2. Hexenbiest zum Mitnehmen

Ich fuhr die Hauptstraße zu meinem Ziel entlang. Schon früh hatte ich mich aus dem Motelzimmer verabschiedet in dem Owen seinen Rausch ausschlief. Der Mann vertrug keinen Alkohol.
Wieso er dennoch immer wieder danach griff, war mir schleierhaft. Genau so, wieso ich mir ein Zimmer mit nur einem Bett nahm, wenn ich in genau diese Stadt kam.
So hatte ich mal wieder die Nacht auf dem Boden verbracht. Mein Rücken schmerzte und der Müdigkeit hat es ebenfalls nicht entgegengewirkt.
Mit einem Blick in den Rückspiegel konnte ich meine trüben blauen Augen sehen. Die Müdigkeit war deutlich an ihnen abzulesen, doch für Hinlegen war keine Zeit. Ich war bereits vier Stunden gefahren und würde bald ankommen.
Ich sah noch einmal auf den Beifahrersitz mit der Serviette. Eine bekannte Familie, die schon einst einen Fall für mich bereithielten, war nun selbst betroffen. Wie es schien, war einer ihrer Familienmitglieder mit etwas Übernatürlichem zusammengestoßen. Etwas was sie nun loswerden wollten. Immerhin war es ihnen so wichtig, dass sie ganze zehn Mal eine Nachricht hinterlassen hatten. Auch ein Grund, warum ich das Telefon auf dauerstumm stellte.
Minuten später kam ich an und bog in die Einfahrt des gigantischen Grundstücks ein.
Jener Familie bin ich durch Zufall begegnet. Einer ihrer Sprösslinge hatte Wind von unserem Berufsfeld bekommen. Naiv wie der Junge war hatte er versucht mitzumischen. Damit er nicht gleich draufging, hatte ich ihn, hin und wieder mitgenommen und dann an die Owens verwiesen. Geschafft hatte er es trotzdem nicht.
Es war einer der Namen, die nur für wenige Wochen auf der Tafel standen und dann durchgestrichen wurden. Warum unser Berufsfeld nicht längst aufgeflogen war, war mir ein Rätsel. Wir waren nicht gerade zimperlich, weshalb man oft mit Polizei zutun hatte. Ich konnte es mir nur so erklären, dass die Menschen es nicht wissen wollten und deshalb die Augen vor dem offensichtlichen verschlossen. Immerhin hatten wir es versucht.
Vor Hunderten von Jahren warnte meine Familie vor Hexen, Wandlern und andrem Ungeziefer. Abgetan wurden es als Märchen. Wodurch meine Familie berühmter wurde als durch alles andere. Heute verriet ich kaum noch meinen Namen. Als abtrünniger Sohn, der seiner Familie vor langer Zeit den Rücken gekehrt hatte.
Ich hatte sie verraten, sie im Stich gelassen. Ich schluckte schwer, als die Dunkelheit in mir aufstieg. Es raubte mir die Luft, weshalb ich es gleich wieder begrub, dort wo es hingehörte.
Vor dem Anwesen angekommen versuchte ich die Fassung zu bewahren. Es war nicht der richtige Zeitpunkt noch die richtige Zeit. Allein die Arbeit zählte und das war alles, was ich brauchte.
Ich klopfte an die massive Tür. Warten musste ich nicht. Der Butler öffnete sogleich die Tür.
„Hier entlang Herr Hunter.“ Ich ging an ihm vorbei, nahm den direkten Weg die Treppe hoch ins Arbeitszimmer. Der Butler folgte mir schnellen Schrittes. Im Zimmer angekommen stand schon ein Großteil der Familie vereint. Mutter, Vater, zwei Söhne und eine Tochter.
„Was gibt es?“, fragte ich ohne weiter zu zögern. Je schneller ich weiter machen konnte, desto besser war es für alle Beteiligten. Karl, der Vater des Clans grinste zufrieden, bevor er begann. Wohl, weil er seinen persönlichen Schläger, für das Übernatürliche hatte.
