2. In London

Ich ließ es mir nicht nehmen, in unseren Archiven nach Informationen von Jack zu suchen. Er war doch nicht mehr so jung, wie ich zuerst gedacht hatte. Immerhin um die zweihundert!  

Jack wurde 1771 in London geboren, stammte aus einer bürgerlichen Familie. Seine Verwandlung geschah mit sechsundzwanzig und sein Schöpfer war nicht bekannt. Noch heute lebte er in der Nähe von London, mit einer Gefährtin.

Aha, er war also in festen Händen! Sie hieß Lorraine, aber viel mehr stand hier nicht über sie. Das interessierte mich auch nicht weiter. Wir hatten ein schönes Abenteuer zusammen und mehr nicht.

 

Nach gut einem Monat, seit unserer heißen Liebesnacht in einem Hotel in San Francisco, klingelte um drei Uhr morgens mein Telefon. Als ich ranging, sagte eine amüsierte Männerstimme: „Hallo, kleine Spionin! Hast du dich gut erholt?"

„Jack?", grunzte ich verschlafen.

Er lachte: „Wer denn sonst? Ich möchte mein Versprechen einlösen."

Ich erinnerte mich an den Zettel am nächsten Morgen auf dem Frühstückstablett: „Einblick in dein Leben. Wie soll es ablaufen?"

„Ich hole dich morgen Abend ab, dann fahren wir zu mir."

Ich war einverstanden. Was erwartete mich diesmal? Am Ehrgefühl der Vampire war wohl etwas dran. Sie hielten sich an ihre Versprechen.

Nun war ich sehr gespannt auf den nächsten Abend. Wo würde er mich hinführen, wenn er nicht in San Francisco lebte?

 

Die Limousine erschien pünktlich und im Inneren erwartete mich ein lächelnder Jack. Schon, als ich ihn ansah, erwachte die Lust. Er hauchte anzüglich: „Vertreiben wir uns die Zeit, bis zum Ziel, Jessica." Als Jack mich dann küsste, war da wieder dieser Stromschlag, diese Erregung. Heute fühlte er sich kühler an, als letztes Mal und er war auch blasser. Mein besorgtes Gesicht quittierte er mit einem Lächeln: „Keine Angst! Ich bin noch nicht hungrig." Ich fragte unsicher: „Wann?"

„Übermorgen, wenn du es genau wissen willst. Und." Sein Mund kam ganz nah an mein Ohr: „Du darfst mir dabei zusehen." Ich erschrak ein wenig, doch zugleich, war ich mir der Ehre bewusst, dass er mich in diesem intimen Moment dabei haben wollte. Normalerweise jagten nur enge Vertraute oder Gefährten gemeinsam. Ich erwiderte: „Ich bin geschmeichelt, dass du mir das erlaubst." Jack grinste: „Mal sehen, was du davon hältst."

Wir waren auf dem Rollfeld des Flughafens angekommen und als ich die kleine, geöffnete Maschine dort stehen sah, wusste ich, dass es tatsächlich zu ihm nach London ging. Meine Aufregung und auch meine Angst waren gestiegen. Vorsichtshalber hatte ich unsere Organisation von meinem Treffen mit Jack unterrichtet. Falls mir etwas zustoßen sollte, wussten sie, wo sie zu suchen hatten. Erst jetzt betrachtete ich ihn genauer. Wie schon gesagt, war er blasser als letztes Mal und auch hagerer. Seine Wangenknochen stachen stärker hervor und seine Lippen waren blass. Heute trug er eine graue Bundfaltenhose und einen schwarzen Rolli. Zu warm für Kalifornien, aber England war ja auch um einiges kühler.

An Bord wurden mir Getränke und ein Menü serviert. Jack saß währenddessen in einem der erstklassigen Ledersessel und blätterte den „Guardian" durch. Ich dachte an seine Akte: „Wer ist eigentlich dein Schöpfer?" Er ließ die Zeitung sinken und machte eine wegwerfende Handbewegung: „Ich weiß es selbst nicht."

„Wurdest du überfallen?" Kopfschüttelnd antwortete er: „Nein, ich wusste, was mich erwartet. Ich gehörte schon einige Jahre einem Geheimbund an. Nach meinen Lehrjahren sollte ich schließlich aufgenommen werden. Beim Ritual der Umwandlung durfte ich meinen Erzeuger nicht sehen. Das Einzige was ich weiß, ist, dass er alle Mitglieder erschaffen hatte." Inzwischen war ich mit dem Essen fertig.

„Und wie wurde das Ritual abgehalten?"

Jack starrte vor sich hin: „Es fand in einem Gewölbe statt. Ich musste alle möglichen Dinge versprechen, die den Orden betrafen, bevor die anderen den Raum verließen und die Fackeln löschten. Da stand ich in der Finsternis und spürte, dass noch jemand hier war. Kalte Hände fassten meine Schultern an, dann spürte ich kühle Lippen an meinem Hals und schließlich der schmerzhafte Biss. Ich wehrte mich jedoch nicht dagegen, weil ich ja die Unsterblichkeit wollte. Als ich von dem anderen trank meinte ich, seine Gestalt zu erkennen. Es war ein uralter, glatzköpfiger Mann. In der nächsten Nacht erwachte ich in einem anderen Gewölbe mit einigen Sarkophagen darin. Wir schliefen alle im selben Raum. Als ich noch ein Mensch war, wusste ich nicht, wo die anderen ruhten.

