2000- At Death´s Door

Der Tod ist, selbst wenn er uns auf immer das Bewusstsein raubt, ein köstlich Ding; ein traumloser fester Schlaf selbst ist den glücklichsten Lebenstagen vorzuziehen.

 

                                                                                                                          - Sokrates

 

Eine zarte, frische Brise empfing sie, als sie auf den Balkon trat, der zum weitläufigen Garten hinausging. Der Wind fuhr durch ihre Haare und über ihre Haut. Wie mechanisch wanderte ihr Blick zum Himmel. Vereinzelt brach die Sonne durch dichte, schwere Wolken, die einen Regenschauer ankündigten. Ophelia Cecilia Dahlia Monroe sog gierig die würzig duftende Luft ein. Für sie war es der Duft der Freiheit, der es ihr ermöglichte ihre Gedanken, die sonst in einem eisernen Käfig eingesperrt waren, freien Lauf zu lassen. Nur hier draußen konnte sie ungezwungen sein. Hier war sie Ophelia.

Es folgte ein weiterer, erleichterter Atemzug, ehe sie kurzerhand auf die zehn Zentimeter breite Balkonbrüstung stieg und zu balancieren begann, was sie sogleich an ihre Turnstunden erinnerte, in denen sie oft auf dem Schwebebalken gestanden hatte. Sie dachte an ihr hartes Training und ihren strengen Trainer, der ihr alles abverlangt hatte. Sie hatte Disziplin, Fanatismus und Perfektion erlebt, wie Zuhause. Sie dachte daran, wie sie einmal unkonzentriert gewesen und neben den Balken getreten war. Damals war sie, nach ihrem Gefühl, in Zeitlupe zu Boden gestürzt und so unglücklich auf ihrem rechten Knöchel gelandet, dass sie sich diesen zweimal gebrochen und zusätzlich einen Bänderriss zugezogen hatte.

Noch heute erinnerte sie sich an die Schmerzen, die sie erlitten, aber natürlich nicht gezeigt hatte. Was hätte sie sich anhören müssen, wenn sie geweint oder geschrien hätte!

In ihrer Familie wurde Schwäche nun mal weder toleriert, noch akzeptiert. Schwäche war unter den Monroes eine Krankheit, von der man nicht geheilt werden konnte, wenn man sich einmal mit ihr infiziert hatte. Also hatte sie es stets vermieden sich in diesem Zustand zu zeigen.

Ophelia schüttelte wild den Kopf, um diese Art von Gedanken zu verscheuchen. Sie wollte nicht am einzigen friedlichen Ort in diesem Haus an das denken, was sie täglich zu erdulden hatte.

Um sich abzulenken, vollführte sie aus dem Stand mutig einen Rückwärtssalto und landete anschließend wieder sicher auf der Brüstung. Triumphal lächelte sie. Sie hatte nichts verlernt.

Welche Verletzungen und Schmerzen werde ich wohl davontragen, wenn ich in die Tiefe springe? Fragend, aber auch sehnsüchtig, schaute sie nach unten. Dort erstreckte sich das riesige Blumenbeet, das ihre Mutter vor einigen Wochen von sechs Gärtnern hatte pflanzen lassen und Ophelia absolut scheußlich fand.

Ihre Mutter hatte jedoch schon immer einen schlechten Geschmack in Punkto Blumenarrangement besessen. Sonst bewies Annabelle Monroe in jeder Hinsicht Stilsicherheit, doch in diesem Fall hatte sie wieder einmal eindeutig daneben gegriffen. Automatisch schlich sich ein spöttisches Grinsen auf ihre Lippen. Deine perfekte Fassade bröckelt, Mutter. Daran musst du arbeiten und pass bloß auf, dass dich niemand durchschaut, denn die Folgen für dich wären verheerend.

Leise kicherte sie vor sich hin, während ihre blau-grünen Augen erneut an dem weit entfernten, fast schon einladenden Boden hingen. Es ist so einfach: nach vorne lehnen und loslassen. Dann bin ich Geschichte.

Ihr Grinsen wurde noch ein Stückchen breiter.

Der Gedanke über Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: Mit ihm kommt man gut über manche böse Nacht hinweg. War es Zufall, dass ihr in diesem Moment ein Zitat von Friedrich Nietzsche in den Sinn kam?

