22. Türchen

Draco Malfoy war nicht der Mann, der sinnlos im Kreis herumlief, wenn er über etwas nachdachte. Trotzdem war das genau das, was er in diesem Moment tat. Er musste diese ganze wütende Energie, die in ihm wohnte, einfach loswerden.

Granger hatte ihn einfach so abserviert. Hatte sich seinem Griff entzogen, gerade als er dachte, endlich am Ziel zu sein. Wie konnte irgendeine Frau so dermaßen von ihrem Verstand beherrscht sein, dass sie in so einer Situation einfach ihre Gefühle abschaltete und davonlief? Er hatte ihr eine Woche lang bewiesen, dass er ein guter Gesprächspartner war, und dann hatte er eine ganze Nacht lang damit verbracht, ihr zu beweisen, dass er ein guter Liebhaber war. Was bei Merlins pinker Unterhose verlangte sie noch von ihm?

Genervt von sich selbst blieb er stehen. Die letzte Woche über hatte er sie abends stets abgeholt, um sie zum Essen einzuladen. Er fragte sich, ob er das heute einfach erneut tun sollte. Sollte er einfach so tun, als wäre nichts geschehen? Er musste einfach einen Weg finden, sie wiederzusehen – und zwar am besten, bevor sie ihn offiziell im Falle der mysteriösen Vase aufsuchte.

Die Vase. Beinahe hätte er vergessen, was sie ursprünglich zusammengeführt hatte. Wie hatte er das vergessen können, wo doch all die Aufmerksamkeit, die er ihr geschenkt hatte, nur dem Zweck gedient hatte, sie von eben jener Vase abzulenken.

„Ich werde noch wahnsinnig mit der Frau“, fluchte er laut vor sich hin. Vielleicht wäre es das Beste, wenn er einfach aufgeben würde.

Er spürte sofort, dass er dazu nicht gewillt war. Im Gegenteil, kaum hatte er den Gedanken gedacht, begann ein anderer Teil seines Gehirns damit, nach einem Grund zu suchen, Hermine wieder auf ihrer Arbeit zu besuchen. Ein neuer Gedanke formte sich und plötzlich fing er an, selbstzufrieden zu grinsen. Das war ein genialer Einfall und würde Granger auf jeden Fall aus der Bahn werfen. Wenn er eine Sache gelernt hatte, dann, dass Granger immer viel zugänglicher war, wenn sie keine Zeit hatte, über irgendetwas nachzudenken oder man sie überraschte.

Lachend verließ er sein Schlafzimmer. Sie würde heute Abend definitiv ihr blaues Wunder erleben!

oOoOoOo

Müde rieb Hermine sich die Augen. Sie hatte in der Nacht nicht gut geschlafen und der lange Arbeitstag machte sich langsam bemerkbar. Wer kam nur auf die blödsinnige Idee, darauf zu bestehen, dass alle Ministeriumsangestellt am Montag, den 22. Dezember, noch einmal auf Arbeit kamen, nur um ihnen dann bereits am 23. freizugeben? Dieser eine Tag war vollkommen überflüssig, zumal die Produktivität aller Angestellten gen Null strebte. Zum Glück hatte sie in zehn Minuten Feierabend.

Ohne Vorwarnung schwang ihre Bürotür auf.

„Guten Abend, die Dame“, begrüßte ein übermäßig breit grinsender Draco Malfoy sie.

Stöhnend vergrub sie ihren Kopf in ihren Händen: „Was willst du hier?“

Sein Grinsen blieb: „Ich habe eine Überraschung für dich!“

Langsam erhob Hermine sich von ihrem Stuhl, zu ungeduldig, mit seiner arroganten Art zurechtzukommen: „Hatte ich mich nicht deutlich ausgedrückt? Ich habe kein Interesse an dir. Lass mich in Ruhe.“

Zu ihrer Überraschung verschwand sein Grinsen nicht, sondern wurde im Gegenteil noch eine Spur überheblicher, als er auf sie zu trat und ihr eine Hand auf die Wange legte: „Ach, Granger, du bist so süß. Glaubst du wirklich, ich bin so verzweifelt, dass ich dir nachlaufe?“

Sie errötete. Natürlich hatte sie genau das gedacht, aber jetzt, wo Draco es so ausdrückte, wurde ihr selbst bewusst, wie dumm und anmaßend dieser Gedanke war. Warum sollte ein Malfoy ihr nachlaufen? Sie war nicht der Typ Frau, für den er sich interessieren würde. Er hatte sie nur eine Woche lang zum Essen ausgeführt, um sie in sein Bett zu bekommen. Sie schämte sich, wie sie sich noch nie zuvor geschämt hatte. Sie war tatsächlich auf ihn hereingefallen, während sie versucht hatte, ihn um den Finger zu wickeln.

