15. Neues Glück

In der nächsten Nacht packte ich meine Klamotten zusammen. Allanah war von meiner Abreise nicht sonderlich begeistert, aber sie wusste, dass es so besser für alle war. Jacks Maschine war noch luxuriöser als früher. An Bord gab es ein Bad und ein Schlafzimmer mit einem riesigen Bett und einem überdimensionalen Flachbildschirm gegenüber dem Bett.

Sein Haus hatte sich kaum verändert. Ich erkannte natürlich sofort alles wieder, aber nun lernte ich die geheimen Räume im Keller kennen. Die waren mir seither verschlossen geblieben. Jack wurde von seinem jetzigen Butler begrüßt und er stellte mich sogleich vor: „Edward, das ist Jessica. Eine sehr alte Freundin.“ Der Mann verbeugte sich leicht: „Sehr erfreut, Madame. Bitte folgen Sie mir.“ Natürlich wusste auch dieser Butler über unsere Natur Bescheid. Er war also Johns Nachfolger und würde bald selbst in Rente gehen. Er war bereits über sechzig. „Sir, soll ich die Koffer hinunter bringen?“ Jack antwortete: „Ja, gern. Stellen Sie, sie vor die Tür.“ Dann verschwand er. Wir setzten uns ins Kaminzimmer, wo bereits ein Feuer brannte. Ich fragte unverblümt: „Hast du Affären?“ Jack lachte auf: „Nein. Ich vergnüge mich nach der Jagd mit den Sterblichen. Das genügt mir im Moment. Ich sehne mich eher nach etwas Dauerhaftem. Bist du eigentlich wieder bereit für etwas Festes?“ Ich starrte ins Feuer: „Ich weiß nicht. In San Francisco erinnerte mich zu vieles an Cornelius. Da konnte ich keine Gefühle für jemanden entwickeln. Aber vielleicht gelingt es hier in London. Eine neue Umgebung.“

„Ja, das hilft oft.“ Es tat, wie immer gut, mit Jack zu reden. Noch eine vertraute Person auf der Welt zu haben. Ich war ihm für alles dankbar. Edward erschien an der Tür: „Wünschen die Herrschaften noch etwas?“ Jack schüttelte den Kopf: „Nein danke, Edward. Gute Nacht!“ Damit war er für heute entlassen. Schließlich wurde es irgendwann Zeit Jacks Gemächer aufzusuchen. Wir stiegen die Kellertreppe hinunter und dort standen bereits meine Koffer vor der Holztür. Jack wandte sich jedoch zur rechten Wand und drückte einen versteckten Mechanismus. Ich sah, wie ein Teil der Wand zurückwich.

Hinter der Holztür war nur der normale Keller und sie lenkte vom wahren Eingang ab. Wir betraten einen stockdunklen Flur, an dessen Ende uns wieder eine Mauer den Weg versperrte. Erst als Jack diesen Mechanismus betätigte, schloss sich die Vordere. Nun waren wir in seinem Schlafzimmer. An einer Zimmerwand stand ein riesiger chromverkleideter Kasten mit den Ausmaßen eines Doppelbettes. Er drückte einen Knopf an der Unterseite des Kastens und die obere Hälfte hob sich lautlos empor. Darunter kam dunkelblaue Bettwäsche zum Vorschein. Ich machte mich gleich daran, meine Koffer auszuräumen. Man merkte, dass alles für zwei konzipiert war. Die Schrankwand wies viele leere Regalfächer, Stangen und Schubladen auf. Jack zog sich schon aus und legte sich aufs Bett. Klassische Musik ertönte. Ich lächelte, als ich erkannte, dass er in seinem Bett eine HIFI-Anlage eingebaut hatte. Ließ er sich zum Einschlafen davon berieseln.

Der halbleere Schrank hatte Lorraine gehört und nun legte ich meine Sachen hinein. Dabei fragte ich mich, für wie lange es sein würde. Als ich immer mehr die Schwere in den Gliedern fühlte, entkleidete ich mich und legte mich zu ihm. Kaum war ich unter die Bettdecke gekrochen, senkte sich die obere Hälfte herab und hüllte uns in Dunkelheit. Nur die blauen Anzeigen der Anlage erhellten das Innere. Am Deckel brannten winzige Lämpchen, wie ein Sternenhimmel. „Und, wie findest du meine neue Schlafstätte?«, fragte er. „Sehr modern, dein Bett. Hätte ich von einem Briten nicht erwartet. Ich stellte mir eher einen samtausgeschlagenen Sarg vor.“ Die Matratze gurgelte und wankte. „Sogar ein Wasserbett.“ Jack bemerkte: »Du weißt doch. Gerade Unsterbliche mögen es bequem und luxuriös. Ich glaube nur Sterbliche würden sich in einen Sarg zwängen.“ Ich lachte und drehte mich zu ihm um. Seine blaugrauen Augen funkelten im Dunkeln. Ich strich ihm über die Wange und rückte näher zu ihm. Jack rührte sich nicht. Er wartete, bis meine Lippen auf seine trafen, um mich dann zu umarmen. Wir küssten uns ausgiebig, aber für mehr fehlte mir bereits die Kraft. Wir schliefen engumschlungen ein.

