5, Dezember

Motiviert schlenderte Draco durch den Gang zu seinem Klassenraum. Heute war Freitag, der letzte Tag dieser Woche, an dem er als Professor vor Granger stehen musste. Er mochte seinen neuen Beruf wirklich gerne, nicht nur, weil er hübsche junge Mädchen vor sich hatte, sondern auch, weil ihm das Lehren erstaunlich viel Spaß machte. Und, so ungerne er das auch zugab, mit einer Schülerin in der Klasse, die tatsächlich mitarbeitete, die Hausaufgaben erledigte, den Stoff verstand und Fragen stellen konnte, war es direkt doppelt so unterhaltsam.

Grinsend registrierte er, dass er genau in jenem Moment die Tür öffnete, als der Gong den Beginn der Stunde ankündigte – er liebte seine eigene perfekte Pünktlichkeit. Doch sein Grinsen verflog augenblicklich, als sein eigentlich beschwingt geplanter Eintritt in den Klassenraum von niemand geringerem als Hermine Granger unterbrochen wurde. Mit rotem Gesicht und hektischer Atmung war sie angerannt gekommen und hatte ihm förmlich die Klinke aus der Hand gerissen.

„Merlin, Granger, willst du mich umbringen?“, fuhr er sie mehr erschrocken als ernsthaft verärgert an.

„Tut mir leid“, hechelte sie: „Aber ich hasse es, zu spät zu sein. Und solange ich vor dir im Raum bin, bin ich nicht zu spät. Also …“

„Ich war aber vor dir hier“, gab er selbstgefällig zurück: „Wenn du keinen tätlichen Angriff auf mich gestartet hättest, wäre ich direkt vor deiner Nase eingetreten und du wärst zu spät.“

„Du bist aber noch nicht drin, also lass mich durch!“, schnappte Hermine, während sie mit der Klinke in der Hand die Tür aufdrücken wollte, doch weiter kam sie nicht. Die große, warme Hand von Draco legte sich auf ihre und umklammerte sowohl ihre Hand als auch den Türgriff mit eiserner Härte.

„Du wirst nicht vor mir eintreten. Du warst zu spät, also wirst du auch zu spät reingehen!“, sagte er bestimmt. Hermine hatte jedoch nicht vor, so leicht aufzugeben. Während Draco also an der Tür zog, um sie vor ihr zu verschließen, drückte sie sich mit aller Kraft dagegen, um sie doch noch auf zu bekommen.

„Sei nicht so kindisch, Malfoy!“, zischte sie zwischen zusammen gebissenen Zähnen: „Das ist doch lächerlich!“

„Du bist hier kindisch!“, kam es ebenso gepresst von Draco: „Was ist so schlimm daran, zu spät zu kommen? Ich trag dich schon nicht ins Klassenbuch ein. Lass los, verdammt!“

„Ich bin noch nie zu spät gekommen und ich fange heute nicht damit an. Himmel, Malfoy, nun lass mich endlich durch!“, verlangte Hermine in ihrem arrogantesten Tonfall: „Die Stunde hat angefangen und ich wette, dass deine übrigen Schüler nicht taub sind. Was sollen die von dir denken?“

„Ganz große Klasse, Granger!“, erwiderte Draco genervt: „So viel zum Thema Waffenstillstand, was? Und da dachte ich tatsächlich für einen Moment, dass du das ernst gemeint hast gestern.“

„Hab ich auch!“, verteidigte sie sich: „Was hat das hiermit zu tun?“

„Du bist mir körperlich unterlegen, also packst du die verbale Keule aus und fängst an, mir zu drohen.“

