, ausgeflippter. Endlich gesellte sich Martin zu mir. Nach ein bisschen Reden, verschwanden wir ziemlich schnell ins Freie und fielen uns stürmisch in die Arme. Unter wilden Küssen, streiften wir unsere Hosen vom Hintern und er hob mich hoch. Martin bewegte sich kraftvoll, genauso wie ich es genoss. Sehnsüchtig bog ich meinen Kopf zurück und kurz darauf fühlte ich, seine Zähne in mein Fleisch schlagen. Die Erregung brauste auf, ich krallte mich in seine schwarzen Haare und fühlte das angenehme Kribbeln in den Adern, wenn er trank. Während unseres Aktes trank ich ebenfalls von ihm und nachdem die Wellen unseres Höhepunktes verebbt waren, zogen wir unsere Kleidung wieder zurecht und setzten uns dann auf das Flachdach. Ich erzählte ihm, dass ich in Italien und London gewesen war, aber nicht warum. Das musste nicht jeder wissen.

 

Am nächsten Abend war Jack auf Jagd und ich mit Cornelius allein. Das war mir nicht so angenehm, aber ich konnte ihm ja nicht immer aus dem Weg gehen. Das wäre unhöflich, ihm gegenüber. Also, stellte ich mich der Situation und setzte mich zu ihm in den Garten. Nach anfänglichem Smalltalk begann er mich zu fragen: „Jessica, ich möchte gern wissen, warum das alles so geschah. Hast du Magnus schon länger geliebt?“ Ich starrte auf den Tisch: „Nein, nicht bewusst. Ich hatte mich auf dem Neujahrsfest in ihn verknallt, aber das wurde dann durch dieses Erlebnis unseres gemeinsamen Jagdzuges, gedämpft und ich dachte, das Gefühl wäre vorbei. Dann erfuhr ich mehr über seine Vergangenheit und dass er in Florenz lebte und es erwachte wieder. Dich habe ich aber auch geliebt. Ich wusste ja nicht, ob das für Magnus tiefer ging. Deshalb wollte ich nach Florenz. Ich wollte Klarheit über meine Gefühle, aber ich wollte dich nicht ausnutzen. Ich weiß, dass das so aussah.“ Cornelius nickte ernst: „Ja, das hatte mich sehr getroffen. Ich fragte mich immer, ob ich mich so sehr in dir getäuscht hätte. Ich weiß auch, um Magnus Charisma und dass du, als junge Unsterbliche, ihm nicht widerstehen konntest. Ich bin wirklich froh, dass du dich von ihm getrennt hast. Wie Jack machte ich mir große Sorgen.“ Ich schüttelte den Kopf: „Magnus mag ein Monster gegenüber Menschen sein, aber nicht zu seinen Gefährtinnen. Er tut alles für sie. Wirklich! Er hätte mich vor allem beschützt.“ Jetzt lächelte mein Schöpfer: „Nicht, dass dir etwas geschieht, sondern dass du dich veränderst und auch seine Gewohnheiten annehmen könntest. Das war meine größte Sorge. Dass er aus dir dieselbe skrupellose Mörderin macht, wie er es ist. Du bist immer noch von meinem Blut und ich wollte nicht, dass so etwas aus dir wird.“ Er überlegte kurze Zeit und ich fragte: „Ist was?“

„Ich weiß nicht, ob ich es sagen soll, aber nun habe ich schon damit begonnen. Jessica, er ist hier. Hier in San Francisco!“

„Magnus?“, brach ich heraus. „Seit wann?“ Cornelius wurde sehr ernst: „Seit ein paar Wochen. Er lebt in seinem eroberten Haus. Vermutlich rechnete er damit, dass du zurückkehrst. Wenn das der Grund für sein Hiersein ist. Ich weiß es von anderen. Selbst habe ich ihn nicht gesehen.“ Oh Gott! Jetzt bin ich unbewusst in seine Arme gereist. Wäre ich nur in London geblieben. Auf jeden Fall würde ich mit Jack zurückfliegen. Dann konnte mein Prinz lange auf mich warten. Hehe! Mist, jetzt konnte ich mich ja kaum aus dem Haus wagen. Oder ich beachtete es einfach nicht, doch das war schwer. „Wo treibt er sich rum?“ Cornelius zuckte die Schultern: „Keine Ahnung! Das Einzige was ich weiß, ist, dass er in Antonios Revier jagt.“ Na, toll! Und das grenzte an Cornelius seines. Hoffentlich jagte Magnus an anderen Nächten als ich. Zumindest brauchte er seltener Blut. Wir waren zwei Wochen hier und in dieser Zeit müsste Magnus höchstens zweimal jagen. Zum Glück! „Warum gerade in Antonios Gebiet?“, fragte ich. „Nun, Magnus und Antonio sind schon länger befreundet. Wahrscheinlich ist er auch öfters bei ihm.“ Also, würde es nichts mit dem Besuch werden. Dann setzten wir unsere Aussprache fort und ich glaubte, Cornelius wurde es immer leichter ums Herz. Er war nicht schuld an der Trennung gewesen. Er hatte sich auch gefragt, ob er Fehler gemacht hätte, weil ich zu Magnus ging. Mir selbst tat das Gespräch ebenfalls gut. Ich machte mir keine Vorwürfe mehr. Am Ende schien alles geklärt und ich hatte meine Hemmungen verloren. Wir unterhielten uns wieder, wie früher. Jack registrierte unsere entspannten Gesichter, als er zurückkehrte und schmunzelte nur.