Nach dem Erwachen war ich natürlich gespannt auf meine Veränderungen. Die anderen Mitglieder begrüßten mich in unseren offiziellen Räumen, gaben mir neue Kleider und ich sollte mich in einem Spiegel bewundern. Tja, mir gefiel natürlich, was ich sah. Du kennst ja unsere Vorzüge."

„Allerdings." Er lächelte vielsagend. Dann fuhr er fort: „Der erste Nachtausflug war überwältigend. Die ganzen Eindrücke. Wir gingen zuerst zu Fuß. Erst gegen Ende der Nacht zeigten sie mir, wie man fliegt."

„Verrätst du es mir?" Jack tippte an seine Schläfe: „Durch meine Gedanken. Ich befehle meinem Körper, sich in die Luft zu erheben. Nun, die nächste Nacht war wichtiger, als die erste. Mein erstes Opfer! Ich war so aufgeregt, wie vor der ersten Liebesnacht. Angst hatte ich auch, etwas falsch zu machen. Es war üblich, dass sie mir jemand ins Haus brachten. Eine ahnungslose Dirne, mit der sie mich allein ließen. Ich sollte mich von meinem Instinkt leiten lassen. Als ich ins Zimmer kam, erwachte sofort meine Gier. Der ganze Raum war erfüllt von ihrem Geruch und ich hörte deutlich ihren Herzschlag. Ich meinte, den Verstand zu verlieren, als ich ihren pulsierenden Körper an meinem spürte.

Nimm sie!‘, sagte jemand in meinem Geist und ich zog ihren Kopf zur Seite und biss in die Ader. Diese Ekstase kann kein Sterblicher begreifen. Es war herrlich!"

„Versuch es zu beschreiben."

Er blickte zur Decke: „Na ja, die Hitze strömt in mich, wie wenn du einen heißen Tee trinkst. Doch es bleibt nicht im Magen, sondern strahlt in meinen ganzen Körper aus. Innerhalb von Sekunden, und dann sehe ich dabei die Gedanken meines Opfers, kombiniert mit dem speziellen Geschmack des Blutes. Der ist bei jedem anders. Mein Körper imitiert den Puls, das ist das Beste. Dabei wünsche ich mir jedes Mal, dass der Trunk ewig dauert. Doch der Tod kommt schnell. Ich fühle es am unregelmäßigen Herzschlag und an den umwölkten Gedanken. Wenn sie sterben, ist der schönste Teil vorbei. Danach kommt nur noch das schnelle Bauchvollschlagen, bevor das Blut kalt wird."

„Ist es wirklich besser, als ein Orgasmus?" Grinsend antwortete er: „Oh ja, viel besser. Der größte Kick ist beides zusammen. Sex und Trinken!"

Ich musterte ihn einige Zeit. Das Gerede über das Aussaugen hatte ihn erregt.

„Wer ist deine bevorzugte Beute?" Jack überlegte: „Hm, Männer eher als Frauen. Ich mag Gegenwehr." 

So vergingen die Stunden. Er führte mich später in einen winzigen Raum ohne Fenster, mit einem Bett darin. „Leg dich hin. Du bist müde", sagte er. Ich setzte mich auf das Bett und mir schien, er war ebenfalls träge. Seine Augen waren schläfrig und er bewegte sich schwerfälliger.

„Du anscheinend auch." Jack nickte nur, während er sich auszog, um die Kleidung in den Wandschrank zu hängen. „Zieh deine Sachen aus, dann hänge ich sie auch hier auf."

Was hatte er vor? Meine Begierde erwachte, als ich den nackten Unsterblichen vor mir sah. Ich presste mich an seinen Rücken, streichelte darüber und hatte plötzlich seine Vorderseite vor mir. Er hatte sich so schnell umgedreht, dass ich es überhaupt nicht gesehen hatte. Wie schnell war er dann sonst, weil seine Kräfte ja gegen Morgen nachließen? Er zog mir mein Shirt über den Kopf, knöpfte meine Jeans auf und als er mir den Slip von den Beinen zog, meinte er: „Ich möchte, dass du bei mir zu Hause keinen trägst. Wir tun es auch nicht. Es turnt mich ab, wenn ich das beim Entkleiden vorfinde." Ich lächelte: „Also, gut. Wie du wünschst!" Wir legten uns küssend nieder und meine Hand wanderte zwischen seine Beine. Jack schob sie wieder zur Seite und sagte: „Ich bin müde, Jessica. Verzeih!"

„Gut, dann geh ich." Er hielt meinen Arm fest, als ich vom Bett aufstehen wollte. „Du brauchst nicht zu gehen. Du darfst bei mir schlafen. Allerdings, kannst du während des Tages nicht hier raus. Deshalb." Er öffnete einen Schrank: „Ist hier etwas zu essen und zu trinken." Er dachte wirklich an alles.

Nun lagen wir aneinandergeschmiegt im Bett, wie ein Liebespaar und redeten noch ein wenig. Seine Stimme wurde allmählich stockender und auf einmal fielen ihm die Augen zu. Sein ganzer Körper erschlaffte. Als ich die Lider schloss, war ich sofort weg.