 

Am nächsten Abend begrüßte ich ihn mit heftigen Küssen, denn ich wollte weitermachen, wo wir gestern aufgehört hatten. Jack ließ sich gern darauf ein. Nach ungefähr zwei Stunden Liebelei, meinte er: „Wir sollten mal aufstehen. Edward wundert sich sicher schon.“

„Okay. Wo kann ich mich duschen?“ Jack sah mich verwundert an: „Oben. Warum?« Ich sah, wie er sich anzog: „Wäschst du dich nicht, bevor du ....?“ Er sah mich immer noch entgeistert an: „Wozu? Ich rieche nicht.“ Dann schüttelte er grinsend den Kopf: „Typisch Amis. Du kannst dir nachher von Edward ein Bad richten lassen, wenn du das willst.“ Der Butler saß in der Küche beim Zeitung lesen, als wir hochkamen. Sofort erhob er sich: „Guten Abend, die Herrschaften. Hatten Sie eine angenehme Ruhe?“ Jack erwiderte: „Ja, sehr angenehm. Nicht mehr allein.“ Edward brachte Jack die Zeitung ins Wohnzimmer und er begann sie durchzublättern. Wir verbrachten den restlichen Abend im Haus.

 

In der nächsten Nacht musste ich jagen. Inzwischen konnte ich Menschenmassen aushalten, wenn ich hungrig war und ich hatte die Jagd in einem Club oder einer Disco entdeckt. Es hatte seinen Reiz ein Opfer aus der Herde auszuwählen und dann abzusondern. Als attraktive Frau war das kinderleicht und es mussten auch keine Verbrecher mehr sein. Bei diesen Männern wandte ich die Verführungsmethode an und genoss es, wenn sie sich in Ekstase an mich schmiegten, sich ihre Hose immer mehr ausbeulte und sie vor ihrem Tod noch einen Abspritzer hatten. Nach meiner Rückkehr ging ich sofort unter die Dusche. Ich konnte den menschlichen Schweiß, der bei diesen Aktionen dann an mir haftete, nicht ertragen. Ich seifte mich gerade ab, als Jack plötzlich die Duschkabine betrat. Seine Hände zogen meine Hüfte enger an seine und er strich mir über meine Pobacken: „Ach, Jessica! Bleib bei mir!“ Ich drängte mich noch mehr an ihn und erwartete seine Zunge an meiner: ‚Ja, Jack. Wir gehören zusammen.‘ Das gab seiner Leidenschaft einen Schub. Während wir uns innig küssten, drängte er mich an die Glaswand, hob eines meiner Beine hoch und ich ließ ihn eindringen. Irgendwie konnte ich gerade nicht genug von ihm bekommen. Das fließende Wasser dämpfte zwar unsere lüsternen Laute, aber Edward hörte es trotzdem. Irgendwie war es mir peinlich vor diesem korrekten Butler, obwohl er nur ein Mensch war. Nach dem Duschen frisierte ich meine Haare, die inzwischen schulterlang waren. Ich wollte sie wieder in meiner ursprünglichen Länge, aber da musste ich noch ein gutes halbes Jahr warten.

 

Jack und ich waren nun ein Paar. Von meiner Seite aus war es keine Liebe, aber ich mochte ihn sehr und ich fühlte mich mit ihm verbunden. Er hingegen hatte mich wohl schon immer geliebt. Tja, nun war ich letztendlich doch seine Gefährtin geworden. Es dauerte jedoch nicht lange, bis meine Gefühle für ihn stärker wurden und es war genauso, wie mit Cornelius. Jack war jedoch humorvoller und ausgeflippter. Zum Beispiel nahm Jack an illegalen Autorennen der Sterblichen teil. Das bereitete ihm die pure Freude. Mein autovernarrter Vampir.

Bald tranken Jack und ich gemeinsam. Mit ihm war das etwas ganz anderes, als mit Magnus. Wir nahmen einen Mann oder ein Pärchen mit der Aussicht auf ein sexuelles Abenteuer in ein Hotelzimmer. Dort spielten wir eine Weile mit ihnen. Sex vermischt mit kleinen Kostproben, um den Tod hinauszuzögern. Das ging allerdings nur, wenn ich nicht sehr hungrig war. Um mich gesättigt zu fühlen, musste ich mir alles auf einmal einverleiben. So wie Sterbliche nicht richtig satt wurden, wenn sie nur Häppchen aßen. Die Opfer schwelgten dann von einem Orgasmus und einer Ohnmacht zur nächsten. Wenn sie wieder aufwachten, tranken wir abermals ein wenig.

 

Auf einer Party traf ich abermals auf Nicholas und unsere damalige Affäre flammte wieder auf. Jack unterhielt ebenfalls welche, jedoch nicht mit Frauen, sondern mit Männern unserer Art. An die, traute er sich eher heran. Einer war sein besonderer Liebling. Der kam sogar zu uns ins Haus. Ein süßer, zierlicher Junge. Er hatte aschblondes Haar und türkisene Augen. Ich duldete ihn, weil er noch so jung war und es schmeichelte mir, dass der Kleine mich fürchtete. Noch zehn Jahre und ich würde mein erstes Jahrhundert vollenden. Jack sagte, dass ich dann mehr Macht bekommen würde. Ab da besaßen wir erst alle Anlagen für unsere Fähigkeiten und konnten sie durch Übung herausbilden. Ich war gespannt. Vielleicht würde ich die Gabe des Feuers bekommen. Mein Gefährte hatte sie bereits gelernt zu nutzen.

