15. Türchen

Ein Klopfen an ihrer Bürotür schreckte Hermine aus ihrer Lektüre. Sie hatte sich gerade erneut die Akte von Abraxas Malfoy vorgenommen, um zum letzten Mal sicherzustellen, dass sie nichts übersehen hatte. Auch, wenn sie Draco noch immer nicht traute, sie wollte ihn und seine Familie nicht fälschlicherweise für etwas verdächtigen, was sie gar nicht getan hatte. Doch egal, wie sehr sie sich bemühte, die Fakten anders zu interpretieren – die einzige Schlussfolgerung, die alle Aspekte der Geschichte in einen sinnvollen Zusammenhang brachte, war die, die sie Draco selbst präsentiert hatte. Seine Familie hatte definitiv ein schwarzmagisches Objekt missbraucht, um Voldemorts Plänen zu helfen.

„Herein“, rief sie genervt. Sie war nicht in der Laune, sich mit übereifrigen Kollegen herumzuschlagen, doch sie wusste, dass von ihr erwartet wurde, jederzeit verfügbar zu sein.

Die Tür wurde vorsichtig geöffnet, dann ertönte ein: „Schlechter Zeitpunkt?“

Überrascht blickte sie auf: „Malfoy?“

Grinsend schob sich Draco durch den Spalt und schloss die Tür schnell wieder hinter sich: „Deine Empfangsdame war gerade nicht da, das habe ich ausgenutzt, um ungesehen zu dir zu gelangen.“

Kopfschüttelnd erhob Hermine sich von ihrem Schreibtisch: „Das ist keine Empfangsdame, sie ist meine Mitarbeiterin. Und was willst du überhaupt hier?“

Immer noch lächelnd deutete er eine Verbeugung an: „Ich dachte, du hast vielleicht gleich Feierabend, und ich könnte dich zum Abendessen ausführen.“

„Bitte?“, entfuhr es ihr unhöflicher als geplant. Ertappt schlug sie sich eine Hand vor den Mund, doch ihr Entsetzen blieb: „Tschuldige, das sollte nicht ganz so abweisend klingen. Aber ehrlich. Was willst du?“

Seine ganze Körperhaltung strahlte selbstbewusste Arroganz auf, als Draco den Raum durchquerte, vor ihrem Schreibtisch zu stehen kam und beide Hände flach auf der dunklen Holzplatte ablegte, um sich weit zu ihr vorzubeugen: „Du hattest mich doch dazu aufgefordert, dir zu beweisen, dass ich eine bessere Gesellschaft bin als Potter. Also, hier bin ich, bereit, die werte Dame erneut zum Essen auszuführen.“

Mehrmals blinzelte Hermine. Wie konnte Draco wissen, dass sie gerade dabei war, sich auf Harry einzulassen? Sie wollte gerade anklagend etwas sagen, da fiel ihr die Unterhaltung am Mittagstisch wieder ein. Es ging gar nicht um ihre jetzige Beziehung zu Harry. Sie hatte ihn tatsächlich spielerisch dazu herausgefordert, ihr zu zeigen, ob er nicht eine bessere Gesellschaft darstellen konnte als ihre Schulfreunde. Sie schloss die Augen. Richtig. Sie hatte sich ja auf dieses Katz-und-Maus-Spiel mit ihm eingelassen, um sein Vertrauen zu gewinnen. Um an seiner Mutter vorbei in den Keller zu kommen. Mühsam kramte sie ihre verspielte, flirtende Seite hervor, um sich in diese Schlacht zu werfen.

„Du hast das tatsächlich ernst genommen“, murmelte sie erheitert: „Wie schön. Dann nehme ich das Angebot doch gerne an.“

Zufrieden richtete Draco sich wieder auf: „Hast du jetzt Feierabend?“

Rasch schloss Hermine die Akte auf ihrem Tisch und verstaute sie in ihrem Schrank in der Hoffnung, dass Draco noch nicht gesehen hatte, womit genau sie sich gerade wieder beschäftigt hatte. Ihr Blick wanderte auf die Uhr über ihrer Bürotür: „In zehn Minuten, ja, aber das spielt keine Rolle. Lass uns gehen.“

Rasch schrieb sie einen Notiz an ihre Mitarbeiterin, die noch immer abwesend war, stupste den Zettel mit ihrem Zauberstab an und betrachtete zufrieden, wie er sich in einen Papierflieger verwandelte, der dann zielstrebig den Flur hinunter sauste. Immerhin die magischen Papierflieger wussten stets, wo ihre Empfänger sich aufhielten.