 

Im Raum brannte noch ein schwaches Licht, damit ich sehen konnte. Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte. Jack war ganz steif, als ich ihn anfasste. Nun konnte ich ihn in Ruhe betrachten. Er lag auf der Seite, hatte seinen Kopf auf beide Hände gebettet und ich schlug die Decke zurück. Zaghaft streichelte ich über seine haarlosen Beine, aber er regte sich wirklich nicht. Da wurde ich mutiger. Im Moment war er absolut wehrlos. In der Starre konnten Vampire sich nicht bewegen. Also zog ich seine Lippen auseinander. Der Anblick ängstigte mich immer noch, obwohl ich über sie Bescheid wusste. Da waren sie, diese längeren Eckzähne. Nicht viel länger, als menschliche, aber die Zähne daneben waren auch spitzer, als bei uns. Das verursachte das furchterregende Aussehen, wenn sie den Mund aufmachten. Durch dieses Weiß blitzten sie noch mehr auf in der Dunkelheit. Ich strich vorsichtig über die obere Zahnreihe und wunderte mich über die glatte Beschaffenheit. Alles an ihnen schien glatt zu sein. Die Haut, die Haare und auch die Zähne. Ja, ich hatte ganz vergessen, sein seidiges, blondes Haar zu beschreiben. Den Glanz, der alle Lichtreflexe spiegelte. Heute war es jedoch von Gel verklebt. Ich schloss seine Lippen wieder und küsste ihn darauf. Merkwürdig!

Ich tat das, obwohl er wie eine Leiche, neben mir lag. Dann drückte ich mein Ohr an seinen Bauch, ob man vielleicht irgendetwas hörte. Zwar hatten sie keinen Herzschlag, aber eventuell war da sonst was. Tatsächlich nahm ich ein Gluckern im Innern wahr. Es war leise, aber ich erkannte einen Rhythmus. War das sein Puls? Ja, das Rumoren in seinem Bauch erfolgte in regelmäßigen Abständen.

 

Irgendwann aß ich von den Sandwiches, die er mir hergerichtet hatte und trank Kaffee. Danach ging ich in die angrenzende Toilette, um mich frisch zu machen. Was fand er an mir? Egal, war ich ihm nicht. Zumindest war ich keine gewöhnliche Sterbliche für ihn. Interessierte ihn die Organisation, oder weil ich telepathische Fähigkeiten hatte? War es ein Fehler ihm zu vertrauen? Ich war mir jedoch sicher, dass er mir nichts Böses antun wollte. Vielleicht offenbarte er sich mir, weil er sich mal outen musste und wusste, dass es nur innerhalb des Instituts blieb. Die Außenwelt durfte von den Unsterblichen nichts wissen und unsere Computerdaten waren sehr gut gesichert. Nicht mal die Regierung wusste, was wir trieben. Offiziell erforschten wir paranormale Phänomene, aber eigentlich waren wir Spione die, die Vampire bespitzelten. Jeder von uns war auf einen bestimmten Unsterblichen angesetzt. Doch Jack hatte ich zufällig in einer Bar getroffen. Vampirjäger hatten schon öfters versucht, das System zu knacken, um an Aufenthaltsorte von Unsterblichen zu kommen. Wir gaben auch Warnungen an unsere Schützlinge heraus, aber das war schwierig, weil sie Menschen nicht vertrauten. Wenn sie von uns wussten, dann schon eher. Wir waren ja als harmlose Beobachter bekannt.

 

Endlich leuchtete das Zeichen zum Anschnallen auf. Ich zog mich schnell an und Jack regte sich. Er wälzte sich, wie ein Mensch, von einer Seite zur anderen und murrte im Schlaf. Sein Haar war zerzaust und aus seinem leicht geöffneten Mund tropfte Speichel ins Kissen. Ich musste lachen, weil er so menschlich aussah. Nur im Schlaf schienen diese Wesen frei von Überheblichkeit zu sein. Auf einmal wurden wir durchgerüttelt. Ich stieß an den Schrank und Jack fiel vors Bett.

Natürlich, die Landung!

Er schlummerte unbekümmert weiter. Erst, als die Maschine aufs Rollfeld fuhr, wachte er langsam auf. Ich lächelte auf den blinzelnden Unsterblichen herunter und meinte: „Guten Abend. Gut geschlafen?" Er erwiderte mein Lächeln: „Ja, sehr gut. Wo sind wir gerade?"

„Soeben gelandet." Nun stand er auf: „Prima!" Jack nahm seine Kleider aus dem Schrank und schlüpfte hinein. Die verriegelte Tür öffnete sich endlich. Wir hatten gestoppt, die Triebwerke erloschen. Jack spähte aus dem Fenster: „Es dauert noch ein wenig, bis der Chauffeur kommt. Solange warten wir hier." Ich ließ mich in einen Ledersessel fallen. Er redete noch mit den beiden Piloten, die gerade zwölf Stunden Flug hinter sich hatten und erschöpft waren. Sein Privatjet war nicht gerade klein für eine Person. Ich saß im Moment in einer Art Wohnzimmer. Einige cognacfarbene Sessel, eingebaute Tischchen, Schränkchen und ein Fernsehschirm an einer Wand.

