Noch heute frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn du niemals in es hinein getreten wärst. Oder an welchen Punkt alles begann schief zu gehen. Hätte ich etwas unternehmen können? Hätte ich früher handeln können, handeln müssen?

Wir waren einfach zwei Menschen mit ähnlichen Interessen, als wir uns das erste Mal trafen und wir haben uns auf Anhieb ganz gut verstanden. Manchmal trifft man eine Person und weiß, dass man gerade einen neuen Freund gefunden hat. Genauso hat es sich angefühlt. Wen interssierten denn schon die anderen, brauchte es doch nur dich und mich um glücklich zu sein. Ich dachte wirklich, dass es ewig so weitergehen würde, aber leider kam einer dieser Momente dazwischen, in denen alles plötzlich und doch zunächst unerkannt anders wird. 
Denn dann hattest du deinen Unfall. Dein Körper schien das alles ja ganz gut zu verkraften, aber deine Psyche hatte auch Schäden davon getragen, die länger brauchten, um wieder zu heilen. Für mich bedeutete das, dich eine lange Zeit nicht sehen zu dürfen. Plötzlich war ich alleine, denn wen interssierte ich schon, hatte es doch immer nur dich und mich zum Glücklichsein gebraucht? In meiner neuen Rolle als Außenseiter, in der ich mich im Schatten der Anderen versteckte, weil ich Angst hatte aufzufallen und nicht wusste, wie ich mit ihnen in Kontakt kommen sollte, klammerte ich mich an den Gedanken, dass das alles mit deiner Rückkehr vorbeigehen würde. Leider hatte das Leben mal wieder andere Pläne und zeigte, dass es diese auch eiskalt ohne Rücksicht auf Gefühle durchsetzt. 
Du kamst wieder und ich will auch nicht bestreiten, dass es noch schöne Momente gab. Aber dennoch war es anders. Die alte Vertrautheit war verloren gegangen und wir haben tatenlos dabeinzugeschaut. Plötzlich waren da neue Freunde in deinem Leben und von dir unbemerkt wurde das "wir" immer mehr zur Vergangenheit, die von den Schatten der Gegenwart verschluckt wird. 
Irgendwann habe ich aufeghört zu zählen, wie oft ich am ausgemachten Treffpunkt auf dich gewartet habe, nur um zu merken, dass du mich ein weiteres Mal vergessen hast. Ich habe auch nicht mehr gezählt, wie oft du kamst, nur um mir zu sagen, dass du doch keine Zeit für mich hast, weil du lieber etwas mit deinen neuen Freunden unternehmen willst. Lange habe ich nichts gesagt, aber in mir wuchsen die Enttäuschung über dein Verhalten und der Hass auf diese neuen Freunde, die ich nicht mal kannte und auch nicht kennen lernen wollte.
Ja, ich habe lange geschwiegen, wahrscheinlich zu lange, auch ich kann nicht ewig still sein, wenn ich tagtäglich hoffe, dass du an mich denkst und tagtäglich wieder nur Enttäuschung erfahre. Also habe ich gesprochen oder besser gesagt geschrieben. Ich habe alles aufs Papier gebracht - wie verletzt ich war, wie sehr ich das Gefühl des "Wir"s vermisste, wie sehr ich hoffte, dass wir die gute alte Zeit auch zur guten neuen Zeit machen können. Ich habe dich gebeten, daran zu denken, dass ich auch noch da bin, dass ich dich brauche und war naiv genug um zu hoffen, dass du erkennen würdest, dass gerade etwas verdammt schief lief, aber wie zuvor hatte ich die Rechnung ohne das Leben gemacht.
Ich habe dich noch nie so wütend erlebt. Es hätte gereicht, die Freundschaft einfach endgültig zu beenden, zumal sie schon lange vorher vorbei gewesen war. War es denn unbedingt nötig, dass du all meine Geheimnisse und Träume verbal zerfetzt, bis nichts mehr davon übrig ist und alles was ich dir jemals anvertraut habe gegen mich verwendest? Du musst doch geahnt haben, dass mich das alles tief treffen und mein Vertrauen in andere Menschen erschüttert werden würde. Selbst Jahre später ist von diesem Moment einen gewisse Schüchternheit zurückgeblieben. Ich will nicht behaupten, dass ich mich nicht auch falsch verhalten und schlimme Dinge gesagt habe, aber im Gegensatz zu dir waren mir deine Gefühle nicht vollkommen egal. Ich habe nie eine Entschuldigung von dir erhalten und wir haben uns seit diesem Tag auch nie wirklich ausgesprochen oder auch nur unterhalten, aber manchmal sind wir uns zufällig über den Weg gelaufen und ich habe gesehen  wie du dich mit deinem Verhalten mehr und mehr kaputt machst. Dabei habe ich stets gewusst, dass ich dir nicht helfen kann und das tut mir so unendlich leid.

Ich hätte deinen Namen nennen können. Ich hätte anprangern können, dass du es warst, die mich nach der wunderbaren Zeit des "Wir"s hat fallen lassen und noch nachtrat, als ich schon lange am Boden war. Aber das habe ich nicht, weil du mir nicht egal bist. Du wirst das sowieso nie lesen und falls doch wirst du auch so wissen, dass du gemeint bist und wenn auch nur eine einzige Person mit dem Gedanken an diesen Text kurz zögert, bevor sie eine Freundschaft beendet, dann hat das hier sein Ziel mehr als erreicht. Und bitte denk dran: Ich sollte dich eigentlich für alles, was passiert ist, hassen. Es wäre einfacher, aber den leichten Weg kann ja jeder gehen. Du weißt, wo du mich finden kannst, wenn du Sehnsucht nach der guten alten Zeit verspürst. Ich kann und werde nicht versprechen, dass wir es dorthin zurück schaffen, aber ich bin bereit es zu versuchen. Denn ganz gleich, wie egal ich dir auch sein mag, du bist mir immernoch wichtig. Also bitte komm zurück und lasses uns wenigstens versuchen. Was haben wir denn zu verlieren? Ich meine, wenn es nicht klappt müssen wir uns wenigstens nicht vorwerfen, dass wir kampflos aufegegeben haben. Wir können es schaffen.
Wir könnten es schaffen, wenn da nicht diese eine Problem wäre. Du brauchst die gute alte Zeit nicht. Du hast sie längst vergessen und es ist dir auch egal...

Comments

  • Author Portrait

    wie oft war ich an dieser Stelle und dachte darüber nach, dass ich ihr doch sicher egal wäre, dass sie genug andere Freunde hätte und kein Mauerblümchen brauchen würde. Wie falsch ich doch damals immer lag, wurde mir erst dieses Jahr richtig bewusst. Ich wünschte, deine Geschichte hätte auch ein glückliches Ende. Du hättest es sicherlich verdient. Du bist so eine nette Person, talentiert mit einem großen Herz und glaub mir, das Stück Schüchternheit ist oft gar nicht mal so schlecht. Es kann dich nämlich auch vor denen schützen, die es von vornherein nicht so gut meinen.

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