2001- The Beast Inside

Die Folter des schlechten Gewissens ist die Hölle einer lebenden Seele.

 

                                                                                                                    - John Calvin

 

Wo bleibt das verfluchte Wasser?

Hektisch drehte sie am Hahn und schaute panisch zum großen, runden Duschkopf.

„Warum kommt es nicht?“, heulte sie verzweifelt und schlug mit der flachen Hand gegen die glatten, kalkweißen Fliesen.

„Nun mach schon!“

Sie befand sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs, als sie endlich die ersten Tropfen auf ihrer Haut spürte. Emilia McDermott überkam eine Woge der Erleichterung. Das Wasser würde sie reinigen; es würde alles wieder gut machen. Auf ihren Lippen breitete sich ein überzeugtes Lächeln aus.

Dieses fror augenblicklich ein, als ihre Augen zu ihren Unterarmen wanderten, wo sie es entdeckte: eingetrocknetes Blut. Es war aber nicht ihr Blut, das an Emilia haftete, als sei es ein Teil von ihr. Es gehörte dem Menschen, den sie getötet; dem sie das Leben genommen hatte und das für Geld.

Rabiat und gnadenlos begann sie damit, über ihre Haut zu reiben, bis diese an einigen Stellen aufriss. Es sollte einfach weg; für immer im Abfluss verschwinden und weggespült werden, wie die Erinnerungen an ihre Gräueltat. Sie glaubte tatsächlich fest daran, dass sie bloß das Blut entfernen musste, um sich besser zu fühlen und ihre Gewissensbisse loszuwerden.

Als sie jedoch merkte, dass sich das Blut, sowie ihr schlechtes Gewissen, nicht so einfach wegwischen ließen, steigerte sich ihre Verzweiflung in Hysterie.

Das Schluchzen, das ihrer Kehle entfleuchte, war krächzend und hoch. Wie im Wahn kratzte sie sich die Arme auf.

„Geh ab! Geh endlich ab.“

Die Blondine sackte kraftlos zu Boden, wo sie sich gegen die Wand lehnte, damit sie tief durchatmen und in aller Ruhe ihre zerstreuten Gedanken sammeln konnte. Unterdessen kroch eine Eiseskälte in ihre Knochen und ließ sie erzittern. Sie zog ihre Beine an und schlug die Arme eng um ihre Knie. Das heiße Wasser prasselte unablässig auf sie nieder, konnte sie jedoch nicht wärmen. Emilia fühlte sich leer und innerlich zerbrochen.

Starr blickte sie ins Leere, ohne etwas zu fokussieren und kaute apathisch auf ihrer Unterlippe herum, bis diese zu bluten begann. Blut. Überall ist Blut. Es verfolgt mich. Es überwältigt mich. Es beherrscht mich.

Heiße Tränen schossen ihr in die Augen und rannen ihre bleichen Wangen hinab. Es wird niemals verschwinden, denn von nun an ist es ein fester Bestandteil meines Lebens, kam sie zu dieser furchterregende Erkenntnis, die sie so sehr erschreckte, dass sie zusammenzuckte, mit dem Hinterkopf gegen die Fliesen stieß und für kurze Zeit rote Sterne sah.

„HILFE!“, schrie sie gequält, ehe sie sich auf den Boden legte und vor Schmerzen krümmte.

Es tut weh! Warum hört es nicht auf so verdammt wehzutun? Es waren jedoch nicht die Schmerzen ihres pochenden Schädels, die sie überforderten, es war die tonnenschwere Schuld, die auf ihren Schultern lastete.  

Was habe ich denn erwartet? Dass ein Mord spurlos an mir vorbeigeht? Nur, weil ich…weil ich mich überwunden habe? Weil ich abgebrüht genug war? Der Schwall an bitteren Tränen ergoss sich unaufhörlich über ihr Gesicht. Das ist der Preis für die Wahl, die ich getroffen habe. Und diesen Preis werde ich bis zum Ende meines Lebens zahlen…

Augenblicklich lief vor ihrem inneren Auge ihr erster Auftrag ab. Emilia hatte sich in die Stammbar ihrer Zielperson begeben, die im Stadtzentrum lag. William hatte sie dorthin geschickt, damit sie ihn beobachten und den richtigen Moment für seine Tötung abpassen konnte.  

