9. Verlust des Selbst


Es war spät in der Nacht, als ich wieder alleine war. Wir hatten viel geredet, hauptsächlich über diese Typen. Donnas Argument ließ mich nicht los. Doch wollte ich das? Ihnen einen Denkzettel verpassen? Normalerweise war ich nicht so jemand.
Kathy war ebenfalls nach Hause gefahren, ihr schien es wieder so weit zu gehen, dass sie zu Hause alleine sein konnte. Es lag wahrscheinlich daran, dass wir das Thema so breit getreten hatten, dass es schon fast wieder normal wirkte. Andererseits war es uns allen passiert, was das Ganze einfacher machte zu ertragen, vor allem da es uns näher zusammenbrachte.
Ich ging zur Veranda, draußen war es bereits tiefste Nacht. Man konnte nur noch wenige Meter sehen, allein das Glänzen des Mondes auf dem Wasser, war klar zu erkennen.
Meine Gedanken fixierten sich auf morgen. Ich musste Mark gegenüberzutreten, was schwerer als je zuvor werden würde. Was sollte ich sagen? Mein Lover hat mich aus dem Konzept gebracht? Er würde mich nur auslachen. Wobei es wohl die angenehmere Weise wäre, damit umzugehen.
Ich sah mich im Zimmer um, es war leer und genau so fühlte es sich an. Ich horchte in mich hinein. Insgeheim wünschte ich, er wäre dort. Wieso wollte ich es so sehr? Dieser Mann wollte nur meinen Körper ... und meinen Willen. Doch wenn das so war, wollte er doch auch mich? Oder lag ich da falsch. Ich entschied, es für heute gut seinzulassen und hinaufzugehen.
Geschafft stampfte ich die Treppe hinauf, ungewöhnlicher Weise, kam mir ein Luftzug entgegen. Hatte ich ein Fenster offen gelassen? Ich ging ins Schlafzimmer und erstarrte. Die Fenster waren weit aufgerissen und meine Matratze ... war fort.

Am Morgen war ich immer noch stocksauer. Es war nicht witzig! Denn meine Matratze war nicht nur aus dem Fenster geschmissen worden, sie war fort! Ich hatte überall mit einer Taschenlampe nachgesehen, sogar am See, doch nirgends schien sie zu sein. Somit, hatte ich auf der Couch geschlafen und sah dementsprechend zerknautscht aus.
Ich verfluchte diesen Mann! Es konnte nur er gewesen sein. Wer sonnst, kam auf die irre Idee eine Matratze zu klauen!?
Um vier war ich schon wieder wach, ich konnte keine weitere Minute die Augen schließen. Die ganze Nacht hatte ich mich nur unruhig hin und her gewälzt. Hatte er uns belauscht? Wann war er hier gewesen? Fragen über Fragen. Der Gedanke, der mich am meisten verfolgte, war, warum gerade ich so etwas verdiente?
Fluchend machte ich mich fertig. Was glaubte er, was er damit bewirkte? Um sechs war ich dementsprechend schon bei der Arbeit.
Ich raste vor Wut. Am liebsten hätte ich meinen Tisch durch die Gegend getreten. Um neun kam dann endlich Mark. Über das Wochenende hatte sich unser Zwist wohl gelegt, denn er hatte ein Dauergrinsen im Gesicht.
„Lange Nacht?“ Das musste er grad sagen!? Nach dem Grinsen zu urteilen war es heiß hergegangen, dieser Frauenheld!
„Passiert, wenn die Matratze fehlt.“ Er lachte.
Zum Mittag gingen wir beide in ein Restaurant um die Ecke. Ich erzählte ihm alles ausführlich bis ins kleinste Detail. Selbst das, was ich den Mädels nicht gesagt hatte. Meine Gefühlsschwankungen, dass ich ihn wollte ... selbst jetzt!
Mark hatte sich alles angehört, bis er in Tränen ausgebrochen war und aus dem Lachen nicht mehr rauskam. Er meinte, er würde meine Situation verstehen. Da stand er wohl allein da. Denn ich verstand nichts mehr.