Galant hielt Draco ihr einen Arm hin: „Ich würde heute gerne ein anderes Restaurant ausprobieren. Vertraust du mir genug für Seit-an-Seit-Apparieren?“

Eigentlich hätte Hermine dazu Nein sagen wollen, doch wenn sie die Oberhand behalten wollte, musste sie wohl in den sauren Apfel beißen: „Aber natürlich.“

Sie hakte sich bei ihm unter, nachdem ein schneller Blick nach rechts und links ihr bestätigt hatte, dass niemand sie beobachten konnte, und dann wurde sie auch schon von einem Strudel mitgerissen.

Leicht taumelnd und nach Atem ringend, hielt sie sich für einen Augenblick länger an Draco fest, nachdem sie angekommen waren. Sie standen vor einer riesigen Villa, während weit und breit kein anderes Haus zu sehen war. Misstrauisch schaute sie zu ihm hoch: „Wo sind wir?“

Grinsend legte Draco ihr einen Arm um die Schultern: „Ein persönliches Lieblingsrestaurant von mir. Wir sind in Schottland, weit entfernt von jeder Zivilisation. Nur Zauberer und Hexen können dieses Gebäude sehen.“

Ein Schauer lief Hermine den Rücken hinunter, doch sie konnte nicht ausmachen, ob es aus Furcht war oder ein gänzlich anderes Gefühl dafür verantwortlich war. Dracos Arm um ihre Schulter war definitiv eine viel zu vertraute Geste, aber da sie ihr Spiel nicht aufgeben wollte und es sich zudem nicht abstoßend anfühlte, beschloss sie, ihm diese vertrauliche Annäherung durchgehen zu lassen.

„Schottland, mh?“, sagte sie stattdessen: „Und was gibt es hier?“

Sein Arm wanderte weiter hinunter, bis er schließlich auf ihrer Hüfte ganz knapp oberhalb ihres Hintern liegen blieb: „Essen, Granger. Was hast du erwartet?“

Sie presste ihre Kiefer fest aufeinander, während sie sich von ihm in die Villa führen ließ. Seine Hand war jetzt definitiv in Regionen angekommen, die nicht mehr okay waren, aber sie würde nicht nachgeben. Sollte er sich nur einbilden, dass seine Berührungen willkommen waren. Je schneller sie ihn um den Finger gewickelt hatte, umso eher konnte sie die Akte Malfoy schließen und seiner Gegenwart entfliehen.

Nachdem sie sich von dem Personal – das definitiv nicht menschlicher Natur war – an einen schönen Tisch in einer abgeschiedenen Ecke hatten führen lassen, nahm Draco ihr mit einer eleganten, geübten Bewegung den Mantel ab, hängte ihn für sie auf und rückte ihr den Stuhl zurecht. Am liebsten hätte sie die Augen gerollt über diese antike Manieren, doch sie konnte sich nicht helfen, es fühlte sich trotzdem gut an, von einem Mann so behandelt zu werden.

„Und nun erzähl mal“, begann er das Gespräch, nachdem er ihnen einen halbtrockenen Wein bestellt hatte: „Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen heute?“

„Was?“

Sein heiterer Gesichtsausdruck machte ernster Sorge Platz: „Ich dachte, du würdest mich nach übermorgen hexen, als ich eben in dein Büro kam. Viel Arbeit?“

Misstrauisch beobachtete Hermine sein Mienenspiel. Wie konnte er nur so furchtbar überzeugend darin sein, ihr ernsthaftes Interesse vorzuspielen? Sie konnte keinerlei Unaufrichtigkeit entdecken, obwohl sie sich sicher war, dass es ihn in Wahrheit kein Stück interessierte, wie es ihr ging. Unwillig verzog sie den Mund. Schön, wenn er es unbedingt wissen wollte, konnte sie ihm ruhig eine Facette der Wahrheit erzählen: „Nicht unbedingt viel Arbeit. Nur sehr anstrengend. Manchmal hat man Fälle, in denen man nicht glauben kann, zu welchen Schlussfolgerungen man kommt. Oder eher: Man will es nicht glauben.“

Überraschung schwappte über sein Gesicht: „Ich hätte gedacht, es bereitet dir Freude, Verbrecher zu jagen und Schwarzmagier hinter Gittern zu bringen.“

Tief seufzte sie: „Ja, ja, das Klischee der Gryffindor, die immer und ohne zu zögern das Richtige tun würde, egal, wer betroffen ist. Meinst du das?“

Hermine konnte sehen, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte: Draco schaute ertappt auf seine Fingerspitzen. Wieder seufzte sie und fuhr sich durch ihre Lockenmähne: „Das Leben ist nicht so leicht. Manche Fälle sind komplexer. Manchmal hat man es mit Menschen zu tun, die man kennt, wo man nie erwartet hätte, dass sie in so etwas verstrickt werden. Manchmal hofft man, dass diese Menschen sich als unschuldig erweisen. Oder dass man die Fakten falsch gedeutet hat und die Wirklichkeit nicht so Übelkeit erregend ist, wie sie sich darstellt. Glaub mir. Es gibt Tage, an denen hasse ich meinen Job.“

Aufmerksam lag Dracos Blick auf ihr. Hermine fragte sich, ob ihm – oder generell der Zaubererwelt – niemals zuvor der Gedanke gekommen war, dass sie auch einfach nur ein fühlender, denkender Mensch war.