„Mein Jüngster.“ Er warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Er legte sich mit jemandem an.“
„Mit was?“ Jemand, war nie die Frage ...
„Hexen.“ Ich schnaubte. Erneut eine. Es vermehrte sich, was bedeuten konnte, dass irgendetwas im Gange war.
„Was hast du getan?“ Der Junge trat beschämt von dem einen Fuß auf den anderen. Doch öffnete er den Mund nicht.
„Wenn du willst, dass ich deine Scheiße wegräume, öffne gefälligst die Schnauze.“ Der Junge sah mit gekränktem Stolz zu seinem Vater. Ich schätzte ihn gerade an die Siebzehn, verwöhnt und naiv. Ein Sunnyboy, wie er auf der Reklametafel stand, genau wie sein Bruder einst.
„Antworte ihm“, bestärkte sein Vater.
„Wir waren in einer Bar“, stammelte er schließlich. „Dort waren einige Damen. Freizügig, auffällig. Wir gingen hin, erst war es sehr nett. Bis sie uns falsch verstanden.“
„Inwiefern?“ Der junge wurde Rot. „Ihr wolltet sie ficken“, antwortete ich für ihn.
„Sie gingen in die Luft und schworen Krieg.“ Meine Augenbrauen schnellten hoch. Ich wendete mich wieder zum Oberhaupt.
„Das nächste Mal rufst du mich für einen Job, keine Kinderscheiße.“ Damit wendete ich mich ab. Seine Frau sah wie immer verärgert über mein Verhalten aus. Ich konnte mir bereits denken, dass seine Frau die treibende Kraft hinter den vielen anrufen gewesen war, um mich mit dem Scheiß zu bombardieren.
Angepisst machte ich mich auf. Ich würde diese Hexen finden ihnen angst einjagen und schnellsten verschwinden. Ich hatte Dringenderes zu tun als diesen Scheiß zu regeln.
Schließlich nach Anbruch des Abends fand ich eine Bar, die durch ihre Lage, Hexen magisch anziehen musste. An einer Kreuzung gelegen, weiter außerhalb und mit Hexenkraut übersäht.
Drinnen angekommen sah ich bereits die freizügigen Frauen und ihre nächsten Opfer. Eine Bande von unberechenbaren Frauen und wie man sehen konnte, zogen sie den jungen Männern fließend das Geld aus der Tasche, ohne das diese es je bemerken würden. Meine Wut explodierte, weil ich erneut den Babysitter für einen weiteren hirnlosen Jungen der Familie Born gab.
In direkter Linie ging ich zu dem Frauentisch. Sie alle hatten mich bereits mit dem Eintreten bemerkt und wussten, was ich war. Ich nahm mir einen Stuhl und setzte mich. Augenblicklich schwiegen alle am Tisch.
„Verschwindet“, befahl ich den Jungs. Umgehend nahmen sie die Beine in die Hand und waren fort. Übrig blieben die verunsicherten Junghexen, die sich in die Sitze pressten. Es wäre nicht meine Absicht ihnen Angst einzujagen, wenn sie nicht gerade ein Denkzettel bräuchten. Denn noch waren sie nicht mein Ziel, noch hatten sie keinem Wesen etwas zuleide getan, außer es zu berauben.
„Was glaubt ihr, was ihr hier macht?“ Ich verschränkte die Arme und wartete. Keine von ihnen, machte anstellten ein Wort zu sagen, ihre Augen hingegen sagten alles. Sie blickten mich weit aufgerissen an, Verunsicherung strahlte aus ihnen heraus.
„Ein Freund von mir, sagte ihr habt gern Spaß.“
„Wir haben nichts getan“, traute sich endlich eine von ihnen den Mund aufzumachen. Die Junge blonde Frau sah mir genau in die Augen. In ihnen lag etwas Dunkles. Etwas Böses. Ich musste grinsen. Es würde nicht lange dauern und sie würde auf meiner Liste stehen.
