6. Auf der unsterblichen Seite

Martin, den ich im Club kennen gelernt hatte, wurde zu meinem festen Liebhaber. Wie schon gesagt, war es üblich unter Unsterblichen, neben dem Gefährten, noch lockere Affären zu haben. Er lud mich und Cornelius zu einer gemischten Party, bei sich zu Hause ein. Mein Schöpfer war einverstanden, mich zu begleiten. Am besagten Abend fuhren wir mit dem Auto, wie es bei solchen Partys üblich war. Die geladenen Sterblichen dienten nur als Beute. Martin verteilte in der Disco „Barbarella", in der er neben dem Club noch DJ war, Flyer an hübsche Jungs und Mädchen. Attraktives Essen wurde erwartet. Da wollte sich ein unsterblicher Gastgeber auch nicht lumpen lassen. Allerdings musste er die ganzen Leichen nach dem Abend verschwinden lassen. Dafür gab es extra ein Krematorium in der Stadt, das einem Unsterblichen gehörte. Manche besaßen auf ihren Grundstücken ebenfalls so einen Ofen. Nur eine Nummer kleiner. Bei so einer Party kamen gut zwanzig Tote zusammen, eher mehr und der Betreiber dieses Pseudo-Bestattungsunternehmens holte sie sogar, gegen geringen Aufschlag ab. Mit diesem Service verdiente er ganz gut und wer wollte schon über zwanzig Körper verbuddeln.

Übrigens, war es meine erste Party dieser Art auf der unsterblichen Seite. Als Beobachter kannte ich, dass Prozedere schon. Ich war heute nicht hungrig und konnte mich ganz auf die vampirische Gesellschaft konzentrieren. Im Hof vor dem Haus, parkten schon unzählige Autos und ich hörte viele Stimmen aus dem Innern dringen. Als wir eintraten, standen die Meisten im Garten. Martin kam auf uns zu, begrüßte mich und Cornelius und stellte seine Gefährtin Jane vor. Ich kannte ihren Namen aus Antonios Akte. Sie war eine beeindruckende Frau. Lange, pechschwarze Haare und ihr Körper steckte in einem weitausgeschnittenen roten Samtkleid. Sie hatte ebenfalls grüne Augen und war kleiner als ich. Cornelius sprach kurz mit ihr, während meine Augen schon jemand anderen entdeckt hatten. Antonio! Ich wurde ganz nervös. Er unterhielt sich mit Martin und sein Blick streifte mich kurz. Doch er reagierte nicht. Eigentlich sah er ganz gut aus, aber ihn umgab eine teuflische Aura. Wenn sich der Teufel auf Erden einen Körper aussuchen würde, dann sicher Seinen. In dem Augenblick trafen mich seine Augen und um seinen Mund zeigte sich der Anflug eines Lächelns. Natürlich hatte er es gehört. Gegen seine Kraft hatte meine Barriere keine Chance.

Im Laufe des Abends musste ich ihn immer wieder beobachten. Er registrierte mich nicht. Seine dichten braunen Haare, waren ungewöhnlich lang für einen Mann, genauso wie seine Fingernägel. Er versteckte die unnatürliche Krümmung und Länge nicht vor den Menschen. Sie hielten es für Kunstnägel, aber seine Finger verstärkten den diabolischen Eindruck von ihm noch. Er trug heute einen klassischen Smoking und sein Haar offen. Martin schäkerte mit ihm und sie küssten sich kurz. Ich glaube, nur er durfte Antonio so respektlos behandeln. Als sich die Meisten, auch Cornelius, mit ihren Opfern verzogen hatten, lehnte ich am Terrassengeländer. Da bemerkte ich jemanden neben mir. „Hast du Lust auf einen Snack?" Ich erkannte Antonios Anzug und sah ungläubig auf. Er wies mit dem Kopf auf drei Sterbliche, die noch übrig waren. Seine Haut war nicht bleich, auch seine Lippen nicht. Er war also nicht hungrig. „Wozu?", fragte ich. Er lächelte hinterhältig: »Zum Vergnügen! Wen würdest du wählen?"

„Niemanden!", erwiderte ich ärgerlich. Antonio fuhr fort: „Erschüttert das deine Grundsätze? Nur aus Hunger zu töten. Na ja, was kann man auch anderes erwarten, bei deinem Weichei von Schöpfer."

„Bist du hier um mich zu beleidigen? Dann kannst du verschwinden." Er blieb gelassen: „Du gierst doch nach meiner Macht. Ich wäre dir ein besserer Lehrer, als er es je sein könnte." Diese Bemerkung verwirrte mich total. Was wollte er eigentlich? Da platzte ich heraus: „Machst du mich gerade an?" Antonio fing herzhaft zu lachen an. Eine ungewohnte Gefühlsregung bei ihm. Als er sich beruhigt hatte, meinte er: „In gewisser Weise. Ich finde dich interessant. Lege deine Furcht vor mir ab. Ich nehme jetzt den jungen Mann da drüben auf ein Zimmer und du überlegst, ob du nachkommst." Damit ging er auf den Sterblichen zu, der sich mit den zwei übrigen Frauen unterhielt. Ich sah den beiden nach, wie sie ins Haus gingen, und konnte es nicht fassen. Er wollte tatsächlich ins Bett mit mir. Hatte ich mir nicht insgeheim so etwas gewünscht? Dieser Typ wusste das. Er sah alles in mir. Meine Neugierde siegte mal wieder und ich betrat das Schlafzimmer, in dem er gerade von dem Mann trank. Mit entblößten Oberkörpern lagen sie auf dem Bett, der Sterbliche seufzte berauscht und Antonio sagte in Gedanken zu mir: ‚Komm aufs Bett und koste von ihm.‘ Ich entledigte mich meines Glitzerkleides und kroch neben den Mann. Antonio unterbrach seinen Trunk nicht. Ich betrachtete den muskulösen Arm des Menschen, der schlaff neben seinem Körper lag, sah die Adern unter der Haut pochen und wie sich die strukturierte Brust unter den Atemzügen, hob und senkte. Meine Lippen küssten die heiße Haut und wie von selbst, versanken meine Zähne darin. Der Mensch reagierte nicht darauf. Er war schon zu tief in seinen Träumen gefangen. Ich sah nur Verzückung in seinem Hirn. Er war voller Hingabe, wollte mehr von diesem erregenden Gefühl, das Antonio verursachte. Mein Saugen verstärkte dieses Gefühl. Seine schwache Hand legte sich an meinen Hinterkopf und drückte mich enger an seine Brust, von wo ich trank. Mir fiel Cornelius Art zu jagen wieder ein und ich begriff den Reiz dabei. Ich bedauerte den baldigen Tod unseres Opfers, weil diese Hingabe vorbei war. Mein Gebiss löste sich aus seinem Fleisch und ich sah in sein entspanntes Gesicht.