In einer völlig unerwarteten Geste griff Draco über den Tisch und legte seine Hand sanft auf ihre: „Und heute ist so ein Tag?“

Erschüttert von seiner Zärtlichkeit antwortete Hermine ohne nachzudenken: „Heute ist einfach alles schräg. Alles.“

„Geht es hier um Weasley?“

Scharf sog Hermine die Luft ein. Draco Malfoy war der letzte Mensch auf Erden, mit dem sie ihre Beziehungsprobleme besprechen wollte. Und doch. Seine warme Hand, sein aufmerksamer Blick, der in ihr das Gefühl weckte, als ob er wirklich zuhören wollte, ließen sie für einen Moment alles andere vergessen. Sie sackte in ihrem Stuhl zusammen: „Ja und nein. Wir haben eine Pause, das hab ich ja schon gesagt. Und ich glaube, das kriegen wir auch nicht wieder hin. Insbesondere, weil ich … weil es da … einen anderen Mann gibt.“

Draco konnte nicht glauben, was hier gerade geschah. Er hatte nur den guten Zuhörer spielen wollen, den Gentleman, der eine Frau trösten und anschließend in sein Bett holen konnte – nicht, dass er letzteres bei Granger vorgehabt hätte –, aber dass sie sich ihm so öffnete, hatte er nicht erwartet. Und was sollte dieser scheue Blick, den sie ihm zuwarf, als sie von einem anderen Mann sprach? Wieso diese beschämte Röte auf ihren Wangen? Instinktiv begann er, mit seinem Daumen über ihren Handrücken zu streichen. Er hatte sie an der Angel, wie einen Fisch, der zu dumm war, den Köder zu erkennen. Doch ihre Reaktion hatte echtes Interesse in ihm geweckt. War dieser andere Mann, von dem sie sprach, der, an den er dachte?

„Einen anderen Mann?“, hakte er vorsichtig nach, die Stimme absichtlich leise, um sie nicht zu verschrecken. Er hatte Granger noch nie so offen und verletzlich gesehen, und zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er das vermutlich ausgenutzt, um sie noch tiefer zu verletzen, doch jetzt wollte er nichts dergleichen tun. Im Gegenteil, er wollte mehr wissen.

„Ja“, hauchte sie, den Blick immer noch gesenkt, die Wangen rot, die freie Hand zu einer Faust auf dem Tisch geballt: „Es ist … es ist einfach nicht richtig. Ich weiß, dass ich Ron verletzen werde. Er wird es nicht verstehen. Niemand wird das. Und bitte zwing mich nicht dazu, auszusprechen, wer das ist. Es ist so schon einfach zu viel. Ich …“

Endlich hob sie den Kopf. Aus großen, braunen Augen starrte sie ihn an, völlig offen, absolut verzweifelt. Dracos Herz setzte einen Schlag aus. Wer hätte gedacht, dass Hermine Granger wie jede andere Frau auch schwach werden konnte, wenn es um Männer ging? Sie hatte nie so gewirkt, als ob sie wegen eines Mannes Tränen vergießen könnte oder sich überhaupt tiefere Gefühle erlauben würde. Ihre kaltschnäuzige Auskunft über ihre Beziehungspause mit Weasley hatte diese Ansicht nur verstärkt. Und nun?

Seine Gedanken überschlugen sich. Hatte er mit seinem Charme etwa so schnell solche Erfolge erzielen können, dass sie tatsächlich anfing, Gefühle für ihn zu entwickeln? Er konnte verstehen, dass sie ihm das nicht auf diese Nase binden wollte, ebenso wie er verstehen konnte, dass ihre Freunde sie dafür verurteilen würden. Er hatte eigentlich nur spielen wollen. Genug Vertrauen und Zuneigung gewinnen wollen, um sie davon zu überzeugen, die Ermittlungen gegen seine Familie fallen zu lassen. Der Gedanke, dass sich Hermine Granger in ihn, Draco Malfoy, verlieben würde, war einfach zu absurd, als dass er da auch nur eine Sekunde wirklich dran geglaubt hätte.

Aber genau das war anscheinend auf mysteriöse Weise geschehen. Und er konnte nicht anders, als sie plötzlich mit ganz anderen Augen zu betrachten.

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