23. Dezember

Nachdenklich spielte Draco mit dem Apfel in seiner Hand. Bislang war ein Apfel für ihn immer nur eine Frucht gewesen, eine leckere zwar, weswegen er zwischen den Unterrichtsstunden stets einen aß, aber eben doch nur eine einfache Frucht. Das hatte sich jetzt geändert. Er konnte selbst kaum glauben, wie viel er inzwischen über all die Legenden wusste, die sich um Äpfel rankten. Muggel-Legend.

Er hatte keine Ahnung gehabt, was er Hermine schenken sollte, nur, dass es etwas Besonderes sein sollte, etwas, das bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Das sie immer daran erinnern würde, dass sie einst das Gute in ihm gesehen und ihm vertraut hatte, egal, was noch geschehen würde. Und so hatte er sich vor zwei Tagen, bevor er ins Dorf hinunter gegangen war, in die Bibliothek verkrochen, in die Abteilung mit Büchern über Muggel, in der Hoffnung, dort irgendetwas zu finden, womit er sie beeindrucken konnte.

Und er war mehr als fündig geworden.

So sehr er Muggel auch für ihre Ignoranz verachtete, man konnte ihnen nicht nehmen, dass sie eine wilde Fantasie hatten, um all die Magie, die sie um sich herum wahrnahmen, zu erklären und zu banalisieren. Anders konnte Draco nicht begreifen, woher diese Fülle an Märchen, Kurzgeschichten, die von Feen und Hexen und Magie handelten, kam. Oder die Sagen und Legenden über Alte Götter, die je nach Sprache zwar anders hießen, aber doch offensichtlich dieselben Personen waren. Er hatte sogar einmal herzhaft lachen müssen, als er las, dass Athene, die Göttin der Kriegskunst und der Weisheit, mit anderem Namen auch Minerva hieß. Ob McGonagall sich ihrer Namensverwandtschaft bewusst war?

Am spannendsten war jedoch ein Buch gewesen, das Bibel hieß und offenbar von unschätzbarem Wert für die Muggel war. Kaum ein Nachschlagewerk, das er in die Hand genommen hatte, hatte nicht zumindest einmal auf die Bibel verwiesen, teilweise behandelten die Bücher nichts anderes. Dabei erzählte auch die Bibel nichts anderes als die Geschichte eines Gottes und seines Sohnes. Während er kurze Zusammenfassungen einiger dieser biblischen Geschichten gelesen hatte, kamen vage Erinnerungen an seine früheren Muggelkunde- und Geschichts-Stunden zurück. Natürlich, die Hexenverbrennung im Mittelalter war im Namen eines Gottes geschehen. Dieses einen Gottes offenbar, von dem die Bibel sprach. Ein Gott, der offenbar etwas gegen Magie hatte, warum auch immer.

Sorgsam setzte Draco den Apfel vor sich auf den kalten Fliesenboden. Er wunderte sich, dass Myrte noch nicht aufgetaucht war, aber so hatte er wenigstens die Ruhe und Konzentration, die für seinen Verwandlungsspruch notwendig war. Er schloss die Augen, atmete durch, griff nach seinem Zauberstab und blickte dann entschlossen auf den Apfel.

Kurze Zeit später hob er die Frucht wieder hoch, die jetzt im staubigen Licht der Toilette silbrig glänzte. Ein passendes Geschenk für Hermine, in jeder Hinsicht.

„Oh, was ist denn das Schönes?“, ertönte da die hohe Stimme des maulenden Toilettengeistes.

Stolz auf sein Werk und die Idee blickte er zu Myrte, die ihn aus einer offenen Kloschüssel heraus anschaute: „Das, meine Liebe, ist ein versilberter Apfel! Ein Geschenk für meine Julia.“

Neugierig legte Myrte den Kopf schräg: „Ein Apfel? Warum? Den kann sie ja nicht mal essen!“

Grinsend setzte er sich vor sie auf den Boden: „Es ist das perfekte Geschenk. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe mich tatsächlich mit Muggeln beschäftigt und das hier ist einfach perfekt.“