Eine Stunde später kroch ein nachtblauer Bentley auf das Flugzeug zu. Ich wollte Jack beim Einsteigen schon auf die Rückbank folgen, doch er deutete nach vorn: „Steig bitte vorne ein." Also setzte ich mich auf den Beifahrersitz. Der Fahrer war abermals ein Mensch und die Trennwand war bereits geschlossen. Ich konnte mir denken, warum. Das Flüstern der beiden war zu hören und auch das Knarren der Sitze. Mir wurde unwohl, als ich an unser nachheriges Zusammentreffen dachte. Wie sah sie wohl aus, seine Gefährtin?

Der Bentley entfernte sich vom Flughafen Heathrow, während ich Smalltalk mit dem Chauffeur führte. Der Mann wusste nicht, was sein Arbeitgeber war, las ich aus seinen Gedanken. Der Wagen bog schließlich in eine Hofeinfahrt ein. Das schmiedeeiserne Tor vor uns öffnete sich und wir passierten es. Ich erblickte ein älteres Anwesen inmitten des englischen Rasens, auf das wir zufuhren. Der Kies knirschte unter den Reifen, bis die Limousine vor der Eingangstreppe anhielt. Der Fahrer stieg aus, um zuerst die hintere Tür zu öffnen, und danach meine.

 Jack stand bereits neben dem Wagen und ergriff gerade eine blasse Frauenhand. Nun war ich gespannt und nervös. Eine zierliche, dunkelgelockte Frau schlüpfte heraus. Sie hatte ein Porzellangesicht und braune, große Augen. Sie musterte mich eingehend. Jack sagte zu ihr: »Das ist Jessica." Dann reichte sie mir ihre Hand: „Lorraine. Jack hat schon einiges über dich erzählt." Auch ihre Finger waren so zart. Sie ging vor mir ins Haus. So konnte ich sie weiter betrachten.

Ein schwarzes, hochgeschlossenes Wollkleid umhüllte ihren Körper. Dadurch wirkte sie noch zerbrechlicher. Umso mehr fragte ich mich, was Jack von mir wollte. Ich war recht hübsch, doch mit Lorraines Äußerem konnte ich nicht konkurrieren. Eigentlich verwunderlich, dass sich Vampire überhaupt mit Menschen einließen, wenn sie nicht hungrig waren. Da spürte ich Jacks Hände an meiner Taille: „Willkommen in meinem Reich!"

Überall alte Möbel. Die Einrichtung passte nicht zu einem so modern wirkenden Unsterblichen. Ein alter Butler stand an der Treppe und begrüßte Jack höflich: „Guten Abend, Sir! Wie war Ihre Reise?"

„Guten Abend, John. Sehr schön. Kümmern Sie sich bitte um das Gepäck."

„Sehr wohl!" Damit verschwand er und Jack führte mich ins Kaminzimmer. Dort begann er die Holzscheite mit Streichhölzern und Papier anzuzünden. Die Gabe des Feuers hatte er wohl noch nicht. Ich setzte mich auf den Stuhl, der davor stand: „Was kannst du bereits beeinflussen?" Er starrte in die ersten Flammen: „Nicht viel. Elektrische Geräte, Autos, Tiere und Menschen. Ich kann auch Türen und Fenster entriegeln." Nun setzte er sich auf den zweiten Stuhl vor dem Kamin: „Mir gefällt es so. Ich brauche nicht unbedingt mehr Macht. Bis jetzt bin ich ganz gut klargekommen."

„Das glaube ich gern." Nach einer kurzen Pause fuhr ich fort: „Ist Lorraine von deinem Blut?"

„Wie kommst du darauf?" Ich blickte ins Feuer: „Einfach so." Er betrachtete mich: „Ja, ich habe ihr das Blut gegeben, um ihr Leben zu retten. Vor ungefähr hundert Jahren wohnte ich mit ihr zusammen. Sie wusste alles über mich und akzeptierte es. Wir lebten so einige Jahre gemeinsam, bevor es geschah. Ein anderer Unsterblicher drang eines Nachts in ihr Schlafzimmer ein, fiel über sie her und trank sie fast aus. Ich überraschte ihn, als ich nach der Jagd ins Zimmer kam. Lorraine lag sterbend auf dem blutigen Bett, der andere flüchtete durchs offene Fenster und mir blieb keine Zeit, ihn zu verfolgen. Ich biss mir sofort ins Handgelenk und flößte ihr mein Blut ein. Wie erleichtert war ich, dass ich noch rechtzeitig gekommen war. Lorraine nahm es bereitwillig an, denn sie hatte mich immer versucht, dazu zu überreden."

„Du wolltest sie nicht verwandeln?" Jack überlegte: „Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich es irgendwann getan, oder wir hätten uns getrennt. Ich konnte ihr diesen Ausweg nicht nehmen. Weißt du, sie wollte einfach bei mir sein, aus Liebe. So etwas vergeht mit der Zeit, aber unsterblich ist man für immer."

