6. Türchen

Wie ein Gentleman nahm Draco ihr nach Ankunft im Restaurant die Jacke ab, rückt ihr anschließend den Stuhl am Tisch zurecht und setzte sich selbst erst, nachdem er sicher war, dass sie alles hatte, was sie brauchte. Hermine war sich sicher, dass er mit diesem Verhalten normalerweise die Frauen ohne Probleme um seinen Finger wickeln konnte, doch das würde ihm bei ihr nicht gelingen. Er wollte ganz offensichtlich mit seinem falschen Getue etwas verbergen – und wenn er spielen wollte, dann würde sie ihm nur zu gerne zeigen, dass sie auch nicht von gestern war.

Sie holte ihr lieblichstes Lächeln hervor, legte einen Arm ausgestreckt auf dem Tisch ab, während der andere wie gedankenverloren mit den Spitzen der Gabel spielte, und wartete mit zur Seite gerichtetem Blick darauf, dass Draco das Gespräch eröffnete.

„Also, Hermine, warum erzählst du mir nicht ein wenig von dir?“, fing er an, nachdem er beim Kellner einen Wein und für sie beide ein ominös klingendes Gericht bestellt hatte.

Sie richtete ihren Blick geradewegs auf ihn, ohne dabei jedoch ihr Lächeln zu verlieren: „Aber warum sollten wir denn über mein langweiliges Leben sprechen? Wir sind doch hier, um über dich zu reden.“

Sie klimperte einige Male unschuldig mit den Wimpern, doch davon ließ sich Malfoy offensichtlich nicht beeindrucken: „Über mich weißt du doch bestimmt schon alles. Die Wege meiner Familie sind nach dem Krieg genau genug unter der Aufsicht des Ministeriums geblieben. Und ich wette, bevor du zum ersten Mal im Manor aufgetaucht bist, hast du eine dicke Akte über mich und meine Familie studiert. Du weißt also mehr als genug. Erwidere die Freude und lasse mich an deinem Leben teilhaben.“

Verkrampft faltete sie die Hände vor sich auf dem Tisch. Offensichtlich würde es nicht leicht werden, durch Dracos Abwehr zu kommen. Sie beschloss, sein Spiel für einen Moment mitzuspielen: „Bei mir gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe direkt nach dem Krieg im Ministerium angefangen, erst als einfache Sachbearbeiterin, inzwischen als Teamleiterin. Ich habe mich darauf spezialisiert, schwarzmagische Objekte, die bei Auktionen illegal verkauft werden, aufzuspüren und zu konfiszieren. Damit verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt.“

Triumphierend bemerkte sie, wie für einen Moment ein unsicherer, nachdenklicher Ausdruck in Dracos Augen trat, doch dieser Moment war viel zu schnell vorüber. Er beugte sich ein Stück zu ihr vor und senkte die Stimme: „Und sonst? Man hört, du bist noch mit Weasley zusammen. Wann läuten die Hochzeitsglocken?“

Unwillkürlich rollte Hermine die Augen. Natürlich, Draco würde alles daran setzen, bei diesem Gespräch irgendetwas aus ihr herauszukitzeln, was er später gegen sie verwenden konnte. Ungerührt erwiderte sie: „Ron und ich sind tatsächlich noch ein Paar. Über eine Hochzeit haben wir noch nicht gesprochen.“

Ihr Essen kam, doch anstatt Erleichterung zu verspüren, dass sie nicht weiter auf ihre Beziehung eingehen musste, war Hermine im Gegenteil nur noch unsicherer als zuvor. Vor ihr befanden sich auf einem Tablett eine Ansammlung von Schüsseln und kleinen Tellern, ein Paar Stäbchen und in der Mitte zwischen ihnen stand ein großer Topf mit Reis.

„Was ist das hier?“, fragte sie vorsichtig nach.

Draco grinste breit: „Ein ganz normales japanisches Essen. Ich gehe davon aus, dass du mit Stäbchen essen kannst?“

Wütend starrte sie ihn an. Natürlich konnte sie nicht mit Stäbchen essen und sie war sich absolut darüber im Klaren, dass sie sich nur blamieren würde, wenn sie jetzt die Gabel, die mit dem anderen üblichen Besteck auf dem Tisch lag, zur Hand nahm. Ohne den Zorn aus ihrer Stimme verbergen zu können, erkundigte sie sich: „Japanisch? Das hier sieht nicht aus wie ein japanisches Restaurant.“