Die Nächte bis zur nächsten Jagd verbrachte ich vorwiegend bei Cornelius daheim. Jack leistete mir Gesellschaft und es war richtig entspannend hier. Im Pool planschen, nette Gespräche, oder einfach im Liegestuhl liegen und die Sterne betrachten. Seit wir hier waren, wich Jack meinen Zärtlichkeiten aus. Lag es an Cornelius?

 

Dann musste ich mir wieder Blut besorgen. Abermals fand ich mein männliches Opfer im Park. Nachdem ich erschöpft neben den toten Körper gesunken war, küsste jemand meine nackte Schulter. Ich war noch zu benommen, um zu reagieren. Das Blut tobte in meinen Adern und ich spürte starke Hände über meinen Körper gleiten. Seidige Lippen legten sich auf meinen leicht geöffneten Mund und eine blutige Zunge wand sich in meine Mundhöhle. Als ich trank, wusste ich, wer es war. Ich öffnete die Augen und meine Sinne bestätigten mir, wen ich vor mir hatte. Mein Prinz! „Jessica, Liebling! Endlich habe ich dich wieder gefunden“, säuselte er. Ich versuchte, ihn wegzudrücken: „Magnus, lass mich in Ruhe. Ich will das nicht.“

„Das glaube ich dir nicht. Deine Augen sagen etwas anderes. Du willst mich nicht begehren, aber du tust es. Ich fühle es.“ Dabei fasste er unter meinen Rock, massierte mich kurz zwischen den Beinen, um dann einen Finger hineinzustecken. Aber ich musste abermals an die blutverschmierte Frau denken und es widerte mich an. Ich wollte mich von ihm lösen, aber er hielt mich fest. Sein Leib drängte sich an meinen: „Jessica, bitte. Du brauchst es doch.“ Damit hatte er leider recht. Es fiel mir schwer, ihm zu widerstehen. Als er in meine Kehle biss wurde ich dabei völlig willenlos. Mein Körper sprach leider eine andere Sprache, als mein Verstand und ich gab mich bereitwillig hin. Im Moment hasste ich meinen Trieb, aber Magnus war so leidenschaftlich. „Ich habe dich überall gesucht“, ächzte er zwischendurch. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Lieber konzentrierte ich mich auf die heftige Brandung, die er in mir auslöste. Er war einfach überwältigend! Im Moment der Ekstase war alles Negative vergessen. Er war doch so schön, so erhaben und seine Lippen, seine Hände so zart. Später meinte ich: „Magnus, ich kann nicht mit dir leben. Wir sind zu verschieden.“ Er setzte sich auf: „Wie du meinst. Es war wie immer schön mit dir. Ich bedaure deine Entscheidung zutiefst. Du hättest in mein Haus mitkommen können. Aber ich glaube, wir werden uns noch öfters lieben. Du kannst nicht von mir lassen und ich von dir auch nicht.“ Er stand auf, zog seine Hose hoch und wandte sich zum Gehen. Ich blickte ihm nach: „Mag sein, aber vielleicht täuschst du dich auch.“ Er grinste nur im Weggehen. Warum war ich so abhängig von diesem Mann? Ich musste ein wenig gegen mich selbst ankämpfen, ihm nicht zu folgen.