„Und was wirst du tun?“
„Meine Matratze zurückholen, was sonst.“
„Du fährst erneut dort hin?“
„Ja ... Was soll ich sonst tun? Abwarten und Tee trinken?“ Wohl kaum!
„Vielleicht hat er sie ja gar nicht und einer der anderen macht sich ein Späßchen mit dir. Diese Alex, schient so ein Schlawiner zu sein.“ Einer der anderen? Eher nicht. Andererseits ... Ich musste an den anderen Mann auf dem Balkon denken. Er hatte es sicher den anderen erzählt. Ich fluchte.
„Ganz ruhig, fürs Erste kannst du mal da anrufen.“ Er schob mir eine Karte rüber. Er hatte sie mir schon oft zugesteckt. Eine Firma die Sicherheitssysteme installierte, Mark war schon immer der Meinung gewesen, dass es nicht sicher war, als Frau allein im Wald zu wohnen. Als wäre mein Nachbar ein Vergewaltiger. Diesmal nahm ich die blöde Karte.
„Sag einfach du kennst mich, dann bekommst du einen guten Preis.“
„Du bist der Beste. Ach und Mark das mit dem Meeting ...“ Ich wollte mich erneut entschuldigen. Mit jeder Minute, die ich mit ihm zusammen war, brannte es sich weiter in meine Brust. Dass gerade ich es versaut hatte, die eine aus dem Dream-Team.
„Schwamm drüber! Sowas passiert. Auch wenn ich hoffe, dass es ein einmaliges Erlebnis war.“ Ich atmete tief ein.
„Es wird Zeit, ruf an und dann machen wir uns auf.“ Das taten wir auch. Es würde mich eine Stange Geld kosten. Wodurch meine Ersparnisse bis zur Hälfte schrumpfen würden, auch wenn ich diesen Mark-Rabatt bekam. Es lohnte sich dennoch.
Der Servis war Spitzenklasse. Es würde heute noch jemand ins Büro kommen und den Schlüssel abholen. Wenn ich nach Hause kam, würde mir jemand den Schlüssel übergeben und alles sollte fertig sein. Von einer eingebauten Kamera in der Tür bis zur Alarmanlage bis modifizierten Tür und Fenster Schlössern. Sogar ein Bedienpult war dabei, das mir anzeigte, wo welches Fenster oder Tür offen stand. Der neuste Schnickschnack eben. Mir war es das wert, wenn es bedeuteten würde, dass dieser Verbrecher, nicht mehr in mein Haus einsteigen konnte!
So wie versprochen kam der Mann ins Büro. Mir war es etwas mulmig ihm den Schlüssel zu geben. Doch für den Servis waren sie bekannt und die Versicherung, dass sie haften würden, wenn etwas kaputt ging oder fehlte, gab mir den nötigen Ruck. Der Kunde war nun mal König.
Der weitere Tag verlief ereignislos. Mark machte sich mit jedem Blick über mich lustig. Was mich zunehmend auf die Palme brachte. Umso schöner war es, als es endlich Feierabend war. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Ich hatte noch eine Stunde, bis ich zu Hause sein musste. Solange musste der Schlüsselbubi noch warten.
Mein Ziel war die Fabrik. Es war mir klar, dass ich in die Höhle des Löwen fuhr, doch ich musste was klarstellen! Es durfte nicht so weitergehen. Vor allem das ungewollte Betreten meines Grundstücks machte mir Sorgen.
Ich parkte wenige Meter von der Tür entfernt. Was wenn niemand da war, oder noch schlimmer nur der Eisengel? Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Den Namen hatte er definitiv verdient.
Langsam stieg ich aus, die Umgebung war stille, kein Geräusch zeriss diese. Die einzigen Laute kamen von mir selbst. War das ein Wimmern aus meiner Kehle?
Jetzt reiß dich zusammen!
Hab mal ein Arsch in der Hose, fuhr ich mich selbst an.
Mit rausgestreckter Brust begab ich mich zur Metalltür. Sollte ich klopfen? Zu viel Aufmerksamkeit. Ich wollte nur mit einem reden, also tat ich so, als wäre es einfach ein Foyer und öffnete die Tür. Ein lautes Quietschen ertönte. Hatte sie schon immer so geknarzt?
