9. Dezember

Vollkommen unmotiviert öffnete Hermine das neunte Türchen, fluchte laut vor sich hin, während sie verzweifelt versuchte, das feststeckende Schokoladen-Teilchen heraus zu bekommen, und stopfte es sich dann frustriert in den Mund. Das Gespräch, das sie am Vortag zwischen Lydia und Malfoy belauscht hatte, saß immer noch wie ein Stachel in ihr fest, so sehr sie sich auch bemühte, auf ihren Verstand zu hören. Natürlich würde ein dummes Blondchen wie Lydia Bennet jede Konkurrenz - ob eingebildet oder nicht - schlecht reden und natürlich würde ein Draco Malfoy jede Gelegenheit ergreifen, sie zu beleidigen. Sie wusste das alles. Was blieb, war dieses merkwürdige Gefühl, betrogen worden zu sein - hatte Malfoy sich ihr am Wochenende nicht freundlich gezeigt? Hatten sie nicht unabsichtlich Gemeinsamkeiten festgestellt? War sie wirklich so abstoßend, dass trotz aller neu gewonnenen Erkenntnisse ihr Erscheinungsbild für ihn so widerwärtig war?

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Fröhlich pfeifend schlenderte Draco Richtung Kantine. Heute würde er sich ein ausgiebiges zweites Frühstück gönnen, der beste Start in dein Tag, den er sich vorstellen konnte. Und nach dem gestrigen Tag konnte seine Laune gar nicht schlecht sein. Granger hatte wie erhofft nach dem Unterricht direkt das Weite gesucht und er hatte mit Miss Bennet unter vier Augen reden können. Sicher, sie hatte sich in dem Gespräch als nicht gerade intelligent erwiesen - eine Eigenschaft, die sie im Unterricht durch Unterlassen jeder Mitarbeit geschickt zu verbergen wusste - aber der Spruch über dumme Frauen und ihre sexuellen Fähigkeiten hatte sich seiner Erfahrung nach bisher noch immer als gültig erwiesen, entsprechend wenig störte er sich daran.

Als er voller Elan den großen Essensraum betrat, blieb er verwundert stehen: An einem Tisch ganz am äußersten Rand saß Hermine Granger, über ein Buch gebeugt, die Stirn gerunzelt, und vollkommen alleine. Kurz überlegte er, sie einfach zu ignorieren, doch mit der Erinnerung an ihr freundliches Gespräch vom Samstag beschloss er, dass er sich genauso gut zu ihr gesellen konnte. Zumal er als Lehrkraft definitiv herausfinden sollte, weswegen sie nicht im Unterricht war.

"Solltest du nicht in deiner Klasse sein, Granger?", sprach er sie an, kaum dass er neben ihrem Tisch angelangt war. An ihrer nicht vorhandenen Reaktion konnte er erkennen, dass sie ihn zuvor bemerkt hatte, dennoch überraschte ihn die Missachtung: "Ich rede mit dir. Als Schülerin solltest du wenigstens die Höflichkeit haben, deinem Professor zu antworten. Gerade bei so einer Frage."

"Professor Brown ist erkrankt, wie Sie wissen sollten, wenn Sie Ihre Kollegen wahrnehmen würden, Professor Malfoy, entsprechend entfallen die beiden Stunden vor Ihrem Unterricht."

"Was soll das dämliche Rumgesieze?", fragte er verärgert noch, doch wieder schenkte sie ihm nicht einmal einen Blick. Verwirrt ob ihrer Reaktion - hatte sie das Gespräch am Samstag anders aufgefasst als er? - setzte er sich ohne Einladung vor sie: "Hallo? Erde an Granger?"

Endlich schaute sie hoch: "Kann ich etwas für Sie tun, Professor Malfoy?"

"Warst du nicht diejenige, die es lächerlich fand, mich zu siezen?", hakte er nach, ohne auf ihre unhöfliche Frage zu achten: "Was ist los?"

"Mein Fehler, entschuldigen Sie bitte", kam es ätzend zurück: "Ich habe beschlossen, dass es doch zu unangemessen ist, unsere unterschiedlichen Stellungen so zu missachten und Sie zu duzen. Außerdem bevorzuge ich es, unsere Beziehung aus der Schulzeit auf diese Weise vergessen zu machen. Eventuell habe ich so zumindest die Chance, von Ihnen nicht als Granger, die Besserwisserin, sondern als Miss Granger, die gute Schülerin, wahrgenommen zu werden. Ich denke, es tut uns beiden gut, wenn wir einfach nur Professor und Schüler sind, meinen Sie nicht, Professor Malfoy?"

Draco hatte das Gefühl, mit jedem ihrer Sätze nur immer mehr Fragezeichen zu sehen. Sie benahm sich wieder genauso herablassend und überheblich, wie er es zu Schulzeiten von ihr und allen anderen Gryffindor-Schülern kannte, entsprechend hätte er sich nicht darüber wundern sollen. Dennoch hatte er den Eindruck, dass ihm ein wichtiges Puzzelteil fehlte, um ihr Verhalten einordnen zu können. Ihm fehlten schlicht die Worte: "Was?"

"Du hast mich schon verstanden, Malfoy", erwiderte Hermine, während sie ihn endlich direkt ansah: "Ich brauche mir deine Beleidigungen nicht auch noch nach Hogwarts anhören und schon gar nicht hier in der Berufsschule. Also. Ich bin deine Schülerin und du entsprechend für mich Professor Malfoy. Keine persönlichen Beziehungen, kein außerschulischer Kontakt. Und nun würde ich gerne in Ruhe weiter lernen."

"Ich habe keine Ahnung, welche Laus dir heute Morgen über die Leber gelaufen ist, aber ich sehe nicht ein, warum du deine schlechte Laune an mir auslässt!", gab Draco mit vor der Brust verschränkten Armen zurück.

"Sie sind der Grund für meine schlechte Laune, Professor, an wem also sollte ich sie sonst auslassen?"

"Und hättest du die Güte, mir zu erklären, was bei Merlins Barte ich getan habe?"

Offensichtlich genervt begann Hermine, ihre Schreibutensilien und Bücher zusammen zu packen: "Sie müssen sich nicht so anstrengen, freundlich zu mir zu sein, Professor. Ich kenne Ihre Meinung über mich nur zu gut. Und so sehr ich sie auch erwartet habe, so wenig erfreut sie mich. Also, da Sie nicht gewillt sind, mich in Ruhe zu lassen, werde ich nun meinerseits gehen. Wir sehen uns ja später im Unterricht."

Ehe Draco noch etwas dazu sagen konnte, hatte Hermine ihre Tasche gepackt und war aufgestanden. Völlig verwirrt und überfordert mit ihrer plötzlichen Stimmungsschwankung blieb er noch einige Minuten auf seinem Platz sitzen und blickte mit gerunzelter Stirn zu der Tür, durch die sie verschwunden war. Schließlich gab er es auf, er wurde aus ihrem Verhalten einfach nicht schlau. Schulternzuckend murmelte er: "Hat vermutlich ihre Tage. Nicht mein Problem."

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