 

Jack bemerkte meine Nachdenklichkeit, als ich zurückkehrte. „Was ist, Jessica?“ Ich seufzte tief: „ Ach, ich hasse mich selbst. Ich bin zu schwach für ihn.“

„Magnus?“, fragte er besorgt. Ich nickte: „Leider. Er hat mich nach der Jagd überrumpelt. Ich schäme mich so. Vor allem, dass ich ihm fast gefolgt wäre. Er hat mich irgendwie verhext.“ Dann sah ich Jack ernst an: «Wir müssen sofort abreisen. Ich kann nicht mehr hierbleiben. Bitte, Jack!« Er lächelte leicht: „Meinst du nicht, dass das ein wenig überstürzt wäre. Er kommt doch nicht hierher. Schlaf zuerst einmal darüber.“ Cornelius kam noch hinzu und pflichtete seinem Liebhaber bei. Er musste nicht fragen, was passiert war. Er las einfach meine Gedanken. „Cornelius, was soll ich denn tun? Er wird mich nicht in Ruhe lassen.“ Ich sah meinen Schöpfer flehend an. „Das musst du selbst entscheiden. Entweder gehst du zu ihm zurück, oder lässt es bleiben. Er kann dich nicht zwingen, bei ihm zu bleiben. Wenn du nicht willst, muss er es akzeptieren.“

„Zwingen nicht, aber er versucht mich, sicherlich wieder rumzukriegen.“ Cornelius erwiderte: „Dann darf das, das nächste Mal nicht passieren, dass er dich verführt. Ist das wirklich so schwer?“ Ich antwortete: „Ja, leider. Ich fühle mich ihm hilflos ausgeliefert. Ich kann es auch nicht erklären, aber sobald er mich küsst und anfasst, sind alle guten Vorsätze vergessen.“ Cornelius schien diese Bemerkung nicht zu gefallen. Seine Züge verhärteten sich für einen Augenblick. Empfand er doch mehr für mich, als er vorgab? Und was fühlte ich eigentlich für ihn? Auf jeden Fall war ich froh, dass wir uns ausgesprochen hatten. Cornelius strahlte immer Reife und Besonnenheit aus. Das schätzte ich an ihm. Gefühlsausbrüche kannte ich bei ihm nicht. Bei ihm fühlte ich mich schon früher gut aufgehoben. Dann kam seine starke Aura dazu und das wirkte attraktiv auf mich. Jedenfalls hatte ich ihn immer noch sehr gern und könnte mir auch mehr körperliche Nähe vorstellen. Aber das überließ ich lieber ihm. Ich wollte nicht noch einmal seine Gefühle verletzen. Dann sagte ich: „Ich versuche, in Zukunft standhaft zu sein, was Magnus angeht.“ Cornelius nickte lächelnd: „Du schaffst das schon. Bald wirst du sowieso wieder mit Jack zurückfliegen. Dann trennen dich der ganze Atlantik und noch ein Kontinent von Magnus.“ Ich gab zu bedenken: „Vielleicht folgt er mir nach London.“ Darauf zuckte mein Schöpfer nur die Achseln.

 

Einige Abende später, als ich erwachte, lag ein Geschenkpäckchen neben mir auf dem Bett. Neugierig betrachtete ich das rechteckige Teil. Schließlich riss ich das Papier ab und öffnete gespannt die Schachtel, die sich darunter verbarg. Im Innern lag eine silberne Kette mit einem grünen Stein daran, auf schwarzen Samt gebettet, die passenden Ohrringe dazu und ein Ring. Waren das Smaragde? Ich hatte keine Ahnung, was echte Edelsteine anging. Von wem der beiden war das Geschenk? Sogleich legte ich den Schmuck an und war begeistert. Um ihnen eine Freude zu machen, wählte ich dazu ein Abendkleid und zusammen sah es wunderbar aus. Als ich hinunter kam, saß Cornelius im Wohnzimmer. Er trug einen schwarzen Anzug und erhob sich nun freudig: „Ich möchte dich heute ausführen, Jessica. Der Schmuck steht dir ausgezeichnet.“ Ich legte ein wenig verlegen die Hand auf die Kette: „Das ist von dir? Aber warum? Es gibt doch sicher einen Grund für all das.“ Cornelius lächelte, nahm mich an die Hand und führte mich zur Haustür: „Vor einem Jahr wurdest du wiedergeboren.“ Ich war erstaunt: „Ist das schon ein Jahr her? Welche Nacht zählst du eigentlich?“ Vor der Treppe wartete die Limousine, wo der Chauffeur schon die Tür aufhielt. „Die, in der du aufgewacht bist. Da begann dein neues Leben.“ Ich erinnerte mich an die Nacht der Erschaffung und meine Sterblichkeit schien mir so weit weg. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, als Mensch zu leben. „Wo führst du mich überhaupt hin?“, wollte ich wissen. Cornelius erwiderte: „Ins Konzert. Klassisch!“ Ich musste lachen: „Ja, das denke ich mir.“