 

Allmählich wurde es Zeit, dass Jack sich nach einem neuen Butler umsah, der unsere Andersartigkeit akzeptieren konnte. Schließlich fand mein Geliebter einen jungen Mann, der ganz eifrig bei der Sache war. Aber seine Angst vor uns war drollig. Ich konnte es mir manchmal nicht verkneifen sie zusätzlich zu schüren, indem ich Bemerkungen machte, oder meine Lippen zu weit öffnete. Jack ärgerte das: „Du vergraulst ihn noch und dann erzählt er es überall rum.« Ich gelobte Besserung und mit der Zeit wurde es langweilig, ihn zu erschrecken. Gavin versuchte, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Seine Blicke, mit denen er mich verstohlen musterte, sprachen Bände.

 

Anfangs durfte er mich nur berühren. Völlig harmlos, aber er war ganz entzückt von meiner zarten Haut. Dann durfte er mir beim Baden den Rücken waschen und da kostete ich das erste Mal von ihm. Das tat ich danach öfters und bald war er mir total verfallen. Er bettelte darum, mir ein Opfer bringen zu dürfen, aber ich schärfte ihm ein, dass Jack und ich niemals im Haus töteten. Wenn, dann durfte er mir in der Stadt jemanden aussuchen. Gavin war ganz begeistert und wollte sofort los. Ich gestattete ihm dann, dabei zuzusehen. Er war total fasziniert von dem Geschehen, achtete nur auf meine Veränderungen. Diese Verehrung ließ mich immer wieder schmunzeln. Unser Butler genoss den kleinen Trunk jedes Mal sehr intensiv. Ich meinte damit die Wirkung auf sein Geschlecht und er wollte mich dazu bringen, länger zu trinken. „Ich will dich doch nicht töten. Du bist zwar ein kräftiger, junger Mann, der einiges verträgt, aber genug ist genug.“

Eines Abends erlag ich der Versuchung, ihn von mir kosten zu lassen, nachdem wir Sex gehabt hatten. Von seinem Blut hatte ich schon gekostet, als ich mein Handgelenk aufbiss. Zuerst leckte er das herausfließende Blut auf, dann presste er seine Lippen auf die Wunde und begann zu saugen. Verglichen mit uns absolut lächerlich, aber es kribbelte trotzdem in meinem Arm. Für Gavin war das wie eine Erleuchtung. Er war danach total weggetreten, stammelte etwas von Hitze und ungeheurer Erregung. Jack sagte zu allem nur: „Du bringst ihn noch ins Irrenhaus mit deinen Spielchen.“

 

Gavin wollte immer öfter von mir trinken. Ich glaube, er brauchte es regelrecht und er bettelte solange, wenn ich es ihm verwehrte, bis ich nachgab. Er war süchtig nach meinem Blut und es veränderte ihn auch. Er wurde triebhafter und erzählte mir von seinen schärferen Sinnen. Jack machte mir klar, dass ich so jemanden auf keinen Fall verwandeln dürfte. Er würde zu viele Spuren hinterlassen: „Er würde wahllos töten. Wenn du es tust, vernichte ich ihn sofort. Ich will keinen Irren in meinem Revier. Haben wir uns verstanden?“ Ich war anderer Meinung: „Falls es passiert, will ich, dass du ihm wenigstens eine Chance gibst, sich zu beweisen. Denn ich glaube, es gibt nur diese Alternative, dass er unsterblich wird. Töten will ich den armen Kerl nicht.“ Jack willigte schließlich ein. Ich erklärte Gavin, dass ich ihm die Unsterblichkeit geben würde, wenn er, bereit dazu wäre. Er müsste sich danach allerdings genau an die Regeln halten. Nur in Jacks Revier zu jagen und immer die Leichen zu beseitigen. Ansonsten würde sein Boss ihn töten. „Bist du für unser Dasein stark genug? Überlege es dir gut. Es gibt kein Zurück.“ Wir lagen gerade auf dem Bett. „Ich weiß, Jessica. Ich werde alles tun, damit du stolz auf mich bist.“ Das beruhigte mich: „Gut. In drei Nächten wirst du bekommen, was du dir wünschst.“

 

Mich beschäftigte einmal die Tatsache, warum Kranke uns überhaupt abstießen. Cornelius hatte mir davon erzählt, aber ich hatte es noch nie selbst erlebt. Bis Gavin einmal Grippe hatte. Seine Gegenwart erfüllte mich mit Unbehagen, als ich nach ihm sah, weil er im Bett lag. Ich wollte der Sache genauer auf den Grund gehen und besuchte ihn abermals, bevor ich zur Jagd aufbrechen wollte. Ihm ging es schon besser und ich setzte mich zu ihm. Zu meiner Verwunderung verursachten sein Puls und sein Geruch überhaupt keine Gier in mir. Nicht einmal das Zerren der Adern verstärkte sich. Ich ging noch einen Schritt weiter, nahm seine Hand und küsste sie. Etwas in mir sträubte sich. Ich war überzeugt davon, dass es mich sicherlich würgen würde, wenn ich von ihm kostete. Diese Reaktion konnte ich nicht verstehen, weil uns doch nichts schaden konnte. Von Antonio wusste ich ja, dass wir von biologischen Wesen abstammten. Also, musste es auch eine logische Erklärung geben. Nun, mir fiel eine Möglichkeit ein, warum es angeblich schwächte. Vermutlich benötigte unser Körper mehr Energie, das verseuchte Blut genießbar zu machen, als es lieferte. Folglich verloren wir Kraft.

