25. Verlust?

Langsam kam ich zu mir. Mein Nacken schmerzte höllisch, ich konnte ihn kaum bewegen so versteift war mein Hals.
In mir war es gespenstisch still. Wo war Sam? Zögerlich öffnete ich die Augen, vor mir saß Ian geknebelt auf einem Stuhl. Man hatte ihm die Augen verbunden den Mund gestopft, er schien wach zu sein. Hätte er nicht geatmet, hätte ich ihn für Tod gehalten, so bleich war er.
Daneben hatten sie mit Veit genau das Gleiche angestellt. Ich war gefesselt, aber nicht geknebelt. Was sich mir die böse frage stellte, wieso? Musste ich schreien können, damit sie litten? Ich erschauerte.
„Du bist wach, schön das es dir besser geht.“
„Besser? Du hast mich geschockt!“ fuhr ich ungewollt aus der Fassung.
„Ein notwendiges Übel.“
„Wer zur Hölle bist du?“
„Marcus Melak, wie ich bereits sagte.“
„Was verdammt ist falsch mit dir!?“ Die Angst war größer, als die Vernunft die mir riet ruhig zu bleiben. Mein Wolf war innerlich außer sich, er knurrte und presste sich gegen meine Haut. Er wollte hinaus, es beenden. Wenigstens das Tier in mir zeigte Rückrad. Auch wenn es Schwachsinn war. Dieser Mann hätte das zeig dazu mich zu töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Könnte ich das auch von mir behaupten?
„An mir? Nichts. An dir? Einiges.“ Mir stockte der Atem. Er wusste es! Er wusste was ich war.
„Was hab ich dir getan?“
„Nichts.“
„Wieso bin ich dann hier?“
„Zugegeben. Der Plan war es dich alleine zu erwischen. Die Frau des Wächters, der mir das antat.“ Er deutet auf sein noch leicht blaue Gesichtshälfte. Heilten Wölfe nicht schnell? Wenn bis jetzt noch etwas übrig war, musste Sam ganze Arbeit geleistet haben.
Bei dem Gedanken presste sich mein Kiefer zusammen. Was hatte er dem Kerl angetan? Ich wollte mir die blutige Szene nicht vorstellen. „Dass er dabei war.“ Er deutete auf Ian der immer noch, wie eine Statur dasaß. „Ist wohl ein Glücksfall.“
„Was haben sie dir angetan?“
„Die Frage ist, was nicht.“
„Erzähl es mir.“ Meine Angst versickerte, an dessen Stelle trat etwas anderes. Etwas ruhiges und Gefasstes. Entweder ich war mir der Gefahr nicht bewusst oder es war mir schlichtweg egal. Ich konnte Marcus Melak nicht ernst nehmen. Der Junge war nicht mal aus der Pubertät hinaus, entweder das oder er hatte verdammt üble Gene. Wie ein Bubi stand er da, mit zu weiten Hosen, einem Sakko und offenem Hemd. Ein Möchtegern Mafioso. Genau solch ein Bild vermittelte er. Schmierig, eklig und auf keinen Fall zum Fürchten. Doch etwas in mir sagte mir, dass er kein Mitleid haben würde, das er nicht einmal zögern würde uns den Rest zu geben.
Ian konnte mir nicht helfen die Situation einzuschätzen, ihn hörte und spürte ihn ebenfalls nicht, obwohl er so nah saß. Die lähmende Stille war schmerzhaft. Irgendwas hatten sie gemacht, sonst wäre ich nicht von den anderen getrennt.
„Dein Mann hat mich gedemütigt, mich erniedrigt, mich verletzt.“ Vor Wut und Anspannung wurde er ganz weiß.
„Was genau hat er getan?“
„Sie!“ Er deutete auf Ian. Ich konnte es mir kaum vorstellen, andererseits hatte ich gesehen, wozu sie imstande waren. War es da ein Wunder, dass jemand Rache nehmen wollte? Der Junge tat mir irgendwie leid. Andererseits ... was musste er getan haben, das Sam solch eine Brutalität gezeigt hatte? Ein Schauer überkam mich. Die Abneigung, die sich innerlich gegen ihn aufbaute, war enorm, trotzdem musste ich sie überspielen, sie in etwas anderes wandeln.