Nach einer kurzen Fahrt waren wir vor der Konzerthalle angekommen. Unser Chauffeur ließ uns aussteigen und wir begaben uns gleich auf unsere Plätze. Es war selten, dass ich unter so vielen Menschen war. Zum Glück hatte ich gestern getrunken. Überall hörte ich schwache Herzschläge und flüsternde Stimmen. Auch Gedankenfetzen, wenn jemand über uns nachdachte. Ich fiel einigen Männern auf und Cornelius vielen Frauen. Wenn das Licht später ausging, mussten wir aufpassen, dass uns niemand direkt in die Augen sah, weil sie dann funkelten. Ich fühlte mich unwohl unter Menschen. Zumindest unter vielen. Manche Unsterbliche ertrugen das nicht. Es machte mir irgendwie Angst. ‚Du gewöhnst dich daran. Du hast noch Angst vor der Entdeckung, aber wenn du im Lauf der Jahre merkst, wie leicht du sie täuschen kannst, wirst du sicherer.‘

Ich hoffe es. Manche Typen werfen mir verstohlene Blicke zu. Es stört mich, so im Mittelpunkt zu stehen.‘ Cornelius meinte: ‚Ignoriere sie!‘ Das Orchester begann zu spielen und als ich mich darauf konzentrierte, vergaß ich die Sterblichen. Doch mich überkam auf einmal ein komisches Gefühl. Ich hörte keine Gedanken, aber jemand beobachtete mich. Ich fühlte die Blicke fast körperlich im Rücken. Stumm teilte ich es Cornelius mit und er lauschte daraufhin in die Menge. Dann hatte er denjenigen geortet und sagte es mir. Ich setzte meine Sonnenbrille auf, um mich umblicken zu können, ohne dass jemand in Panik geriet wegen meinen funkelnden Augen. Einige Reihen schräg hinter uns, saß ein junger Mann von meiner Organisation. Ich kannte ihn nicht. Wahrscheinlich stammte er aus einer anderen Niederlassung, aber ich wusste, dass es wohl mein Spion war. Cornelius fragte: ‚Was sollen wir jetzt tun?

Nichts. Er wagt sich normalerweise nicht näher heran. Er will mir nur nachspionieren.‘ Ich schickte dem Mann eine gedankliche Botschaft: ‚Ich habe dich bemerkt. Verschwinde in der Pause, wenn dir dein Leben lieb ist.‘  Mit Genugtuung sah ich, wie er zusammen zuckte und schwach nickte. Wahrscheinlich würde nun ein erfahreneres Mitglied auf mich angesetzt werden. Bisher hatte ich nie irgendwelche Beobachter bemerkt und dachte auch nicht mehr daran. Nachdem das Konzert beendet war, wies Cornelius seinen Fahrer an, zum Strand zu fahren. Mir wurde ein wenig mulmig. Was hatte er für Absichten?

Wir schlenderten schließlich barfuß am Wasser entlang, ohne viele Worte und ich blickte immer wieder aufs Meer hinaus. „Lass uns schwimmen gehen.“ Cornelius sah mich verwundert an: „Jetzt?“ Ich lachte: „Ja, wann denn sonst. Komm!“ Schnell zog ich mein Kleid aus, legte es auf die Klippen und watete ins Wasser. Cornelius tat es mir nach. Die Wellen umspielten meine Beine und ich sprang kopfüber in eine Anrollende hinein. Dann schwamm ich los, sah den Sandboden unter mir und gelangte schnell in tieferes Wasser. Ich betrachtete die Unterwasserwelt und tauchte immer tiefer hinab. Bald war ich in einer anderen Welt. Cornelius blieb an der Oberfläche, aber ich wagte mich noch tiefer hinunter. Es interessierte mich, was unser Körper aushielt. Allmählich spürte ich den zunehmenden Druck um meinen Körper. Es vermittelte mir eine Art Geborgenheit und die Schwärze der Tiefe umhüllte mich. Meine Augen empfingen keinen Lichtstrahl mehr und so schaltete sich mein Infrarot ein. Flimmernde Fische trieben durchs Wasser. Manche schliefen knapp über dem Grund und andere waren auf der Jagd. ‚Jessica, wo bist du?‘, hörte ich Cornelius Stimme im Kopf. ‚Weit unten. Ich komme bald hoch. Keine Sorge!‘ Langsam machte ich mich an den Aufstieg. Der Wasserdruck schwand immer mehr und es war unangenehm, weil ich mich dadurch schutzlos fühlte. Dafür kam das Licht wieder.