„Und wenn ich in eure Taschen schaue?“
„Bitte tun sie uns nichts“, flehte eine andere.
„Wieso sollte ich nicht, gib mir einen Grund.“ Sie schluckte schwer. Sie hatte keinen. Genau so wenig, wie ich einen hatte. Doch bei der Blonden war ich mir nicht so sicher, wie ich es gerne hätte. Ich spürte, dass sie die Angst spielte, sie musste die Drahtzieherin sein.
„Wie wäre es, wenn wir nach hinten gehen.“ Ich trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Die Mädchen zogen die Luft scharf ein. Sie hatten wohl nicht bemerkt, dass ich nur mit einer von ihnen redete.
„Wieso sollte ich das tun?“, schnurrte sie. Ich beugte mich vor.
„Weil ich dich sonst an den Haaren hinauszerre.“
„Du glaubst, du bist in der Lage dazu?“
„Ich glaube, dass niemand mich aufhalten wird, wenn ich deinen Arsch hier rausschleife. Also sei eine Dame und lass dein Spielzeug laufen.“ Ich stand auf und baute mich vor ihr auf. Ihre Augen verwandelten sich in Schlitze. Sie schien abzuwägen, ob ich meine Worte war, werden ließ. Dann stand sie auf.
„Braves Mädchen.“ Damit ging sie an mir vorbei zum Hinterausgang. Ich ging ein paar Schritte und wendete mich wieder den fünf verbliebenden Mädchen zu.
„Zieht ihr erneut Scheiße ab, komme ich wieder und brenne euch nieder bis zum letzten Hexenbalg.“ Damit wurden sie bleich und machten das sie abzogen. Schneller hatte ich Hexen nie laufen sehen.

Ich ging hinaus. Draußen erwartete mich eine angepisste Blondine. Sie verschränkte die Arme und krallte ihre scharfen Nägel in die Haut.
„Was fällt dir ein Jäger!“ Ihre Stimme klang trotz alledem belustigt. Mit ihr stimmte etwas nicht.
„Was habe ich dir getan?“ Sie begann, auf und ab zu gehen.
„Du bist falsch.“ Sie lachte auf.
„Welche Hexe ist das nicht?“ Ich ging näher. Sie war Jung, dementsprechend konnte sie noch nicht viel gelernt haben. Außer.
„Was bist du wirklich?“ Ich begann, sie zu umkreisen.
„Werde ich jetzt gejagt?“, schnurrte sie erneut.
„Ich bin Jäger und du falsch. Gibt mir einen Grund und ich lasse dich gehen.“
„Wenn ich keinen habe?“
„Jage ich, bis mein Ziel erreicht ist.“ Sie zog eine Schnute. Sie löste ihre angespannte Haltung und begann mit ihren Haaren zu spielen.
„Du gefällst mir.“
„Wirklich.“
„Andere Jäger würden mich ficken, bevor sie mich töten würden.“
„Träum weiter.“ Ich war lang genug im Geschäft, um zu wissen, dass keiner der Jäger ein Biest ficken würde, nicht mal, wenn er rattenscharf wäre.
Wer wusste schon, was unter dieser schönen Fassade lag. Schwarze Hexen waren nicht bekannt für ihre Schönheit, doch für ihre Trugbilder waren sie es. Was wohl bedeutete, dass genau so ein Biest vor mir stand. Sie wirkte zu gelassen, als das es eine normale Hexe sein konnte.
„Verdienst du so dein Geld Jäger. Gefallen für reiche Leute?“
„Auch wir müssen essen.“
„Ich könnte mehr zahlen.“ Nun musste ich lachen.
„Ein Pakt mit einem Biest, eher sterbe ich.“
„Das musst du nicht.“ Ihre Formen verschwammen. Also begann es.
Ich ging leicht in die Knie. Der erste Treffer der Magie würde wehtun, würde meine Haut aufspringen lassen und zum Platzen bringen, doch es war ertragbar. Der nächste Schlag würde meiner sein. Dann ...