Antonio stieß den Leib fast beiläufig vom Bett, um näher zu mir zu rücken. Seine blutigen Lippen trafen meine: ‚Hat es dir geschmeckt‘.

Es war mehr das Gefühl dabei.‘ Er lächelte: ‚Siehst du! Ich kann auch anders.‘ Zur Bestätigung zog ich ihn enger an mich und drang mit der Zunge zwischen seine Lippen. Da war wieder diese aufflammende Erregung, wie ich sie als Sterbliche immer mit ihnen erlebt hatte. Er würde mich um den Verstand bringen. Sein Körper war zwar kleiner und schmaler, als der von Cornelius, aber was spielte das noch für eine Rolle. Ich war mit dem mächtigsten Vampir von San Francisco zusammen und das allein war schon sehr antörnend. Als er mein Blut trank, explodierte ich fast und als ich seines kostete, veränderte sich das Zimmer. Wir lagen in einem alten Himmelbett mit schweren Samtvorhängen und Bettzeug. Es roch nach altem Holz, Kerzen brannten und das Mondlicht modellierte unsere Marmorkörper. „Antonio!", flüsterte ich. Sein weiches, seidiges Haar strich über meine Brust und ich sah in seine bernsteinschimmernden Augen. „Jessica!", hauchte er. Er war nicht ungestüm, wie man vielleicht denken könnte. Seine Bewegungen gingen mehr in die Tiefe und in seinen Armen fühlte ich mich als Sterbliche, auch wenn ich von ihm trank. Sein Blut war noch erregender, als das der anderen. Unsere Vision bestand immer noch. Wir liebten uns in dem barocken Schlafgemach und erst mein Höhepunkt brachte uns zurück. Wie ein Blitz durchfuhr es mich und ich zitterte am ganzen Körper. Ach, wie himmlisch! Es war, als würde ich aus einem Traum erwachen. Er streichelte mein Haar und betrachtete meine Augen. Ich fragte: „Wo war dieses Zimmer?"

„In meinem Pariser Stadthaus, vor zweihundertfünfzig Jahren." Ich dachte an seinen Lebenslauf und dass das doch die Zeit mit Michelle war. Seine Miene erstarrte. Michelle war einst seine große Liebe gewesen. Er hatte sie als Unsterbliche kennen gelernt, aber Michelle zog es vor in einem Keller zu hausen, anstatt in seiner schönen Stadtvilla. Das wurde ihr eines Nachts zum Verhängnis. Als sie von einem sterblichen Ball im Morgengrauen heimkehrte, überwältigten sie vier Männer und vernichteten sie. Antonio startete, rasend vor Schmerz, einen Rachefeldzug, gegen Michelles Mörder. Er tötete ihre Frauen und Kinder und verbrannte die Männer in ihren Häusern. Jede Nacht brachte er nur ein Familienmitglied um, damit die Angst der Verantwortlichen immer größer wurde und sie erkennen mussten, dass ihr Hokuspokus den Vampir nicht aufhalten konnte. Nach den Taten versank er eine Zeit lang in tiefer Depression, vegetierte nur noch vor sich hin. Dann raffte er sich endlich auf und ging nach Amerika, um Abstand zu gewinnen. „Verzeih! Ich denke immer noch an die Akten." Er wandte sich von mir ab und stand auf: „Ist schon gut. Wenn es nur nicht immer noch weh tun würde. Die Todesschreie ihrer Mörder, wenn die Flammen an ihnen nagten, waren wie Musik in meinen Ohren, aber mein Schmerz blieb. Wenn du möchtest, kannst du mich jeder Zeit besuchen." Antonio zog sich wieder an und verließ das Zimmer. Ich kauerte noch auf dem Bett und starrte den Toten am Boden an. Achtlos hingeworfen, wie Abfall. Antonios gedrückte Stimmung, war nicht zu übersehen gewesen und ich hatte sie verursacht.

Als ich wieder im Garten ankam, stand mein Cornelius bei einer fremden Unsterblichen. Nach genauerem Betrachten erkannte ich in ihr diese Suzanne, mit der er ein Verhältnis gehabt hatte. Sofort flammte meine Eifersucht auf. Mit der war er aufs Zimmer gegangen. Ich platzte dazwischen, legte einen Arm um Cornelius. Er stellte mich sogleich vor: „Das ist Jessica, meine Gefährtin." Suzanne nannte mir ihren Namen. Ich lächelte gezwungen und zog sanft an Cornelius Arm: ‚ Komm!‘ Er ließ sich mitziehen, nachdem er sich von ihr verabschiedet hatte. „Bist du eifersüchtig?", fragte er, als wir weit genug weg waren. Ich antwortete nicht. Cornelius küsste mich auf die Wange: „Das brauchst du nicht. Ich habe nur ein Opfer mit ihr geteilt."

„Das denke ich mir. Ich war ja auch mit jemandem oben." Er fragte interessiert: „Mit wem?"

„Antonio!" Da verfinsterte sich sein Gesicht: „Lass die Finger von ihm! Er ist gefährlich. Bitte geh nicht mehr zu ihm." Kopfschüttelnd wandte sich Cornelius ab. Ich packte ihn am Arm: „Sag mir, warum du ihn so fürchtest. Hat er dir irgendetwas getan?" Mein Gefährte wandte sich nochmals um: „Nein. Aber alle fürchten ihn und ich will nicht, dass dir ein Leid geschieht. Ich habe einfach Angst um dich." Irgendetwas verheimlichte er mir. Was war zwischen den beiden?

 

Ich konnte Antonios Angebot, ihn zu besuchen, nicht vergessen, und stand schließlich vor seiner Villa. Er besaß ein prächtigeres Anwesen, als wir. Es sah eher wie eine Festung aus, mit Erkern, Türmchen und einer riesigen Eingangstreppe. Ich huschte die Stufen, die von zwei brüllenden Marmorlöwen flankiert wurden, zur Haustür hoch und läutete.