 

Die Frist von drei Nächten war um. Ich war hungrig genug und Gavin ganz aufgeregt. Ich hatte uns ein Bad eingelassen und Kerzen aufgestellt. Nun legte ich mich ins Wasser und rief nach ihm. Er kam sofort, zog sich eilig aus und stieg in die Wanne. Wir küssten uns, ich fuhr durch sein dunkles Haar und fragte: „Gefallen sie dir so?“

„Ja, warum?“ Ich entgegnete: »Weil sie nie länger werden.“ Er drängte sich erregt an mich: „Das ist mir egal. Ich gehöre dir. Verschling mich, liebste Jessica.“ Erregend diese Hingabe. Sein Schwanz war schon ganz steif vor freudiger Erwartung meines kleinen Trunks. Nur diesmal würde ich nicht von ihm ablassen. Gavin zuckte kurz, wie immer wenn ich zubiss. Dann folgte die Ekstase, die er kannte und bald waren wir an dem Punkt, an dem ich normalerweise aufhörte. Er presste sich an meinen Körper, stöhnte und ich umarmte ihn ebenfalls fester. Seine Fantasien begannen. Er schwelgte in Musikklängen und Farbformen, als ich grober wurde. Ich öffnete die Bisswunde weiter, um mehr zu bekommen. Er spürte nichts mehr. Sein Körper war nun gelähmt und ich trank, bis sein Herz anfing zu stolpern. Dann riss ich mit einem Fingernagel meine Ader am Hals auf und presste seine Lippen darauf: „Trink, Gavin!“ Ich schüttelte ihn leicht: „Komm, trink!“ Endlich begann er zu schlucken und dann zu saugen. Ich ließ ihn solange gewähren, bis ich eine leichte Schwäche spürte. Gavins Kopf sank an meine Brust und er lächelte selig. Nun, raubte ich ihm sein restliches Blut, bis auf einen kleinen Rest, der für die Verwandlung im Körper bleiben musste. Ich ließ seine Leiche bis zum Morgengrauen in der Wanne liegen, damit die Ausscheidungen schon abgewaschen waren. Das geschah immer als Erstes. Die Haut schwitzte, Blase und Darm entleerten sich. Kurz bevor ich in mein Schlafzimmer ging, trocknete ich Gavin sorgfältig ab und trug ihn in den Keller. Jack betrachtete ihn, als er nackt auf der Decke lag, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte: „Er bekommt seine Chance, weil er dein Kind ist. Aber falls er Ärger macht, tötest du ihn oder ich. Ich tu es bestimmt.“

„Ja, ich weiß.“ Obwohl ich bei der Drude genug Männer verwandelt hatte, erwartete ich Gavins Aufwachen mit Aufregung.

 

Nach einigen Stunden ungeduldigem Warten, regte er sich endlich. Ich beugte mich über ihn und er blinzelte mich an: „Hallo, mein Sohn. Wie geht es dir?“ Er richtete den Oberkörper auf und blickte sich zuerst einmal im Zimmer um: „Gut.“ Dann stand er auf, um sich in dem hohen Spiegel zu betrachten. Er war fasziniert von seinem Spiegelbild, wie wir alle am Anfang. Ich erkannte die Unterschiede ebenfalls. Sein Gesicht wirkte erwachsener. Die Fettschicht war nun weg und somit auch die knabenhaften Pausbacken. Auch sein Körper war männlicher, muskulöser geworden. Er gefiel mir. Gavin drehte sich um und betrachtete mich nun eindringlich. Doch er fand mich immer noch wunderschön und er liebte mich: „Danke, Jessica. Es ist wunderbar.“

„Nicht so voreilig. Zieh dir was an. Dann gehen wir hoch.“ Ich hatte einige seiner Klamotten runtergebracht. Schließlich machte ich mit Gavin einen ersten Spaziergang durch den Vorort, in dem wir wohnten. Er lauschte und beobachtete. Menschen waren so gut wie keine unterwegs. Nur ein paar Autos fuhren auf der Hauptstraße. „Es ist toll. Was ich nun alles sehen und hören kann.“ Ich nickte: „Ja, das erscheint dir anfangs so. In einer Woche ist es schon belanglos. Du gewöhnst dich schnell an deine besseren Sinne.“ Er wollte wissen, wer mich umgewandelt hatte und ob es Jack war. „Nein. Es war sein verstorbener Freund Cornelius. Wir waren vor langer Zeit ein Paar. Dann wurde Cornelius getötet und ich tröstete mich mit Jack. So wurden wir Gefährten, bis heute.“ Ein Auto, das so hundert Meter vor uns in eine Hofeinfahrt einbog, erregte Gavins Aufmerksamkeit. Er schnupperte kurz in die Luft und meinte: „Ich empfinde gar keinen Hunger, wenn ich den Mann rieche.“

„Das kommt morgen. Innen ist die Verwandlung noch nicht abgeschlossen. Dein Darm wird zu einem Adergeflecht.“ Er betastete seinen Bauch: »Echt? Ich spüre gar nichts. Nur meine brettharten Muskeln.“ Ich grinste: „Waschbrettbauch ohne Training.“ Gavin musste ebenfalls lachen. Dann fragte ich: „Möchtest du morgen allein jagen, oder soll ich dich begleiten?“ Er zuckte die Achseln: „Vielleicht gehe ich allein.“

„Okay, dann komm. Ich zeige dir unser Jagdrevier in London drin. Das ist sehr wichtig, damit du keine anderen provozierst.“ Er nickte und ließ sich mit hochziehen.

