29. Leben und leben lassen- Samuel

„Sie läuft erneut davon.“
„Wohl eine Eigenart meiner Frau“, stellte ich fest. Auch wenn mir dieser Wesenszug an ihr nicht gefiel, ich konnte sie fast verstehen. Ihr ganzes Leben hatte sie sich allein durchgeboxt, nun war sie von heute auf morgen nicht mehr allein. Trotzdem trieb es mir lodernde Wut in den Bauch. Ich hatte sie gebeten zu warten und sie erneut nicht gehört. Eine Bestrafung war unausweichlich.
„Wird sie je aus Fehlern lernen?“ Mit verschränkten Armen ging ich im Raum auf und ab. Gideon saß wie immer in seinem Sessel, Dante stand angelehnt an der Wand mir gegenüber.
„Das wird sie“, versicherte ich Gideon. Ich horchte in das Netz. Alex, Hawk und James waren ihr bereits auf den Fersen, ohne dass sie es bemerkte.
„Fangen wir bei den einfachen Angelegenheiten an?“, fragte Gale, während er eintrat, ihm folgte lautlos Ian. Wie es schien, wollte er im Schatten bleiben, genau, wie sein Verstand.
Mein Bruder hatte sich seit der Wiedervereinigung des Netzes ins Dunkle verabschiedet. Er ließ niemanden wissen, was er dachte. Doch ich wusste es, wir wussten es beide.
Er dachte an sie.
Ich konnte es ihm nicht einmal vorwerfen. Ich kannte das Gefühl, machtlos und ausgeliefert den eigenen Gefühlen.
Er würde es schaffen, sich von ihr zu lösen. Es würde sie geben, seine Auserwählte, auch wenn es ein Zufall war, das Nida hätte auch die Seine sein können. Ein Umstand den kein Wandler gern einsehen würde. Für viele gab es nur die eine, die Einzige. Dem war auch meist so, bis zum Tod. Doch in einigen Fällen, konnte man eine weitere Finden. Die zweite Auserwählte. Die Frau, die einem das Leben wiedergab, das man durch die Erste verloren hatte, wenn man nicht mit ihr gegangen war, aus welchen Gründen auch immer. Genau so konnte es einer Frau ergehen.
Ian blickte mich nicht einmal an, er gesellte sich in eine andere Ecke und sah zu Gideon.
„Die Melaks.“ Gideon stand auf und verschränkte die Arme. „Wir werden ihnen ihren Sohn zurückgeben.“
„Seinen Leichnam“, korrigierte Dante. Er hatte ihm selbst das Licht ausbelasten. Zu meinem bedauern.
Wie gern wäre ich der Wolf gewesen, der ihm die Kehle hinausriss und ihm beim Ertrinken in seinem eigenem Blut zusah.
Gideon nickte Dante zu.
„Wir werden ein klares Zeichen setzen und es dann beenden. Es ist längst an der Zeit dafür. Dante, stell ein Trupp zusammen, sobald es möglich ist, zieht ihr los.“ Er nickte.
„Und wir?“, fragte ich. Der Gedanke Blut zu lecken, ließ meinen Wolf unruhig werden. Er war voller Energie, Tatendrang. Er musste reißen, am besten umgehend.
„Du hast noch einiges zu tun.“
„Mein Weib.“ Er nickte.
„Was auch immer das ist, was sie mit dir gemacht hat, was sie mit uns macht. Es scheint sie nicht zu beeinflussen. Wie ...“
„Sie ist es nicht, nicht ganz.“ Eine vertraute Stimme trat aus dem Flur. Wir wendeten uns alle zum Eindringling.
William trat in den Raum. Die Hände in den Hosentaschen verborgen. Anders wie beim letzten Mal war niemand von uns angespannt.
Im Gegenteil.
Die Energie, die unsere Seelen, unsere Wölfe belebte, machte uns in einem gewissen Maße ebenbürtig. Zumindest ließ es uns das glauben.
Es war Nida´s Einfluss. Anders konnte ich es mir nicht erklären.
„Du hast recht.“ Er blickte mich an. „Es ist sie. Zumindest ein Teil von ihr. Der Teil, der mein Erbe trägt.“
„Was soll das heißen?“
„Ihr habt es doch schon bemerkt.“ Er ging im Raum auf und ab, sah einen nach dem anderen an. „Ihr fühlt die Kraft, die Macht. Das Licht, das sich in euch ausbreitet. Es ist sie. Das bin ich, mein Erbe. Und es wird wachsen.“
„Was bedeutet?“ Ich blickte ihn genau an. Blickte meinem Gott in die Augen, für den ich kaum noch eine Regung wahrnahm.