Nach kurzer Zeit öffnete ein dunkelhaariger, junger Mann die Tür. Sein Herz schlug, also ein sterblicher Diener. „Ich bin Jessica und möchte gern zu Antonio. Ist er zu Hause?" Der Mann nickte: „Komm rein! Ich rufe ihn."

Hinter der Tür tat sich eine große Vorhalle auf. Darin standen viele Statuen aus Marmor und an den Wänden hingen altertümliche Bilder. Eine über zwei Meter große Skulptur bildete das Zentrum der Halle. Es stellte ein Pferd dar, das von einer Raubkatze gerissen wurde. Das Tier hatte panisch die Augen aufgerissen, bäumte sich auf, während die Katze sich in der Kehle verbissen hatte und sich ins Fleisch krallte. Wie passend!

Der Diener führte mich in den Garten und wies auf die Sitzgruppe der Terrasse. Mir fiel auf, dass er kein gewöhnlicher Mensch war. Er besaß unsere matte, blasse Haut und die weißen Zähne. Sie waren jedoch nicht länger. Wenn ich mich nicht auf seinen Puls und Atem konzentrierte, konnte ich das leichte Vibrieren spüren. War er ein Mischling? Wie war das möglich? Wir waren doch unfruchtbar. Ich fragte ihn: „Was bist du? Es verwirrt mich." Nun lächelte er zum ersten Mal: „Ein Mischwesen. Meine Mutter war ein Mensch."

„Interessant! Aber verrate mir, wie das vor sich geht. Wir können doch keine Kinder zeugen.", bemerkte ich. Er grinste breiter: „Nicht ganz. Zumindest die frisch umgewandelten Männer können das in den ersten Nächten noch. Bis die Munition verschossen ist. Du verstehst?!"

„Und so ist deine Mutter von einem Neugeborenen geschwängert worden?" Er nickte: „Von ihrem Ehemann, ja. Er verließ sie nicht gleich nach seiner Verwandlung, lebte noch einige Jahre bei uns. Aber irgendwann zog es ihn fort und er tauchte nie wieder auf. Ich kümmerte mich um meine Mutter, bis sie starb. Ich versuchte, dann meinen Vater zu finden, aber er könnte überall auf der Welt sein und ich gab auf. Ich dachte, wenn er wollte, würde er mich finden."

„Vielleicht existiert er schon lange nicht mehr. Du weißt ja, dass Duelle keine Ausnahmen sind.", wandte ich ein.

In unseren Archiven gab es keine Aufzeichnungen über Mischwesen. Eine Bildungslücke! Ich hatte mich gesetzt und da erschien Antonio an der Terrassentür.

„Du kannst uns allein lassen, Silvio." Der Halbvampir nickte und verschwand.

 Antonio setzte sich ebenfalls: „Was führt dich zu mir?" Heute war er lässiger gekleidet. Mit Jeans und Shirt. Im neulich sah er überheblicher aus. „Ich wollte dein Angebot annehmen, um mehr über uns zu erfahren, und wie ich sehe, birgst du schon eine Neuigkeit. So jemanden wie Silvio, habe ich noch nie gesehen." Er machte eine abfällige Handbewegung: „Bastarde! Nichts Besonderes. Sie sterben irgendwann."

„Dann ist er sterblich?"

„Ja, allerdings kann er einige Jahrhunderte alt werden. Silvio besitzt mehr von uns, als von den Menschen. Er wird aber altern und sterben. Ansonsten ist es unterschiedlich, was sie von uns geerbt haben. Genauso, wie menschliche Kinder mal mehr oder weniger vom Vater erben. Er ist ja immer der unsterbliche Teil dabei." Ich fragte weiter: „Und wie alt ist er?" Antonio blickte zur Tür: „Silvio ist zweihundert. Ich schätze seine persönliche Lebenserwartung auf sechshundert. Er ist jetzt im Alter eines dreißigjährigen Menschen. Also, würde er mit neunzig sterben. Die Entwicklung von Bastarden ist merkwürdig. Bis zum Erwachsenenalter entwickeln sie sich viel schneller, als Menschen und dann geht das Altern ganz langsam. Ähnlich wie Vampirkinder!"

Da wusste ich jetzt darüber Bescheid. Das waren Kinder, die sich mit ihrer schwangeren Mutter verwandelt haben und dann als reinrassiger Vampir zur Welt kamen. Das kam sehr selten vor, weil ein Unsterblicher normalerweise keine Schwangeren tötete. Manche hatten es vielleicht aus großer Gier getan und den Frauen, dann das Blut gegeben, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Die Kinder wuchsen fast doppelt so schnell heran, wie sterbliche und wenn sie ausgewachsen waren, verharrten sie auf ewig. Es gab einige Berichte davon in den Akten der jeweiligen Frauen. Darin stand auch, dass schwangere Unsterbliche einen großen Blutdurst hätten und dass sie die Babys schon nach sechs Monaten gebären. Zuerst würden die Kinder Muttermilch trinken, dann auf Tierblut umsteigen und schließlich Menschenblut trinken, wenn sie alt genug waren, um zu jagen. Das geschah schon mit biologischen sieben Jahren und die Opfer waren ebenfalls Kinder. Für die geborenen Vampire waren Menschen wirklich nur Futter. Sie kannten es ja von klein auf nicht anders. Ich stellte mir eine Horde pubertierender Vampire vor. Das würde sicher in einer Katastrophe enden. „Und was hat er von uns geerbt?", wollte ich wissen. „Er ernährt sich hauptsächlich von Blut. Allerdings braucht er den Pulsschlag nicht und so überlasse ich ihm meine Reste. Ansonsten trinkt er Tierblut." Dabei schüttelte sich Antonio angewidert."Und er isst rohes Fleisch. Er kann auch rohe Eier essen und Milch trinken. Eben alles Tierische."

„Und sonst? Du sagtest, er hätte mehr von unseren Eigenschaften." Er nickte: „Zum Beispiel empfindet er ebenfalls keine Schmerzen bei gewöhnlichen Verletzungen. Die Sonne hingegen schmerzt ihn auch. Er bekommt einen juckenden Ausschlag davon. Trotzdem ist es praktisch, ihn zu haben. Er kann Dinge tagsüber erledigen, obwohl er da ziemlich müde ist. Er schläft meistens über die Mittagszeit und wird gegen Abend munterer."