„Es tut mir leid, was sie dir angetan haben. Es war sicherlich nicht richtig.“ Marcus sah mich erst skeptisch an, blieb stehen und beobachtete mich genau. Er glaubte mir nicht.
„Wirklich.“
„Ich bin noch nicht lange so.“
„Ich weiß, man riecht es überall an dir.“ Also wusste er es.
„Sam sagte sie tun einige Dinge, aber ...“ Ich schluckte schwer. Ich hatte mit den Worten zu kämpfen, denn sie wahren wahr. Sie folterten andere. Es war kein Geheimnis, keine Notlüge, es war einfach wahr. Auch wenn diese Wesen schlecht waren, hatten sie sowas verdient? Gab es denn keinen anderen Weg? Marcus kam näher, kniete sich vor mich. Sein Ausdruck wurde weicher. Er hatte wohl entschieden, dass ich die Wahrheit sprech, und glaubte mir.
Dummer Junge ...
„Weißt du, was sie anderen antun?“
„Ich ...“
„Sie haben mich geschlagen, gefoltert und es machte ihnen Spaß. Sie haben mich nur nicht getötet damit ich rede. Damit ich davon erzähle.“ Ich atmete tief ein, ich musste die Lippen zusammenpressen. Der junge musste den Horror erlebt haben. Wie musste er gelitten haben unter Samuels Schlägen. Etwas was ich mir nach der einen Nacht nur zu gut vorstellen konnte.
„Ich piss mich ein“, begann Ian, der sich den Knebel irgendwie aus dem Mund befreit hatte.
„Was für ein Schlappschwanz“, spottete Veit. Plötzlich rührten sie sich also? Was nicht erklärte, warum sie ihn nun provozierten! „Verdient. Würde ich behaupten“, fügte Veit noch hinzu und sah mit verbundenen Augen zu Ian hinüber. Wieso waren die beiden sich plötzlich grün?
„Ich wünschte nur, wir hatten ihn getötet.“
„Hättet ihn kastrieren müssen, dann wäre er endlich die Muschi, die er darstellt.“
„Beim nächsten Mal.“
Marcus Augen funkten vor Zorn. Gerade hatte ich versucht die Kanten zu glätten, wieso machten sie es nun zunichte?
„Ihr wagt es? Ich könnte euch töten!“
„Nein eigentlich nicht, du bist nur ein Hund.“ Seit wann hatte Veit so eine große Klappe?
„Ich warne dich Mensch!“ Marcus rang mit seiner Beherrschung, ein Silbermesser hatte seinen Weg in seine Hand gefunden.
„Veit, Ian, bitte! Was soll denn das?“
„Lass es Needy. Dieser Typ ist ein Vergewaltiger und Mörder. Mitleid ist das Letzte, was er verdient hat.“ Ich blinzelte. Gerade schon! Immerhin gab es drei Leben, die auf dem Spiel standen.
„Ihr seid nicht besser. Verdammt nochmal!“, fuhr ich Ian an. Der verstummte, Marcus sah mich verstutzt an. Veit schüttelte ungläubig den Kopf. „Es gibt sicherlich Gründe.“ Die gab es für solche Sachen immer, ob sie berechtigt waren, stand auf einem andern Stern. „Er hatte sicherlich kein leichtes Leben in seinem Rudel. Mit seinem Alpha. Wie sonst soll man sich Achtung verschaffen? Nichts anderes tut ihr.“ Es hätte mein Untergag werden können. Jedes Wort war erraten und zusammengedichtet. Ich wappnete mich gegen Marcus Wut, doch wie es schien ... hatte ich recht.
Ich schätzte sogar, dass das Alpha seines Rudels auch sein Vater war. Ein hohes Tier, was die bulligen Begleiter des Jungen erklärten. Ein verzogener, misslungener Kerl, der unter dem Schutz des Alten steht. Ganz so wie in den vielen Mafiafilmen, mit den Witzfiguren von Söhnen an der Seite des großen Mafiabosses. Die, die immer am lautesten schrien, damit ihr Vater sie bemerkte.