Als wir weit genug oben waren, löste ich meine Hand von seinem Arm und sagte: „Konzentriere dich jetzt auf das Schweben. Stell es dir vor!“ Doch er stürzte ab. Ich rief: „Befehle deinem Körper zu stoppen. Sag dir hoch.“ Er fiel immer noch und ich kreischte: „Verdammt! Konzentriere dich darauf.“ Endlich schien er zu kapieren, denn er wurde langsamer und bewegte sich schließlich vorwärts. Gavin war ehrgeizig und folgte mir in ordentlichem Tempo. Er wollte mir imponieren. Deswegen vermutlich der Alleingang morgen. Ich erklärte ihm noch einmal ausführlich die Regeln. Nur in unserem Revier, Beute zu machen, außer Sichtweite von anderen Sterblichen zuschlagen und keine Leiche hinterlassen. Ich war gespannt auf seine morgige Rückkehr, aber dann beschloss ich, ihn zu verfolgen. Das würde ich mir nicht entgehen lassen. Jack meinte dazu: „Verkraftest du es, wenn er eine Frau zerfleischt? Er hat sich noch nicht im Griff.“

„Ich weiß. Deswegen werde ich es verkraften.“ Mein Zögling brauchte noch ein Bett. Bis er auch so eine Luxusversion wie wir haben würde, tat es sein altes Bett, das wir an die andere Wand unseres Zimmers stellten. Jack bestellte es bei derselben Firma, die seines gebaut hatte. Das Unternehmen gehörte einem Unsterblichen, der sich auf unsere Bedürfnisse spezialisiert hatte.

 

Übrigens wurde es immer einfacher für uns, uns in der Öffentlichkeit zu bewegen. Wir brauchten nicht mal mehr unsere Zähne zu verbergen, weil uns die Sterblichen dann für diese Pseudo-Vampire hielten. Die trafen sich in speziellen Clubs und zelebrierten ein Leben, wie wir es angeblich führen würden. Wären die von der Realität enttäuscht. Und was die immer mit ihren Friedhöfen hatten. Ich würde mich freiwillig niemals in ein dreckiges, stinkendes Grab legen. Höchstens im Notfall irgendwo in die nackte Erde.

Nun, zurück zu meinem Sprössling. Ich war natürlich vor ihm wach und saß vor dem Fernseher, als er hereinkam. Er begrüßte mich mit einem Kuss auf die Wange: „Ich geh dann.“

„Viel Spaß!“ Jack war heute Abend ebenfalls jagen. Ich wartete einige Minuten, bis ich in den Garten ging und in den Himmel hinaufschoss. Nach kurzer Zeit spürte ich Gavins Aura und verlangsamte mein Tempo, passte mich seinem an. Über London näherte ich mich so weit, dass ich ihn sehen konnte. Er kehrte zu seiner menschlichen Fortbewegungsweise zurück, aber ich blieb noch über den Dächern. Er schlenderte die Straßen entlang, bis er vor einer U-Bahnstation stehen blieb. Dann verschwand er darin.

Sofort war ich an der Treppe hinunter und folgte ihm. Unten angelangt, sah ich eine junge Frau ihm entgegenkommen. Dann ging alles sehr schnell. Er packte sie am Arm, als sie vorbeigehen wollte, drückte sie an die Wand und biss zu. Sie schrie vor Schreck und Schmerz, wehrte sich noch, aber nach kurzer Zeit hing sie schon willenlos in seinen Armen. Da hörte ich Stimmen und ich verfluchte Gavin für seinen Leichtsinn. Eine Gruppe Menschen kam aus dem Schacht. Mein Spross ließ sich davon nicht beirren. Er presste sich noch enger mit ihr an die Wand, umarmte sie und trank genüsslich weiter. Wie ein schmusendes Liebespaar. Als er fertig war, sah er sich um und schleppte die Tote weiter hinein. Er suchte ein Versteck für ihren Körper und einige Male musste er mit ihr noch das Pärchen spielen, weil Leute von den Zügen kamen. Schließlich legte er sie in irgendeiner Zugröhre ab und ging wieder nach oben.

Als er auf der Straße stand befand ich mich abermals auf den Dächern: ‚Komm heim, mein Schatz! Ich erwarte dich.‘ Gavin dachte, ich hätte diesen Ruf von Zuhause aus geschickt und das beeindruckte ihn, weil ich anscheinend wusste, dass er schon getrunken hatte. Nun beeilte ich mich, nach Hause zu kommen, und legte mich in eines der Gästezimmer. Gavin ließ nicht lange auf sich warten: „Jessica, wo bist du?«“

 ‚Oben im Schlafzimmer.‘ Er öffnete die Tür und war schon bei meinem entblößten Anblick erregt. „Nun zeige ich dir, wie unsere Art sich liebt.“ Er kam ans Bett: „Gern. Ich begehre dich so sehr.“

‚Ich dich auch‘, dachte ich für mich. Er sah zwar schon als Sterblicher gut aus, aber jetzt war er meiner wirklich würdig.