„Ich sehe, du kommst langsam wieder zu Verstand“, fuhr Draco triumphierend fort: „Ich bin wegen einer anderen Sache hier. Willst du wissen, warum?“

Mit zitternden Fäusten zwang Hermine sich dazu, ihren Stolz zu schlucken: „Ja. Spuck’s aus.“

Mit glänzenden Augen zog Draco eine Vase aus dem Beutel, den er hinter seinem Rücken versteckt gehalten hatte: „Ich habe dir das Objekt deiner Begierde gebracht.“

Hermine konnte ihn nur anstarren. Das ergab keinen Sinn. Das ergab einfach keinen Sinn. Die ganze Zeit hatte er sich so verhalten, als wolle er verhindern, dass sie die Vase fand, und nun brachte er sie ihr einfach?

„Damit hättest du nicht gerechnet, was?“, lachte Draco.

„Ich verstehe nicht … warum bringst du sie mir?“, fragte Hermine, völlig verwirrt und nicht minder misstrauisch.

Lächelnd beugte er sich zu ihr runter: „Das wüsstest du gerne, mh?“

Draco konnte seinen Triumph kaum vor ihr verbergen. Er hatte gewonnen und sie hatte verloren. Er hatte ihr gezeigt, dass er nicht wegen ihr hier war, sondern wegen einer offiziellen Ministeriumsangelegenheit. Und sie war direkt in seine Falle getappt und hatte angenommen, er wäre wegen ihr hier. Der einzige Grund, warum sie so denken würde, war, dass sie wollte, dass er wegen ihr herkam. Sie konnte es nicht länger leugnen: Sie interessierte sich für ihn mehr, als sie zugeben wollte.

Grinsend beobachtete er, wie Hermine ihm die Vase abnahm und sie mit hochkonzentriertem Blick untersuchte. Sie stellte sie auf ihren Schreibtisch, führte einige lautlose Zauber aus und nickte schließlich: „Das ist in der Tat die Vase, die ich gesucht habe. Also ist dein Großvater tatsächlich schuldig.“

Sein Grinsen schwand. Was hatte sie da gerade gesagt?

Mehrmals blinzelte er, dann fiel ihm auf, was genau er hier gerade getan hatte.

Er hatte Granger verführen wollen, um sie von der Vase abzulenken. Und jetzt hatte er sie ihr auf dem Silbertablett serviert? Welcher Wahnsinn hatte ihn dazu getrieben, das zu tun? Er konnte das Entsetzen über seine eigene Tat nicht verschleiern, ihm war bewusst, dass er Hermine mit riesigen Augen anstarrte. Er hatte sich den ganzen Tag so darauf gefreut, ihr unter die Nase zu reiben, dass er nicht wegen ihr, sondern wegen einer offiziellen Angelegenheit zu ihr ins Büro kam, dass ihm dieses winzige Detail, was genau er da tat, entgangen war.

Er war froh, dass sie noch mit der Vase beschäftigt war, denn so hatte er Zeit, seine Gesichtszüge zu kontrollieren. Das Kind war in den Brunnen gefallen. Es gab rein gar nichts mehr, was er tun konnte, um die Übergabe der Vase ungeschehen zu machen. Er konnte sich jetzt schon ausmalen, was seine Mutter dazu sagen würde.

Und dennoch.

Obwohl er das Gefühl haben sollte, sich und seine Familie gerade der Verdammnis ausgeliefert zu haben, war da ein kleines, aber sehr energisches Stimmchen in ihm, das ihn ablenkte. Eine Stimme, die seinen Blick auf Hermine ruhen ließ, die sich jetzt gerade mit einem unwahrscheinlich bezaubernden Lächeln aufrichtete. Einem Lächeln, das ihm galt. Unwillkürlich schlug sein Herz schneller.

„Danke“, sagte sie leise, noch immer lächelnd, aber ebenso noch immer verwirrt: „Ich kann dir nicht sagen, wie wichtig dieser Fall mir war. Danke, Draco.“

„Gerne“, hörte er sich erwidern, ehe er wusste, was er sagen sollte: „Ich wollte dir eine Freude machen.“

Verblüfft blinzelte Hermine einige Male, als könne sie nicht glauben, dass sie sich in der Realität befand, und Draco erwischte sich dabei, wie er dasselbe tat. Wo kamen diese Worte her? Wo kam dieser Drang her, sie einfach auf ihren Schreibtisch zu werfen und besinnungslos zu küssen?

Noch während er diesen Fragen nachhing, ging ihm ein Licht auf. Er musste wirklich viel Energie aufgewendet haben, dass er seine unterbewussten Gefühle so intensiv hatte unterdrücken können. Irgendwann im Laufe der letzten Woche hatte sich seine Meinung von Hermine Granger grundlegend geändert. Er hatte sie beinahe sein ganzes Leben lang gekannt, doch aus der Perspektive eines Mannes, der nicht von ihr verabscheut wurde, konnte er plötzlich nichts mehr finden, was ihn wirklich an ihr störte. Und die Samstagnacht hatte sein Schicksal endgültig besiegelt. Kein Wunder, dass er so unerklärlich wütend geworden war, als sie die Nacht als Fehler bezeichnet hatte.