„Kann er Gedanken lesen?" Antonio schüttelte den Kopf: „Nur bei Menschen. Unsere kann er empfangen, wenn wir es wollen, aber er kann nicht in unser Gehirn eindringen. Fliegen kann er übrigens auch nicht, oder Dinge mental beeinflussen. Ich glaube, er neidet mir manchmal mein reines Blut. Dass er nicht unsterblich werden kann." Ich wandte ein: „Aber theoretisch könntest du ihn doch aussaugen, bis zur Todesschwelle und ihm dann deines geben."

„Und mir damit einen Gott schaffen? Niemals!" Er sah mich dabei wütend an, beruhigte sich aber sofort wieder. Hatte ich einen wunden Punkt getroffen?

Das war wohl Silvio Dilemma. Er würde nie einen Vampir finden, der ihn umwandelt, weil keiner einen mächtigeren Zögling haben wollte. Die Kräfte des Schöpfers würden sich zu seinen jetzigen addieren und keiner konnte das Ergebnis erahnen. „Denk nicht einmal im Traum daran, Jessica. Ich würde dich vernichten, bevor du es tun könntest." Tja, vor ihm konnte man keine Geheimnisse haben und er sah die Gedanken schon, bevor sie entstanden. Ich nahm seine Drohung ernst. Damit spasste er nicht.

 

Zu Cornelius sagte ich nichts über meinen Besuch bei Antonio. Er wäre vermutlich ausgeflippt. Doch ich besuchte Antonio noch öfters. Er wusste so viele interessante Dinge, von denen ich noch nie gehört hatte. Mein Forscherdrang war wieder erwacht. Das Bett, hatten wir seit der Party, nicht mehr geteilt und ich hatte auch kein Bedürfnis nach einer Wiederholung. Ihm ging es genauso. Lieber sprachen wir über Dinge, die unsere Art betrafen. Er erzählte mir von unseren einzigen natürlichen Feinden. Den Druden!

Das waren unsterbliche Nachtwesen, die es auf unser Blut abgesehen hatten, erklärte er mir. In den Karpaten würde so ein Wesen leben, weswegen die alljährliche Festwoche über Neujahr, nicht mehr in Rumänien stattfand. Das war also der Grund für die Verlegung des Festes nach Irland vor zirka zweihundert Jahren. Wir Beobachter hatten oft darüber gerätselt. „Die Druden sind weiblich, sollen wunderschön sein, aber sehr stark und schnell. Ihre männlichen Opfer berichteten von kalkweißer Haut, goldenen, langen Haaren, fehlenden Augenbrauen und einem zierlichen Körper. Ihre Kräfte zerdrückten auch sehr mächtigen Vampiren, die Rippen, wenn sie, sie austranken. Sie griffen immer in der Luft an und nur, wenn der Unsterbliche frisch gejagt hatte. Danach starben die Opfer."

„Aber bei Blutverlust fallen wir doch ins Koma." Antonio seufzte: „Nur bei völliger Blutleere. Doch ihr Biss ist giftig für uns. Dieses Gift löst die Unsterblichkeit auf. Das bedeutet, wir kehren zu unserem sterblichen Alter zurück und das führt bei den meisten Unsterblichen zum Tod. Ich würde innerhalb einer Woche zu einem Greis werden und an Altersschwäche sterben. Meine Leiche würde dann ganz normal verwesen. Für dich hätte es nur die Auswirkung, dass du weiterhin alterst, wie als Mensch. Aber du bist eine Frau! Euch greifen sie nicht an. Keine Ahnung, warum." Zaghaft fragte ich: „Gibt es viele Druden?" Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Zum Glück, sind sie sehr selten. Ich weiß nur von Rumänien." Da erinnerte ich mich wieder an die Weltkarte bei den Archiven. Deshalb gab es dort keinen einzigen Unsterblichen mehr. Schade, dass ich das alles nicht mehr der Organisation mitteilen durfte. Langsam beschlich mich die Frage, woher unsere Art eigentlich kam, wenn es noch höher entwickelte Nachtwesen gab. Waren wir aus Dämon und Mensch entstanden, oder aus etwas anderem? Siebzig Prozent der Gene, waren nicht bekannt. Es gab also für diesen Teil keinen Vergleich auf der Erde.

Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass Antonio mir etwas verschwieg. Er hütete ein Geheimnis. Ich wusste es einfach und wahrscheinlich würde ich es nie erfahren. Heute spürte ich mehrere Unsterbliche in seinem Haus. Antonio meinte: „Meine beiden Gefährtinnen." Ich zog die Augenbrauen hoch: „Du hast zwei?" Er lachte und fügte hinzu: „Eve und Susan. Sie sind so verschieden, wie Tag und Nacht. Susan ist unkompliziert, witzig und gefühlvoll. Eve ist eine wilde, kratzbürstige Katze. Sie kommt und geht, wie es ihr passt, und ist oft nächtelang fort." Ich erwiderte: „Also, ich könnte keine zweite Frau in Cornelius Haus akzeptieren. Das gäbe nur Streit." Er grinste: „Ach, Jessica! Das sind doch Nebensächlichkeiten. Darüber regen sich nur die Menschen auf. Du wirst dich auch noch verändern und dann lachst du eines Tages über solche Gefühle."

Ich betrachtete ein Schwarzweiß-Foto von zwei küssenden Männern an der Wohnzimmerwand. Einer davon war Martin. „Hast du noch was mit ihm?" Antonio folgte meinem Blick: „Ab und zu. Er kommt manchmal her, oder wir treffen uns auf Partys."

Das Foto zeigte meinen Liebhaber mit einem Sterblichen. Für einen Vampir war der zu sehr gebräunt. „Hat er ihn danach verspeist?" Das könnte ich mir jetzt als Fortsetzung dieser Kussszene vorstellen. Antonio antwortete: „Nein. Er nimmt nur Frauen. Leider! So kann er mich nie zu meinen Mahlzeiten mit jungen Männern in die Hotels begleiten." Ich lächelte: „Machst du das?"

