15. Dezember

Nachdenklich starrte Draco zu dem Tisch am anderen Ende der Kantine hinüber, an dem Hermine zusammen mit Lydia und einer weiteren Mitschülerin saß. Er hatte am Sonntag nach seinem Besuch bei ihr noch einmal Lydia aufgesucht, um ihr endgültig klarzumachen, dass zwischen ihnen nicht weiter irgendeine Bindung bestand und er erwartete, dass sie ihn künftig wieder mit Professor Malfoy oder gar nicht ansprach. Er wollte diese peinliche Episode so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Ohne Hermine Granger wäre ihm die Einlassung mit Miss Bennet sicher nicht halb so peinlich, aber seine ehemaligen Mitschülerin hatte ihm nicht nur einmal deutlich vor Augen geführt, wie gefährlich es war, sich auf einer seiner Schülerinnen einzulassen. Insbesondere auf eine so wenig intelligente wie Lydia. Und außer Hermine hätte ihn vermutlich auch niemand auf die Ähnlichkeit mit Pansy hingewiesen, um ihm zu zeigen, dass er immer wieder denselben Fehler zu machen schien.

Plötzlich fing er den Blick von Hermine auf, die ihn fragend anschaute. Ertappt widmete er sich wieder seinem Mittagessen. Warum nur schien er seinen Blick nicht von ihr abwenden zu können? Dass sie ihn am Sonntag doch noch so freundlich bewirtet hatte, hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Und entgegen seines scharfen Kommentars hatte er sich eingestehen müssen, dass sie in ihrer bequemen Hauskleidung ziemlich süß und gar nicht wie die besserwische Granger gewirkt hatte, die er kannte. Er musste ihr Recht geben: So wie sie war er aus Gewohnheit unhöflich zu ihr, doch wenn er das für einen Moment fallen ließ, erkannte er, dass sie eigentlich eine nette junge Frau war.

„He, Malfoy“, riss ihn eben jene nette junge Frau unsanft aus den Gedanken: „Ich soll dir von Lydia ausrichten, dass sie wissen will, warum du sie die ganze Zeit anstarrst, obwohl du Schluss gemacht hast.“

Entsetzt riss er die Augen auf – war sein Starren so offensichtlich gewesen und hatte man es wirklich auf Lydia beziehen können? Er räusperte sich unbehaglich: „Ich habe sie nicht angestarrt.“

„Ich weiß“, gab Hermine leise zurück: „Du hast mich angestarrt. Aber das macht die Situation nicht besser.“

Mit Mühe konnte Draco verhindern, dass er rot wurde. Ein Malfoy zeigte keine Scham! Ein Malfoy tat nichts, was ihm hätte peinlich sein müssen. Noch einmal räusperte er sich, während er darum rang, äußerlich kühl und gelassen zu wirken: „Ich habe auch dich nicht angestarrt. Was ihr Hühner euch einbildet.“

Als Antwort zog Hermine nur eine Augenbraue hoch, während sie weiter auf ihn herabschaute. Draco jedoch hatte nicht vor, klein beizugeben – was sollte er auch sagen? Er hatte keinen Grund, Hermine Granger anzustarren, und dass er es doch getan hatte, wunderte ihn ebenso sehr wie offensichtlich sie. Dieser Umstand war peinlich, egal, was er sich selbst einredete, und er konnte gut darauf verzichten, vor ihr noch weitere Peinlichkeiten zuzugeben. Entschlossen verschränkte er die Arme vor der Brust und blickte ihr direkt in die Augen.

Es war schließlich Hermine, die errötete und den Blick zuerst senkte: „Malfoy“, flüsterte sie: „Wir sollten nicht … was tust du hier? Weißt du, wie es wirkt, wenn ein Professor und eine Schülerin sich selbstvergessen in die Augen starren? In aller Öffentlichkeit?“

Wie konnte sie es wagen, das so zu formulieren? Sie hatten sich doch nicht wie ein verliebtes Pärchen in die Augen geschaut, sondern einen stummen Machtkampf ausgefochten! Den sie verloren hatte! Versuchte sie etwa, ihn mit ihrer Formulierung so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass er ihre Niederlage einfach vergaß?

„Blödsinn“, gab er gelassen zurück: „Alles, was hier passiert ist, ist ein Professor, der seiner Schülerin Respekt vor dem Lehrkörper beigebracht hat. Bild dir bloß nichts ein.“

Kurz sah es so aus, als wolle Hermine zu einer heftigen Erwiderung ansetzen, dann jedoch ließ sie ihre Arme einfach sinken und wandte sich ab. Ehe sie ging, sagte sie jedoch noch leise: „Dein Schatten scheint ziemlich groß zu sein.“

oOoOoOo

Wütend über sich selbst stapfte Hermine durch den Schnee zu ihrem liebsten Buchladen. Es war bereits dunkel, doch die hell erleuchtete Winkelgasse breitete so viel Wärme und Gemütlichkeit aus, dass man beinahe vergessen konnte, dass es eisig kalt war.

Seit dem merkwürdigen Zwischenfall am Mittagstisch hatte Hermine über nichts anderes als den blonden Slytherin nachdenken können. Als Lydia ihr am Morgen ihr Leid geklagt hatte, wie unsanft Draco die Beziehung beendet hatte, war ihr tatsächlich so etwas wie ein Lächeln über das Gesicht gehuscht. Sie wusste, dass es nicht sein Ernst hatte sein können mit dem blonden Dummchen, doch die Bestätigung dieses Gedankens hatte trotzdem gut getan.

Sie konnte nicht abstreiten, dass sie langsam anfing, ihre alten Vorurteile und Abneigungen gegen ihn abzulegen. Im Gegenteil, wenn sie ehrlich zu ihm war, blitzten hin und wieder Momente auf, in denen er ihr regelrecht sympathisch war. Der Gedanke jedoch, einen Menschen sympathisch zu finden, der sich mit so dermaßen dummen und eingebildeten Frauen umgab, war abstoßend. Sie erwartete von Menschen, die sie mochte, dass sie ebenfalls eine angemessene Menschenkenntnis aufwiesen.

War das überheblich?

Sie wusste es nicht. Immer noch unzufrieden trat sie in den warmen Laden ein und genoss den Geruch tausender Bücher. Sie wollte nicht auf diese Weise über Malfoy nachdenken. Sie wusste nicht, ob diese winzigen Momente der Sympathie tatsächlich seinen Charakter zeigten, oder ob er nicht doch das widerwärtige Arschloch war, das sie aus Schulzeiten kannte. Der Starrwettbewerb in der Kantine jedenfalls war mehr als peinlich gewesen, zumal sie dabei so rot angelaufen war, als würde sie mehr als nur wage Freundschaft für ihn empfinden. Warum konnte er immer so kalt bleiben, obwohl er derjenige war, der die peinliche Sache mit Lydia angefangen hatte, und er derjenige, der sie quer durch den Raum angestarrt hatte. Das war unfair.

Sie wollte doch gar nichts von ihm. Sie wollte doch eigentlich nur in Ruhe ihre Ausbildung machen. Warum brachte er sie dann immer mit solcher Leichtigkeit aus dem Gleichgewicht und vermittelte ihr das Gefühl, die einzige zu sein, der es unangenehm war, wenn sie freundlich miteinander umgingen? Bildete sie sich den Elefanten, der zwischen ihnen stand, nur ein?

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media