„Wart ihr die ganzen Jahre zusammen?" Er schüttelte den Kopf: „Sie verließ mich für einen anderen. Irgendwann trafen wir uns auf einem Fest wieder und wurden abermals ein Paar. Seither läuft es gut." Lorraine sah ich die restliche Nacht nicht mehr. Ich fragte mich, ob diese Wesen sich vermissten, wie sterbliche Paare. Irgendwie konnte ich mir das nicht so vorstellen, weil er sich vor unserem Flug noch mit mir vergnügt hatte und kaum gelandet, treibt er es mit ihr auf dem Rücksitz.

Schließlich verabschiedete ich mich von ihm. Jack begleitete mich, um mir mein Zimmer zu zeigen. Es war ebenfalls altmodisch eingerichtet, aber schön. Er blieb an der Tür stehen, strich über meine Wange und küsste mich kurz: „Schlaf gut! Tagsüber ist Personal hier, dass dir deine Wünsche erfüllen wird. In deinem Zimmer liegt auch wärmere Kleidung." Ich küsste ihn noch mal und wollte ihn ins Zimmer ziehen, aber es war zwecklos.

„Heute nicht mehr", flüsterte er und huschte zur Treppe. Mit einem Satz war er über das Geländer gesprungen und als ich darüber lehnte, war er unten schon verschwunden. Das erste Mal, dass ich sah, wie er sich normal bewegte. Es waren zirka sechs Meter bis ins Parterre.

 

Natürlich erwartete ich sehnsüchtig den Abend. Es war Herbst und so dauerte es nicht allzu lange, bis es dunkel wurde. Die Bediensteten verließen in der Dämmerung das Anwesen, außer dem Butler. Ich fragte ihn ein wenig aus. „Wie lange arbeiten Sie schon für Jack?" Wir saßen in der Küche nach dem Fünf- Uhr-Tee. „Sicher dreißig Jahre. Er ist sehr großzügig und ich arbeite gern hier."

„Wo ist er eigentlich den ganzen Tag?" Ich bemerkte den erschreckten Ausdruck in Johns Gesicht.

„Vor mir brauchen Sie kein Geheimnis daraus zu machen. Wir wissen es beide", beruhigte ich ihn. John nickte erleichtert. „Wie ist es für einen Vampir zu arbeiten?" Er erwiderte: „Einfach. Er braucht mich nur abends und er verlangt keine Speisen."

„Sie müssen keine Leute hierher locken?" Entsetzt wehrte er ab: „Um Gotteswillen. Der Sir ist sehr diskret." Also keine Orgien mit Sterblichen im Haus. „Gibt er Partys?"

„Gelegentlich. Ich bin dann der einzige Diener im Haus, aber der Sir braucht mich dazu nicht."

Jack gab also nur welche für seine Spezies. In den USA war es Mode unter den Vampiren, dass sie gemischte Partys veranstalteten, die die eingeladenen Menschen nicht überlebten. Die britischen Unsterblichen waren sowieso am traditionellsten. Sie jagten außer Haus und vorwiegend allein.

 

Als ich mich gerade in meinem Zimmer aufhielt, empfing ich seine gedankliche Stimme:

Mach dich fürs Ausgehen zurecht, Jessica. Wir besuchen einen Club.‘

Ich besah mir die Kleidung, die er mir bereitgelegt hatte. Gerade trug ich nur einen Pulli aus den Sachen, zu meiner Jeans. Ein knielanges, enges Kleid war dabei, schwarze Feinstrümpfe und Stiefel. Vermutlich, war das für den Club gedacht. Das Teil bestand komplett aus schwarzer Spitze und außer den Ärmeln, war es mit dunkelrotem Stoff unterlegt. Nun zog ich alles an, vergaß nicht, meinen Slip weg zulassen und bewunderte mich im Spiegel. Durch meine roten Haare wirkte dieses Outfit wirklich verwegen. ‚Ich denke, ich werde ihm gefallen.

Bald darauf klopfte es an der Tür. „Ja?" Jack trat ein. Umwerfend sah er aus, so ganz in Leder. Unter der Jacke trug er ein schwarzes T-Shirt und sein langes Deckhaar war streng nach hinten gekämmt. Dabei kam seine hohe Stirn so gut zur Geltung. Er betrachtete mich: „Steht dir gut." Dann stand er plötzlich vor mir, küsste mich und ich fühlte seine kühle Hand, meinen Oberschenkel entlang streichen. Wieder spürte ich den Schmerz am Hals, wie in unserer ersten Nacht, aber es war diesmal nur kurz. Scheinbar ließ er sofort von mir ab: „Ich kann erst morgen mit dir schlafen." Ich entgegnete: „Der Hunger?" Jack nickte: „Ich kann es nicht riskieren. Ich habe mich dabei zu wenig unter Kontrolle."

„Wie hast du es damals bei Lorraine gemacht?"

„Jedes Mal wenn ich gejagt hatte. Zum Glück, sonst wäre sie nach dem Überfall gestorben."