Durch einen dünnen Spalt war ich drin. Niemand zu sehen, alles war dunkel. Nur eine Tür stand offen ... Seine. Also gut! Ich nahm mir allen Mut zusammen und ging die Treppe hoch. An der Tür angekommen würde ich den Teufel tun und klopfen. Es war stockdunkel. Ich trat einfach hinein, wenn er das mit meinem Haus machte, konnte ich es ihm genauso nachtun.
„Hallo?“ Ich schlich hinein. Langsam überkam mich die Angst. Als ich im Wohnzimmer stand, kam ich mir mehr als bescheuert vor. In meinem Augenwinkel regte sich etwas. Ich sah hin. Mein Herz rutschte mir in die Hose.
Da war meine Matratze. Ich erkannte das Spannbetttuch. Auf ihr lag eine Frau, die nicht ich war. Nackt und im Dämmerzustand, den ich nur zu gut kannte. So schleichend, wie ich kam, so donnernder war mein Abgang.
Wie hatte ich nur denken können, dass dort zwischen uns etwas war? Dieser Mann hatte mich auf schlimmste benutzt! Unten angekommen stand dort ein bekanntes Gesicht, der Mann vom Balkon. Er sah nicht sehr nett aus. Mir fiel auf, dass er eine gewisse Ähnlichkeit mit Samuel hatte.
„Was suchst du hier?“
„Meine Matratze.“ Er zog die Augenbrauen hoch, er sah keines Wegs belustigt aus. Aus seinen Augen funkelte Wut.
„Du solltest nicht einfach in Fremdesachen stöbern.“
„Packt euch erstmal an die eigene Nase!“, giftete ch ihn an. Er trat bedrohlich näher.
„Armes dummes Lamm, glaubt es sei ein Wolf.“ Er stand nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Man konnte den Hass spüren. Eine Heidenangst überkam mich.
„Was ich wirklich bin? Ich bin jemand, den ihr nie wieder sehen werdet.“ Damit wendete ich mich ab und ging. Es war mein voller erst. Ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Besonders nicht mit Samuel. Sollte er sich jemand anderen suchen. Moment, hatte er ja schon getan!
Ich war raus. Ende, Schluss, gestorben! Mein Verlangen sah es anders, es war immer noch vorhanden. Nur hatte es sich jetzt in ein Trauerden schrei verwandelt. Was mich dazu brachte, mich selbst zu verachten. Wie hatte ich nur glauben können, dass er mich will? Ich war mehr als verletzt.
In Windeseile fuhr ich los, machte halt bei einem Matratzengeschäfft, wo ich mir eine überteuerte Matratze zulegte und fuhr dann nach Hause mit einer neuen Matratze auf dem Dach. Die Alte würde ich nicht wiederhaben wollen. Nicht mal im Traum würde es mir einfallen! Ich kam an und das Servicemännchen stand im Vorgarten.
„Wieso warten sie nicht drin?“
„Ich wollte ihren Freund nicht stören.“ Meinen Freund? Ich viel fast vom Glauben. Ich konnte mir bereits denken, wer auf mich wartete! Die Wut packte mich.
„Danke.“ Bekam er so freundlich wie ich konnte von mir zu hören.
„Soll ich ihnen Helfen?“, fragte er, als ich mich zu meiner neusten teuren Anschaffung wendete.
„Nein danke!“, brachte ich angestrengt hervor, als ich wie eine Irre an der Matratze riss. Ich würde es allein schaffen. So wie das Adrenalen, Mal wieder durch meine Venen schoss, konnte ich selbst Berge bewegen.
Mit einem Ruck begrub sie mich beinah unter sich, wieso zur Hölle hatte ich kein Einzelbett? Ich packte sie mir auf den Rücken. Sie war gut in Plastik eingeschweißt, also konnte ich sie ein wenig über den Boden schleifen lassen. An der Tür angekommen hörte ich den Servicemännchen davonfahren. Das Donnerwetter konnte beginnen! Ich trat nur einen Schritt hinein.
„Du verdammtes Arschloch! Was glaubst du ...!?“ Veit blickte mich verwundert an. Ich hielt inne, mein Nachbar? „Oh Scheiße.“
„Was hab ich denn getan?“ Ich wurde knallrot und ließ das Monster auf meinem Rücken fallen.