Er hatte sich Hals über Kopf und entgegen jeder Rationalität in sie verliebt.

„Ich ... ich weiß das zu schätzen“, flüsterte Hermine da, „aber ich begreife nicht, warum?“

Er wusste die Antwort darauf, doch plötzlich erfasste ihn ein nie gekanntes Herzrasen. Die hatte die Nacht als Fehler bezeichnet. Sie wollte ihn nicht. Konnte er es wagen, sich vor ihr zu blamieren, und seine Gefühle aussprechen? Er war Draco Malfoy. Er war nicht der Typ Mann, der eine unerwiderte Liebe für eine Frau hegte. Und noch weniger gab er so eine Liebe zu.

Langsam, bedacht darauf, nicht zu viel von sich preiszugeben, erklärte er: „Du bist Sonntag einfach gegangen. Meintest, die Nacht wäre ein Fehler gewesen. Aber das war sie nicht. Ich will dir beweisen, dass es für mich nicht einfach nur irgendeine Nacht gewesen ist. Ich will dir zeigen, dass ich nicht bloß Sex will.“

Lange starrte ihn Hermine bloß an. Starrte ihn an aus ihren großen, braunen Augen und obwohl sie ganz offensichtlich nicht versuchte, irgendetwas vor ihm zu verbergen, hatte er doch keine Ahnung, was in ihrem Kopf vor sich ging. Und plötzlich blinzelte sie, ihr Blick veränderte sich und für einen Augenblick hatte er den Eindruck, als wäre irgendetwas in ihr zerbrochen. Er wappnete sich innerlich dafür, dass sie wieder einen Wutanfall bekommen würde oder in Tränen ausbrach, doch nichts dergleichen geschah.

Stattdessen trat sie entschlossen auf ihn zu, nahm sein Gesicht in beide Hände und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu geben.

Er zögerte keine Sekunde. Was auch immer gerade in ihr geschehen war, er würde sich ganz sicher nicht über dieses Ergebnis beschweren. Ihre Lippen waren genauso weich, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte, und die Art, wie sie sich freiwillig mit ihrem ganzen Körper an ihn presste, sandte Hitze in tiefer gelegene Körperregionen. Mit einem Knurren, das sich beinahe animalisch anhörte, wirbelte er sie herum und presste sie gegen die Wand ihres Büros.

Er unterbrach den Kuss, um ihr in die Augen schauen zu können. Sie schaute ihn mit wilder Entschlossenheit an, doch gleichzeitig meinte er, Tränen entdecken zu können.

„Hör nicht auf“, hauchte sie: „Was auch immer du tust, hör nicht auf, mich zu küssen!“

Nur zu gerne kam er dieser Aufforderung nach. Später war immer noch Zeit, der Ursache für ihre Tränen auf den Grund zu gehen, wenn sie jetzt geküsst werden wollte, er beschwerte sich nicht. Fiebrig ließ er seine Hände über ihren Körper wandern, riss an ihrer Bluse, um ihre Brüste freizulegen, während er spürte, wie sie ihre zarten Finger in seinen Haaren verkrallte. Sie küsste ihn mit einer Leidenschaft, ließ ihre Zunge über seine tanzen und seufzte dabei so hinreißend, dass nur der Gedanke, dass sie noch immer in ihrem Büro waren, ihn davon abhielt, sie auf der Stelle gänzlich zu verschlingen.

„Hermine, bist du für heute…“

Ihre Bürotür schwang auf und der wilde Haarschopf von Harry Potter erschien. Mehr als genervt über die Unterbrechung löste Draco sich von Hermine. Er wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, da spürte er, wie die kleinen Hände von Hermine ihn machtvoll von sich stießen.

„Oh Gott, Harry“, rief sie mit offensichtlichem Entsetzen aus: „Oh Gott … lass mich erklären, bitte, lass mich…“

Verständnislos beobachtete Draco, wie Potter sich mit vor der Brust verschränkten Armen vor Hermine aufbaute: „Ist das der Grund, warum du Zeit brauchst? Wegen ihm? Du lässt mich sitzen … für Malfoy?“

Scharf sog er die Luft ein und packte Hermine am Arm: „Was meint er damit … du lässt ihn sitzen? Was läuft hier?“

Die Tränen, die er schon zuvor in ihren Augen schwimmen sehen hatte, brachen jetzt endgültig hervor. Weinend sank Hermine vor seinen Augen auf den Boden.

Und jetzt begriff Draco endlich, warum Hermine die Nacht als Fehler bezeichnet hatte. Warum sie gesagt hatte, alles wäre so kompliziert.

Heißer Hass stieg in ihm auf, Hass, von dem er nicht wusste, ob er sich gegen Potter oder gegen Hermine richtete.

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