5. Türchen

Die Akte von Abraxas Malfoy war erstaunlich dick. Ganz offenbar war er zu Lebzeiten aktiv im Artefakt-Geschäft gewesen, hatte keine der großen Auktionen ausgelassen und auch selbst regelmäßig Ausstellungen organisiert. Genervt fuhr Hermine sich durch ihre dicken Locken. Die Spur der Vase führte eindeutig zu ihm und alle Aufzeichnungen über seine Aktivitäten danach zeigten keinerlei Anzeichen, dass er sie danach an irgendjemanden verkauft hätte. Die Vase musste sich also noch im Besitz der Malfoys befinden. Sie fragte sich, ob Malfoy sich bewusst war, dass ein potentiell gefährlicher Gegenstand irgendwo in seinem Haus war. Wie viel wusste er über die Sammelleidenschaft seines Großvaters?

Sie blätterte an den Anfang zurück. Abraxas Malfoy war 1989 an Drachenpocken gestorben, entsprechend war es unwahrscheinlich, dass er je mit seinem Enkel über irgendwelche Dinge von Belang gesprochen hatte. Und so, wie sie Lucius Malfoy einschätzte, hatte der seinem Sohn nie genug vertraut, um ihn in Familiengeheimnisse einzuweihen. Wann immer sie Vater und Sohn irgendwo zusammen gesehen hatte, sprach eine unbestimmbare Verachtung aus seinem Verhalten gegenüber Draco. Als wäre er enttäuscht, dass sein Sohn nur ein durchschnittlicher Zauberer war.

Unwillig schob sie die Papiere von sich. Jetzt war definitiv nicht die richtige Zeit, Mitleid mit Draco zu empfinden. Zwar hatte sich nach dem Krieg herausgestellt, dass er viele Dinge nur getan hatte, weil Voldemort ihn und seine Familie extrem unter Druck gesetzt hatte – deswegen hatte sie auch für ihn ausgesagt –, doch sein Verhalten, als sie ihn in der Villa besucht hatte, sprach eine eigene Sprache: Er sah noch immer auf sie herab. Als ob sie nicht bewiesen hätte, dass der Blutstatus gar nichts über magisches Talent aussagte. Außerdem hatte sie wenigstens eine bezahlte Arbeit, während er dem altertümlichen Leben eines englischen Gentleman nachging – also schon der Definition nach nicht arbeiten ging.

Entschlossen griff sie nach ihrem Mantel. Sie würde ihm auf der Stelle einen weiteren Besuch abstatten und nicht eher gehen, ehe sie nicht sicher sein konnte, dass er von der Existenz der Vase nichts wusste. Sie würde sich nicht wieder durch sein Verhalten verschrecken lassen.

Mit einem Knall apparierte sie an die Grenzen des malfoy’schen Anwesens. Klirrende Kälte lag über dem weiten Land, ein frostiger Schleier hatte sich auf die Natur gelegt. Die Villa lag umgeben von absoluter Stille vor ihr, nur der Dampf, der in Kringeln aus einem Schornstein emporstieg, zeugte davon, dass jemand anwesend war.

Hermine richtete sich zu voller Größe auf und ging mit erhobenem Haupt zum Eingang. Wieder wurde sie von dem Hauself begrüßt, doch diesmal führte er sie zu ihrer Überraschung direkt ins Haus, ohne vorher seinen Herrn zu konsultieren. Misstrauisch hob sie ihre Augenbrauen. Erwartete man ihren Besuch etwa?

„Miss Granger!“, ertönte die melodische Stimme von Narzissa Malfoy: „Sie beehren uns so schnell wieder mit ihrem Besuch!“

Noch immer misstrauisch blickte Hermine zur Treppe, die die Herrin des Hauses gerade hinabstieg. Sie trug ein aufwändiges, teuer wirkendes Kleid, das ihre Figur trotz ihres fortgeschrittenen Alters weiblich wirken ließ. Das dunkle Grün schmeichelte ihren blonden Haaren. Hermine schluckte. Mrs Malfoy sah definitiv eher so aus, als würde sie einen Ball besuchen, als einfach nur in ihrem Haus einen offiziellen Gast empfangen.

„Was kann ich für Sie tun?“, erkundigte sie sich, als sie bei Hermine angekommen war, und streckte ihr eine Hand zur Begrüßung hin.