So hatte Samuel es doch dargestellt. Sie bestraften die Bösen, zerschlugen ihre bösartigen Aktivitäten. Was hieß, dass sein Vater definitiv ein Wolf mit kriminellen Tätigkeiten war.
Marcus blickte mich mit glasigen Augen an, die meine Begleiter durch ihre immer noch verbundenen Augen nicht wahrnehmen konnten.
„Er will nur, dass man ihn sieht.“
„Nida.“ Marcus kam zu mir rüber und legte eine Hand auf mein Bein. „Wie es scheint, bist du nicht die, für die ich dich hielt.“ Ich sagte nichts, gab kein Anzeichen. Wie es schien war ich eine fantastische Schauspielerin! Immerhin war ich von Angst verfressen, die Verzweiflung hob die Temperatur meines Blutes in kritische Grade und auch mein Herz war kurz vor einem Kollaps.
„Es tut mir leid.“ Ich wollte kotzen, doch momentan war das Wohl, meiner Begleiter am wichtigsten. Wenn das also hieß, diesem Schwein Honig ums Maul zu schmieren, würde ich es tun. Auch wenn ich ihn widerwertig und abstoßend fand, gerade weil ich wusste, was er getan hatte.
Mit aller Macht unterdrückte ich jegliche Anzeichen an Abscheu und Panik, was mein zuckender Magen verursachte.
„Dir wird nichts passieren“, gestand er oder stellte es fest. Ich konnte es nicht deuten. Ich blinzelte. Nicht? War ich nicht sein Ziel?
„Nur mir?“, horchte ich nach.
„Du behandelst mich mit Respekt. Du weißt was sich gehört, doch sie. Sie sind Tiere. Sie haben es nicht verdient weiterzuleben. Diese Angelegenheit wird schnell geregelt, du wirst schon sehen.“
„Was sehen?“
„Wenn ich deinen jetzigen Mann aus dem Weg geräumt habe, werden wir genug Zeit haben. So eine Frau wie dich darf man nicht einfach gehenlassen, das verstehst du sicher.“ Damit stand er auf und ging grinsend hinaus.
Ich sah ihm mit großen Augen hinterher und starrte als er bereits aus der Sichtweite war, die Tür an. Fassungslos und ungläubig. Der Kerl ließ nicht einmal Wachen bei uns, ging einfach hinaus und wir waren allein.
Der ganze Raum war toten still. Sam ... Mein Sam. Meine Brust schnürte sich zu bei den Gedanken, er könnte recht haben, zusammen.
„Toll gemacht Needy.“ Ich brauchte ein paar Minuten um mich aus meiner Starre zu lösen.
„So war das nicht geplant ...“, schmiss ich schließlich in die Stille.
„Was hast du geglaubt? Dass er uns gehen lässt!?“, fauchte er provokant und voller Wut. Wieso musste er mich gerade jetzt provozieren?
„Einem Vergewaltiger schöne Augen zumachen, war allerdings nicht die beste Idee“, mischte sich Veit ein.
„Wage es nicht über mich zu urteilen! Ich versuche wenigstens, uns alle lebend hier hinauszukommen!“
„Würde er uns töten wollen, wären wir längst tot.“ Ian klang genervt, als wüsste er, warum wir noch lebten.
„Er wartet“, ergänzte Veit Ian, damit der Groschen endlich viel. Wieso waren die beiden sich plötzlich so einig?
„Worauf denn, schönes Wetter um uns am Baum aufzuhängen?“
„Darauf, dass du die Schnauze hältst.“ Ians Laune verschlechterte sich von Minute zu Minute.
„Meinst du, es ist wirklich der richtige Zeitpunkt hier herumzustänkern?“, fauchte nun auch ich.
„Dass er uns alle gemeinsam töten kann“, verriet mir Veit. „Oder besser gesagt, nur noch dein Rudel und mich. Denn deine neue Bestimmung wäre ja geklärt.“
„Veit!“, rügte ich ihn.