„Ihr seid wie ich, zumindest zum Teil. Nida konnte nicht akzeptieren, was sie war, wollte es nicht und schloss es in sich fort, aus Angst. Dieser Teil. Er ist nun direkt mit dir verbunden. Verschoben, auf einen neuen Wirth.“
„Wieso?“, fragte Dante und löste sich von der Wand.
„Weil ihr ihn nutzen werdet. Ihr habt die Macht angenommen, sie akzeptiert, wandelt sie in eure eigene. Hätte meine Tochter den Weitblick, den ich ihr wünschen würde, würde sie wissen, was sie alles mit meiner Macht anstellen kann. Es hätte keine Grenzen gegeben, nicht mal die Schwelle zum Tod.“
„Mein wiederaufleben.“
„Ein Teil ihrer Macht. Es gibt keine Grenzen, nicht für uns.“
„Und Regeln?“, warf Gideon ein. William lachte auf.
„Regeln. Sie werden aufgestellt, um andere zu schützen.“
„Also gelten sie nicht für dich.“
„Für mich natürlich, für Nida auch. Es wird noch eine Konsequenz geben müssen, um die Gemüter der Gestirne zu beruhigen. Doch für euch ... So wie ihr jetzt seid.“
„Was für eine Konsequenz?“ Ich ballte die Fäuste. Niemand außer mir würde meine Frau bestrafen.
„Beruhige dich. Nichts Gravierendes.“
„Was genau meinst du, wie wir sind?“, Dante trat interessierte noch einen schritt heran.
„Ihr werdet stärker werden, schneller. Wie die Wölfe der alten Zeit.“ Ich erinnerte mich an Erzählungen. Männer die dem Tier näher waren, als alle nun. Stark, roh, brutal, gewaltig und ohne Angst. Ein Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Trotz unserer geringen Anzahl würde sich uns niemand mehr in den Weg stellen können.
„Wo ist der Haken?“, fragte ich. Es musste sicher einen geben. Er hätte sonst nicht so oft die Erde betreten, die ihm eigentlich verboten war.
Williams Mine verfinsterte sich.
„Ich will, dass ihr tut, wofür ich euch erschaffen habe. Zu lange geht euresgleichen seiner Aufgabe aus dem Weg. Wendet sich sogar ab vom Licht. Ihr werdet das ändern.“
„Hört sich nicht an als hätten wir eine Wahl“, Ian klang skeptisch, er traute ihm nicht.
„Wofür braucht ihr die? Ihr tut schon seit Jahren, wozu ihr auf Erden weilt. Wieso damit aufhören.“
„Ihr wird das nicht gefallen“, stellte Ian fest.
„Sie wird sich unterordnen. So wie sie es musste“, sagte ich in einem scharfen Ton.
„Meine Tochter mag ihren Kopf haben, doch ist sie nur eine Wölfin.“ Somit bestätigte er unser aller verdacht. Sie war nicht wie wir. Sie spürte das Licht nicht. Denn sie ließ es nicht zu. „Sie wird einsehen müssen, dass es zu ihrem Schutz ist.“
„Zu ihrem Schutz? Deswegen tust du es.“ Gideon trat noch einen Schritt auf ihn zu, fixierte ihn genau. „Es geht dir allein um den Schutz deiner Tochter.“
„Sie ist ein stures Kind, dass gerne Gefahren anzieht wie das Licht die Motten. Hätte sie gewusste, was gut für sie ist, wäre sie nun nicht mehr hier. Doch das ist sie und bleibt sie. Ich selbst kann nicht immer für ihre Sicherheit sorgen.“
„Aber wir“, schloss Dante aus seinen Worten.
„Glaubt nicht, dass es vorbei ist. Es werden mehr kommen, viel mehr. Niemand von euch hätte sie schützen können, doch jetzt. Jetzt könnt ihr es und noch vieles mehr.“Gideon nickte.
„Verstanden“, akzeptierte er. Die anderen nickten ebenfalls zustimmend, außer Ian. Er sagte nichts, tat nichts. Sah William nur an.
„Vergrößert euch. Macht eure Arbeit.“ William wendete sich ab. Doch dann hielt er nochmal an, und wendete sich zu mir um. „Es ist an der Zeit.“ Ich nickte. Natürlich wusste ich, was er wollte. Eine Aussprache war längst überfällig.

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