Höflich schüttelte Hermine die Hand: „Ich würde gerne noch einmal mit Ihrem Sohn sprechen, Mrs Malfoy.“

In einer wohlkalkulierten Bewegung wanderte eine Augenbraue hoch: „Meinen Sohn? Er erzählte mir von Ihrem Besuch, doch er schien überzeugt, dass er Ihren Wünschen vollständig nachgekommen ist.“

Hermine wurde das Gefühl nicht los, dass diese Frau etwas vor ihr verbergen wollte, doch sie hatte nicht vor, sich provozieren zu lassen: „Ja, in der Tat, ich habe das Haus zu meiner Zufriedenheit inspizieren können. Aber ich hätte da noch einige Fragen, die mir erst später eingefallen sind. Ich bin manchmal etwas unaufmerksam, wissen Sie?“

Sie lächelte süßlich und bemerkte triumphierend, dass ihre absolut uncharakteristische Äußerung für einen Moment die kalte Maske der Hausherrin verschwinden ließ, doch sofort hatte sie sich wieder gesammelt: „Nur zu gerne. Er befindet sich gerade in unserer Bibliothek. Robby, führe Miss Granger zu Draco.“

Rasch entledigte Hermine sich ihres Mantels, dann folgte sie dem kleinen Hauselfen in einen der hinteren Flügel zu einer großen, doppelflügeligen Tür. Dort angekommen blieb Robby stehen: „Bitte, Miss, hier ist die Bibliothek. Den Hauselfen ist nicht erlaubt, sie zu betreten, also müssen Sie leider selbst anklopfen und eintreten. Robby entschuldigt sich für die Unannehmlichkeit.“

Grimmig presste Hermine die Lippen zusammen. So viel Vertrauen in diese freundlichen, magischen Kreaturen. Unfassbar. Sie atmete tief durch, dann trat sie ohne anzuklopfen ein.

Vor ihr öffnete sich ein Paradies aus Büchern. Hohe, wunderschön verzierte Regale aus dunklem Holz erstreckten sich, soweit das Auge reichte, und am anderen Ende des riesigen Raumes führte eine Wendeltreppe hoch auf eine Galerie, die den gesamten Raum umspannte. Auch oben waren die Wände verdeckt von Bücherregalen, und schon aus der Entfernung konnte Hermine sehen, dass dort deutlich ältere Bücher standen. Lässig an das Geländer gelehnt stand Draco Malfoy an der linken Seite des Saals auf der Galerie und blätterte in einem der Bücher. Als er das Geräusch der zufallenden Tür hörte, blickte er sich um und zu ihr hinab.

„Ah, Hermine, ich hatte mich schon gefragt, wann du zu mir zurückkehrst!“

Sie konnte sich nicht dagegen wehren, dass ihr Mund einfach nur aufklappte und sie dümmlich zu ihm hochstarrte. Woher kam diese plötzliche Freundlichkeit, dieser übertrieben vertraute Umgang? Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Diese Familie hatte mehr als offensichtlich etwas zu verbergen. Mit langen, festen Schritten durchquerte sie den Raum und stieg die Wendeltreppe hinauf.

„Ich freue mich, dass du endlich Manieren gelernt hast“, begrüßte sie Malfoy, als sie vor ihm angekommen war: „Warum nicht gleich so?“

Ein schuldbewusstes Grinsen erschien auf seinen Lippen: „Alte Gewohnheiten. Es tut mir wirklich leid, dass ich dir die kalte Schulter gezeigt habe. Kannst du mir verzeihen, Hermine?“

Wie um seiner vertraulichen Anrede noch mehr Bedeutung zu verleihen, beugte er sich zu ihr hinab, um sie auf Augenhöhe direkt anzuschauen. Hermine schluckte. Sie wusste, dass Malfoy zu Schulzeiten für seinen Charme bei den Mädchen beliebt gewesen war, doch sie sah sich selbst jetzt das erste Mal der vollen Macht seiner Künste ausgesetzt und das brachte sie gegen ihren Willen völlig aus dem Gleichgewicht.

„Ich …“, setzte sie an, doch sie musste sich unterbrechen, da ihr plötzlich unheimlich trockener Mund ihr die Dienste versagte.

„Warum lässt du dich nicht von mir zum Mittagessen einladen?“, schlug Malfoy vor, als wäre es das Natürlichste der Welt: „Als Entschuldigung? Und ich beantworte dir gerne alle Fragen, die du noch hast.“

Wieder klappte ihr Mund auf, ohne dass ihr eine Erwiderung einfiel. Was ging hier vor sich? Was hatten die Malfoys zu verbergen, dass sie derart schwere Geschütze auffuhren? Wollte Malfoy sich ernsthaft mit ihr zusammen in der Öffentlichkeit zeigen? Misstrauisch klappte sie den Mund zu und kniff die Augen zusammen. Man wollte sie an der Nase herumführen und ablenken, so viel stand fest. Doch so leicht würde sie nicht aufgeben.

„Das klingt wundervoll“, erwiderte sie fröhlich und erwiderte sein Lächeln. Entschlossen blickte sie ihm in die Augen, wartete nur darauf, dass er sein aufgesetztes Verhalten fallen ließ, doch er schaute ebenso breit lächelnd zurück, hielt den Blickkontakt und wirkte tatsächlich begeistert. Krampfhaft zwang sie sich, nicht rot zu werden oder zu Boden zu schauen.

Schließlich lachte er leise und richtete sich wieder auf: „Schön. Lass uns unsere Mäntel holen. Ich kenne ein sehr gutes Restaurant in London.“


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