„Warte nur, was Samuel dazu sagen wird“, drohte mir Ian! Jetzt war ich es schuld?! Ich war ja wohl die einzige Seele in diesem Raum, die versuchte und lebendig hier hinauszuschaffen!
„Bin ich die Einzige, die hier richtig schaltet!?“
„Wohl er die Einzige, die nicht nachdenkt, bevor sie die Klappe aufmacht.“
„Willst du unbedingt in deinen letzten Momenten streit, Ian!? Ich kann gerne meinen neuen Freund holen und dich ein wenig piksen lassen! Dann sehen wir, wer hier die Klappe halten sollte!“
„Wir sollten und hier nicht zerfetzen.“
„Was hast du denn zu Kammelen, alleine wegen dir sind wir hier! Wir wären längst wieder weg gewesen, wärst du nicht aufgetaucht und hättest mich befreien wollen!“ Ich malte Anführungszeichen in die Luft. Die der Kerl natürlich nicht sehen konnte.
„Ich muss zugeben, es war vielleicht nicht ganz richtig.“
„Nicht ganz richtig? Es war feige mir die Spritze in den Rücken zu rammen.“
„Hallo! Momentan geht es hier nicht um euch!“, schrie ich.
„Natürlich, es geht ja immer nur um dich!“ Ich beschmiss Ian mit den Handschellen.
„Du machst mich wahnsinnig! Vielleicht sollte ich dich wirklich hassen! Wenn man gerade beginnt, dich zu mögen, machst du wieder nur waaaah!“, beendete ich den Satz und stand auf. Stampfte vor Wut auf und ab. Ich kochte. Am liebsten hätte ich den beiden selbst den Hals umgedreht.
„Höre ich das richtig?“ Veit horchte in den Raum.
„Womit hast du mich eben beworfen?“
„Womit? Mit Handschellen du blinder Idiot!“ Ich schmiss die Hände in die Luft.
„Und wo genau, hast du die her?“
„Von meinen Handgelenken!“ Ich riss stampfte zu Ian, und riss ihm unsanft die Augenbinde ab. Ungläubig starrte er mich an, als sei ich wahnsinnig.
„Langsam sollte es klicken“, warf Veit ein. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.
„Noch lang nicht.“ Dafür kassierte er eine Backpfeife. Glücklicherweise konnte er sich nicht währen. Geschockt sah er mich an, ich machte einfach auf den Absatz kehrt und stampfte zu Veit, dem ich auch die Augenbinde abnahm. Sie sollten sehen, was für eine giftige Wut ihnen entgegenschlug.
„Ihr seid arrogante Arschlöcher. Schon immer gewesen! Langsam wünschte ich mir, er hätte nur mich entführt, dann hätte ich wenigstens eine Chance!“
„Sie merkt es nicht.“
„Es wird noch besser.“ Ian blickte zu Veit hinüber, als er mich mal wieder beleidigte. Ich würde gleich durch die Decke gehen, ballte die Hände zu Fäusten und war kurz davor mir selbst das Silbermesser zu schnappen so wütend war ich. Mein Wolf tobte wie ein Sturm. Er wollte Blut, dürstete nach Fleisch. War ich wirklich so wütend auf sie? Oder in Wirklichkeit auf mich?
„Ich hatte sie immer für ruhiger gehalten“, gestand Veit.
„Bitte!?“
„Needy, langsam solltest du voranmachen und bemerken, dass du nicht mehr gefesselt bist!“, zischte Ian, hob die Augenbrauen, währen der mich mit zusammengepressten Zähnen aufklärte.
Wie vom Blitz getroffen, hielt ich inne. Den Blick fest auf Ian gerichtet. Er hatte recht, wie war ich da rausgekommen? Erst als die Streiterei begonnen hatte, war ich frei gewesen. Ich ging zu den Fesseln, nahm sie hoch. Das Metall war geschmolzen. Vor Wut?