Als ich auftauchte, wartete mein Schöpfer an der Stelle, an der ich abgetaucht war. „Klasse, da unten. Könntest du so leben?“ Er schüttelte den Kopf: „Nein, sicher nicht. Ich ziehe ein Leben an Land vor, aber es gab mal einen Unsterblichen, der das getan hat. Er schlief in unterirdischen Höhlen und suchte seine Opfer auf dem Meer. Er kam nur zur Jagd an die Oberfläche und überfiel dazu Schiffe. Ansonsten war er in der Tiefe. Manche zieht es in die Wildnis. In Urwälder, Wüsten, Steppen oder ins ewige Eis. Dreitausendjährige Götter sollen in einem hohen Gebirge leben. Ich kenne speziell die Geschichte von einem Briten Nicholas. Er lebte einige Jahre im indischen Dschungel. Schon bald war er eine Legende bei den Einheimischen. Der weißhäutige, bluttrinkende Dämon des Waldes mit leuchtenden blauen Augen. In dieser Zeit trug er keine Kleidung und wenn ihn dann die Farbigen mit seinem blassen, nackten Körper im dunklen Wald sahen, musste er ihnen wie ein fremdes Wesen vorgekommen sein.“

„Ich habe Nicholas in London kennen gelernt. Wir hatten einige stürmische Nächte zusammen.“ Cornelius meinte: „Lass uns zurückschwimmen. Mein Fahrer wundert sich sicher schon, wo wir bleiben. Obwohl, er denkt wahrscheinlich, wir treiben es zwischen den Felsen.“ Dabei grinste er. Ich dachte daran, ob er es sich vorstellen könnte. Jetzt hier mit mir. Als wir zu unseren Kleidern gingen, betrachtete ich meinen ehemaligen Gefährten. Es war schon lange her, dass ich ihn nackt gesehen hatte. Ich dachte, dass ich ihn wohl nicht abweisen würde, falls er jetzt mehr wollen würde. Er griff jedoch nach seinen Sachen und zog sie über die nasse Haut. Irgendwie hätte ich mehr von ihm erwartet, oder traute er sich nicht. Na ja, ich traute mich ja auch nicht und wenn ich jetzt Sex mit ihm hätte, würde es alles nur komplizierter machen. Nachdem ich ebenfalls angezogen war, stiegen wir in die Limousine und fuhren nach Hause. Im Wagen sagte ich noch zu Cornelius: „Es war ein schöner Geburtstag. Danke!“ Und strich kurz über seine Hand. Er umfasste meine Finger: „Gern geschehen. Du bist mein Kind und wirst es immer bleiben.“ Seine Augen bekamen einen wehmütigen Ausdruck, als er mich ansah und irgendwie hatte ich das Gefühl, er wollte noch etwas sagen, aber dann wandte er sich wieder ab.

Jack lag auf dem Sofa vor dem Fernseher, als wir hereinkamen. Er richtete sich auf und fragte: „Und, wie war’s?“ Ich setzte mich neben ihn: „Schön. Was hast du gemacht?“ Jack winkte ab: „Ach, nicht viel. Ich war kurz in der Stadt und bin dann zurück.“ Cornelius gesellte sich zu uns und die beiden tauschten kurz vielsagende Blicke aus. Ich wusste, dass sie miteinander redeten und ich es anscheinend nicht hören durfte. Schon als Sterbliche sah ich es ihnen an. Das Gesicht verriet, ob Gedanken ausgetauscht wurden. Die Mimik passte sich den Emotionen an und als Unsterbliche fielen mir schon minimale Veränderungen auf.

 

Inzwischen waren wir bereits über eine Woche hier und in einigen Nächten mussten wir zurück. Ich würde ja gern da bleiben und mir ein eigenes Quartier suchen, aber Magnus war hier und würde mir sicher immer nachstellen. Das könnte ich nicht ertragen. Da würde ich Verfolgungswahn bekommen. Aber in meiner Heimatstadt fühlte ich mich einfach zuhause. Ich wollte nicht ins kalte London zurück. Als ich Cornelius fragte, ob er für mich einen sicheren Ort in der Stadt kennen würde, bot er mir an, doch weiterhin bei ihm zu wohnen. Das war mir natürlich am liebsten. Hier fühlte ich mich sicher. Jack war gar nicht enttäuscht, dass ich nicht mit zurückflog. Er wünschte mir am Flughafen, wo wir uns verabschiedeten, alles Gute und ich sollte auf Cornelius aufpassen. Na ja, eigentlich war es ja anders herum. Er strahlte richtig dabei, als er das sagte und er meinte noch, ich solle ihm fleißig Mails schreiben. Das würde ich tun.

 

So begann das platonische Verhältnis mit meinem Ex-Gefährten. Cornelius machte keine Annäherungsversuche und ich traute mich nicht. Ich muss gestehen, dass ich für die Befriedigung meiner Lust, Martin hatte. Wir trafen uns meistens im Freien, weil keiner von uns die Mitbewohner vor den Kopf stoßen wollte. Ich war zwar nicht mit Cornelius zusammen, aber ich wollte Martin trotzdem nicht mit nach Hause nehmen. Mein Schöpfer hielt es mit Suzanne genauso. Er ging zu ihr.