Sie war nervös gewesen; sie war ein wahres Nervenbündel. Den ganzen Abend hatte sie mit erhöhtem Puls und weichen Knien an der Theke gesessen und die Eingangstür nicht aus den Augen gelassen, da sie befürchtete sonst seine Ankunft zu verpassen. Dabei durfte ihr kein Fehler unterlaufen. Sie musste William beweisen, dass sie bereit war und er sich auf sie verlassen konnte.

Also hatte sie ungeduldig gewartet, ganze zwei Stunden, dann war er aufgetaucht: Alexander Callaghan. Seinen Namen würde sie niemals vergessen, genauso wenig wie sein Aussehen, denn jedes Merkmal hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Er war ein recht kleiner Mann, Ende Zwanzig mit tätowierten Armen und dunklen Haaren, die zu einem Undercut rasiert waren. Sein breites Lächeln, mit dem er die Bar betreten und einige Bekannte begrüßt hatte, war verschlagen und heimtückisch gewesen, was der Blondine gezeigt hatte, dass man sich vor ihm in Acht nehmen musste.

Bevor er ihre bohrenden Blicke hatte bemerken und dadurch misstrauisch werden können, waren ihre Augen hastig von ihm auf die Theke geschweift. Zwei weitere Stunden waren vergangen, in denen er eine Unmenge an Bier getrunken und Billardrunde um Billardrunde gespielt hatte. Emilias blaue Augen hatten unaufhörlich an ihm gehangen, bis der Augenblick gekommen war, auf den sie gewartet hatte: Alexander Callaghan verließ alleine die Bar. Emilia hatte jedoch keine Zeit für weitere Bedenken gehabt, da sie ihm hinterher musste.

Unauffällig hatte sie sich nach Stunden von ihrem Barhocker erhoben und war ihm nach draußen gefolgt. Es war kurz nach Mitternacht gewesen. Kühle, klare Luft war ihr um die Nase geweht und hatte ihren Verstand geklärt. Lange hatte sie dieses Gefühl der Freiheit aber nicht genießen können, da ihre Zielperson um die nächste Ecke verschwunden war. Aus Angst, ihn aus den Augen zu verlieren und ihren Auftrag zu verpatzen, war sie eilig hinter ihm her in eine schmale Gasse gehastet. Diese war, bis auf sie und ihn, verlassen gewesen.

Alexander Callaghan hatte zu ihrem Glück rauchend an einer Backsteinwand gelehnt, während er geschäftig auf seinem Handy herumtippte. An seiner entspannten Körperhaltung hatte sie erkannt, dass er sich sicher fühlte und nichts von der drohenden Gefahr ahnte.

Emilia hatte ihre Gedanken sortiert und sich konzentriert, bevor sie sich ihm entschlossenen Schrittes genähert hatte. Noch immer hatte er hypnotisch auf den Display seines Telefons geglotzt und kein Auge für seine Umgebung gehabt. Seine Unachtsamkeit hatte sie als ihren großen Vorteil gesehen, den es zu nutzen galt.

Mit der rechten Hand hatte sie in ihre Handtasche gegriffen und nach der Waffe gefischt, die William ihr gegeben hatte. Es war die Waffe, mit der sie die vergangenen Wochen tagtäglich das Schießen geübt hatte. Sie hatte Fortschritte gemacht, keine Frage, aber war dies genug? Diese Frage hatte sie gequält, bis der junge Mann seinen Kopf plötzlich gehoben und ihre Anwesenheit bemerkt hatte.

Was bist du denn für ein kleines, hübsches Vögelchen?, war seine erste Reaktion auf sie gewesen. Emilia war stumm geblieben, denn sie hatte befürchtet, dass ihre Stimme unsicher und zittrig klang.

Ob sie sich verlaufen habe, war seine nächste Frage, die sie ihm ebenfalls nicht beantwortete. Ihre Verschwiegenheit hatte ihn aber nicht gestört, es hatte sogar den Anschein gehabt, dass sie ihn amüsierte.  

Dann hatte er sich anzüglich grinsend in den Schritt gegriffen und wissen wollen, ob er ihr „helfen“ könne.

Als sie weiterhin schweigend und wie angewurzelt in der Gasse gestanden hatte, war er auf sie zugekommen. Meter um Meter hatte er die Distanz zu ihr verringert, dabei hatte sein Grinsen von anzüglich zu teuflisch gewechselt. Sie hatte gewusst, dass es ernst wurde und Alexander Callaghan nicht davor zurückschreckte sie anzugreifen.