„Ja, manchmal muss ich auch genießen. Es ist der Gegensatz zur schnellen Jagd aus der Luft. Ich tue es nur, wenn ich einen entsprechenden Sterblichen sehe. Er muss mir gefallen und irgendetwas haben, was mich fesselt. Es hängt dann von meinem augenblicklichen Hunger ab, wie lange ich ihn hinhalte. Sind es noch einige Nächte, dann verführe ich ihn langsam, aber lasse es nicht bis zum Äußersten kommen. Erst in der finalen Nacht und dann sind die Männer nicht mehr zu bremsen. Sie verzehren sich regelrecht nach mir und sind absolut stürmisch."

„Bevorzugst du dein Geschlecht?"

„Für diese Hotelnacht schon. Sonst bin ich nicht wählerisch. Du hast recht, vielleicht hat es mit meiner ehemaligen sterblichen Gesinnung zu tun. Oh Gott, wie plagte mich damals mein Gewissen. Ich dachte, ich wäre verflucht und würde dafür direkt in die Hölle fahren. Ich hielt die ersten Nächte nach der Verwandlung tatsächlich für die Vorstufe davon. Mir war schnell klar, dass ich ein Dämon geworden war, und sah es als Strafe an. Mit der Zeit wurde es dann zur Erlösung, weil ich von den menschlichen Zwängen und von meinem Gewissen befreit war. Du kannst dir kaum vorstellen, wie das vor fünfhundert Jahren war. In der unsterblichen Gesellschaft waren die Standes- und Geschlechtergrenzen aufgehoben. Wir feierten pompöse Bälle, wie der Adel und durften uns mit jedem vergnügen, den wir wollten. Ich war berauscht von der fast grenzenlosen Freiheit." Ich nickte zustimmend: „Ein bisschen kann ich es mir vorstellen. Ich habe deine Akte gelesen, aber was in dir vorging, steht natürlich nicht darin. Aber nun entschuldige mich. Der Morgen!" Er erhob sich aus seinem Sessel: „Natürlich! Ich vergesse immer wieder, wie früh es die Jungen spüren. Bis bald!" Dabei drückte er mir noch einen Kuss auf die Wange. Als ich am Fernsehsofa vorbeikam, lag Silvio darauf und ich fragte: „Verrätst du mir, wie dein Vater heißt?" Er sah verwundert auf: „Wieso willst du das wissen?"

„Nur so. Ich kann dir vielleicht helfen, etwas über ihn zu erfahren." Silvio kniff misstrauisch die Augen zusammen.

„Vertrau mir! Bitte!", sagte ich. Er sah mich eine Zeit lang an, bevor er antwortete: „Rodriguez Fernandez. Wir lebten in Malaga."

„Okay, danke. Ich werde sehen, was ich tun kann. Ach so, wann genau wurdest du geboren?"

Silvio erwiderte: „25.7.1790."

„Also, du hörst von mir." Ich wollte ihm wirklich helfen, herauszufinden, ob sein Erzeuger noch lebte. Das beschäftigte ihn schon sein ganzes Leben. Ich würde in das Archiv einbrechen.

Das tat ich schon in der nächsten Nacht. Ich war selbst neugierig auf diesen Rodriguez. Heute wartete ich, bis kein Mensch mehr im Gebäude war. Die Alarmanlage hielt mich nicht auf. Die Akte fand ich auch schnell und sie war nicht unter den Vernichteten. Wo trieb sich sein Vater herum? Ich überflog den sterblichen Teil und Silvio Kindheit. Rodriguez Weg führte von Spanien, Frankreich, Italien und einigen Gefährtinnen und Gefährten, nach Südamerika. Dort schien er in Venezuela zu leben. Er hatte allerdings keinen festen Wohnsitz, war ein Vagabund. Wahrscheinlich war er ziemlich verwildert. So im Dschungel zu vegetieren. Manchmal wurde er von den einfachen Bauern der Gegend gesehen. Vermutlich auf seinen Beutezügen. Laut den Berichten verschleppte er seine Opfer aus den Häusern heraus. Die Leute hatten schon oft versucht, ihn aufzuspüren und zu vernichten. Im Gegensatz zu den Weißen glaubten die Latinos an Geister und Dämonen. Für sie war das Treiben eines Vampirs sehr real. Aber in dem Dickicht des Dschungels würden sie ihn nie finden. Wer weiß, wie viel menschlichen Verstand er noch besaß? Nicht gerade erfreuliche Neuigkeiten für Silvio, aber vermutlich war es, besser einen Vater zu haben, der den Verstand verloren hatte, als einen, der ihn bewusst nicht mehr sehen wollte. Ich hoffte, er würde irgendwann den Sprung zurück in die Zivilisation schaffen.

Einige Nächte später entdeckte ich eine gesendete E-Mail an Jack, auf Cornelius Computer, in der er ihm seine Sorgen klagte:

Hi Jack,

ich mache mir ernsthaft Sorgen um Jessica. Sie trifft sich immer öfter mit Antonio. Ich glaube, ich werde sie verlieren. Was soll ich nur tun? Er ist so mächtig, dass er jede Frau haben kann, die er will. Kaum ist sie meine Gefährtin, verliere ich sie schon wieder. Das stehe ich nicht noch einmal durch, dass er mir wieder eine Frau nimmt. Meine Maria und jetzt meine geliebte Jessica. Das kann ich nicht ertragen. Falls sie mich verlässt, werde ich ihn herausfordern. Gruß Cornelius

Die Nachricht stammte von gestern Abend und natürlich war Jacks Antwort schon da. Er war entsetzt über Cornelius Vorhaben und er solle doch zuerst mit mir sprechen und mir von damals erzählen. Maria hätte eben Antonios Schöpferin Catherine ähnlich gesehen. Ich beschloss sofort, mit meinem Liebsten zu sprechen, bevor er auf weitere dumme Gedanken kam. Er lag in unserem Bett und ich sah noch, wie er seine Tränen abwischte, als ich eintrat. Er blickte mich gefasst an und lächelte. Ich zog mich aus, legte mich neben ihn und sagte: „Ich habe nichts mit Antonio. Wirklich nicht! Nur das eine Mal auf der Party. Er erzählt mir so viele interessante Dinge, dass ich mich wieder als Forscherin fühle. Das ist das Einzige, was mich interessiert. Glaub mir! Ich liebe dich und will dich nicht verlassen." Cornelius sah mich stumm an und ich merkte, wie er mit den Tränen kämpfte. Dann packte er mich plötzlich mit einer Hand am Hals, zog mich grob zu sich heran und schlug seine Zähne in mich. Ich sträubte mich sofort dagegen, weil es kein stürmischer Liebesbiss war. Er trank jedoch nicht hastig und sog nicht stark an der Wunde, was mich wieder beruhigte. Das signalisierte mir, dass er mir nichts antun wollte. Ich gewährte ihm den Trunk und nach kurzer Zeit löste er sich vom Hals und ging dazu über, meine Wangen und Lippen zu küssen. Ich schloss ihn fest in die Arme und erwiderte seine Küsse, schlang ein Bein um seine Hüfte und er gab meinem Drängen nach. Seit wir beide unsterblich waren, war der Sex meistens stürmisch und kurz.