 

So lief das alles ungefähr einen Monat, bis zu einer turbulenten Nacht. Ich wachte gerade auf, als ich jemanden neben mir spürte. Diesmal wusste ich sofort, dass es Magnus war und nicht Cornelius. Er hatte die Dreistigkeit besessen, in Cornelius Haus einzudringen. Mein Schöpfer war sicher schon wach, aber spürte er Magnus Schwingungen überhaupt?! Da ich es nicht tat, hielt Magnus sie zurück. „Was willst du hier?“, fragte ich verärgert. Mein Prinz legte den Arm um mich und erwiderte: „Ich hatte Sehnsucht nach dir. Vermisst du mich gar nicht?“ Ich drückte seinen Arm weg: „Nein. Begreif doch endlich, dass ich dich nicht mehr will.“ Er lächelte hinterhältig: „Das sah letztes Mal aber anders aus. Da warst du ganz wild nach mir.“ Seine Hand strich über meinen Bauch, zog mich plötzlich an sich und küsste mich. Mein Sträuben ignorierte er. Seine Lippen wanderten von meinem Mund zu meinem Hals, er leckte sanft über meine Haut und senkte sacht seine Zähne in mein Fleisch. Ich unterdrückte die erwachende Lust. Diesmal wollte ich nicht nachgeben. Per Gedanken rief ich nach Cornelius: ‚Magnus ist bei mir. Komm bitte schnell!‘  Zu meinem Prinzen sagte ich: „Hör auf. Ich will das nicht.“ Er saugte an meiner Wunde: ‚Ich kann nicht glauben, dass dir das nicht gefällt. Du kämpfst gegen deine eigenen Gelüste.‘ Leider war sein Trinken sehr erregend und da fiel mir die Kontrolle über meinen Trieb sehr schwer. Ich hoffte, Cornelius würde gleich hereinplatzen.

So geschah es tatsächlich. Seine Stimme erklang auf einmal: „Was suchst du auf meinem Grundstück, Magnus? Verschwinde!“ Der Ältere setzte sich auf: „Ach, sieh an. Der Hausherr! Ich verschwinde, sobald Jessica mich wegschickt.“ Cornelius zog verärgert die Stirn in Falten: „Sie will dich nicht. Also, geh!“ Magnus stand langsam auf. Er war gereizt. Ich sah es an seinen Augen. Er und mein Schöpfer blickten sich nur an. Dann hörte ich ein leises Grollen aus Magnus Rachen. Kurz darauf sprang er Cornelius an und schleuderte ihn gegen die Wand, wie eine Puppe. Da wurde mir Magnus Kraft erst bewusst und das Entsetzen packte mich. Ich flehte ihn an: „Magnus, lass ihn. Ich bitte dich. Verschone ihn!“ Nachdem Cornelius ein weiteres Mal an einer Wand aufgeschlagen hatte, hielt Magnus inne und sagte gehässig zu ihm: „Ich lasse dich nur am Leben wegen Jessica. Weil du ihr Erschaffer bist. Ich wollte nur, dass du weißt, mit wem du es zu tun hast. Also, komm mir nie in die Quere.“ Cornelius lag wie ein Häufchen Elend am Boden und erhob sich nun. Ein Bein schien gebrochen, so wie es verdreht war und auch ein Arm sah unnatürlich aus. Er erwiderte: „Wie gnädig von dir! Aber mit solchen Aktionen gewinnst du Jessica sicher nicht zurück. Sie will dich nicht mehr sehen.“ Magnus begann sich anzuziehen: „Spricht da die Eifersucht?“ Cornelius antwortete nicht darauf. Ich merkte, dass er wütend war, sehr sogar. Aber Magnus Überlegenheit hielt ihn in Schach. Nachdem dieser angezogen war, huschte er zum Fenster, blickte mich noch einmal eindringlich an und danach noch kurz zu Cornelius, bevor er hinaussprang. Erleichtert atmete ich auf, erhob mich und ging zu meinem Schöpfer. Er humpelte jedoch schon zum Bett. Nicht aus Schmerz, sondern weil sein gebrochenes Bein sein Gewicht nicht mehr tragen konnte. Schwerfällig ließ er sich auf die Matratze fallen und begutachtete den verdrehten Fuß. „Jessica, hilfst du mir, die Hose auszuziehen?“

„Klar. Leg dich zurück und heb deinen Hintern an.“ Sein Unterschenkel hatte eine Wunde, aus der ein Ende des gebrochenen Schienbeins herausschaute. „Oh, Shit!“, war mein Kommentar. Cornelius schien nicht so bestürzt darüber zu sein. Er drückte daran herum: „Wir müssen es schienen. Hol schnell einen Besenstiel, bevor die Heilung noch mehr voranschreitet.“ Ich nickte und huschte blitzschnell in die Küche zum Besenschrank. Kurz darauf brachte ich ihm den Besen und Cornelius knickte den Stiel kurzerhand in zwei gleichgroße Teile, trotz des verletzten Armes.