 

Wir bestiegen einen schwarzen Bugatti, der vor der Treppe geparkt war. Jack fuhr mit aufspritzendem Kies davon, bog hart auf die Straße ein und beschleunigte. Ich krallte mich an meinen Ledersitz: „Denk dran, ich bin nicht unverwundbar." Seine Hand tätschelte beruhigend meinen Schenkel: „Nein, keine Sorge. Ich habe das Baby schon unter Kontrolle." Mit einem prüfenden Blick aufs Armaturenbrett, meinte er: „Vielleicht sollte ich jedoch mal das Licht einschalten.“ Wir brausten in Richtung London dahin. Ich lachte plötzlich und fragte: „Hast du überhaupt einen Führerschein?" Daraufhin klappte das Handschuhfach auf. „Sieh nach! Irgendwo müsste er liegen." Tatsächlich fand ich das Heftchen. Schöne Fälschung! Als Alter hatte er seine menschliche Lebensspanne gewählt: „Wer macht das Zeug für euch?" Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Jessica, das kann ich dir nun wirklich nicht verraten."

„Klar, schon gut." Ich fand noch seinen Ausweis. Hübsches Bild!

 

Inzwischen kurvten wir durch die Stadt, bis wir vor einer Disco parkten. Jacks sportliches Gefährt zog bewundernde Blicke der Umstehenden auf sich. Er natürlich auch. Diese Aufmerksamkeit schien ihn kalt zu lassen und er ging direkt auf den Türsteher zu. Ich folgte ihm an der kompletten Warteschlange vorbei und mir war nicht so wohl dabei. Der Schrank von Mann nickte uns nur zu und öffnete die Tür. So einfach ging das als Unsterblicher.

Drinnen war es sehr voll. Wir zwängten uns durch die Menge und ich bemerkte, dass Jack auf eine unscheinbare Tür zusteuerte, die als Notausgang getarnt war. Daneben lehnte ein Unsterblicher. Ich packte seinen Arm, weil mir langsam dämmerte, was er vorhatte: „Nein, ich geh da nicht rein." Der Gedanke an so viele Vampire, erschreckte mich. Jack drehte sich um: „Vertrau mir! Niemand wird dir etwas tun. Du gehörst nun zu mir."

„Was meinst du?" Er fasste an meinen Hals: „Deswegen. Ich habe dich markiert und keiner macht mir mehr dein Blut streitig." Natürlich, die Bisswunde von vorhin. Dann zog er mich zur Tür: „Also, bau deine Mauer auf. Es wird anders sein, als bei euch." Der Türsteher beachtete uns kaum. Er passte nur auf, dass sich keine sonstigen Sterblichen rein verirrten.

Als wir eintraten, stolperte ich fast. Außer der Tanzbeleuchtung war es dunkel. Ich klammerte mich an Jacks Hand und ließ mich führen. Überall funkelnde Augenpaare. Ich konnte erkennen, dass es ebenfalls voll war. Nun standen wir an der Theke der ehemaligen Bar, wo ein bläuliches Licht brannte. Zögernd blickte ich mich um. Das hier wäre ein Paradies für Single-Frauen. So viele hübsche Männer. Alle hatten diese markanten Züge und die faszinierende Aura. Ich beobachtete einige auf der Tanzfläche. Dort war wenigstens Licht. Es war ungewohnt den Schimmer in Jacks Augen zu sehen. Blaugraue Iris, wobei das Blau gerade überwog. Jetzt lächelte er und seine Zähne leuchteten fast im Schwarzlicht. Ob es hier auch Alte gab?

„Jack, befindet sich einer der Älteren hier?"

Nein, ich denke nicht. Die bevorzugen andere Clubs.

Wie alt sind sie hier so?‘, wollte ich wissen.

Sprich weiterhin mit deiner Stimme, sonst hören es die anderen. Du kannst flüstern, ich versteh dich trotzdem. Nun, die meisten sind unter hundert. Ansonsten so ungefähr, wie ich.‘

Ein attraktiver Jüngling stand auf einmal neben Jack und sie unterhielten sich anscheinend schon, als ich noch einige unsterbliche Männer beobachtet hatte. Der Typ streifte mich ab und zu mit seinem Blick und Jack schüttelte immer wieder leicht den Kopf. Mir war klar, dass es um mich ging. Schließlich zuckte der Fremde mit den Schultern und trollte sich.

„Was wollte er?" Jack grinste verschlagen: ‚Ne Anmache! Und ob ich dein Blut mit ihm teilen würde. Zum Anheizen!‘ „Läuft das so bei euch?", fragte ich skeptisch.

‚Ja. So, wie ihr euch auf nen Kaffee nach dem Date einladet.‘

„Stehst du überhaupt auf Männer?" Er blickte über die Menge: ‚Manchmal. Wenn du nicht dabei wärst, wäre ich darauf eingegangen. Dann hätte er jemanden besorgt. So ist es üblich. Derjenige, der einlädt, hat die Getränke.‘ Ich betrachtete ebenfalls die Leute: „So, so."