Gavin drängte sich sofort an mich und küsste mich stürmisch. Seine Hände erkundeten meinen Körper und ich zog ihn auf mich. Er war überrascht über meine schnelle Bereitschaft, aber gab ihrer nur zu gern nach. Diesmal erinnerte nichts mehr an seine menschliche Natur. Er war stark und unbeherrscht, umklammerte mich fest. Ich hatte meine Sache gut gemacht. Hatte einen starken Unsterblichen geschaffen. Gavin liebkoste mich gerade, als ich plötzlich Jacks Anwesenheit spürte. Mein Spross verließ sofort das Bett, zog sich an und verschwand. Mein Gefährte beugte sich nun über mich, heiß vom frischen Blut und bereits nackt. Er gab mir einen Blutkuss und ich öffnete meine Schenkel für ihn. Er stieß in mich, immer kräftiger und ich bot ihm meine Kehle an. Mir entfuhr ein lautes Stöhnen, als er kraftvoll hineinbiss und zu trinken begann. Ich spulte Gavins ersten Beutezug nochmals ab und es turnte meinen Liebsten noch mehr an. Er wurde heftiger.

Als wir uns schwer atmend in den Armen lagen, fragte ich: „Warum bist du heute zu mir gekommen?“

„Ich hatte Lust dazu. Willst du mich nicht mehr, weil du deinen Neuen hast?“ Ich streichelte beruhigend seine Schulter: „Nein, so ist das nicht. Mich hat es nur gewundert, weil du dir sonst Sterbliche dafür suchst.“

„Heute eben nicht. Ich war in einem Bordell und hatte vorher meinen Spaß mit ihnen.“ Ich runzelte die Stirn: „Und die Körper?“ Er zuckte die Schultern: „Wen kümmert es dort? Die waren sowieso illegal hier.“ Dann registrierte er meinen vorwurfsvollen Blick: „Ich weiß. Du magst es nicht, wenn ich mich an deinem Geschlecht vergreife. Es war mal wieder was anderes.“

„Ist schon gut.“ Gavin sah ich erst in unserer Schlafkammer wieder, als Jack und ich zu Bett gingen. Er schlief bereits. Mein Gefährte musterte ihn ernst. War er eifersüchtig? „Unser Sohn“, sagte er höhnisch. Dann kroch er unter unsere Bettdecke. Gavin erwies sich als gelehriger Schüler. Er sog alles begierig in sich auf, was ich ihm beibrachte oder zeigte.

 

Heute Nacht war wieder einmal eines der illegalen Autorennen angesagt. Jack nahm regelmäßig daran teil und es war ein lohnender Nebenverdienst. Die Preisgelder waren ziemlich hoch und da er meistens gewann, ein sicherer Lohn. Mein Gefährte öffnete das abgeriegelte Garagentor und holte sein Schätzchen heraus. Ein Auto, nur für die Rennen gedacht. Es war ein schwarzer, sehr flacher Wagen mit einer Flammenlackierung. Nun stieg er ein: „Bis nachher.“ Und fegte davon. Gavin und ich kamen durch die Luft zum vereinbarten Treffpunkt. Es waren bereits viele Sterbliche dort. Ein verlassenes Fabrikgelände diente als Rennstrecke. Jacks Wagen stand mitten in der Menge, so wie die Autos seiner Konkurrenten, damit alle sie begutachten konnten. Gavin betrachtete lüstern die sterblichen Gören. Alle aus der Szene waren sehr aufreizend gekleidet, mich eingeschlossen. Das gehörte einfach dazu. Einige Mädels machten sich an Jack ran, räkelten sich auf seiner Motorhaube. Darüber konnte ich nur müde lächeln. Er ignorierte sie völlig, weil er sich gerade mit einigen Typen unterhielt. Dann geriet die Menge in Aufruhr. Der Organisator sammelte das Startgeld bei den Fahrern ein. Jack drückte ihm das Päckchen Scheine in die Hand und stieg ein. Die Menge wurde von einigen Typen zur Seite gedrängt, damit die Bahn frei wurde. Fünf Autos standen nun an der Startlinie und die Motoren röhrten um die Wette. Jack startete im Mittelfeld. Sein Blick haftete konzentriert auf dem Mädchen, das jetzt vor die Linie trat und ein Tuch hochhielt. Wenn es fiel, ging’s los. Als Unsterblicher konnte Jack seine schnelle Reaktion ausnutzen. Er konnte schon losbrausen, wenn sie das Tuch losließ. Leider war der Wagen träger, als sein Gasfuß. Jedoch hörte er beim Schalten ganz genau, wann er den nächsten Gang einlegen musste.

Endlich fiel der rote Stofffetzen und der Flammenwagen war schon losgebraust, bevor dieser zu Boden fiel. Ich wurde jedes Mal tierisch aufgeregt, wenn ich zusah. Heute heftete sich einer der Sterblichen dicht an Jack. Er hielt sich wirklich gut. Das Feld war noch dicht beisammen. Jack bog so eng, wie möglich um die Hindernisse und katapultierte sich dann mit Lachgas nach vorn. Die Wagen waren bereits auf dem Rückweg und so wie es aussah, lag Jack in Führung.