Es war viel zu offensichtlich, wie sehr sich Malfoy über die ganze Situation amüsierte, doch er ließ sich tatsächlich zu einer Antwort herab: „Es ist ein kooperatives Restaurant. Es gibt in zehn Ländern der Welt Restaurants, die alle auf magische Weise miteinander in Verbindung stehen. Die Köche richten jeweils nur ihre lokalen Spezialitäten her, aber als Gast kannst du bei allen zehn Küchen bestellen. Und mir war heute nach Japanisch.“

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, griff Draco nach seinen Stäbchen und balancierte sie so mühelos zwischen seinen Fingern, dass Hermine sofort wusste, dass er öfter hierher kam. Am liebsten hätte sie ihm die heiße Gemüsesuppe – oder was auch immer diese etwas trübe Suppe mit dem merkwürdigen grünen Zeug und weißen Würfeln darin sein sollte – über den Kopf geschüttet, doch sie beherrschte sich. Stattdessen beschloss sie, einfach ihr Glück mit den Stäbchen zu versuchen, immerhin hatte sie schon immer einmal japanisches Essen probieren wollen. Sie studierte genau, wie Draco seine Stäbchen hielt, klemmte sich ihre dann hochkonzentriert zwischen die Finger und machte einen ersten Versuch, ein Stück vorgeschnittenes Fleisch damit hochzuheben.

Sie scheiterte kläglich und das mit Soße überzogene Fleischstück landete unelegant zwischen den Schüsseln. Ein unterdrücktes Lachen erklang.

„Süß, Granger“, rutschte es Draco provozierend heraus, als habe er vergessen, dass er freundlich zu ihr sein wollte.

Mit hochrotem Kopf versuchte Hermine es erneut und diesmal gelang es ihr tatsächlich, das Stück Fleisch bis in die leere Schüssel vor sich zu manövrieren. Doch was nun? Unsicher schielte sie zu ihm hinüber und bemerkte, dass er als erstes Reis in seine Schüssel gefüllt hatte, ehe er zu anderen Zutaten gegriffen hatte. Frustriert gab sie auf.

„Sehr lustig, Malfoy, wirklich“, schnaubte sie.

Zu ihrer Überraschung lachte er sie nicht weiter aus, sondern schaute im Gegenteil mehr als ernst drein. Mit einer eleganten Bewegung, die Hermine schon wieder nur mit einem Augenrollen zur Kenntnis nahm, legte er seine Stäbchen beiseite, wischte sich den Mund ab und ergriff sein Weinglas: „Was genau hast du erwartet, mh?“

Zornig funkelte sie ihn an: „Ich weiß nicht? Vielleicht ein wenig mehr erwachsenes Verhalten als das hier? Findest du es wirklich angemessen, mich in einem Restaurant beim Essen zu blamieren? Ich meine, ehrlich, sind wir noch in der Schule?“

„Was hast du erwartet?“, wiederholte er seine Frage, doch diesmal führte er sie weiter aus: „Du kommst zu mir nach Hause, verlangst, dass ich dir das ganze Haus zeige, ohne mir wirklich zu sagen, worum es geht. Und weil ich nicht vor Freude den Staub von deinen Schuhen lecke, drohst du mir direkt mit der ganzen Gewalt des Ministeriums. Und dann, nachdem ich das alles getan habe, kommst du noch einmal, weil … ja, warum eigentlich, mh? War die Führung etwa doch nicht zufriedenstellend? Leg die Karten auf den Tisch, Granger, vielleicht zeige ich mich dann auch höflich. Wenn dir das nicht passt – ich werde jetzt mein Mittagessen genießen.“

Mit offenem Mund starrte Hermine ihn an. Was fiel ihm eigentlich ein? Sie war Ministeriumsangestellte und hatte das Recht, sein Haus zu durchsuchen, wenn ein begründeter Verdacht bestand. Wütend verschränkte sie die Arme vor der Brust, während Malfoy tatsächlich mit dem Essen fortfuhr, als könnte ihn kein Wässerlein trüben.

Schnaubend griff sie nach der Gabel, schaufelte sich Reis und Fleisch in ihre Schüssel, und begann zu essen. Sollten er und die restlichen Gäste hier von ihr denken, was sie wollten, sie würde das Essen genießen und dann zurück an ihren Schreibtisch ins Ministerium kehren. Sie wusste, wenn sie eine Schlacht verloren hatte, doch sie würde nicht aufgeben. Was auch immer Malfoy mit dieser Aktion bezweckt hatte, jetzt war sie überzeugter denn je, dass sich die Vase tatsächlich noch im Besitz seiner Familie befand.


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Fairy Dust

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