Zu Emilias Überraschung hatte sie jedoch keine Angst gehabt, stattdessen hatte sie eine Emotion verspürt, die sie in ihrem Inneren nicht für existent gehalten hatte: Herzlosigkeit. Vorher war sie sich absolut sicher gewesen, dass sie nicht in der Lage sein würde auf einen anderen Menschen zu schießen, doch als sie die Waffe gezogen und ihr Ziel anvisiert hatte, war sie völlig ruhig gewesen. In diesem Moment hatte sie genau gewusst, was zu tun war und William von ihr erwartete. Also hatte sie abgedrückt; eiskalt und ungerührt, und den ersten Schuss ihres Lebens sogleich versemmelt. Statt seines Kopfes hatte sie ihn an seiner linken Schulter getroffen. Alexander war durch den Schmerz in die Knie gegangen, was ihr die Zeit für einen zweiten Schuss gegeben hatte, der ihr noch deutlicher misslungen war, denn die Kugel war neben ihm im Boden eingeschlagen.

Anschließend war mit weiteren, in ihrem Fall katastrophalen, Schussversuchen Schluss gewesen, denn er hatte sich aggressiv schnaubend und mit gefletschten Zähnen aufgerappelt und war wild geworden auf sie zu gerannt. Dabei war frisches Blut aus seiner Schusswunde seinen linken Arm entlang gelaufen und auf seine schwarze Jeans getropft.

Emilia war reflexartig zurückgeschreckt und hatte panisch versucht die Waffe zu heben, doch Alexander war schneller gewesen. Roh hatte er ihr Handgelenk gepackt und versucht ihr heftig fluchend die Waffe zu entreißen. Ihre Kräfte waren immenser gewesen, als von ihr selbst erwartet, daher hatte der Kampf um die Oberhand; der Kampf um ihre Waffe eine gefühlte Ewigkeit angedauert. Die Schläge, mit denen er sie währenddessen traktiert hatte, waren trotz der Überdosis Adrenalin in ihrem Körper überwältigend gewesen. Sie hatten Emilia betäubt und ihr den Atem geraubt. Sie hatte geglaubt, dass er ihr sämtliche Knochen brach. Dennoch hatte sie nicht aufgegeben und die Waffe nicht losgelassen, denn ihr war bewusst gewesen, dass, wenn er sie in die Finger bekam, ihr Leben vorbei sein würde.

Irgendwann, sie hatte selbst nicht gewusst wie, war es ihr gelungen die Waffe in ihrer Hand zu drehen und den Lauf gegen Alexanders Schläfe zu pressen. In diesem Moment hatte sie nicht eine Sekunde gezögert und abgedrückt. Die Kugel hatte mit gewaltiger Kraft ein Loch in seinen Schädel gerissen. Die linke Seite seines Kopfes war förmlich vor ihren Augen explodiert. Warmes Blut und klebrige Hirnmasse waren ihr ins Gesicht und auf ihre Kleidung gespritzt, bevor er tot vor ihren Füßen zusammengesackt war. Das war das ausschlaggebende, grausame Erlebnis, dass ihre fehlende Empathie verdrängt und Platz für den Schock ihres Lebens gemacht hatte. Sie, Emilia McDermott, hatte unwiderruflich ein Leben ausgelöscht…

Krampfartige Schmerzen überfielen sie, während sie wimmernd und weinend auf den Fliesen ihrer Dusche kauerte und sich vom Wasser berieseln ließ.

Ich habe mich nie für einen seelenlosen Menschen gehalten. Ich habe mich stets einfühlsam, freundlich und gnädig erlebt. Immerhin haben mir meine Eltern diese und andere wichtige Werte beigebracht. Sie haben mich zu einem guten Menschen erzogen, aber sie haben das Böse in mir übersehen. William hingegen hat bereits bei unserer ersten Begegnung das Monster erkannt, das in mir schlummert. Das Monster, von dem ich selbst nichts ahnte. Anscheinend ist er ein talentierter Mann, der mit einem Spürsinn für wahnsinnige Charaktere ausgestattet ist.

„Und ich gehöre in Williams Kreis der mordenden Irren“, murmelte sie deprimiert vor sich hin.

„Mom…Dad.“ Die Stimme der Blondine brach beinahe ab. „Bitte verzeiht mir meine Schande.“

 

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