Seither hatte ich es nie mit einem Sterblichen probiert. Vielleicht sollte ich es nach meiner nächsten Jagd versuchen und erfahren, was für Jack oder Cornelius den bestimmten Reiz ausmachte. Obwohl es für sie, als Männer, sicher anders war. Sie waren die Liebhaber, aber ich musste mich lieben lassen und der spritzte mir auch noch hinein. Cornelius grinste: „Was denkst du nur schon wieder?" Ich grinste zurück: „Das geht dich gar nichts an. Sag, was ist mit Menschen anders?" Er erwiderte: „Ihr Puls, ihre Wärme, ihr Geruch und dass du die Macht über sie hast. Sie geben sich dir hin, bis du genug hast. Jedoch musst du deine Körperkraft beherrschen können. Besonders beim Höhepunkt." Ich glaubte, dazu fähig zu sein. Gleich vorweggesagt, schildere ich dieses Erlebnis nicht in Einzelheiten, weil es fast ekelerregend war. Dieser haarige Körper, der Schweiß und seine Ausdünstungen. Ich ließ es wirklich nur über mich ergehen und musste mich sehr beherrschen, ihn nicht zu zerfetzen für diese Schmach. Danach stand ich sicherlich eine halbe Stunde unter der Dusche, seifte immer wieder meine Haut ab, bis ich seinen Geruch nicht mehr an mir wahrnahm. Somit war dieses Thema erledigt. Dann noch eher mit einer Sterblichen.

Das Jahresende näherte sich. Die Menschen waren im Weihnachtsstress und die ganze Stadt war von bunten Lichtern übersät. Beim Fliegen bot sich mir eine wunderbare Kulisse, wenn die Gärten und Häuser geschmückt waren. Wir hingegen, bereiteten uns auf das einwöchige Fest an Neujahr vor. Jack würde uns seinen Privatjet schicken und von London aus, wären wir durch die Luft in drei Stunden in Irland. Ich freute mich sehr auf mein erstes Silvesterfest dieser Art.

Am 28. Dezember ging es los. Wir hatten jeder eine Reisetasche mit den besten Klamotten gepackt. Cornelius hatte noch Kopien seiner Gewänder, aus sterblichen Zeiten, dabei. Viele Unsterbliche ließen ihre vergangenen Jahrhunderte wieder aufleben. Er hatte sich sogar für das Fest, seine Haare auf die ursprüngliche Länge wachsen lassen. Sie reichten ihm ein wenig über die Schultern, so dass er sich noch einen Pferdeschwanz machen konnte. Ich war ja schon immer neugierig auf seine längeren Haare gewesen. Sonst trug er sie kurz, wie für heutige Männer üblich.

Vor der Abreise musste ich auf die Jagd und dann noch einmal kurz vor unserem Eintreffen auf der Burg, damit ich es wenigstens vier Nächte ohne Blut aushielt.

Nach unserem selbstständigen Flug von London nach Irland, leibte sich Cornelius gleich zwei Sterbliche auf einmal ein. Einen für die Adern und den anderen für seinen Magen. So hielt er gut acht Nächte Fasten durch. Den Dritten der Männergruppe, überließ er mir. Wenn mich während der Festwoche der Hunger überkam, musste ich entweder Tiere erbeuten, oder weit entfernt töten. Eine Regel des Festes lautete, keine Opfer in den umliegenden Dörfern der Burg zu schlagen. Die Sterblichen durften auf keinen Fall auf das Treiben in dem Gemäuer aufmerksam werden. Zumindest durften sie nichts Ungewöhnliches bemerken. Die Bewohner dachten, dass eine Adelsfamilie dort feierte.

 

Als wir die Burg erreichten, suchten wir uns zuerst einen Schlafplatz in den unterirdischen Gewölben. Wer als Erster kam, ergatterte auch die besten Plätze. Zum ersten Mal musste ich auf der nackten Erde schlafen. Ich war eine richtig verwöhnte Luxus-Unsterbliche und froh über meinen Schlafsack, den ich mitgeschleppt hatte. Cornelius meinte, dass ich mich als Neugeborene mit dem Teil noch nicht lächerlich machte. „Ich glaube, ich muss mal Überlebenstraining mit dir machen. Schlafen in der Erde, oder in Grüften.", fügte er lachend hinzu. Gnädigerweise hatte er dicke Decken mitgenommen, auf denen wir es uns bequemer machen konnten. „Präge dir den Platz gut ein. Wenn mal alle hier sind, musst du über die ganzen Körper schweben." Heute am ersten Abend war noble Garderobe angesagt. Einer der Ratsältesten würde die Begrüßungsrede halten. Dort wurden die Regeln des Festes verkündet und wir Neuen in ihren Kreisen willkommen geheißen. Cornelius war stolz, mich als seine neue, hübsche Gefährtin vorzuführen.

 

Nach der Rede begannen die einzelnen Bälle auf verschiedenen Stockwerken. Im Keller war Disco für die Jungen. Ich begleitete meinen Schöpfer ins Barock und er versuchte mir, diese höfischen Tänze beizubringen. Na ja, nach Schritten tanzen, war nicht mein Fall und dieses steife Stolzieren schon gar nicht. Als er einige alte Bekannte traf, ging ich allein auf Erkundungstour. Überall vermischte sich moderne Mode mit alten Kostümen. Frauen in pompösen Ballkleidern, oder schmalen Gewändern, wie sie im Mittelalter üblich waren.

