Abschied und neue Pfade

»Werter Abt, ich versichere Euch, der Ältere der beiden, Henry, kann arbeiten, auch wenn er etwas schmächtig aussieht. Lachlan ist schlau und geschickt mit den Händen. Die beiden werden Euch und Euren Ordensbrüdern keinen Ärger machen.«

 

Lachlan und ich standen neben unserem Vater und hörten zu, wie er uns anpries, als wären wir eine besonders lohnenswerte Ware.

Der Abt ließ seinen Blick über uns gleiten und ich spürte eine Gänsehaut über meinen Rücken krabbeln, als seine blassen Augen mich streiften. Dieser Mann hatte etwas von einer Ratte oder einer Krähe. Er war dünn wie eine Spinne und sein Haar lichtete sich bereits rund um die Tonsur auf seinem Kopf. Seine braune Kutte erinnerte mich an Scheiße und auch wenn ich versuchte, nicht zu sehr darauf zu achten, musste ich dennoch bemerken, dass er auch irgendwie danach roch.

Wahrscheinlich hatte er diesen Sack, den er Kleidung nannte, seit Jahren nicht mehr gewaschen.

 

»Sei versichert, dass deine Jungen keinen Grund haben werden, Ärger zu machen. Wenn sie nur ordentlich anpacken und fleißig studieren, wird es keinen Anlass für Kummer geben.«

Die Stimme des Mannes prägte sich wie ein Brandzeichen in mein Gehör und selbst heute noch, lange Jahre danach, höre ich sie in meinen Alpträumen. Während er sprach, befingerte er das hölzerne Kreuz vor seiner schmalen Brust und sah uns noch immer aus blassen Augen an.

Es waren die Augen eines toten Fisches, ich schwöre es vor Gott!

 

Der Abt wandte sich wieder seinem Wagen zu, auf dessen Kutschbock ein junger Mönch saß und die Zügel des Kläppers hielt, der gelangweilt mit den Hufen scharte.

Meine Mutter drückte Siobhan das Baby in den Arm und kam zu Lachlan und mir.

Für den Bruchteil einer Sekunde keimte die Hoffnung in mir, sie würde diesem Spuk ein Ende machen, würde sich gegen meinen Vater auflehnen und diesem Rattengesicht von Abt sagen, dass wir nicht mit ihm gehen würden. Dass wir blieben, wo wir hingehörten.

Dass sie lieber hungerte, als auch nur eines ihrer Kinder fortzugeben.

Doch meine Hoffnung verschlug sich jäh, als sie uns nur kurz umarmte.

»Macht uns keine Schande, ja?«

Mein Vater verabschiedete uns gar nicht. Er verließ den Hof und kehrte in die Hütte zurück, ohne noch einen letzten Blick an uns zu verschwenden. Ebenso meine Geschwister, die uns nur zuwinkten.

Heute weiß ich, dass es oft leichter ist, einen Abschied nicht hinauszuzögern und besser nichts zu sagen, um es besser zu ertragen.

Sicher ging es meinem Vater nahe, dass wir gingen. Zumindest rede ich mir das gern ein.

Aber damals fühlte ich mich von allen verraten und abgeschoben. Natürlich, ich hatte freiwillig darum gebeten, mit Lachlan zu gehen, doch dieses Desinteresse und (für mich) überdeutliche Bekunden des Nichtbedauerns seitens meiner Familie verletzte mich.

Dennoch war ich zu sehr das Kind der Erziehung meines Vaters. Weinen tat ich nicht. Obwohl ich mich danach fühlte.

Stattdessen versuchte ich, meiner Mutter stolz in die Augen zu sehen, sie nicht wissen zu lassen, dass es Lachlan und mir beschissen ging.

Einen letzten Kuss gab sie uns und der junge Mönch half uns anschließend, hinten auf den Wagen zu steigen, unseren Sack mit den wenigen Habseligkeiten dazu werfend.

Sie blieb stehen, bis wir sie an der Straße nicht mehr sahen.

14 Jahre sollten vergehen, bis ich sie wiedersah. 14 Jahre, die alles veränderten, doch ich greife vorweg...

 

Lachlan, der im Gegensatz zu mir doppelt so stark heulte, hatte sein Gesicht an dem Sack vergraben, während der Wagen über die Handelsstraße holperte und uns zur Genüge durchschüttelte.

 

»Hey, Heulsuse, jetzt schau dir nur mal diese Felder an. Ist das nicht wie pures Gold?«

 

Lachlan richtete sich auf und wischte sich über die Augen. Sein Blick glitt über die Getreidefelder und seine Mundwinkel gingen leicht nach oben. Gemeinsam betrachteten wir die Landschaft, die uns fremd war, da unser Vater uns nie unser Dorf hatte verlassen lassen. Wir sahen Felder über Felder, die auf die erste Ernte des Sommers warteten, fuhren an einem dunklen Wald vorbei, der zum Spazieren, Spielen und Verstecken einlud und der herrliche Kühle versprach. Wir passierten Wiesen, die so saftig und weich aussahen, dass ich den Wunsch verspürte, mit nackten Füßen über das Gras zu laufen und sahen dicke Schafe in voller Wolle grasen. Das Bellen von Hunden ließ alles so harmonisch wirken, dass ich begann, diese Fahrt regelrecht zu genießen und beinahe zu vergessen, wo es uns hinführte.

 

Die Fahrt dauerte Stunden, wie mir schien und irgendwann schliefen Lachlan und ich auf dem warmen Heu einfach ein.

Es dämmerte bereits, als der Wagen hielt und ein grobes Zerren an unseren Füßen uns aus dem Schlummer riss.

 

»Steht auf, ihr kleinen Faulpelze. Wird Zeit, dass ihr euch daran gewöhnt, wie es hier abläuft.«

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  • Author Portrait

    Schöner Zug, seinen Bruder zu begleiten!

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Fairy Dust

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