Ich hielt inne. Ihre Formen sammelten sich, ergaben ein Bild. Anders als es sonst war. Übrig blieb kein Kind. Es war eine Frau. Fast atemberaubend. Langes braunes Haar, das ihr glänzend über die Schultern viel. Ihre Waldgrünen Augen erblickten mich, fixierten meine Bewegung und kratzten sich in meine Seele. Ein verdammt unangenehmes Gefühl. Es war keine schwarze Hexe, doch auch keine Weiße.
Eine Unbestimmte.
Einer der seltenen Wesen, die zu keiner Seite gehörten. Ich entspannte mich augenblicklich. Wann hatte ich zuletzt eine wie sie gesehen? Es musste Jahre her sein.
„Ich sagte doch, wir können es anders lösen Jäger“, sagte sie grinsend. Ich steckte das Messer weg, dass sein Weg ganz von allein in meine Hand gefunden hatte.
„Wieso manipulierst du diese Kinder?“
„Langeweile.“ Sie zuckte süßlich mit den Schultern. Diese Frau wusste um ihre Wirkung und reizende Ausstrahlung.
Sie kam langsam zu mir herüber. Geschmeidig wie eine Katze begab sie sich an ihr Ziel. Kaum einen Augenblick von mir entfernt blieb sie stehen. Sie hob ihre Hand und fuhr mit nur einem Finger über meine Brust. Der schwarz lackierte Nagel Borte sich gerade so weit in meine Haut, dass ich ihn genau spürte. Bei weitem kein unangenehmes Gefühl.
„Werde ich jetzt dafür bestraft Meister?“, hauchte sie, während sie über meine Brust hinab fuhr.
„Nein.“ Ich sah sie genau an. Sie wollte mich reizen, mich hinauslocken, doch trotz ihrer Verführung ließ sie mich kalt. Ihre andere Hand fand ihren Weg zu meinem Arm.
„Beeindruckend“, ließ sie mich wissen. Als mir ihr Finger zu tief fuhr, schnappte ich sie mir und presste sie gegen einen Baum. Für Sekunden konnte man die Erschrockenheit sehen, die sofort Erregung wich. Nicht mein Ziel dachte ich mir und packte ihr Kinn. Sie wand sich an mir, ihre Hände legten sich an meine Seiten und packten zu. Sie wollte es.
„Lass die Scheiße und zieh weiter Hexe. Muss ich erneut kommen, finde ich andere Wege, als deinen Tod, um dir eine Lektion zu erteilen.“
„Ich wüsste da einige.“ Ich ließ ruckartig von ihr ab. Auch wenn sie eine schöne Frau war. Eine Nacht würde ich nicht mit ihr teilen. Verärgert blitze sie mich an.
„Du bist wirklich außergewöhnlich Jäger.“
„Hals maul und verschwinde.“ Damit wendete ich mich ab und ging ohne Umwege zum Wagen.
Hier war nichts mehr zu tun. Unbestimmte waren keine Gefahr. Sie konnten sich weder zu schwarzen noch zu weißen Hexen entwickeln. Sie waren einfach da, ohne jegliche Richtung, ohne Bestimmung. Es war bekannt, dass sie des Öfteren Probleme breiteten, doch nie mordeten sie. Zumindest nicht, dass ich es je gehört hätte, so selten, wie sie waren.
Ich machte einen kurzen Abstecher zurück zum Herrenhaus. Um den Alten klar zu machen, dass falls erneut Mist passierte, ich nicht auf die Anrufe reagieren würde. Nicht das ich je wieder zu der gleichen Familie wegen eines schweren Problems geordert wurde, die Chance war normalerweise weniger als gering. Doch diese Familie schien es magisch anzuziehen.
Er schien zu verstehen, worauf ich mich wieder ins Auto begab und ein neues Ziel anpeilte. Diesmal hoffte ich, es sei wirklich ein Auftrag und keine Spielerei war.

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beta
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