Ich trug ein schlichtes, dunkelgrünes Satinkleid und hatte meine Haare heute hochgesteckt. Hier in der Burg gab es einige interessante Männer. Natürlich Ältere. Das war das erste Mal, dass ich ältere, als Antonio zu Gesicht bekam und das hieß, sie waren über fünfhundert.

Schließlich betrat ich den obersten Saal, wo zu Klängen des Mittelalters getanzt wurde. Hier befanden sich die ältesten Unsterblichen. Meine Augen schweiften über die Paare auf der Tanzfläche und da sah ich ihn. Es traf mich, wie ein Blitz. Ich stand wie angewurzelt da und starrte diesen Traummann an, solange er mit einer blonden, zierlichen Frau tanzte. Er besaß hellblondes, langes, glattes Haar, ein feingeschnittenes Gesicht mit markanten Zügen, sinnliche Lippen und leuchtend blaue Augen. Er strahlte so viel Stärke und Erotik aus. Als er mich kurz ansah, senkte ich beschämt die Augen und fühlte das Blut, in meine Wangen schießen. Die Frau, mit der er tanzte, hatte ich vorhin bei den Ratsmitgliedern gesehen. Ich setzte mich auf ein Steinsims an der Wand und beobachtete die Tanzenden. Meine Gedanken verschloss ich, so gut es ging. Ich hatte keine Ahnung, wie gut diese Alten, sie trotzdem hören konnten. Falls mein Prinz es konnte, sollte es mir nur recht sein. Vorausgesetzt, ich gefiel ihm ebenfalls. Aber es stach in mein Herz, als er seine Tanzpartnerin küsste und mit ihr turtelte. ‚Wer bist du schöner Mann?‘, rutschte es plötzlich aus mir heraus. Sofort wurde ich wieder rot und meine Wangen noch heißer, als er mich ansah. Seine stechendblauen Augen durchdrangen mich regelrecht. Dann wandte er sich lächelnd ab. War das eine Abfuhr gewesen? Wahrscheinlich. Ich verließ mit zitternden Knien den Saal und wusste, dass ich mich Hals über Kopf verliebt hatte.

Im Treppenhaus lehnte ich mich an die Wand, um mich zu beruhigen. Da ertönte: ‚Magnus!‘, in meinem Kopf und ich wurde abermals ganz aufgeregt. Er hatte mir doch geantwortet. Was für eine sanfte Stimme! Langsam stieg ich die Stufen hinab. Was würde er auch von einer Neugeborenen wollen, wenn seine Gefährtin schon so alt war? Ach, ich würde mich nur mit Sex begnügen. Nur ein einziges Mal!

 

Cornelius und ich, sahen uns während der Woche fast ausschließlich an unserem Schlafplatz und dann auch nur nach dem Aufwachen. Wenn er sich niederlegte, schlief ich schon längst und an manchen Abenden war er gar nicht hier gewesen. Ich wusste, was es bedeutete. Er schlief bei einer anderen. Dieses Verhalten war normal. Jeder suchte sich andere Bettgenossen, oder ließ alte Beziehungen wieder aufleben. Ich verbrachte die Nächte mit Martin oder Jack, aber Magnus begehrte ich immer noch sehr. Manchmal hatte ich ihn kurz gesehen, aber meistens war er in Begleitung der blonden Frau gewesen.

 

Durch Martin lernte ich dann endlich meinen Traumprinzen kennen. Magnus und er unterhielten sich gerade, als ich dazu stieß. Martin stellte uns einander vor, weil er ja nicht wusste, dass wir uns schon getroffen hatten. Magnus gab mir einen Handkuss zur Begrüßung und ich lief wieder rot an. Peinlich! Ich musste es irgendwie unterdrücken. Seine Lippen waren unglaublich zart. Ich verging vor Verlangen. Mein Prinz trug heute einen dunkelroten Seidenanzug und ich betrachtete seine Statur genauer. Er war fast so groß, wie Martin, also an die eins achtzig und ein wenig schlanker. Die Beiden schienen sehr vertraut zu sein, denn Magnus legte während des Gesprächs, öfters seine Hand auf Martins Schulter, tätschelte seinen Arm, oder näherte sich mit den Lippen seiner Wange. Magnus war wohl scharf auf meinen Liebhaber. Was für eine herbe Enttäuschung für mich! Na ja, Martin gönnte ich dieses Vergnügen, doch er war unschlüssig, ob er auf Magnus Angebot eingehen sollte. Dann wandte sich mein Traummann an mich: „Würdest du uns begleiten, Jessica?" Ich war, wie vor den Kopf gestoßen und stammelte „Gern“.

Er sah daraufhin erwartungsvoll zu Martin und dieser nickte schließlich. Martin nahm meine Hand und wir stiegen einen Turm hinauf, bis wir oben in ein altertümliches Schlafzimmer traten. Magnus wies einladend auf das Bett und ich setzte mich darauf. Martin rückte zu mir, drückte mich nieder und küsste mich. Ich tat es sonst wirklich gern mit ihm, aber ich wollte Magnus. Irgendwie schämte ich mich vor meinem Prinzen. Er sah uns genüsslich zu und ich ahnte, dass er Martin nehmen würde, sobald der mit mir fertig war.

Doch er kauerte auf einmal neben mir auf dem Bett und begann mich auf meine Lippen zu küssen. Mir wurde heiß und kalt und ich erwiderte hitzig seine Zärtlichkeiten. Er biss mir in die Zunge, saugte daran und es verstärkte meine Erregung beträchtlich. Dann ließ er Martin mein Blut schmecken, fütterte ihn damit, solange der noch mit mir beschäftigt war. Dabei stützte sich Magnus mit einem Arm neben mir ab und ich nutzte die Gelegenheit, um hineinzubeißen. Sofort sah ich Bilder einer alten Burg und eine Frau mit sehr langen rötlichen Haaren vor den Zinnen eines Turms stehen. Die Vision endete, weil er sich mir entzog.

Martin und er glitten in inniger Umarmung neben mich. Wer war diese Frau? Das Ächzen der beiden nervte mich und ich setzte mich, nackt wie ich war, ans offene Fenster. Draußen war es kalt, aber das machte mir nichts mehr. Als ich kurz zum Bett sah, lag Magnus auf Martin und hielt mit den Kiefern seinen Nacken fest. Ach, wie gern wäre ich an seiner Stelle. ‚Du kommst schon noch dran, Süße‘, vernahm ich Magnus Stimme. Da wurde ich ungeduldig. Endlich war mein Sehnen erhört worden!