„Ich.“
„Jetzt mach uns los.“ Ich gehorchte, ließ sie einfach fallen. Wie ich es auch wendete, es gab keine Erklärung, könnte ich Metall schmelzen?
Ich löste ihre Fesseln, diese bestanden aus dickem Seil, statt aus metallenen Schellen. Ian rieb sich die Handgelenke, während ich auch Veit befreite. Danach kam er zu mir und fasste meine Hand.
„Tu mir ein Gefallen und halt dich zurück.“ Ich sah ihm tief in die Augen. Sie waren voller Sorge und ... Angst? Angst um mich? Er hasste mich. Wieso also Angst um mich haben.
„Was hast du vor?“
„Uns hier hinauszubringen, bist du dabei?“ Er wendete sich zu Veit. Dieser nickte. Veit war mir vor Stunden noch wie ein Verrückter vorgekommen, so wie er sich benommen hatte. Doch nun schien er wieder der Alte zu sein, gelassen, präzise.
„Ian, da draußen sind vielleicht Hunderte von ihnen. Das überleben wir nicht.“
„Wir müssen es versuchen.“
„Sie haben Silber.“ Als er sich von mir lösen wollte, war ich es die ihn festhielt. Ich sah ihm tief in die Augen, meine Sorge wurden erwidert. Wie stand ich denn da, wenn ich Ian verlieren würde? Sam würde mich hassen, Veit würden sie ermorden. Das war keine Zukunft, die ich erleben wollte. Es war alles meine Schuld. Es war mein Fehler gewesen, schon wieder. Wie ein roter Faden zog ich die Jungs von einer Schwierigkeit in die Nächste.
„Wir können nicht hierbleiben.“
„Aber dort hinausgehen und zulassen das sie uns abschlachten?“
„Soweit kommt es nicht.“
„Und du bist dir sicher weil?“
„Weil es immer so wahr.“ Immer? Wie oft befanden sie sich in solch einer Lage? Es beruhigte mich nicht.
Ian löste sich von mir und ging zur Tür, um zu horchen.
„Wieso kann ich dich nicht spüren?“ Ian sah mich an.
„Sie haben uns gewaltsam aus unserem Netz entfernt.“
„Das geht?“
„Mit Magie geht alles.“ Er horchte erneut.
Eine Hexe. Mit Magie. Das konnten doch nur Hexen. Also hatten sie mich doch gefunden. Oder benutzten sie nur eine Hexe? Ich schätze, dass wir es schon bald in Erfahrung bringen würden.
Ich stand dort und fühlte mich Elend. Es war meine Schuld. Ich hatte zwei wichtige Personen aus meinem Leben mit in Verderben gerissen. Auch wenn wir stark waren, Veit war ein Mensch und Ian empfindlich gegen Silber, wir würden es nie an ihnen vorbei schaffen, nicht ohne Opfer.
Ich glaubte fest daran, dass mein abwesender Vater auftauchen würde, wenn ich in Lebensgefahr schwebte, doch würde er das Gleiche für die tun, die ich liebte?
Ian kam zu mir hinüber, er musste mein Gefühlschaos sehen. Seine Hand legte sich um mein Gesicht. Eine so innige Berührung. Die ich aufsog wie ein Schwamm. Er war alles, was ich gerade hatte.
„Es ist bald vorbei.“
„Aber wird es gut enden?“
„Das wird es.“ Ich bezweifelte es stark. Mein Mut und mein Rückrad waren dabei, sich in die hinterste Ecke zu verkriechen. „Nida, du wirst hier raus kommen und zurück zu Sam finden.“
„Was ist mit euch, mit dir?“ Mein Blick legte sich feste in seinen. Ich betete, es sei nicht wahr. Doch er regte sich nicht. Schaute nur kurz fort und dann wieder zurück in meinen Augen.
„Ian.“
„Nida, wir haben diesem Jungen schlimme Dinge angetan.“
„Um Gutes zu tun.“ Gleich, nachdem ich es ausgesprochen hatte, bemerkte ich wie naiv es eigentlich Klang. Gutes mit Bösem zu erschaffen war einfach nicht möglich.