Die morgige Jagd kam mir in den Sinn. Einerseits war mir mulmig, andererseits konnte ich es nicht erwarten. Die Neugierde siegte über meine Moral. Mein Blick verharrte auf einem Paar, das sich leidenschaftlich küsste. Aus ihren Mundwinkeln sickerte Blut. Ich nahm Jacks Hand in meine, drängte mich an sein Becken und küsste seine Wange. Unsere Lippen trafen sich und er schob mir seine Zunge hinein. Da biss ich, so fest ich konnte, darauf und als ich Blut schmeckte, überkam mich eine ungeheure Wärme. Seine Hose beulte sich sofort aus, er ächzte erregt und übermittelte mir: ‚Saug daran.‘ Das tat ich und das Wärmegefühl wurde intensiver. In meinen Gliedern kribbelte es leicht und ich war auch sehr erregt. Ich spürte Jacks Hand zwischen meinen Schenkeln, mit der er mich streichelte. Die Stromstöße kamen wieder und ich stöhnte wollüstig. Zum Glück war die Musik so laut. Meine Finger öffneten seine Hose und ich umfasste das kühle Teil, aber Jack zog mich weg:

Bitte nicht! Ich verlier sonst die Beherrschung.‘

„Ich bin aber so scharf auf dich", flüsterte ich ihm ins Ohr.

Gedulde dich bis morgen!

Ach, das war schwer. Jack wollte schließlich gehen, damit es nicht auffiel, dass er mich nicht gleich hier vernaschte.

 

Wieder in der Villa, wollte ich gleich zu Bett. Eigentlich war ich sehr müde, aber als er mich vor meiner Tür küsste, war es abermals um mich geschehen. Er knetete meinen Hintern und ich zerrte ihm die Jacke von den Schultern. Ich konnte es gar nicht abwarten, sein festes Fleisch unter den Fingern zu spüren. Aber er bremste mich: „Gute Nacht, Süße!" Ich erkannte an seinem Schoß, dass er hart war. „Legst du jetzt selbst Hand an?" Jack lachte: „Nein, das haben wir nicht nötig. Wenn ich dieses Bedürfnis habe, dann suche ich mir jemanden dafür."

„Lorraine?" Er schmunzelte: „Vielleicht." Damit verschwand er. Mich verletzte es, dass er sich bei ihr abkühlte.

Gespannt erwartete ich den Abend. Ich sollte Jack bei der Jagd begleiten. Das machte mich ganz aufgeregt. Würde ich das durchstehen zuzusehen, wie jemand zuckend in seinen Armen lag und langsam das Leben entwich? Auf jeden Fall würde er mein Gemüt nicht schonen. Er wollte mich schockieren. So gut glaubte ich, ihn bereits zu kennen. Ich erinnerte mich an die Filme von trinkenden Unsterblichen, die von Kollegen gemacht worden waren. Sie dienten bei den Neulingen als Warnung, den Vampiren nie zu nahe zu kommen.

Jack betrat das Kaminzimmer, wo ich auf ihn gewartet hatte. Ich sah seine Veränderung sofort. Das bleiche Gesicht mit den hohlen Wangen und den farblosen Lippen. „Na, bist du bereit?" Ich nickte und erhob mich: „Ja, klar." Er griff mit seiner kalten Hand nach meiner und führte mich hinter das Haus.

„Warum?" Er erwiderte: „Halt dich nun gut an mir fest." Ich umarmte also seinen Oberkörper und er meinen. Dann fuhr es in meine Eingeweide, ich spürte starken Wind um mich und kurze Zeit später, blickte ich auf das Anwesen aus der Luft. Wie überwältigend!

Dann kam der Wind wieder und alles verschwamm. Ich lehnte mein Gesicht an seine Brust, die Luft zerrte an meinen Haaren und in meinem Bauch kribbelte es. Allmählich hörte ich den Straßenlärm. Wir waren über London und er wurde langsamer. Ich bewunderte die beleuchtete Stadt aus dieser Perspektive: „Das könnte die ganze Nacht so weitergehen." Jack entgegnete: „Für mich ist es nichts Besonderes mehr. Schön, dass es dir gefällt. Ich gehe jetzt runter." Er suchte eine Stelle, die von Menschen gerade nicht gesehen wurde. Wir setzten in einem Hinterhof auf und gingen zur Straße. Immer wenn uns Leute entgegenkamen, musterte ich ihn, um eine Reaktion zu sehen, aber nichts geschah. Wen suchte er?

„Ich finde zufällig den Richtigen. Meistens kommen sie zu mir."

„Das heißt, du tötest heute einen Mann?" Er nickte. Ich fragte weiter: „Wie empfindest du eigentlich meine Nähe? Musst du dich sehr unter Kontrolle halten?" Jack lächelte gequält: „Ich konzentriere mich nicht auf deine inneren Geräusche. Ich höre zwar deinen Puls, aber ich lasse mich nicht darauf ein. Ich bin auch schon älter."

 

An der Themse blieb er wie angewurzelt stehen und starrte in eine bestimmte Richtung. Ich sah nichts, aber ich wusste, dass er ihn gefunden hatte. Jack schürzte die Oberlippe. So nahmen sie Witterung auf, wie flehmende Tiere. Dann schritt er langsam weiter und nun sah ich den Mann. Mittleres Alter, dunkle Haare, stämmig und in einen schwarzen Mantel gehüllt. Jack deutete mir an, stehen zu bleiben: ‚Wenn ich ihn nehme, kannst du näherkommen.‘

Der Sterbliche lehnte am Geländer und starrte auf das Wasser. Er bemerkte Jack nicht, der sich lautlos von hinten näherte. Der Unsterbliche legte eine Hand auf die Schulter des Kerls. Daraufhin fuhr der erschrocken herum und schrie auf, als Jack fauchend seinen Hals packte. Ich sah die entsetzt aufgerissenen Augen und wie er auf die Schultern des Vampirs einschlug. Jack bewegte sich nicht. Er trank, aber ich sah ihn nur von hinten. Da ertönte seine gedankliche Stimme: ‚Komm her! Er kriegt jetzt nicht mehr viel mit.