 

Martin verließ nach ihrer Liebelei, zu meiner Verwunderung, das Zimmer. Mein Prinz lag langgestreckt auf der Seite. Seine blauen Augen funkelten im Dunkel des Raumes und sein blasser Körper lag im Kontrast zu dem dunklen Bett. Seine hellblonden Haare schimmerten so sehr im Mondlicht. Nun winkte er mich zu sich und lächelte.

Langsam kam ich näher, kroch neben ihn und wurde umarmt und geküsst. Ach, ich war selig! Seine seidigen Finger und seine raue Zunge strichen über meine Haut. Dann gruben sich seine Zähne in meinen Hals. Ich gab mich seinem Sog hin, aber als seine Zähne tiefer eindrangen und er sich auf mich warf, bekam ich Angst. Besänftigend streichelte er mich und löste sich von meinem Fleisch: „Ich tu dir nichts. Ich mag es nur ein bisschen grober."

„Das wusste ich nicht." Er leckte über die Bisswunde, die er mir beigebracht hatte und drängte sich unbeherrscht zwischen meine Schenkel. Als er eindrang, kam ich mir regelrecht aufgespießt vor. Jede Bewegung schickte Wellen durch meinen Leib und er schlug mir abermals sein Gebiss in meine Kehle und umklammerte meine Handgelenke. Eine mir noch nie bekannte Erregtheit überkam mich. Ich begann zu knurren, bog mein Becken seinen heftigen Stößen entgegen und klammerte mich an seinen Rücken. Er hielt mich immer noch mit seinen Kiefern fest, trank aber nicht. Es war die Liebe eines Wolfes. Ich krallte mich in seine bebenden Hinterbacken. Wegen mir hätte das ewig so weitergehen können, aber wir näherten uns dem Ende und ich glaube, ich habe mich dabei noch nie so aufgeführt. Magnus erging es ähnlich. Ich hörte sein Fauchen und sah seine funkelnden Augen.

Mein Verstand klärte sich langsam und ich strich sanft über seine Schultern. Sein Gesicht ruhte an meiner Brust und er atmete noch stark. Plötzlich sah ich die vielen blutigen, tiefen Kratzer auf seinem Rücken und seinem Hintern. Er blickte zu mir auf: „Mich erregt das, wenn du deine Fingernägel benutzt." Die Schrammen begannen sich zu schließen und kurz darauf sah man nur noch rosafarbene Linien. Bei mir heilten Wunden noch nicht so schnell. Die Biss- und Kratzwunden von Magnus würde man nächste Nacht noch sehen. Dieser Umstand passte mir überhaupt nicht. Das hieß, dass Cornelius es morgen bemerkte, wenn wir uns am Schlafplatz trafen. Am liebsten würde ich es vor ihm geheim halten. Wenigstens wusste er nicht, von wem sie waren. „Magnus, darf ich nach deinem Alter fragen? Deine Gefährtin ist schon sehr alt, oder?!" Er lächelte: „Catherine ist nicht meine Gefährtin! Nicht mehr. Wir waren vor einigen Jahren eine Weile ein Paar." Ich hakte nach: „Antonios Schöpferin?"

„Ja, genau. Kennst du ihn?" Ich lächelte: „Ja, ganz gut." Magnus meinte schmunzelnd: „Dann haben wir ja was gemeinsam. Ich lernte ihn durch Catherine kennen." Ich merkte, dass er meiner Frage ausgewichen war, was sein Alter betraf. Ich spürte eine starke Aura. Stärker, als bei Cornelius. Ich schleuderte meine geistige Kraft mit aller Wucht in sein Hirn. Kurz sah ich eine Höhle, bevor er abblockte. Nun hatte ich keine Chance mehr. Die alte Burg und die fremde Frau mussten aus Magnus Vergangenheit sein und die lag weit zurück. Nach dem Kleid der Frau zu urteilen, fast spätes Mittelalter. Ich musste daheim nochmals ins Institut einbrechen.

Magnus wurde wieder zudringlich. Er wollte mich wohl ablenken, aber nachdem ich seine Lippen gespürt hatte, vergaß ich alles um mich herum. Später lagen wir entspannt beieinander und ich hing meinen Gedanken nach. Magnus hatte sich an meinen Rücken geschmiegt und streichelte über meinen Arm.

Der Morgen nahte. Ich spürte die Schwäche in meine Glieder kriechen. Es war ähnlich, wie das Einschlafen von Gliedmaßen, bei Menschen. Sie wurden dann immer schwerer, bis ich sie nicht mehr bewegen konnte und schließlich befiel es auch meine Augenlider. „Ich muss gehen!", sagte ich und richtete mich auf. Magnus drückte mich zurück: „Bleib noch! Du kannst hier bei mir schlafen. Morgen gehen wir gemeinsam jagen, wenn du möchtest. Du bist ebenfalls hungrig." Er strich über meine bleiche Haut. Damit hatte er recht.

Drei Nächte waren bereits vergangen und morgen wäre ich zu einem fernen Dorf aufgebrochen. Dass er mit mir auf Jagd gehen wollte, fasste ich als großes Kompliment auf, weil wir das nicht mit jedem X-beliebigen taten. „Wo schläfst du?", wollte ich wissen. Mein Prinz erhob sich vom Bett und öffnete eine unscheinbare Tür in der Wand. Dahinter war eine winzige Kammer, die früher sicher als Kleiderschrank gedient hatte. „Hier drin. Es ist genug Platz für zwei." Beruhigt sagte ich zu ihm: „Komm wieder ins Bett!" Ich wollte mich abermals an ihn drücken, an diesen wunderschönen Mann. Die Kratzer auf seinem Rücken waren kaum noch zu sehen. Er legte sich neben mich und zog mich in seine Arme. Nun war er nicht mehr stürmisch. Mit zarten Küssen bedeckte er meine Wange und meinen Hals. Doch der Drang, sich verstecken zu wollen, wurde zu stark für mich. Ich zog eine Decke vom Bett und polsterte damit den Boden des Schrankes aus. Magnus folgte mir. Ich umarmte ihn fest und wartete auf den Schlaf.

 

 

 

 

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