Ruckartig ließ Hermine von der Tür ab, um sich umzudrehen. Mit einem erstaunlich lauten Krachen schnappte die Tür unter der plötzlich übermäßigen Kraft von Draco ins Schloss zurück. Mit vor der Brust verschränkten Armen, den Rücken an die Tür gelehnt, schaute Hermine ihn aus blitzenden Augen an: „Du verdrehst alles so, wie es dir passt. Ich habe dir nicht gedroht, sondern einfach darauf hingewiesen, wie lächerlich die ganze Sache hier gerade ist und wie das auf deine Schüler wirken könnte.“

Draco ließ von der Türklinke ab und stemmte stattdessen beide Hände rechts und links von Hermine gegen die Tür. Während er sich gefährlich nah zu ihr runter beugte, flüsterte er ihr zu: „Du verdrehst die Worte. Du hast mich absichtlich auf meine Schüler aufmerksam gemacht, um mich damit zum Aufgeben zu zwingen.“

Überrumpelt von seiner plötzlichen Nähe ließ Hermine ihre Arme sinken. Ihr fiel mit einem Mal auf, wie viel größer er eigentlich war. Und wie muskulös seine Brust aus der Nähe betrachtet wirkte. Und wie viel Blau in seinen grauen Augen lag. Und wie sinnlich seine Lippen geschwungen waren. Hast du keine Augen im Kopf? Er ist heiß! Die Worte von Lydia Bennet geisterten unwillkommen durch ihren Kopf, doch sie musste zugeben, sie konnte plötzlich sehen, warum ihre Mitschülerin so dachte. Die zwei Jahre, die seit dem Krieg vergangen waren, hatten Malfoy offensichtlich gut getan.

Verärgert über sich selbst und die Richtung, die ihre Gedanken plötzlich eingeschlagen hatten, duckte sie sich unter seinen Armen weg und machte ihm Platz: „Schön, du hast gewonnen. Geh halt zuerst rein, wenn dich das glücklich macht.“

Für eine Sekunde meinte Hermine, dass Draco wie eingefroren auf die Stelle starrte, an der sie eben noch gestanden hatte, ehe er sich aufrichtete, die Arme sinken ließ und mit einem überlegenen Grinsen den Klassenraum betrat. Mürrisch folgte sie ihm auf den Fuß. Sie hatte sich das sicher nur eingebildet.

oOoOoOo

Genervt saß Draco in dem kleinen Café gegenüber der Schule und starrte in seinen Espresso. Was heute vor der Unterrichtsstunde mit Granger vorgefallen war, ließ ihn nicht los. Weniger die Tatsache, dass sie sich wie zwei kleine Kinder um den Türgriff gestritten hatten, das war vielleicht lächerlich und eines Professors nicht würdig, aber nicht wirklich schlimm. Nein, was ihn beunruhigte und den ganzen Tag über beschäftigt hatte, war der kurze Augenblick danach gewesen, als sie sich zu ihm umgedreht hatte und er aus irgendeinem Grund angenommen hatte, dass es eine gute Idee sei, ihr körperlich so nahe zu kommen.

Zuerst hatte sie ihn nur verwundert und ablehnend angeschaut, aber dann war der Ausdruck gewichen. Er hatte das Gefühl gehabt, dass sie ihn zum ersten Mal wirklich angesehen hatte. Und ihm war nicht entgangen, wie ihr kurz der Atem gestockt war, wie ihr Blick auf seine Lippen gefallen war. Er hatte deutlich registriert, dass sie ihn nicht mehr abweisend gegenüber gestanden hatte, sondern … ja, was eigentlich? Auf jeden Fall war er froh gewesen, dass sie im nächsten Augenblick von ihm weggetreten war. Sein erhitztes Gemüt, der beschleunigte Puls nach dem kurzen Streit, die unüberlegte Nähe zu ihr, ihre schutzlose Offenheit, als sie da so zwischen seinen Armen gefangen vor ihm gestanden hatte – das alles hatte seinen Geist verwirrt.

Er hatte tatsächlich für einen Moment darüber nachgedacht, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn er sich der Fantasie hingeben würde, sie zu küssen.

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