„Es kommt niemand zu schaden, den wir lieben. Ich werde nicht zulassen das dieser Kerl ...“
„Niemand den wir lieben?“ Er sah verwirrt aus, als hätte er etwas ausgeplaudert, was er nicht hätte sagen wollen. Ich blinzelte, er begann zu schwitzen, seine Wangen wurden rot. Wir? Er meinte nicht Sam.
Seine Hände lösten sich. Er wollte sich entfernen, doch ich Pakte ihn am Handgelenk.
Die Anfeindungen, sein Verhalten ... Eifersucht. Ich stand da und sah ihm tief in die Augen, suchte ich die Lüge in ihnen? Momentan war ich froh, dass niemand meine Gefühle lesen konnte. Sie bestanden aus einem Sturm, dem ich nicht mehr entkam.
Ich liebte Sam, mehr als alles andere. Nie hätte ich gewagt zu glauben, das dieser Mann vor mir, etwas empfinden könnte. Nicht für mich. Doch meinte er es so? Meinte er die Liebe, die ich für Sam empfand?
„Needy, es ist nicht -“, versuchte er zu erklären.
„Dafür ist keine Zeit. Ian, ich werde dich nicht aufgeben. Das ist kein Ausweg.“ Er schluckte schwer. In seinen Augen erblickte ich genau das, was ich schon so oft in meinen gesehen hatte, wenn ich an Sam gedachte.
Ich konnte mir nicht erklären, wie diese Gefühle zustande gekommen waren. Durch die enge Verbindung zu Sam? Seine Offenheit? Er musste mich erlebt haben wie er, nur hatte er mich nie berührt, bis heute. Es war mir ein Rätsel, was wohl bis auf weiteres auch ein bleiben würde.
„Ich will dich nicht verlieren Ian, tu mir sowas also nicht an.“ Er nickte. Ob ich es Sam sagen würde? Auf keinen Fall.
„Besser als eine Soup.“ Veit stand neben der Tür, mit einem Stuhlbein bewaffnet. Wann hatte er den Stuhl zerlegt? War ich so abgelenkt gewesen?
Als Ian fortgehen wollte, packte ich ihn erneut am Arm. Er blickte zurück, seine Emotionen waren undeutbar.
„Kannst du es beenden. Diese Sperre, zwischen uns?“ Ich wollte wissen, was er dachte. Damit ich im richtigen Moment auf ihn einwirken konnte, falls er doch zu einem Märtyrer machen wollte.
„Das wird dir nicht gefallen.“ War es gerade von Bedeutung? Mir gefiel vieles nicht, zum Beispiel die Situation im Allgemeinen. Etwas dagegen tun konnte ich trotzdem nicht.
„Tu es.“
„Jetzt geht´s Rund.“ Veit klang belustigt. Ich wusste mittlerweile nicht mehr, was ich denken, sagen oder tun sollte. Ich wollte nur zurück ins Bett. Mit Sam.
Ian packte meine Hand und zog mich an sich heran. Ich flog an seine Brust, war ihm so nah wie noch nie zuvor.
„Vergib mir.“ Ob er es zu mir oder seinem Bruder sagte?
Er legte seine Lippen, auf meine. Es prickelte, ob es an dem falschen Mann lag, war unklar.
Ich spürte, wie sich unsere Verbindung langsam aufgebaute, wie er sich langsam öffnete. Er packte mir in den Nacken, besitzergreifend, begierig. Er fühlte sich gut an ...
Meine Hand legte sich auf seine Brust, seien Zunge fuhr langsam über meine Lippen. Das Prickeln wurde stärker. Er musste es bemerken, denn nun drang seine Zunge hervor. Ich erwiderte seinen Kuss. Er war zart, warm und weich. Er drängte mich nicht. Meine Wangen brannten. Als die Verbindung stand, spürte ich deutlich sein pochendes Verlangen, erst dann kam ich endlich zu mir und ließ von ihm ab. Deswegen sollte ich ihm verzeihen, dass ich spürte, was wirklich in ihm vorging.