„Hol noch Tücher oder sonst etwas zum Festbinden.“ Nachdem ich auch das besorgt hatte, wies er mich an, am Bein zu ziehen, damit er den Knochen wieder ins Fleisch hineindrücken konnte. Das ergab ein widerliches schmatzendes Geräusch. Dann fixierte ich den Unterschenkel mit den Holzstäben und wickelte die Stoffstreifen darum. Den Arm musste ich nicht versorgen. Der würde von selbst richtig zusammenwachsen. Cornelius setzte sich hin: „Ich danke dir. Morgen werde ich die Schiene wieder abnehmen können.“ Traurig sagte ich: „Ach, ich mache dir nur Ärger. Es tut mir leid.“ Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Das braucht dir nicht leidzutun. Du kannst doch nichts dafür, dass Magnus sich so verhält.“ Ich erwiderte sein Lächeln und nahm seine Hand in meine. So saßen wir einige Minuten, bevor ich fragte: „Brauchst du noch irgendetwas?“ Cornelius verneinte, stand wieder auf und schwebte knapp über dem Boden zur Tür: „Nein, ich bin versorgt. Du findest mich dann unten.“

 

In der nächsten Nacht waren seine Verletzungen bereits verheilt. Er konnte sich wieder bewegen, wie immer. Es war schon sehr praktisch unsterblich zu sein und so eine gute Regeneration zu haben. Je älter wir wurden, desto schneller ging sie. Dabei fielen mir die Trophäen eines Vampirjägers ein, die unsere Organisation irgendwann in die Finger bekam. Dieser Kerl hatte den Unsterblichen, die er vernichtete, vorher die rechte Hand abgehackt. Als Jagdtrophäe sozusagen. Die Hände lagen immer noch gut verschlossen in einem unserer Archive. Sie waren schon fast hundert Jahre alt, aber verwesten nicht. Sie sahen aus, wie von einer Mumie. Vertrocknet. Man hatte eine der getrockneten Hände einmal in ein Bad aus Blut gelegt und daraufhin bekam sie ihre ursprüngliche Form zurück. Danach sah sie aus, als wäre sie frisch abgeschlagen worden. Also, behielten sogar unsere abgetrennten Gliedmaßen die Unsterblichkeit in sich. Ich hätte angenommen, dass sie mit dem gesamten Körper zusammenhing und dass ein abgetrennter Teil sie verlor, wenn er längere Zeit vom Rest getrennt wäre. Aber dem war wohl nicht so. Andererseits erlangten sterbliche Glieder, die sich ein Vampir ansetzte, falls er seinen unsterblichen Teil verloren hatte, keine Unsterblichkeit. Die Gliedmaßen alterten und der Betroffene musste sie irgendwann austauschen. Bis jetzt hatte ich noch keinen der Unsrigen getroffen, der z.B. einen Arm eines Menschen besaß. Es sah sicher merkwürdig aus, wenn ein behaarter Arm mit dunklerer Haut an einem Vampirkörper hing. Aber sicherlich gab es sehr wenige Artgenossen, denen so etwas passiert war.

 

Ich besuchte mit Cornelius zusammen endlich mal wieder eine gemischte Party. In London hatten ja nur reine unsterbliche Treffen stattgefunden. Wir waren heute beide hungrig und ich war gespannt auf die anwesenden Sterblichen. Mich gelüstete es nach einem jungen, unschuldigen Mann. Damit meinte ich unschuldig im Sinne von krimineller Vergangenheit. Mir war heute nach verführen meinerseits und Hingabe seinerseits zumute. Nach wem Cornelius der Sinn stand, wusste ich nicht. Wir betraten die Terrasse, wo sich das Partyvolk tummelte und ich musterte sofort die Menschen darunter. Meine Gier war eben noch größer, als die von meinem Schöpfer. Ihm merkte ich keine Ungeduld an und er lächelte nur über meine abschätzenden Blicke. Er begrüßte einige der unsterblichen Gäste, stellte mich hier und da vor und dann sagte er plötzlich: «Trinken wir gemeinsam?« Ich war überrascht: „Äh, ja. Wenn du willst.“

„Du suchst jemand aus und ich bring auch noch jemanden mit.“

„Okay“, erwiderte ich lächelnd. Dann trennten sich unsere Wege. Jeder hielt Ausschau nach einem passenden Opfer. Ich war schon richtig gespannt auf Später und ich wünschte mir, dass heute endlich etwas zwischen uns passierte. In letzter Zeit waren manche Augenblicke schon richtig spannungsgeladen gewesen, ohne dass einer von uns über seinen Schatten gesprungen wäre. Außer flüchtigen Berührungen war nichts gewesen.