Als ich einen Meter neben ihm stand, ließ er kurz von dem Mann ab. Der stöhnte und hatte die Augen halb geschlossen. Aus der Wunde floss ziemlich stark sein Blut und Jacks Mund war damit beschmiert. Dann schlug er seine Zähne abermals in die Verletzung und riss sie weiter auf. Der Mann zuckte dabei. Jacks Lippen umschlossen die Wunde und lösten sich erst, als das Opfer schon schlaff in seinen Armen hing. Er war bereits tot. Jack atmete heftig, hatte die Augen geschlossen und ich sah die Wandlung an ihm. Rosige Wangen, rote Lippen und sein Gesicht wurde wieder fülliger. Er setzte nochmals an und nach weiteren Minuten war er fertig.

Er lehnte sich erschöpft ans Geländer und kostete seinen Rausch aus. Dabei hielt er den Toten noch mit einer Hand fest.

Ich fragte mich, was gerade in ihm ablief. Er war total weggetreten, hatte die Augen zu und atmete immer noch heftig. Langsam beruhigte er sich und ich wusste nicht, was ich dabei empfunden hatte. Zumindest keine Abscheu gegen ihn. Er sah mich mit seinem blutverschmierten Gesicht an: „Und?"

„Es war nicht neu für mich. Wir besitzen einige Aufnahmen davon, aber live ist es doch etwas anderes. Ich bin nicht schockiert. Irgendwie hatte es auch was Faszinierendes. Doch ich bin mir der Ehre bewusst, dass du mich so nah rangelassen hast." Er leckte sich die Lippen: „Eine Forscherin durch und durch. Du analysierst alles." Ich wandte mich dem Fluss zu: „Das ist mein Job."

„Küss mich, Jessica!" Ich deutete auf seinen Mund: „Erst, wenn es weg ist."

 Jack holte ein Tuch aus der Jackentasche, um alles abzuwischen. Dann packte er den Körper, der inzwischen am Boden lag, an der Kleidung und zog ihn wieder hoch. Ich sah skeptisch auf die Leiche, während Jack sich gegen mich presste. Sein Körper war jetzt so heiß. Er meinte: „Ich bin gleich wieder da!“ Mit diesen Worten spürte ich einen kurzen Luftzug und er war verschwunden. Ich konnte mir schon denken, dass er senkrecht mit dem Toten in die Luft geschossen war, um ihn irgendwo zu vergraben, oder sonst irgendwie zu verstecken. Ich blickte in den Himmel, aber konnte ihn nirgends entdecken.

Dann lehnte ich mich an das Metallgeländer und betrachtete den dunklen Fluss und das andere Ufer.

Während ich so in Gedanken versunken aufs Wasser starrte, hörte ich neben mir plötzlich ein leises Scharren und fühlte abermals einen Luftzug. Jacks Stimme hauchte in mein Ohr: „Lass uns heimkehren!“ Ich drehte mich zu ihm um: „Aber nicht so, wie letztes Mal. Ich will nicht noch einmal zwei Wochen kaum sitzen können." Er küsste meine Lippen: „Natürlich nicht. Da wollte ich nur deine Kondition testen. Heute sollen wir beide, Spaß haben." Unsterbliche Männer waren sehr ausdauernd und unersättlich für Menschen.

 

Diesmal landeten wir in einem anderen Schlafzimmer, als meinem. Das Bett war riesig. Eine richtige Spielwiese. Jack war so wunderbar. Ich war süchtig nach seinem samtigen, zarten Körper. Kein sterblicher Mann konnte ihm das Wasser reichen. Das war nun mein Fluch. Sex mit meiner Art würde mir nie mehr genügen. Nach unserer Liebelei stand plötzlich Lorraine nackt im Zimmer. Sie kletterte zu Jack auf das Bett und ab da war ich vergessen. Ich stand auf, zog mich an und blickte auf die zwei verschlungenen Leiber, die sich gegenseitig ihr Blut von der Haut leckten. Er gestand mir noch, dass er gern mit sterblichen Frauen nach der Jagd, das Bett teilte. Er genoss ihre warmen, weichen, duftenden Körper. Als ich fragte, ob ihn unsere körperlichen Makel nicht abstießen, meinte er: „Ich suche mir schon hübsche Frauen aus, aber mir ist es gleichgültig, ob ihre Schenkel zu dick oder der Bauch nicht so flach ist. Mich interessiert mehr ein schönes Gesicht und Haare, so wie bei dir. Deine dunkelroten, langen Haare und die grünen Augen gaben mir den Ausschlag, dein Begehren zu erwidern. Dein Körper ist jedoch ebenfalls schön."

„Du schmeichelst mir."

„Nein, ehrlich!"

Damit endete mein Abenteuer mit Jack. Er brachte mich am nächsten Abend zum Flughafen und schickte mich mit seinem Privatjet nach San Francisco zurück. Ich würde ihn vermissen.

 

 

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