Wahrscheinlich nicht, denn das Schaffen des deutschen Philologen hatte sie geprägt, seit sie vor drei Jahren die ersten Zeilen von ihm gelesen und so ihre Faszination für ihn entdeckt hatte. In vielen seiner Worte fand sie Parallelen zu ihrem eigenen Leben, was tröstlich für sie war. Nietzsches Werke hatten ihr lange Zeit als Rückzugsort gedient; als eine fremde Welt, in die sie fliehen konnte und sich sicher fühlte, denn sie war der festen Überzeugung, dass sie nur Erlösung fand, wenn sie starb. Der 13-Jährigen erschien in vielen Momenten die Seite des Todes recht reizvoll.

Mein Freund, der Tod. Du bist stets an meiner Seite und bringst mich in Versuchung; lockst mich mit Freiheit und Zuflucht. Was wäre es für ein Gefühl, deinen eisigen Hauch auf meiner Haut zu spüren und frei zu sein? Hach, in deinen Armen zu liegen ist mein Herzenswunsch; meine Erfüllung. Hol mich zu dir! Hol mich in deine Welt, nach der ich mich so lange sehne!

Lass mich mächtig und stark sein. Lass mich meinen Schmerz vergessen. Seit meiner Kindheit bestimmt du meine Gedanken; bist der Herrscher über meine Seele und mein Herz.

Ich will mein Leben hinter mir lassen; meine Eltern, die mich seit meiner Geburt hassen und die ich hasse. Mein Leben zerstört mich, jeden Tag ein bisschen mehr. Ich bin nicht dazu geboren, geliebt und beschützt zu werden. Mein Schicksal ist es in tiefster Finsternis zu wandeln und keine Ruhe zu finden; Qualen und Erniedrigungen zu ertragen, ohne Aussicht auf Rettung. Das glaubte ich, bis du mir einen anderen Weg zeigtest. Einen Ausweg aus meinem Leben; aus meiner persönlichen Hölle. Du wirst eines Tages mein Retter sein; mein Erlöser.

Die Dunkelhaarige lehnte sich, wie fremd gesteuert, nach vorne; Millimeter für Millimeter. Sie spürte, wie ihre dünnen Beine nachgaben und… fing sich im letzten Moment, ehe sie tatsächlich abstürzte. Mit zittrigen Knien und hektisch atmend stieg sie von der Brüstung. Ihre Sucht nach dem Tod war mächtig, doch irgendetwas in ihr schien sie davon abzuhalten zu wollen ihrem Leben ein Ende zu setzen. Was dieses Etwas war, konnte sie allerdings nicht sagen.

Vielleicht war Ophelia ihr Leben mehr wert; ihr Selbsterhaltungstrieb stärker, als von ihr gedacht. Dabei gab es in ihren Augen eigentlich nichts, was es wert war dafür weiter zu leben.

Allen voran machte ihre häusliche Situation mit ihren Eltern jeden einzelnen Tag ihres Lebens zur Hölle.

Eltern. Ein eiskalter Schauer fuhr ihr über den Rücken. Gemeinsam erschaffen sie ein Kind. Sie nähren, beschützen und lieben es. Sie würden sogar ihr eigenes Leben für ihr Kind geben.

Aber manche Eltern, so wie ihre, schaufeln das Grab ihres Kindes, nachdem sie es jahrelang gequält haben. Es beginnt schon in den ersten Lebensjahren. Zuerst öffnen sie den Brustkorb und stechen präzise ins Herz, aber das ist noch lange nicht alles. Eltern spalten den Schädel und bohren Löchern ins Hirn. Wie Mediziner praktizieren sie, gehen methodisch und geschickt vor. Fehlerfrei sezieren sie den Körper und legen dabei jede Schwachstelle frei, die sie genaustens betrachten.

Sie vernichten die Seele und formen den Charakter nach ihren abstrusen und abtrünnigen Vorstellungen. Es ist zwecklos sich zu wehren. Die Kräfte reichen nicht aus, um dem schaurigen Kabinett des Wahnsinns zu entfliehen. Jeglicher Widerstand ist verlorene Müh und beraubt einen der Illusion, selbst über sein Leben entscheiden zu dürfen.

Denn die Fesseln der Abstammung halten einen gefangen und eröffnen keinen Freiraum. Die persönliche Entfaltung steuern die Eltern. Sie bestimmen den Werdegang; die Zukunft. Man kann ihnen nicht entkommen. Die Gene sind das wuchtige, tonnenschwere Kreuz, das ein jeder auf seinen Schultern trägt und zu Boden drückt. Man landet im Dreck und kraucht herum, auf der Suche nach einem Ausweg. Man will seinem Schicksal entfliehen, doch es packt dich und lässt dich nicht mehr los.