Die Sterblichen hatten zu viel Zeit beim Wenden benötigt. Ich hüpfte vor Freude, als mein Gefährte übers Ziel schoss und eine seitliche Bremsung hinlegte, dass es eine Staubwolke aufwirbelte. Lächelnd stieg er aus und nahm das Preisgeld entgegen. „Hast es mal wieder geschafft“, war die Bemerkung desjenigen. Seine weiblichen Fans umringten das Auto und jede buhlte um seine Gunst. Das war richtig amüsant. Wie sie es wohl finden würden, wenn er seine Zähne in ihre Hälse schlagen würde? Sicher nicht so toll, aber ich wusste, dass die Leute aus der Tuner-Szene tabu für ihn waren. Es waren seine Bekannten. Das galt auch für mich. Ich ging zu meinem Gefährten, umschlang und küsste ihn. Da glotzten die Mädels nur dumm und zogen Leine. Gavin hingegen flirtete mit einigen. ‚Amüsier dich ruhig ein wenig mit ihnen‘, schickte ich ihm zu. ‚Wenn du es erlaubst, Jessica.‘ Dann sagte ich zu Jack: „Und mein Schatz. Was machen wir jetzt?“ Er drückte mich an sich: „Ich weiß nicht. Vielleicht ein bisschen Geld ausgeben.“ Da kam einer der Menschen zu uns rüber: „He, Jack. Ich hab was für dich. Gestern kam ein neuer Wagen rein. Willst du ihn dir ansehen?“

„Klar. Wir sehen uns bei dir.“ Ich stieg diesmal auch in sein Auto und wir brausten zu einer Werkstatt. Hier war ich noch nie.

Wir warteten nicht auf den Sterblichen. Jack ließ einfach das Türschloss aufspringen und wir traten ein. Drinnen standen einige halbfertige Karossen herum und auch der besagte Wagen. Er sah sehr futuristisch aus. „Wie seid ihr hereingekommen?“, fragte der Sterbliche und knipste das Licht an. „Es war offen“, antwortete Jack. Der andere schaute ungläubig, kam aber gleich zum Thema: „Das ist er! Was sagst du?“ Es war der Wagen, den wir schon begutachtet hatten. Jack umrundete das Gefährt: „Ja, gefällt mir. Was hat der unter der Haube?“

„Sechshundertfünfzig PS und sechs Liter. In vier Sekunden auf hundert und über dreihundert Spitze.“ Mein Gefährte nickte anerkennend: „Nicht schlecht.“ Er strich zärtlich mit der Hand an der Karosserie entlang: „Na, Baby. Wie wär’s mit uns?“ Der andere warf Jack den Schlüssel zu: „Fahr mal ne Runde.“

„Mit Vergnügen. Komm, Jessica!“

 

Also, kurvten wir durch London und Jack steuerte zielstrebig die Schnellstraße an. „Du kannst es ja kaum abwarten“, bemerkte ich. Er lachte: „Klar. Ich will wissen, wie das Baby abgeht. Das ist, wie wenn ich mit ner Frau ins Bett gehe. Da weiß ich vorher auch nicht, was sie draufhat.“ Da lächelte ich: „Wie bin ich denn damals abgegangen?“ Er sah mich von unten herauf an: „Dass du das fragst. Ich war voll und ganz zufrieden.“

„Schön.“ Inzwischen waren wir auf dem Highway und Jack gab Vollgas. Mit einem kräftigen Ruck presste es mich in den Sitz und der Druck wurde immer stärker. Wir flogen über die Straße und Jack lachte freudig. Unser Vergnügen dauerte nicht lange, da ertönte eine Sirene hinter uns. „Shit! Die Bullen“, sagte ich. Jack grinste nur: „Na, dann wollen wir mal sehen, was sie drauf haben. Gute Nacht!“ Dabei schaltete er die Scheinwerfer ab und drückte noch mehr aufs Gas. Der Wagen schoss rechts und links an anderen Autos vorbei und wir fuhren die nächste Ausfahrt ab. Die Polizei verlor uns wegen den ausgeschalteten Rücklichtern schnell. Tja, wofür eine Nachtsicht alles nütze war.

Auf dem Rückweg zur Werkstatt fragte mein Gefährte: »Und, soll ich ihn kaufen? Gefällt er dir?“ Ich erwiderte: „Mir ist das egal.“

„Na ja, ich dachte für dich.“ Ich sah ihn ungläubig an: „Für mich?“

„Ja, wenn du willst.“ Und ob ich wollte. Mir gefielen Sportwagen ebenfalls.

Den Rest der Strecke durfte ich fahren. Schnell fühlte ich mich wohl in dem Auto. Es hatte Komfort. Weiche Ledersitze, CD-Tuner, Alu-Armaturen und Klimaanlage. Die brauchte ich allerdings nicht. Schließlich bog ich in den Hof der Werkstatt ein, wo uns der Sterbliche bereits erwartete. Ich sprang heraus und meinte: „Ich nehme ihn.“ Jack fügte hinzu: „Jessica braucht auch mal ein vernünftiges Auto. Also, was willst du dafür?“

„Siebzigtausend Pfund.“ Jack musterte den Wagen: „Fünfzig.“

„Ach, komm. Willst du mich ruinieren?“

„Fünfundfünfzig, aber nicht mehr. Du darfst ihn auch noch aufmotzen.“ Jack äußerte seine Sonderwünsche und suchte andere Alu-Felgen aus. Größere natürlich und der Motor sollte noch weiter ausgereizt werden. Dann sollte ich mir noch eine andere Farbe auswählen. Bis jetzt war er silbern. Ich entschied mich für dieses Sportwagengelb. Nachdem alles besprochen war, fuhren wir nach Hause. In einer Woche würde mein Gefährt fertig sein. Ich freute mich darauf.