In mir brodelte es. Ihm musste man nicht verzeihen, aber mir! Ich hatte einen Mann geküsst, der nicht mein Auserwählter war, es war sein Bruder! Hatte es mir gefallen? Es war anders gewesen, nicht drängen, beherrschend, sondern zärtlich. Ich hatte Ian nie für solch einen Mann gehalten. Ich sah auf, Ians Augen waren seltsam hell.
„Bleib immer hinter mir, misch dich nicht ein.“ Ich nickte. „Versprich es mir.“ Damit hatte er mich, ein Versprechen wäre bindend. Ich würde nichts tun können, selbst wenn ich wollte. Blöde Wolfsregel.
„Nein. Ich werde dich nicht aufgeben.“ Er schnaubte und sah zu Veit.
„Sie mich nicht so an. Als könnte ich die Meinung von diesem störrischen Weib ändern.“ Er ging zu ihm hinüber.
„Ich habe noch nie so vielen Wölfen zur gleichen Zeit den Arsch aufgerissen.“
„Ein Meilenstein Jäger“, grinste Ian.
„Wie es aussieht Wolf. Da draußen warten ein paar Hunde auf ihre Henkersmahlzeit.“
„Jetzt sprechen wir die gleiche Sprache.“ Veit und Ian gaben sich die Hand. „Das wichtigste ist Nida hier hinauszuschaffen, schaffst du das, ohne ihr einen Dolch zu verpassen, wenn wir draußen sind?“ Ich schnaubte. Wieso musste er sich absichern, wenn er doch mit draußen ankommen würde? Außer er hatte nicht vor dort anzukommen.
„Du gehst hinter ihr, wenn jemand von hinten kommt.“
„Das mache ich nicht zum ersten Mal Wolf. Ich weiß, wie man mit deinesgleichen umgeht.“
„Super. Hat man gesehen“, warf ich ein und erhaschte zwei böse blicke. Es ging mir auf den Keks, dass sie beiden auf einmal, auf best Buddys machten.
„Ich war betrunken und unter anderen Dingen“, gestand er.
„Ich wusste es!“
„Schhhht!“, fuhren mich beide an. Meine Ausrutscher hallte durch den alten verkommenden Raum wieder. Erst jetzt realisierte ich, dass es eine Art Fabrik sein musste, in der wir uns befanden. Der riesige Raum, die riesigen Fenster, der Aufbau war nur all zu bekannt.
Ich sah Veit, zornig an.
„Ich war etwas neben der Spur, o.k?“
„O. k sicher nicht.“
„Herrgott Nida ich war am Boden zerstört, nicht nur die beiden Wölfe haben gefallen an dir gefunden.“ Ich presste die Kiefer aufeinander vor Schock. Eine solch offene Antwort hatte ich nicht erwartet. Mir viel gleich der Kuss ein. Wenn ich jetzt keine Bitch war. Ich hatte drei Männer, die um mich herumschwirrten und ich Nase, manövrierte mich einfach in den Dreck! Hätte ich mich nur zurückgehalten! Wenigstens bei einem.
„Au.“
„An Verehrern fehlt es dir ja nicht“, sprach er das offensichtliche an. Etwas was ich nicht recht wahrhaben wollte.
Ich wurde rot, knallrot. Noch nie war ich in solch einer Lage gewesen. Nicht mal zu meinen besten Singelzeiten hatte ich mehr als einen Typen gehabt, der mir Avancen machte.
„Können wir jetzt endlich?“ Ian klang wieder vollkommen emotionslos, genervt und aggressiv. In seinem Inneren spielten jedoch ganz andere Gefühle ab.
„Legen wir los“, stimmte Veit Ian zu. Ob ich bereit war, fragte keiner. Von mir aus wäre es recht gewesen die Tür zu Barrekatieren. Es schien nur nicht die Zeit, um Kritik an dem Plan der Männer zu üben. Ich ging hinter Ian, der an der Tür stand und mich beobachtete, während ich meinen Platz einnahm. Er nickte Veit zu und packte die Türklinke.

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beta
Fairy Dust

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