Also ist man hilflos den täglichen Peitschenhieben der Erziehung ausgeliefert, die wie ein liebgewonnenes Ritual erfolgen. Schließlich soll man nicht vergessen, wer das Sagen hat; wer die Kontrolle sein Eigen nennen darf. Der Herrscher muss seine Stellung untermauern und dem Untergebenen zeigen, wo sein Platz ist.

So vergehen Jahre unter grausamer Folter und endlosen Erniedrigungen. Zuerst sind die Qualen unerträglich. Knochen brechen, Blut spritzt, Tränen fließen. Unvermeidliche Blessuren, die bald der Normalität angehören. Sie brechen über dich herein wie ein tobender Sturm, der wieder abflaut.

Man spürt, wie die Wunden heilen, die seelischen Risse bleiben jedoch als unsichtbare Narben zurück. Narben, die einen zeichnen und zu dem machen, wer man ist. Sie sind Spuren der Kämpfe, die man ausgetragen und überlebt hat.

Was dich nicht umbringt, macht dich stärker, pflegte ihr Großvater Christopher Monroe stets von sich zu geben. Ein alter, abgedroschener Spruch, keine Frage, allerdings enthielt er auch die Wahrheit. Ophelia Monroe zeigte bereits seit ihrem sechsten Lebensjahr eine unvorstellbare Zähigkeit. Andere Menschen hätten bereits nach wenigen Wochen aufgegeben und zwar mit einem gebrochenen Willen. Sie aber schien von Natur aus dafür geschaffen zu sein jegliche Strapazen zu ertragen, um nur noch stärker daraus hervorzugehen.

Die Dunkelhaarige lächelte bitter. Ihr war durchaus bewusst, dass sie so ganz anders war; ganz anders aufwuchs, als andere Mädchen in ihrem Alter. Sie bekam zu spüren, dass sie nicht erwünscht war. Sie bekam zu hören, dass ihre Existenz ein großer Fehler war. Ihre Eltern verachteten Ophelia, allen voran ihr Vater Nathaniel, der sie nach seinem Willen und zu seinem Vergnügen misshandelte, um ihr zu verdeutlichen, was er von ihr hielt. Für ihn war sie sein Besitz, mit dem er machen konnte, was er wollte; ein Spielzeug, das er zur Hand nahm, wenn ihm langweilig oder er wütend war.

Bei diesen Gedanken kam wie von selbst ein melancholischer Singsang über ihre Lippen und wurde vom Wind lautlos davongetragen, als wisse er, dass dieses Gedicht von niemandem, außer ihr, gehört werden sollte. Es war nur für ihre Ohren bestimmt:

 

Antik, verziert, schön anzusehen,

kann man unmöglich an ihr vorübergehen.

Aufziehen und die Melodie beginnt,

die Ohren sind den zarten Tönen wohlgesinnt.

 

Blass, dünn und mit braunem Haar,

Drehung um Drehung, einfach wunderbar.

Die Ballerina tanzt in Perfektion,

ignoriert die drohenden Strafen und den Hohn.

 

Gehorsam treibt die Spieluhr an,

stets konzentriert, rotiert sie wie im Bann.

Gelähmt durch Furcht, beherrscht von Wut,

fließen die Tränen in starker Flut.

 

Stahlblaue Augen folgen ihr unentwegt und starr,

emotionslos und abschätzig, die Sicht ist klar.

Der Spielmacher besitzt grenzenlose Macht,

bloß ein einziger Fehler und der Hass wird entfacht.

 

Ein Schlag erfolgt, das Porzellan zerbricht,

ein tiefer Riss zeigt sich auf dem hübschen Gesicht.

Stärke und Gewalt präsentiert der eisige Herr,

die Ballerina schwimmt im blutigen Meer.

 

Tyrannisch spottet er über ihre Schmerzen,

Kälte und Härte wachsen in ihrem Herzen.

Verärgert über den wilden, neuen Zorn,

startet er die amüsante Show stets von vorn.

 

Immer und immer wieder murmelte sie diese Verse vor sich hin, als wolle sie sich damit in den Schlaf wiegen. Ophelia stützte ihre Unterarme auf die Brüstung und schaute betrübt und schwermütig in die Ferne. Am Horizont zog ein Vogelschwarm seine Kreise, während die ersten Regentopfen des einsetzenden Schauers auf ihre nackten Schultern fielen.

Binnen von Sekunden war sie bereits nass bis auf die Knochen, aber sie dachte nicht daran ins Haus zu gehen. Sie brauchte mehr Zeit in Freiheit. Sie wollte noch nicht in ihr Gefängnis zurückkehren. Das Gefängnis, das irgendwann ihren Untergang bedeuten würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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