 

Jack holte das Auto an dem vereinbarten Abend allein ab. Gavin und ich lagen vor dem Fernseher, als er hereinkam. Ich wollte schon aufstehen, da bemerkte ich, wie Jack Gavin fixierte. Plötzlich riss er ihn von der Couch, packte ihn am Kragen und hob ihn in die Luft: „Du Scheißkerl! Was hast du letzte Woche angerichtet. Sag es mir, oder ich mache Hackfleisch aus dir.“ Jack war stinksauer. Gavin stammelte ängstlich: „Ich wollte das nicht. Bitte glaube mir. Es ging einfach mit mir durch.“ Wütend schleuderte mein Gefährte den Jüngeren an die Wand. Als er am Boden aufkam, sagte er verzweifelt: „Jessica hat es mir erlaubt.“ Jack drehte sich abrupt zu mir um: „Was hast du?“ Ich begriff gar nicht, um was es ging: „Könntet ihr mich aufklären. Ich weiß gar nicht, was eigentlich los ist.“ Jack holte tief Luft, um nicht noch mehr zu explodieren: „Dein lieber Sohn hat eines der Mädchen zerfleischt. Das ist los!“

„Aber das habe ich ihm nicht erlaubt. Er sollte nur mit ihnen ins Bett, aber nicht mehr.“ Mein Geliebter erwiderte gereizt: „Du weißt ganz genau, dass er sich noch nicht beherrschen kann. Vor allem, wenn er in der nächsten Nacht trinken muss.“ Kleinlaut gab ich zu: „Daran dachte ich nicht mehr.“ Gavin verteidigte sich weiter: „Es kam plötzlich über mich und als ich sah, was ich angerichtet hatte, bin ich schnell abgehauen. Bitte Jack, verschone mich!“ Er starrte den Jungen immer noch wütend an, aber auch mich: „Pass in Zukunft besser auf ihn auf! Du hättest es wissen müssen.“ Ich nickte nur resigniert. So zornig hatte ich Jack noch nie erlebt. Er beherrschte sich sehr, um nicht auf uns beide loszugehen.

 

In den nächsten Nächten strafte er Gavin und mich mit seiner Verachtung. Mein Spross war immer noch verängstigt und ging Jack, so gut es ging aus dem Weg. Ich fragte mich, wie lange sein Groll noch anhalten würde. Nach zwei Wochen verlor ich die Geduld. Ich setzte mich neben Jack und hielt ihn am Arm fest, als er aufstehen wollte: „Hör mir zu! Es tut mir leid, was passiert ist. Aber ich will nicht, dass unsere Beziehung darunter leidet. Bedeute ich dir gar nichts mehr?“

„Wie kannst du so etwas Dummes fragen? Ich liebe dich. Deshalb bin ich wohl so enttäuscht von dir. Sie sind meine Freunde. Sie vertrauen mir. Das kannst du nicht verstehen. Bei ihnen fühle ich mich, als wäre ich einer von ihnen.“

„Sehnst du dich danach, wieder ein Mensch zu sein?“ Er nickte: „Manchmal.“ Dann sah er mich betrübt an: „Wolltest du nie zurück?“ Ich schüttelte den Kopf: „Bis jetzt nicht. Es ist alles, was ich wollte. Ich genieße jede Nacht.“ Er lächelte: „Du warst schon immer die Stärkere.“

Küss mich, Jack!‘, dachte ich und er tat es. Endlich verging sein Groll und wir umschlangen uns fest. Ach, es war wunderbar, ihn wieder zu spüren. Seine Lippen, seine Hände und sein ganzer Körper. Ich hatte es so vermisst. Gavin war einfach kein Ersatz für ihn. Meinem Zögling verzieh Jack allerdings nicht. Das Verhältnis der beiden war sehr gespannt. Bei dem kleinsten Fehler von Gavin wäre er tot. Ich gab ihm den Rat fortzugehen, wenn er seine Unsterblichkeit noch eine Weile genießen wollte. Doch er wollte mich nicht verlassen: „Jessica, ich liebe dich doch. Ich kann nicht gehen.“

„Du musst, mein Süßer. Aus uns wird nie ein Paar werden. Jack ist mein Gefährte. Er hat dich neulich Nacht nur wegen mir verschont. Er war auch von Anfang an dagegen, dich zu verwandeln. Er wartet regelrecht, auf eine Gelegenheit dich zu vernichten.“ Gavin blickte mich enttäuscht an. Dann umfasste er meine Hand und sagte: „Gut, ich gehe! Du willst ja nur mein Bestes.“ Ich wurde ebenfalls traurig. Die Mutter verstieß ihren Sohn. „Wir sehen uns sicherlich wieder. Ich hoffe, ich habe dir genug beigebracht.“

„Ja, ich denke schon. Mach dir keine Sorgen. Dabei tätschelte er meinen Schenkel. Dann ging er packen. Ich sah ihm nach und seufzte.

 

 

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