„Ich wollte nur mal fragen, wie es dir geht. Wenn es dir nicht passt ...“
„Nein schon gut, tut mir leid. Zurzeit ist nur alles etwas ...“ Ich wusste nicht, wie ich den Satz beenden sollte.
„Chaotisch?“ Ich nickte, weil ich nicht wusste, wie ich das Drama anders benennen sollte.
„Wer ist denn dieses Arschloch? Rüstest du deshalb auf?“ Er deutet auf die Anlage. Ich schluckte schwer, verdammt. Gerade er sollte nicht davon erfahren, wenn ich mir noch Chancen bei ihm ausmalen wollte.
„Ach nur so ein Vollidiot, mit dem ich momentan zu kämpfen habe. Er sieht nicht ein, dass es vorbei ist.“ Er nickte.
„Wenn du Hilfe brauchst.“
„Danke, es ist schon o.k. Es ist bereist so gut wie erledigt.“
„Das erklärt wohl dein neues Spielzeug.“ Er deutete auf die Anlage. Ich wurde rot, wie musste es auf ihn wirken? Dass ich Angst vor einem Mann hatte? Ich sah beschämt zur Seite.
Er trat vor mich. Ein Duft umgab ihn, der mich wünschen ließ, ihm noch näher kommen zu lassen. Eine süßliche Mischung aus Holz und Honig. Ich musste grinsen, es munterte mich auf, das Samuel nicht der einzige Mann war, der fantastisch roch.
„Das hat der Typ mir gegeben. Ich denke, es ist das Passwort für die Alarmanlage.“ Er gab mir einen verschlossenen Brief.
„Was hast du ihm eigentlich gesagt?“
„Dass ich ein Freund bin.“
„Er meinte, du wärst mein Freund.“ Er begann zu grinsen.
„Wieso auch nicht.“ Ich liebte es, wenn er diese Anspielungen machte. Es war eine schöne Vorstellung, von was wäre wenn.
„Nida, wenn der Mann sich nochmal belästigt. Du hast meine Nummer, ruf an und ich komme.“
„Danke aber -“
„Bitte.“
Konnte ich da nein sagen? Wohl kaum! Ich nickte und lächelte ihn an, er machte sich Sorgen um mich. Um mich! Ich hätte Samba tanzen können, so glücklich war ich. Veit war einfach mein absoluter Traum von einem Mann. Von der Sorte, mit der man Kinder haben wollte. Anständig, stark und so liebevoll! Er, würde mich nicht verletzten.
„Na dann“, begann er. „Bis bald.“
Er umarmte mich. Ich sog seinen Geruch auf wie ein Schwamm. Der Mann war der Wahnsinn! Er löste sich wieder von mir und trat hinaus.
„Wieso bist du vorbeigekommen Veit?“ Ich musste es wissen!
„Ich muss doch wissen, was es für ein Mann ist, der mit einem Schlüssel einfach in dein Haus geht.“ Hatte das Logo nicht auf dem Wagen des Installateurs gestanden? Ich musste grinsen und sah kurz zu Boden. Vielleicht war da mehr zwischen uns, als ich bisher bemerkt hatte. Ich sah ihn wieder an. Auf seinem Gesicht lag ein verheißungsvolles Lächeln. Waren wir uns je so nah gewesen? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er je so offensichtlich gebaggert hatte.
„Einen schönen Abend noch Nida.“
„Dir auch Veit.“ Damit machte er kehrt und ging über die Straße. Ich sah ihm nach, einen weiteren Blick von ihm bekam ich nicht. Trotzdem, bekam ich das lächeln nicht mehr aus meinem Gesicht. Vielleicht hatte das Ganze doch etwas Gutes.
Ich und Veit kamen uns näher, allein wegen Samuel. Ich schloss die Tür und öffnete den Umschlag. Den darin befindlichen Code gab ich im Pult ein und aktivierte alle Sicherheitssysteme. Ich sah mir die Spielerei an. Unmöglich viele Einstellungen. Ich konnte sogar die Fenster vom Sofa aus auf kipp stellen. Bewegen war wohl Nebensache. Wie viele Handwerker wohl da gewesen sein mussten, um es in nur sechs Stunden zu schaffen? Ich setzte mich auf mein Sofa und sah hinaus. Ich würde noch etwas Sonne haben, bevor es dunkel wurde.