„Na dann“, gurrte Myrte, das Kinn auf ihre Hände gestützt: „Erklär’s mir!“

„Erstens“, begann Draco bereitwillig, „steht der Apfel für die Frucht vom Baum der Erkenntnis in der Bibel. Lange Geschichte, die ich auch nicht so ganz verstanden habe, jedenfalls musst du dir vorstellen, dass es da diesen Gott gibt, der in einem Paradies lebt. Und er hat zwei Menschen, einen Mann und eine Frau, und die leben bei ihm, dürfen aber nicht vom Baum der Erkenntnis essen. Eines Tages wird dann die Frau von einer Schlange – ja, du hörst richtig: einer Schlange! – verführt, doch davon zu essen. Und zwar eben einen Apfel. Daraufhin erkennt sie irgendeine Wahrheit, überredet den Mann, auch davon zu essen und der wütende Gott verstößt die beiden aus dem Paradies. Der Apfel steht also in der Legende der Muggel für die Frucht der Erkenntnis und Wahrheit. Und zufällig ist meine Julia die klügste Frau der Welt, was wäre also passender, als ihr so einen Apfel zu schenken?“

Myrtes Augen hatten zu glänzen begonnen, als er die Geschichte erzählte, doch Draco ließ bewusst einen Teil aus. Es war nicht einfach irgendeine Erkenntnis, die er Hermine symbolisch überreichen wollte. Es sollte ein Zeichen für sie sein, dass er ihr die Wahrheit über sich, über das Dunkle Mal und seinen Auftrag anvertraut hatte. Dass er ihr so sehr vertraute, dass er jederzeit bereit wäre, ihr wieder die Frucht der Erkenntnis zu schenken.

„Und weiter?“, hakte Myrte gespannt nach.

Draco nickte und fuhr fort: „Es gibt eine andere Götter-Sage bei den Muggeln. In der Sage gibt es viele Götter, die sich alle genau wie Menschen verhalten. Drei der Frauen geraten in einen Streit darüber, wer von ihnen die Schönste sei, Hera, Aphrodite und Athene heißen sie. Sie nehmen einen goldenen Apfel und wenden sich an Paris, einen hübschen, aber menschlichen Mann, und der soll entscheiden. Er gibt den Apfel an Aphrodite, die Göttin der Liebe, weil sie ihm verspricht, dass die schönste Frau der Welt sich in ihn verlieben wird. Wenn ich meiner Julia also diesen Apfel gebe, zeige ich ihr damit auch, dass sie für mich die schönste Frau von allen ist.“

Ein Seufzen entkam Myrte: „Oh, Draco, du bist ja so romantisch. Oh, wenn doch nur mir ein Mann wie du zu Lebzeiten den Hof gemacht hätte. Zum Dahinschmelzen! Aber erzähl weiter, was sagen die Muggel noch über Äpfel?“

Betreten blickte Draco zu Boden. Den dritten Grund für die Auswahl des Geschenks wollte er ihr lieber nicht erzählen und so erwiderte er: „Das war’s. Der Apfel soll ihr zeigen, dass sie für mich die klügste und die schönste Frau der Welt ist.“

„Hmmmm“, machte Myrte langgezogen: „Wenn sie darauf nicht anspringt, dann weiß ich auch nicht!“

Und mit einem lauten Platschen stürzte sie sich kopfüber in die Kloschüssel. Lange starrte Draco dahin, wo zuvor ihr Geistgesicht gewesen war.

Die dritte Geschichte der Muggel, die einen Apfel enthielt, war eines der Märchen. Ein Märchen über eine wunderschöne Prinzessin, deren bösartige Stiefmutter von Neid zerfressen alles tat, um sie zu töten. Und am Ende konnte sie dem Mädchen einen Apfel unterjubeln, der vergiftet war. Das Mädchen überlebte das Gift zwar, aber die Symbolik war genug.

Jedes Geschenk von ihm, jede Zuneigungsbekundung war pures Gift für Hermine. Spätestens, wenn sein Plan mit dem Verschwindekabinett aufging, würde sie die Auswirkungen des Giftes spüren. Der Gedanke, jenen Todesser zu mögen, ins Herz geschlossen zu haben, der andere Todesser nach Hogwarts schleuste und sie damit in Lebensgefahr brachte, würde ihren ganzen Körper lähmen und wie Gift für sie sein.

Er konnte nur hoffen, dass Hermine dieses faulige Geschenk ebenso überlebte, wie Schneewittchen es im Märchen tat.

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Fairy Dust

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