Ein braungebrannter, schwarzhaariger Typ im hellen Anzug fiel mir ins Auge. Er war groß und sehr gutaussehend, schlürfte gerade ein Glas Champagner. Fast unbemerkt huschte ich neben ihn und nahm mir ebenfalls ein Glas, um es dann auf sein Hemd zu verschütten. Während ich mich tausendmal entschuldigte, analysierte meine Nase seinen betörenden Geruch. Das Zerren in mir war eindeutig und am liebsten hätte ich ihn sofort an mich gezogen und zugebissen. Aber heute war Geduld angesagt. Es war eine gute Übung für die Beherrschung, den Trieb im Zaum zu halten. Cornelius hatte damit überhaupt keine Probleme, sowie er sich immer zuerst mit den Frauen unterhielt und sie dann auch ganz sanft austrank. Dazu musste ich erst noch älter werden. Bei mir endete die Beherrschung mit dem Biss. Inzwischen hatte ich Cornelius stumm mitgeteilt, dass ich jemanden gefunden hatte. Er schickte mich vor. Ich sollte mit meiner Eroberung in ein Schlafzimmer gehen und er würde dann nachkommen. Mein sterblicher Begleiter ließ sich nicht lange bitten. Mein Charisma wirkte sehr schnell und er malte sich schon die schönsten erotischen Bilder mit dieser rassigen, rothaarigen Frau aus. Im Nu waren wir beide nackt und ich küsste und leckte seine salzige, heiße Haut. Ich musste mich sehr zusammen nehmen und hoffte, mein Schöpfer würde bald auftauchen.

Endlich hörte ich Schritte von einer Sterblichen und kurz darauf öffnete sich die Tür. Cornelius kam mit einer brünetten Frau herein, die schon beschwipst war. Mein Begleiter wunderte sich zuerst über die Gesellschaft, aber als ich fragte, ob es ihn stören würde, wenn die zwei mitmachen, war er einverstanden: „Ich bin für alles offen.“ Ich streichelte ihn weiter: „Das ist gut.“ Mein Schöpfer tötete sein Opfer schnell und schlief auch nicht mit ihr. Er wollte wohl mir zusehen. Der junge Mann war sehr erregt, ließ sich meine und Cornelius Berührungen gefallen und unser leichtes Kosten, versetzte ihn immer mehr in einen Rausch. Ich war nun am Ende meiner Geduld und packte gierig seinen Hals. Knurrend schlug ich meine Zähne in das pralle Leben und endlich floss der Blutstrom in meinen Rachen. ‚Nicht so hastig‘, kommentierte Cornelius meine Ungeduld. Der hatte gut reden bei seinen dreihundertfünfzig rum.

Nachdem mein Mahl beendet war, schloss er mich in seine Arme und als ich seinen Kuss spürte, war ich selig. Ein insgeheimer Wunsch ging in Erfüllung und ich war sehr froh darüber. Bei meinem Schöpfer hatte sich wohl die ganze Leidenschaft angestaut, so wie er sich gebärdete. Grob stieß er die Leichen vom Bett und machte sich über mich her. Kurz flammte die Erinnerung an Magnus auf, aber sie erlosch sehr schnell wieder. „Ach, Jessica meine Liebste. Wie sehr habe ich mich danach gesehnt.“ Ich strich durch sein Haar: „Ich habe mich eigentlich auch danach gesehnt. Das weiß ich jetzt.“ Er biss in meine Kehle und seine Stöße wurden heftiger. Ich ließ mich von meiner Erregung treiben, umklammerte ihn fester und krallte mich in seinen Rücken. Es war wunderbar mit ihm. Wie in alten Zeiten. Nein, noch besser. Als ich sein Blut kostete, sah ich den Garten seines Hauses und fühlte großen Kummer. Er saß nachdenklich da, mit tränennassen Augen und dachte über mich nach. Mit einem schlechten Gewissen löste ich mich von seiner Ader. Kurz dämpfte es die kochende Lust, aber sie kehrte sofort zurück und gleich darauf genossen wir unser Finale. Heftig atmend lagen wir uns in den Armen, unsere Körper zuckten noch und wir waren beide sehr glücklich. Cornelius streichelte zärtlich über meine Kurven: „Ich möchte, dass du wieder meine Gefährtin bist.“ Ich lächelte: „Gern. Ich habe mich einfach nicht getraut.“ Er lachte: „Ja, so erging es mir auch.“ Den Rest der Party verbrachten wir in diesem Schlafzimmer und liebten uns noch weitere Male. Erst, als ich die Morgenschwäche spürte, zogen wir uns an und verließen das Grundstück. Diesmal als Paar.

 

 

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media