Vielleicht sollte ich dieser erstmal genießen, bevor ... Aus der Ecke blickte mich die Matratze an. Ich sah zu ihr, erbärmlich lag sie da. So fehl am Platz.
„Na gut!“ Ich ging zu ihr und riss sie hoch. Das Ding schien Tonnen zu wiegen! Mühsam schaffte ich sie die Treppe hoch in mein Schlafzimmer. Schweißnass hatte ich es endlich geschafft, sie zu entpacken und zu beziehen. Ich testete sie erneut, schon im Laden war mir ihre weiche Federung aufgefallen. Ein Wunder, wenn ich es morgens überhaupt noch aus dem Bett schaffen würde. Wie auf einer Wolke ließ ich mich sinken.
„Himmlisch.“ Ich atmete tief ein, ein Nickerchen wäre jetzt optimal.
Langsam glitt ich ungewollt in den Schlaf, als ein Brummen ertönte. Mein Magen. Es rumorte ordentlich, seit dem Mittag hatte ich nichts mehr zwischen die Zähne bekommen.
Schwerfällig kam ich hoch, schmiss meine Klamotten fort und schlüpfte in Hot Pans und Shirt. So ließ es sich leben! Hüpfend machte ich mich auf den Weg hinab und in die Küche.
„Was haben wir denn heute im Angebot?“ Ich rieb mir die Hände und schnüffelte im Kühlschrank herum. Nichts sprach mich wirklich an, also schob ich mir eine Bifi zwischen die Lippen und kaute genüsslich darauf rum. Für den Moment zumindest akzeptabel. Als diese beseitigt war, schob ich mir ein Stück Brot hinterher.
Ich zitterte, ging zum Fenster und schloss es. Zurück am Kühlschrank angekommen, überlegte ich eine Sekunde lang, was als Nächstes dran gelaufen durfte. Doch durch eine Kurzschluss Reaktion in meinem Hirn, knallte ich geschockt die Tür zu. Das Fenster war offen!? Es durfte nicht offen sein, alles war geschlossen. Ich sah zurück, mir blieb der Blick auf die Couch durch die Ecke der Küche verwehrt. Konnte es sein? War meine Sicherheit dahin, bevor sie überhaupt angefangen hatte? Langsam schlich ich um die Ecke und sah wie auf dem Tisch, das Tablett leuchtete. Dahinter saß er, als ob er nie irgendwo anders gesessen hätte. Fassungslos starrte ich ihn an. Was zur Hölle musste ich noch tun, um ihn mir vom Hals zu halten?
„Glaubst du, so ein Zeug hält mich ab?“ Das Tablett zeigte ein grünes Fenster, was bedeutete, Samuel musste den Code eingegeben haben. Sonst stände die Polizei längst vor der Tür. Woher wusste er den Code? Der Brief war oben.
„Was suchst du hier?“ Ich war gefasst. Schrie ihn nicht an, wie ich es sollte. Im Gegenteil, ich schien endlich wieder ich zu sein. Er legte den Kopf leicht schief, kein Lächeln lag auf seinen Lippen.
„Du freust dich nicht, mich zu sehen.“ War es so offensichtlich? Das konnte er sich in die Haare schmieren!
„Wieso sollte ich, verschwinde oder ich rufe die Polizei.“ Er stand auf. War es Verwirrung, die ich dort in seinen Augen sah? Er kam um den Tisch herum, ich ging Näher zu einem Schränkchen, auf dem ein Telefon bereitlag.
„Fehlt dir deine Matratze so sehr?“ Sein Mundwinkel zog sich hoch, wahrscheinlich dachte er an dieses Miststück!
„Geh. Sofort“, presste ich nun zwischen zusammengepresste Zähne hervor. Trauer und Wut überströmten mich.
Er kam einen weiteren Schritt näher. Dieses Spiel würden wir nicht erneut beginnen. Ich packte das Telefon und entfernte mich sichtlich von ihm.
„Es scheint mir, diesmal war ich ein böser Junge.“
„Ich sage es nun ein letztes Mal. Verschwinde und komm nie wieder.“
„Dass es dich so mitnimmt.“ Sein Mundwinkel zog sich erneut hinauf. Er wollte nun ganz an mich herantreten, ich wich ihm wieder aus.
Es gefiel ihm gar nicht, was er mich auch mit zusammengepressten Kiefern und strengem Blick wissen ließ.
„Ob es mich mitnimmt?“, zischte ich ihn an. Jetzt überkam mich die Wut, die mit lauter Schmerz getränkt schien. „Was glaubst du, wer du bist? Was ich bin!? Macht es dich an? Macht es dich wirklich so an mich zu verletzen, mich zu benutzen?“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
„Ich habe dir nie irgendetwas getan, was du selbst nicht wolltest.“ Sein Ton war erst.
„Wirklich!? Was ist mit dem Miststück auf MEINER Matratze!? Habe ich das gewollt? Und jetzt stehst du im ernst hier, wo du vor Stunden noch bei Ihr warst? Du bist abartig Samuel!“ Ich beschmiss ihn mit der Fernbedienung, was anders war grade nicht greifbar, das Telefon würde ich nicht opfern. Er fing sie gekonnt auf und legte sie einen Schrank neben sich.
„Du musst dich deutlicher Ausdrücken.“
„Deutlicher!? Verpiss dich Samuel! Begnüg dich mit der Schlampe in deinem Bett! Die Matratze kannst du behalten, ich will sie nicht mehr.“ Was verstand er daran nicht?
„Ian.“ War das Einzige, was er dazu sagte. Sollte mir das irgendwas sagen?
„Wie währe es mit Gehen?“ Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sein Blick wurde ernst und irgendwie zornig. Doch wachte er keine Anstalten zu gehen, stattdessen blickte er mich fest an.
„Was hast du gesehen?“ Ich schaubte geqüalt. Jammerte fast, als ich seinen Namen flehend aussprach.
„Samuel -“
„Nida“, unterbrach er mich. „Was hast du gesehen?“ Mein Herz raste, mir war zum Heulen. Wie konnte er mir nur so etwas antun? War es nicht schon schlimm genug, dass ich es wusste? Meine Beine fühlten sich taub an, würden sie nachgeben? Mein Atem ging unregelmäßig, er sollte gehen. Sollte ich Veit anrufen? Ich blickte hinter mir aus dem Fenster, rüber zu seinem Haus.
„Nida, sag es mir. Bitte.“ Ich blickte zurück zu ihm, meine Hände griffen den Sessel vor mir und ich stützte mich an ihm ab. Sicher war sicher. Bitte, hörte man wohl nicht oft von ihm. Es klang ... ungewohnt.
„Ich bin zur Fabrik gefahren.“ Wieso tat ich das? Ich wollte schreien. Er steckte seine Hände in die Hosentaschen und blickte mich ohne jedes Gefühl an. Er hätte ein Eisengel sein können, wenn ich ihn nicht besser gekannt hätte.
„Weiter.“
„Dort stand deine Tür offen. Ich war sauer und wollte meine - meine Matratze wieder. Ich ging hinein, niemand sagte etwas. Es war alles Dunkel. Als ich dann die Frau auf meiner Matratze entdeckte, war mir einiges klar, Samuel und jetzt geh bitte. Mach es nicht schwerer als es sein muss.“
„Wer war noch dort?“ Was wollte er noch? Ich hatte ihm doch längst den Beweis geliefert! Ich ächzte und rieb mir das Gesicht.
„Kannst du nicht einfach gehen? Ich will, dass du nie wieder kommst, o.k?“
„Nida beantworte mir die Frage, wer war dort?“ Ein Funke flackert in mir auf, einen den ich ersticken wollte. Ich erinnerte mich an den Mann.
„Ein Mann, er war dir sehr ähnlich. Der vom Balkon. Groß, blond, dunkelgrüne Augen die fast schwarz wirkten.“
„Das war Ian.“ Sollte das mir etwas sagen? „Mein Bruder.“ Daher kam die Ähnlichkeit, doch was hatte es mit der Frau auf sich?
„Nida, es war nicht mein Weib.“ Ich schnaubte. Wer es glaubt! Andererseits verwirrte mich seine pendente Art, es klarstellen zu wollen. Ungläubig sah ich ihm in die Augen. Sein Blick war streng. War er enttäuscht? Und überhaupt, woher sollte ich wissen, dass er die Wahrheit sagte? Ich schüttelte mit dem Kopf.
„Sie war seines.“
„Ich bitte dich Samuel, in deinem Bett.“ Wieso sollte er mich für dumm verkaufen?
„Er will dich loswerden.“ Ich lachte auf. Trotzdem konnte ich es nicht unterdrücken, ihm einen Funken vertrauen zu schenken. Meine Stirn legte sich in Falten, so ehrlich war er wenn wohl selten gewesen.
„Er kennt mich nicht einmal.“
„Er denkt, du bist ein Fehler.“ Meine Kinnlade fiel hinab. Wenn überhaupt war Samuel der Fehler! Ich wendete ihm schnaubend den Rücken zu. Die Hoffnung in mir begann zu arbeiten, meine Gedanken zu vernebeln.
Es könnte erklären, warum er nirgends zu finden war. Ich hatte nur diesen Ian getroffen, der mir mehr als Feindseligkeit entgegengebracht hatte. Nur was war, wenn er log?
„Wieso sollte ich dir glauben?“ Ich wendete mich wieder ihm zu, trat zur Seite und stand nun nur wenige Schritte von ihm entfernt. Ich musterte seinen Ausdruck, blickte ihm tief in die Augen. Es musste eine Lüge sein, ich begann bereits wieder, ihm zu verfallen. Mein Rückrad mal wieder kläglich in sich zusammengebrochen.
Er kam rüber, diesmal wich ich nicht zurück. Seine Hand legte sich wie neulich auf mein Kinn.
„Wieso solltest du nicht?“ Wieso? Da gab es mehr Gründe, als mir lieb war, trotzdem glaubte etwas in mir diesem Mann. Würde ich die Lüge spüren? Selbst mein Bauchgefühl sagte, das er die Wahrheit sprach.
„Sam.“ Mir kam eine Träne hoch, er musste gehen. Ich verfluchte sie, ich durfte keine Schwäche zeigen. Es war unmöglich sie zurückzuhalten. Mit seinem Daumen fing er sie auf. Der Nächste Moment ließ mich einstürzen. Er beugte sich hinab und gab mir einen Kuss, er war zart und süß. Entschuldigend irgendwie.
Seine Zunge fuhr leicht über meine Lippen. Es erregte mich, sodass ich mich näher an ihn presste. Ich brauchte diesen Mann, mir war nicht mal klar wie sehr. Wie hatte ich nur glauben können, mit ihm spielen zu können? In seiner Gegenwart war ich einfach nur eine Frau mit Sehnsüchten.
Sein Daumen fuhr mir leicht über die Wange, so zärtlich würde er wohl nur einmal sein. Doch wieso jetzt? Weil ich verletzt war? Damit ich ihm glaubte? Seine andere Hand legte sich auf meine Hüfte und zog mich näher an ihn.
Sein Kuss wurde intensiver, nicht drängend, wie es sonst war. Er zeigte mir einfach, dass er hier war und mich wollte. Auf eine andere Art wie sonst.
Meine Hände legten sich in sein Gesicht und hielten ihn dort, wo er war. Ich war verletzt, doch dies schien mich zu kitten. Wie lange wir dort standen und uns einfach küssen, wusste ich nicht. Er war es, der von mir abließ.
Er sah mir genau in die Augen, in ihnen lag Zuneigung, konnte es wahr sein?
„Bis bald Nida.“ Er löste sich von mir und ging zur Tür. Ohne ein weiteres Wort ließ ich ihn gehen. Er blickte kurz zurück und verschwand in die Nacht. Ich stand dort und blickte ihm nach, unfähig mich zu bewegen. Es blieben zwei um mich kreisende Gedanken zurück. Was war passiert und was war mit dem Sex?

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beta
Fairy Dust

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